Calliope

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Finnick Odair Johanna Mason Katniss Everdeen OC (Own Character) Peeta Mellark
24.06.2019
11.10.2019
19
84999
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Herzlich Willkommen, liebe Leser! Und hoffentlich auch ein Willkommen zurück an einige meiner Stammleser, die schon seit geraumer Zeit nichts mehr von mir gehört haben. Es gibt mich immer noch und ich hab das Schreiben auch nie aufgegeben, nur auf fanfiktion.de hat es mich irgendwie einfach nicht mehr verschlagen. Aber das ändern wir jetzt mal.
     Wenn jemandem diese Geschichte bekannt vorkommen sollte, liegt das daran, dass „Calliope“ schon mal veröffentlicht war, unter meinem früheren Account Lukida. Es waren nur eine Handvoll Kapitel online und ich habe die Geschichte bald abgebrochen, aber vor drei Monaten bin ich wieder darauf gestoßen und habe sie komplett überarbeitet und fertig geschrieben. Aber bis auf einige Punkte dürfte sie vollkommen anders sein als die angefangene erste Fassung.
     Ich habe vor, mich an einen regelmäßigen Updaterhythmus zu halten und jeden Freitag ein Kapitel hochzuladen, insgesamt sind es 47 Kapitel und ein Prolog.
     Jetzt habe ich genug gelabert und wünsche euch viel Spaß mit der Geschichte!




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Calliope
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Prolog


Es war finstere Nacht in Distrikt 4. Der Himmel war wolkenlos und klar, sodass man mit Leichtigkeit die kühl leuchtenden Sterne über der Welt sehen konnte. So langsam wurde es Herbst, und auch wenn es hier am Meer niemals zu kalt wurde, so ging doch ein kräftiger Wind, der eine einsame Gestalt an der Steilklippe frösteln ließ.
     Ganz am Rand der Klippe, weit über allem anderen, stand ein Mädchen, das eine leichte Strickjacke fest um sich geschlungen hatte, und sah nach unten in die tosenden Wellen, die an den Fels brandeten. Durch den starken Wind wurde das Wasser noch heftiger an das Land gepeitscht als normalerweise. Auch die braunen Haare des Mädchens wurden wirbelten umher und fielen ihr immer wieder ins Gesicht, doch sie beachtete sie nicht weiter und starrte nur stumm nach unten ins Wasser.
     Ihr Blick war fest auf die weißen Schaumkronen der Wellen gerichtet, die die unzähligen Felsen vor der Küste umrandeten. Der Ozean war schon immer eine Konstante in ihrem Leben gewesen, früher war kaum ein Tag ohne seinen Anblick vergangen, ohne Stunden, die sie am oder im Wasser verbracht hatte. Trotzdem war das Meer niemals dasselbe und es war faszinierend, seinen Bewegungen zuzusehen. Es hatte etwas von einem einzigen, gewaltigen Wesen, das je nach Wind- und Wellengang anders beschaffen war. Es kam nie ganz zur Ruhe und war ständig in Bewegung. Rastlos.
     Genauso fühlte auch sie sich. Ruhelos, aufgepeitscht, vorwärts getrieben von einer stärkeren Kraft, über die sie keine Kontrolle hatte. Grausame Erinnerungen jagten einander in ihren Träumen und ließen sich auch in wachen Momenten nicht vertreiben. Sie wünschte sich nichts mehr als eine Pause von dem ganzen Schmerz und Leid, aber sie wusste, dass ihr das nicht vergönnt wurde.
     „Calliope“, sagte eine sanfte Stimme hinter ihr.
     Das Mädchen fuhr zusammen und wirbelte herum. Sie war so in Gedanken versunken, so sehr auf das Schauspiel vor ihr konzentriert gewesen, dass sie niemanden kommen gehört hatte. Sie blickte in das besorgte Gesicht eines Jungen, kaum zwei Jahre älter als sie, der sich offenbar nur eilig eine Jacke übergeworfen hatte und hergekommen war. „Du hast mich erschreckte“, murmelte sie.
     „Du mich auch“, erwiderte Finnick und trat neben sie. „Was glaubst du, was ich mir gedacht habe, als ich dich an der Klippe gesehen habe?“
     Calliope antwortete nicht und biss sich stattdessen auf die Unterlippe, während sie sich wieder dem Meer zuwandte und seinen Blick mied. Seine Befürchtung war nicht unbegründet. Es war leicht, sich von hier aus in den Tod zu stürzen, es bedurfte nur ein paar Schritte, ein kleiner Sprung genügte. Man musste sich nur fallen lassen und konnte alles einfach hinter sich lassen. Der Aufprall auf der Meeresoberfläche, aus der an dieser Stelle überall Felsen ragten, war mit Sicherheit zwar nicht schmerzfrei, aber dafür garantiert tödlich.
     Und sie konnte nicht leugnen, dass es ein solcher Gedanke war, der sie hierher geführt hatte. Sie hatte Erlösung gesucht.
     Erst als sie seine Hand auf ihrer spürte, bemerkte sie, dass sie zu Fäusten geballt waren. Ganz sanft löste er ihre Finger aus der verspannten Haltung und schob seine zwischen ihre. „Wie lange stehst du schon hier?“
     „Ich weiß nicht. Eine halbe Stunde vielleicht? Ich konnte da drin nicht mehr atmen.“ Sie deutete vage hinter sich, wo das Dorf der Sieger lag. Wo das Haus stand, das von jetzt an ihr gehörte und in das sie am Tag zuvor mit ihrer Familie eingezogen war. Oder dem, was von ihrer Familie noch übrig war. „Die Träume werden nicht weggehen, oder?“
     „Nein, werden sie nicht“, antwortete Finnick. „Aber irgendwann lernst du, damit zu leben.“
     „Ist das denn noch ein Leben?“, fragte Calliope verbittert. Sie zog ihre Hand aus seiner und schlang die Arme wieder um ihren Oberkörper. „Ich habe meinen Bruder verloren. Mein Vater beachtet mich das erste Mal seit Jahren wieder, aber dafür steht ihm die Abscheu jetzt deutlich ins Gesicht geschrieben. Meinetwegen hat er seinen Sohn nicht zurückbekommen. Und Althea ist sowieso immer fort, immer beschäftigt. Alles, was ich noch habe, sind Schulden, die ich nie begleichen kann.“
     „Eben deshalb kannst du nicht springen. Dreiundzwanzig andere sind gestorben, damit du aus der Arena rauskommen konntest. Und Josh wollte, dass du lebst.“
     Calliope stieß scharf Luft aus, als Finnicks Worte wie ein eiskalter Dolch in ihr Herz schnitten. Sie wusste, warum er das sagte, weshalb er den Finger auf die Wunde legte. Indem er den Schmerz neu anfachte, indem er sie an den letzten Wunsch ihres Bruders erinnerte, konnte er sie daran hindern, den letzten Schritt zu wagen. „Dir liegt wirklich viel daran, mich am Leben zu erhalten, was?“, schnappte sie.
     „Das ist mein Job“, erwiderte Finnick genauso hart. Er packte sie an den Schultern und drehte sie herum, seine grünen Augen bohrten sich fest in ihrer blauen. „Und wenn es sein muss, lasse ich dich dafür in nächster Zeit keine Sekunde mehr unbeaufsichtigt.“
     Tränen traten in Calliopes Augen. Seit Ende der Spiele war sie innerlich ein Wrack, während sie nach außen lächeln und unheimlich glücklich sein musste. Sie hatte gewonnen, sie war eine Siegerin, ständig war sie von Kameras umgeben gewesen. Dabei wollte sie nur noch schreien. In der Arena war sie zur Mörderin geworden, in der Arena hatte sie den einzigen Menschen verloren, den sie mehr als alles andere liebte.
     Seit dem verfolgten sie immer wieder dieselben Bilder. Das Messer, das auf sie zuflog. Josh, der sich vor sie warf und die todbringende Waffe abfing. Wie er leblos im Gras lag, das Messer tief in seiner Brust und den Blick leer zum Himmel gerichtet. Scarlet hatte ihren großen Bruder getötet. Und sie hatte dafür Scarlet getötet. Und nicht nur sie.
     Ihr Widerstand brach in sich zusammen, als Schmerz und Schuldgefühle überhand nahmen. Sie konnte nicht mehr. Ihre Sicht verschwamm zu undeutlichen Schemen, Tränen rannen ihr über die Wangen und brannten sich wie Säure in ihre Haut. Von unkontrollierten Schluchzern geschüttelt sank sie ins Gras und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
     Zwei kräftige Arme legten sich um sie, als Finnick sich neben Calliope setzte und sie an sich zog. Sie war so dankbar für den Halt, der er ihr gab, dass sie sich einfach nur an ihn schmiegte und zuließ, dass alles aus ihr herausbrach. Immer wieder fuhr er ihr sanft über den Rücken und ließ sie weinen, bis sie keine Tränen mehr hatte. Und auch dann ließ er sie nicht los.
     Eng umschlungen verharrten sie und sahen zu, wie sich der Himmel am Horizont langsam grau verfärbte und schließlich helle Orangetöne den Sonnenaufgang ankündigten. Das Meer hatte sich beruhigt und auch Calliope fühlte sich ein winziges bisschen besser. Die Last der 68. Hungerspiele drückte ihr noch immer schwer auf den Schultern und der Verlust ihrer Bruders schnürte ihr das Herz zusammen. Aber zumindest kam es ihr so vor, als fiele ihr das Atmen ein wenig leichter.
     Langsam hob sie den Kopf und schaute Finnick an. Und ihr wurde klar, dass sie zwar alles verloren hatte, aber dass es auch eine Sache gab, die sie gewonnen hatte. Jemanden, der auf sie aufpasste.
     „Steht die Drohung mit der Beaufsichtigung immer noch?“, fragte sie heiser.
     Die Andeutung eines Lächelns zuckte über Finnicks Lippen. „Keine Angst. Ich lass dich nicht allein.“
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