We are all Fighters

GeschichteRomanze, Thriller / P18
23.06.2019
12.11.2019
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Hallo meine Lieben!!
Ich dachte mir, ich stelle heute das erste überarbeitete Kapitel online.
Lg Sabrina


Ella


Darf ich mich vorstellen: Ich bin Ellena Jones, doch alle kennen mich unter dem Namen Ella. Normalerweise bin ich die Ruhe in Person, doch ich komme gerade zu spät in die Arbeit und meine Unordentlichkeit treibt mich in den Wahnsinn.
Ihr wollt wissen warum? - Ich suche meine verdammte Strickjacke!
Ziellos durchforste ich meine Wohnung auf der Suche nach ihr.
Wo ist die ordentliche Madi, wenn man sie braucht? Genau, sie muss mit ihrem heißen Lover-Boss in Chicago abhängen. Ich weiß — meine Gedanken sind nicht gerade freundlich und dennoch es ist im Moment nicht zu ändern.
Mit dem Zeigefinger an den Lippen bleibe ich in der Tür zum Badezimmer stehen. Na gut, was habe ich gestern Abend als Erstes gemacht, nachdem ich nach Hause gekommen bin? Meine Gedanken rasen. Genau! Ich habe die Einkäufe im Kühlschrank verstaut.
Eilig drehe ich mich um und laufe in die kleine Wohnküche unseres Appartements, das ich mir mit meiner besten Freundin Madison teile. Bingo! Da liegt sie — fein-säuberlich zusammengeknüllt am Küchentresen. Erleichtert endlich aus der Wohnung zu kommen schlüpfe ich hinein und renne zurück ins Vorzimmer.
Lieblingssneakers. Tasche. Humpelnd, weil mein Schuh nicht das macht was ich möchte, werfe ich die Eingangstür hinter mir ins Schloss.

Unten an der Straße angekommen, biege ich nach rechts ab und sehe die grüne Fußgängerampel. Um sie nicht zu verpassen, renne ich los und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Verdammt James bringt mich um, wenn ich zu spät komme.
Ich laufe schneller und höre nur noch quietschende Reifen und lautes Hupen.

Bin ich tot? Nein das kann nicht sein, im Himmel gibt es keine fluchende, tiefe Männerstimmen. Vorsichtig öffne ich meine Augen und sehe eine große Gestalt aus einem noch größeren Wagen steigen, der direkt vor mir zum Stehen gekommen ist.
„Sind sie völlig irre, verdammt noch mal?!” Nein definitiv nicht der Himmel. Aber vielleicht in der Hölle und die große Gestalt ist der Teufel?
Meine Augen weiten sich je näher er kommt.  Weiteres Fluchen. Noch größere Augen. „Sie sind gerade über eine rote Ampel gelaufen!“ Blinzelnd verschaffe ich mir einen Überblick. Siehe da - die Ampel ist tatsächlich rot. „Hören Sie mir überhaupt zu?” Was? Wer? Meint er mich?
Ich lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn und erkenne, dass er jetzt genau vor mir steht.
Mein Kopf biegt sich immer weiter nach hinten, bei dem Versuch, ihm ins Gesicht zu sehen. „Natürlich höre ich zu, immerhin bin ich nicht taub!” Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung. „Außerdem war die Ampel gerade noch Grün!” Einhundert Prozent. „Nein war sie nicht und deshalb habe ich Sie beinahe überfahren!“
War sie nicht? Hmm…
Niedergeschlagen unterdrücke ich einen Seufzer. „Entschuldigen Sie, ich bin spät dran und habe anscheinend nicht auf meine Umgebung geachtet.“
Das hat man davon, wenn man den Wecker dreimal wegdrückt anstatt nur einmal.
Unschuldig lächle ich zu ihm hoch und gönne mir gleich noch einen genaueren Blick auf ihn.
Grüne Augen, umrandet von dichten Wimpern, sehen mich an, als sei ich verrückt. Seine Lippen hat er fest zusammengepresst, seine Stirn liegt in Falten, sodass eine gezackte Narbe oberhalb seiner Augenbraue weiß hervortritt. Mein Blick gleitet weiter über seine breiten Schultern, die sein dunkles Hemd unheimlich gut ausfüllen, seine breite Brust bis hinunter zu seiner schmalen Taille.
Definitiv der Himmel…
Für mich sieht er aus wie ein Krieger, herabgesandt, um mich zu überfahren.
„Checken Sie mich gerade ab?”
Was? — ohh verdammt… voll erwischt. „Nein! Sind Sie noch ganz bei Trost?”, versuche ich mich herauszureden und verschränke die Arme. Mein Gesicht fühlt sich auf einmal viel zu heiß an.
„Wissen Sie was? Passen Sie das nächste Mal einfach besser auf!”, knurrt er.
Feindselig kneife ich die Augen zusammen. „Knurren Sie mich gerade an?“
Sein durchdringlicher Blick liegt auf mir und ich werde immer nervöser, je länger er nichts sagt.
Kräftige Hände streichen durch kurzes braunes Haar. „Ach, machen Sie doch was sie wollen!“
Er dreht sich um und stapft zurück zu seinem Wagen. Wütend reißt er die Tür auf, nur um einige Sekunden später mit aufheulendem Motor an mir vorbei zu preschen.
So ein Blödmann.
Kurz sehe ich den immer kleiner werdenden Pick-up hinterher und schüttle den Kopf.  

*


Geschafft!… Verschwitzt öffne ich die schwere Eingangstür von „James‘ Bakery“ und eile hinter die Theke, um den Besitzer des Ladens, meinem besten Freund einen schnellen Kuss auf die Wange zu drücken.
Kennengelernt habe ich ihn im Culinary Institute of America, kurz CIA, wo wir zusammen die Ausbildung zum Bäcker absolviert haben. Seitdem arbeite ich für ihn, um Geld für meine eigene Bäckerei zu sparen.
Ich drehe mich um und verschwinde mit der Gewissheit, dass er mir folgt, in den hinteren Teil.
„Ist alles okay bei dir? Du siehst ein wenig gestresst aus.” Ach… was du nicht sagst.
„Ja klar, ich habe einfach nur verschlafen. Und weil ich mich so beeilt habe, hätte mich beinahe ein Auto überfahren“, versuche ich so lässig wie möglich zu antworten. Geschockt sieht er mich mit seinen stechend blauen Augen an.
Man muss schon blind sein, um ihn nicht superheiß zu finden.
Er wischt sich seine blonden Haare, die ihm immer in die Stirn fallen nach hinten und sagt: „Ein Auto hätte dich beinahe überfahren?“ Damit er sich nicht zu viele Sorgen macht, winke ich schnell ab. „Ja. Alles halb so wild, der Typ im Auto hat danach geflucht und geknurrt und ist wieder verschwunden.“ Ich öffne meinen Spind, ziehe meine Strickjacke aus und lege sie samt der Tasche hinein. Die Schürze mit dem Logo der Bäckerei binde ich mir um die Hüften.
„Mir geht’s gut! — Wirklich. Mach dir keine Sorgen.“ Mit einem Handzeichen winke ich ihn weg. „Geh lieber wieder nach vorne und kümmere dich um unsere Kunden.“
„Okay, wenn du das sagst.“
Prüfend lässt er seinen Blick noch einmal über mich hinweg huschen und verschwindet in den vorderen Teil.

Ich atme einmal tief durch und schaue in den Spiegel, der im inneren meines Spindes angebracht ist.
Zwei dunkelbraune, müde Augen blicken mir entgegen. Das kommt davon, wenn man die halbe Nacht einen spannenden Liebesroman liest.
Mit den Fingern versuche ich meine abstehenden Strähnen zu bändigen, indem ich sie in den lockeren Knoten zurückstecke. Besser wird’s nicht.
Mit einem Schnauben schließe ich den Spind und eile nach vorne.

Kurz nach der Mittagszeit, nachdem der erste Andrang vorbei ist, gehe ich nach hinten in die Backstube.
Ich schiebe ein neues Blech mit Croissants in den Ofen und lege die Handschuhe zurück auf die Ablage.
Ich höre James’ leise quietschende Schuhe auf Vinyl, die sich mir nähern, deshalb drehe ich mich lächelnd um. „Was gibt’s Chef?“
Ich merke genau, dass er etwas loswerden will, denn er bekommt wieder diese kleine Falte auf der Stirn.
„Naja ich dachte, falls du und Madison dieses Wochenende noch nichts vorhabt, können wir vielleicht zu einem Amateur-Boxkampf gehen?“ Er weiß, dass Madi morgen Nachmittag von ihrer Geschäftsreise zurückkommt.
Verwundert ziehe ich eine Augenbraue nach oben. „Zu einem Boxkampf? Und was genau sollten Madi und ich dort machen? — Ist das nicht eher was für Jungs.“ „Ja schon. Ich dachte nur, dass wir mal wieder etwas zu dritt Unternehmen könnten. Und es wird bestimmt lustiger als im Kino.“
Seit wann interessiert er sich denn für Boxkämpfe? Ich beschließe ihn später danach zu fragen.
„Okay, ich frage Madi.“ „Sag Bescheid, wenn du mit ihr telefoniert hast“, sagt er und dreht sich dabei um.
Ich kann nur nicken.

Am späteren Nachmittag wünsche ich mir, zuhause auf meinem Sofa zu sitzen und weiter den spannenden Roman zu lesen. Kurzerhand drehe ich mich zu James, der gerade an der Kasse steht, um. So leise wie möglich frage ich: „Ist es okay, wenn ich heute ein bisschen früher Schluss mache?“ James nickt, deshalb husche ich an ihm vorbei und löse den Knoten meiner Schürze. Das ging ja einfach! Ich lege sie zurück in den Spind, nehme meine Tasche und meine geliebte Strickweste und schlendere wieder nach vorne, um James einen Abschiedskuss zu geben.
Glücklich einen freien Nachmittag zu haben, trete ich auf die belebten Straßen von Brooklyn und schlage den Weg Richtung nach Hause ein.

*


Zu Hause angekommen streife ich meine Air Max von den Füßen und biege in mein Zimmer ab.
Ich will mir dringend etwas Bequemes anziehen. Am Weg zum Kleiderkasten sehe ich mich nach meinem E-Reader um.
Ich sollte wirklich etwas ordentlicher werden. Ich öffne die Spiegeltüren und tausche meine Klamotten mit einem weiten rosa-karierten T-Shirt.
Immer noch auf der Suche nach dem E-Reader, wende ich mich zu meinem Bett um und sehe ihn halb versteckt unter dem Kissen. Und ich dachte schon, ich muss dich jetzt stundenlang suchen.
Glücklich nehme ich ihn mit ins Wohnzimmer und lasse mich mit einem Seufzer auf das Sofa fallen.

Sobald ich es mir richtig bequem gemacht habe, höre ich Madisons speziellen Klingelton.
Eilig hüpfe ich auf und sprinte ins Vorzimmer, wo ich vorhin meine Tasche abgestellt habe. Wo versteckst du dich. Meine Hände wühlen sich durch die Tasche.
Bevor sie auflegt, hebe ich schnell ab. „Hey Ella, bist du schon wieder am Lesen oder backst du einen Kuchen?“ Madi kennt mich verdammt gut. „Hallo Madi, jetzt bist du mir aber zuvorgekommen, ich wollte mich später noch bei dir melden. Wie läuft es in Chicago?“ „Eigentlich ganz gut, ich bin nur ziemlich müde von den vielen Meetings.“ Oder von Flirten! Mühsam verkneife ich mir das Kommentar, stattdessen sage ich: „Morgen kommst du ja wieder nach Hause.“ „Ja, ich freue mich riesig. Hast du schon eine Idee was wir morgen Abend machen?“
Bei dem Gedanken an James’ Vorschlag muss ich lachen. „James möchte gerne wissen, ob wir Lust auf einen Amateur-Boxkampf haben.” Noch bevor sie etwas antworten kann, setze ich nach: „Bitte frag mich nicht wie er auf diese Idee kommt!" „Einen Amateur-Boxkampf? Das klingt ja spannend! Klar, sicher, wieso nicht, das ist wenigstens mal etwas anderes als Kino.“ „Das hat James auch gesagt.“ Zeitgleich kichern wir los. „Okay, ich muss aufhören, die Pause ist zu Ende, Mr. Bennett ist wieder da.“ „Na gut, dann bis morgen und arbeite nicht zu lange“, verabschiede ich mich von ihr. „Ich versuche es!“
Ich lege auf und gehe zurück zum Sofa, nehme meine vorherige Position wieder ein und schreibe James eine Nachricht.

Ich (4.58p.m.): Hey, ich habe gerade mit Madi telefoniert und sie meint, dass der Boxkampf eine gute Idee ist.
James (5:01p.m.): Super, ich hole euch morgen um sieben Uhr ab, dann können wir davor noch was essen gehen – wenn ihr wollt.
Ich (5:01p.m.): Klingt großartig. Bis morgen.

Ich lege mein Handy auf den Wohnzimmertisch und überlege kurz, ob ich nicht eine Kalorienbombe backen soll.
Mein Blick huscht kurz zu meinem Buch, das immer noch auf dem Sofa neben mir liegt. Ich zucke mit den Schultern und greife danach.
Einige Momente später tauche ich in die Welt von heißen Typen und witzigen Protagonistinnen ab.
Doch hin und wieder kommt mir der geheimnisvolle Mann von heute Morgen in den Sinn.

*


Am nächsten Abend stehe ich in schwarzem Spitzenslip und einem dazu passenden BH vor meinem Kleiderschrank und weiß bei Weitem nicht, was ich anziehen soll. „MADI!“, schreie ich aus vollem Hals.
Kurz darauf streckt die zierliche und wunderschöne Madison den Kopf bei der Tür herein und grinst schief bevor sie — wie immer perfekt gestylt — in mein Zimmer tritt. Ich bin der Meinung, mit ihren hohen Wangenknochen, den mintgrünen Augen und ihren langen hellbraunen Haaren, hat sie etwas von einer Elfe. Ich finde den Vergleich passend — sie kann ihn nicht ausstehen.
„Ja — weißt du schon wieder nicht, was du anziehen sollst?“ Ich kann nur die Augen verdrehen und mustere ihre enganliegende schwarze Hose, den grauen Pulli und die schwarzen Pumps mit mindestens fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen. Nicht eine Sekunde beneide ich sie um ihre Schuhe. Ich besitze zwar selber welche, doch die sind so gut wie neu. Seitdem mir Madi darin “laufen” beigebracht hat, liegen sie im hintersten Winkel meines Kastens. Während ich meine schmerzenden Füße mit Blasenpflaster versehen habe, hat sie gemeint, ich werde mich schon an den Schmerz gewöhnen. Da epilieren ich mir eher die Schamlippen, als dass ich mich an so etwas freiwillig gewöhne!
„Nein, ich weiß nicht was ich anziehen soll, immerhin war ich noch nie bei so einem Boxkampf“.
Madison lässt sich auf mein Bett fallen und wirft einen Blick an mir vorbei. „Also ich würde sagen, du ziehst die helle Hose und die dunkelblaue Bluse an.“
Mit einem Grinsen antworte ich ihr: „Auf dich ist wie immer Verlass.“
Sie streicht sich den Pony aus der Stirn. „Immer gerne zu Diensten!“

Nachdem ich endlich fertig angezogen bin, holt Madi eine Flasche Prosecco und zwei Gläser aus der Küche und wir machen es uns auf dem Sofa bequem. Immerhin ist es erst halb sieben und James wird frühestens in dreißig Minuten aufkreuzen. „Also erzähl, wie läuft es zwischen dir und Mr. Bennett?“ Madi reicht mir ein Glas.
„Ach ganz gut…, wenn er nicht immer den Unnahbaren spielen würde.“ Madison hat schon öfter geklagt, dass er sich nie für ihre Flirtversuche erweichen lässt, aber kaum dreht sie sich weg, kann sie seinen Blick auf ihrem Körper spüren.
Die zwei machen es auf alle Fälle spannend, so viel steht fest!
„Ach komm schon, irgendwann knallt es zwischen euch, wirst schon sehen, oder du knallst ihn … wie auch immer.“
Madison prustet das Sprudelwasser über den Wohnzimmertisch.
Lachend stehe ich auf und hole einen Lappen aus der Küche.
„Oh Mann Ella, manchmal hast du wirklich die besten Sprüche drauf.“
Mit einer amüsierten Mine nimmt sie den Lappen entgegen.

Als sie das Gröbste entfernt hat und ihn mir zurückgibt, gehe ich in die Küche. „Ich habe dir noch gar nichts von meinem Beinahe-Unfall erzählt!“ Madison wendet sich mir zu und zieht die Augenbrauen hoch. „Mach dir keine Sorgen, mir ist nichts passiert. Ich bin anscheinend nur über eine rote Ampel gelaufen, ohne vorher zu schauen. Der Typ, der mich fast platt gemacht hat, war nur am Fluchen. Stell dir vor, er hat mich sogar angeknurrt!“
Madison schüttelt den Kopf, während ich mich wieder neben ihr niederlasse. “Aber gut ausgesehen hat er schon.“
Wir reden noch ein paar Minuten, als es auch schon an der Tür klingelt.

„Ich mach auf!“ Bevor sie sich bewegen kann, springe ich auf und öffne schwungvoll die Tür.
Zwei eisblaue Augen blicken mir entgegen. „Hi James, komm rein, wir sind gleich soweit.“
James folgt mir und fragt über meine Schulter hinweg:. „Hallo Madi, eine erfolgreiche Woche gehabt mit deinem Lover-Boss!?“ „Haha… wirklich witzig“, erwidert sie genervt.
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und deute James sich zu setzen, bevor ich es mir selbst wieder gemütlich mache.
Er lässt sich am anderen Ende des Sofas nieder. „Ich dachte wir gehen in unser Lieblings-Diner.“ Wir nicken zustimmend. Madi steht auf und nimmt die zwei Gläser vom Wohnzimmertisch, um sie in die Spülmaschine zu räumen.
„Wie kommst du eigentlich auf die Idee mit dem Boxkampf?“, frage ich neugierig. „Ein paar Bekannte aus dem Fitnesscenter haben darüber gesprochen, da dachte ich, es könnte mir gefallen und weil ich nicht allein gehen wollte, habe ich euch beide gefragt“. Das klingt einleuchtend. Ich nicke und drehe mich um. „Kann es losgehen?“
Madi zwinkert mir zu, was ich als “Ja” deute. Ich stehe auf und gehe ins Vorzimmer, um meine schwarzen Sneakers und eine leichte Jacke anzuziehen.
Ich schnappe mir meine Tasche und warte auf Madi die ihre noch aus ihrem Zimmer holen muss.
James folgt mir und sieht mich von der Seite aus an. „Und? Bist du schon gespannt auf heute Abend? Es wird bestimmt lustig.“
Unschuldig blinzle ich zu ihm hoch. „Klar freu ich mich schon auf harte Kerle, die sich gegenseitig verprügeln wollen. Ich hoffe, es sind auch einen paar gutaussehende dabei.“
Anscheinend hat Madison auch mitgehört, denn sie kommt kichernd aus ihrem Zimmer. „Ich auch.“

*


Wir verlassen die Wohnung und gehen die drei Stockwerke zu Fuß hinunter.
Am Straßenrand steht James’ Wagen, ich steige wie immer hinten ein.
James setzt sich hinters Steuer und schaut durch den Rückspiegel zu mir und danach zu Madi neben ihm.
Gut gelaunt fragt er: „Kann es losgehen, Ladys?“
„JA!”, schreien wir gleichzeitig zur Antwort, was James sichtlich erheitert. Er lässt den Motor an und fädelt sich in den abendlichen Verkehr ein.
Mein Blick ist auf die Straßen von Brooklyn gerichtet - ich liebe diese Stadt, obwohl ich, genauso wie Madi, hier aufgewachsen bin.
James schaltet das Radio ein und der Song ‘Baby One More Time‘, dröhnt aus den Lautsprechern. Madi dreht sich amüsiert zu mir nach hinten und gemeinsam singen wir lauthals mit.
Eines muss man James schon lassen, er hat wirklich Nerven aus Stahl.
Als der Refrain einsetzt, dreht er sogar noch eine Spur lauter und singt selbst mit. Der Typ ist echt hammerhart!

Zehn Minuten später, sind wir bei unserem Lieblings-Diner angekommen. An einem kleinen Tisch lassen wir uns nieder und bestellen, wie immer wenn wir hier sind - Hot Dogs.
Während wir auf das Essen warten fragt Madi: „Erzähl, wie hat denn der Typ von gestern ausgesehen?”
Augenblicklich habe ich wieder sein Bild vor Augen. „Wirklich gut, mit grünen Augen und breiten Schultern. Es war nur ziemlich peinlich, als er mich beim Starren erwischt hat.“
Madison fängt zu lachen an und James fällt mit ein. „Das passiert auch nur dir!“
Eine Kellnerin serviert uns die Hot Dogs. Hungrig machen wir uns darüber her und reden über alles und nichts, bis es Zeit wird zu gehen.
James begleicht die Rechnung und wir machen uns auf den Weg in Richtung Docks.

Nach kurzer fahrt hält James in einer dunklen Seitenstraße. Ich sehe aus dem Fenster und gestehe mir ein, dass ich ziemlich gespannt auf den heutigen Abend bin.
Wir steigen aus, überqueren die Straße und bleiben vor einem riesigen Lagerhaus stehen.
Über dem Eingang prangt ein Schild mit der Aufschrift ‘We are all Fighters‘.
Davor hat sich eine Warteschlange gebildet, der wir uns anschießen.
Meine Neugier nimmt mit jeder Sekunde, die wir warten, weiter zu. Was uns da drinnen wohl erwartet? Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und registriere einen Mann im Anzug, der den Einlass kontrolliert.
Seit wann gibt es bei so etwas eine Security? Aber was weiß ich schon…
Sein unerbittlich wirkender Blick streift mich und ich schlucke schwer. „Mach dir keine Sorgen, wir kommen da locker rein, so hübsch wie ihr Ladys seid.“ James entgeht wie immer nichts.
Ich lächle schwach und rücke mit der Warteschlange immer weiter vor, bis wir direkt vor Mr. Unerbittlich stehen.
Sein Augen sind prüfend auf uns gerichtet, bevor er uns die Tür öffnet.

Drinnen angekommen schlägt mir schwüle Luft entgegen. Unzählige Menschen drängen sich dicht an dicht und brüllen jemanden oder etwas im linken Teil der Halle an.
Laute Musik dringt aus Boxen, die man nicht sehen kann - lässt den rauen Beton unter meinen Füßen vibrieren.
Neugierig sehe ich mich um und bemerke eine lange Bar aus dunklem Holz auf der rechten Seite.
Ich zähle mindestens sechs Kellner, die vergeblich versuchen, die durstige Meute in Schach zu halten.
Hinter ihnen türmt sich der Alkohol auf Glasflächen bis fast zur hohen Decke.
Die Lautstärke der jubelnden Leute nimmt zu, was mich veranlasst auf die linke Seite zu schauen. In einigem Abstand sehe ich einen gewaltigen Käfig aus Metall auf einem Podest. Darin schlagen sich zwei muskelbepackte Männer gerade die Köpfe ein.
„Das ist ja so aufregend, komm, holen wir uns was zu trinken!“ Madison muss schreien, obwohl ich neben ihr stehe.
James hat es auch gehört, denn er nickt und deutet uns geradeaus an die Bar zu gehen.
Sehr nahe bleiben wir stehen und James sagt etwas lauter: „Wartet hier, während ich etwas zu trinken hole, nicht dass ihr mir hier verloren geht!“ Ganz die braven Mädchen, nicken wir und James stellte sich zur Bar.
Madison rückt zu mir auf. „Ich wusste gar nicht, dass es bei einem Amateur Boxkampf so verrückt zugeht. Hätte ich das eher gewusst, dann hätten wir uns das sicher schon viel früher angesehen.“
War ja klar, dass Madison verrückt genug ist, um auf so etwas wie diesen Club zu stehen.
James kommt zurück und überreicht uns, unser Bier. Wir hauchen ihm eine Kusshand zu und er deutet eine Verbeugung an.

Mein Blick auf den Metallkäfig gerichtet, nippte ich zufrieden an meinem Bier. Wieso kämpfen die nicht in einem Ring?
„Wollen wir weiter nach vorne gehen?“, reißt James mich aus meiner Überlegung. Ich nicke und deute Madi uns zu folgen. Mühsam bannen wir uns einen Weg in Richtung Käfig.
Schwitzende Männer und in Parfumwolken gehüllte Frauen in knappen Kleidern, erschweren uns das Durchkommen.

Fast ganz vorne angekommen, beobachte ich, wie einer der Männer immer weiter auf den anderen einprügelt.
Schockiert ziehe ich die Augenbrauen nach oben. Nach einer gefühlten Ewigkeit, liegt der Mann schlussendlich blutüberströmt am Boden. Der Mann, der noch stehen kann, reckt seine blutigen Fäuste in die Luft.
Die Lautstärke um mich herum lässt mir die Ohren klingeln. Der Mann dreht noch eine Runde und verlässt danach den Käfig durch eine Metalltür, wo gerade zwei Männer hereinkommen, um den Bewusstlosen wegzutragen.
Jetzt, wo der Kampf vorbei ist, beruhigen sich die Leute.

„Glaubt ihr, hier geht alles mit rechten Dingen zu? Immerhin hatten die Kämpfer nicht einmal Handschuhe an. Und dass man sich so lange prügelt bis man fast verblutet, habe ich auch noch nie gehört“, sage ich lauter, um die Musik zu übertönen. James zuckt mit den Achseln. „Keine Ahnung, so genau habe ich das bei dem Gespräch im Fitnesscenter nicht herausgehört, aber es könnte durchaus ein Underground-Fightclub sein. Ich habe schon öfter Gerüchte darüber gehört, dass es in New York sogar mehrere geben soll.“
Madison und ich starren ihn an. Ich erhole mich zuerst. „Bist du wahnsinnig? Du kannst uns doch nicht in einen Underground-Fightclub schleifen!“ James hebt abwehrend die Hände. „Es tut mir leid okay, ich wusste es selber nicht.“ Madison fängt zu lachen an und legte eine Hand auf meine Schulter. „Du solltest mal dein Gesicht sehen, Ella. Entspann dich, ein paar illegale Sachen sind doch aufregend! Wir sind doch schon da, also lass uns sehen, was der Abend noch alles bringt.” Schelmisch grinst sie mich an.
Ich muss ihr recht geben - ein Nervenkitzel kann nicht schaden. Sonst mach ich doch auch alles mit.
„Ja okay von mir aus, dann bleiben wir halt noch eine Weile.“
Meine zwei Freunde klatschen ab.