Träum dir eine bessere Welt

von Miso Eco
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
OC (Own Character)
23.06.2019
23.02.2020
20
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Dieser Moment zwischen Schlaf und Wachsein ist komisch zu beschreiben. Man liegt da und weiß bereits, dass man halbwegs wach ist und sich gleich mit der Realität beschäftigen muss, aber gleichzeitig ist man noch weit davon entfernt und realisiert noch nicht wirklich, was um einen herum passiert.
Ich liege in meinem Bett und befinde mich in genau diesem süßen Zustand, den ich am liebsten nicht verlassen will. Ich will für immer hier liegen bleiben und dösen, ohne für die Schule aufstehen zu müssen und mich diesem Tag zu stellen. Vielleicht würde ich das ja auch, wenn mir nicht plötzlich auffallen würde, dass hier etwas falsch ist.
Da ist etwas in meinem Bett, was dort sonst nicht ist. Oder vielmehr ist da jemand, der da eigentlich nicht da sein sollte. Wir haben die Arme umeinander gelegt, als wäre es ganz normal, dass wir zusammen in einem Bett liegen. Kurz überlege ich, ob das alles vielleicht nur ein Traum ist. Schließlich fühlt sich das hier überraschend gut an und alles andere wäre unmöglich.
Gerade als ich fast wieder einschlafe, höre ich ein Gähnen dicht neben meinem Ohr und kurz darauf geht mein Nachtischlicht an. Erschrocken reiße ich die Augen auf und sehe wie gelähmt in das Gesicht einer mir vollkommen fremden Person. Für einen Moment starren wir nur einander an und ich versuche, sein Gesicht irgendwie wiederzuerkennen. Herauszufinden, wer er ist.
Die braunen Haare des Typen sind verwuschelt und er hat einen leichten Bartschatten. Aber darüber huscht mein Blick nur kurz und bleibt sofort an einer üblen Brandnarbe auf seiner linken Gesichtshälfte hängen. Dann sehe ich in seine dunklen Augen, die mich neugierig mustern.
Mit einem Mal löse ich mich aus meiner Erstarrung und begreife, dass das hier ganz sicher kein Traum ist. Ich reiße den Mund zu einem stummen Schrei auf und schiebe mich ungeschickt und panisch von dem Jungen weg, bis ich zum Rand meines Bettes komme.
Scheiße, du kennst mich nicht, oder?“, fragt er und setzt sich auf.
Nein!“, stoße ich panisch hervor und falle aus meinem Bett. Voller Schreck schaue ich zu dem Jungen auf. Ich habe die Decke mit mir gerissen und kann jetzt sehen, dass er vollkommen nackt ist. Hilfe! Was ist hier los?!
Okay, Süße, das Ganze ist ein kleines Missgeschick und es tut mir leid, dass ich dir so einen Herzinfarkt eingeflößt habe. Ich sorge noch dafür, dass du das alles vergisst, aber jetzt muss ich los, bevor du noch eine Schere findest oder so und mich damit erstechen willst“, meint er und grinst mich an, als wäre das hier eine lustige Geschichte, über die man in ein paar Jahren lacht, und nicht... was auch immer es ist.
Ich japse nach Luft, während mein Herz immer schneller schlägt. Ohne dass ich noch irgendetwas fragen kann, um das hier zu verstehen – vermutlich würde mir so oder so nichts Sinnvolles einfallen – , steht der Junge auf und sieht sich kurz um. Ich versuche ihn nicht richtig anzusehen, schließlich ist er nackt, aber es gelingt mir nicht wirklich gut, weil ich viel zu schockiert bin.
Kurz darauf zuckt er mit den Schultern, läuft durch mein Zimmer und umfasst die Türklinke. „Tut mir leid, Süße, aber immerhin bist du jetzt wach. Ich würde mich, ohne eingebildet zu sein, als den besten Wecker der Welt bezeichnen“, sagt er und verschwindet nach draußen.
Ich bleibe alleine zurück, überfordert auf dem Boden sitzend mit dem Schock meines Lebens.

Als ich am Frühstückstisch sitze, hat sich mein Herzschlag noch immer nicht ganz beruhigt. Ich starre auf mein Müsli mit Mandelmilch, ohne wirklich einen Bissen herunterzubekommen. Im Hintergrund läuft irgendeine Eilsendung, weil etwas Schlimmes draußen in der Welt passiert zu sein scheint, aber ich bin voll und ganz mit meinem eigenen Drama beschäftigt.
Ist alles in Ordnung bei dir, Faye?“, will Candice wissen. Ich hebe den Kopf und sehe zu ihr. Candice und ich sind wie Schwestern. Wir sind beide 17 Jahre alt und sie lebt mit ihrer Mutter Penelope Mayer bei uns, seit ich denken kann. Unsere Eltern sind schon seit der Schule befreundet, weshalb meine Eltern Penelope sofort bei uns aufgenommen haben, als Candices Vater abgehauen ist. Es ist super, mit einem Mädchen im selben Alter in einem Haus zu leben. Vor allem, weil Candice und ich uns so gut verstehen.
Lass uns nachher darüber reden!“, murmle ich, weil uns mein Vater im Wohnzimmer hören könnte.
Außerdem betritt in dem Moment mein kleiner Bruder Asher den Raum. Er ist erst zehn Jahre alt, aber die momentanen Nachrichten interessieren sogar ihn: „Was? Die haben da einfach über Nacht zwei Buchstaben hinzugefügt? Was soll das denn bitte bedeuten?“
Ich schaue zum laufenden Fernseher, auf den ich von meinem Sitzplatz aus nur schwer sehen kann. Auf dem Sofa sitzt mein Vater mit gerunzelter Stirn und ich beschließe, aufzustehen und mir das genauer anzusehen.
Schnell laufe ich über den Holzboden in unserem riesigen Wohnzimmer. Wir leben auf einer großen Farm, die größtenteils aus Holz besteht, mit vielen großen Räumen. Es könnte kaum klischeehafter kanadisch sein.
Über Nacht wurden von einer unbekannten Baufirma zwei Buchstaben zu dem Hollywood Zeichen hinzugefügt, sodass es nun Unhollywood heißt. Es wird vermutet, dass jemand damit Kritik an der Filmbranche ausüben und auf deren unschöne Seiten hindeuten will. Täter konnten bisher nicht ausgemacht werden“, verkündet eine Moderatorin.
Ich betrachte den Fernseher verwirrt. Dieser Tag ist wirklich komisch! Erst bin ich mit einem wildfremden Typen im Bett aufgewacht und jetzt ist dieses verdammte Zeichen verändert worden. Ich habe das Gefühl, noch immer zu träumen, aber mir ist klar, dass das hier echt ist.
Warum macht jemand so etwas? So ein Aufwand, nur um ein wenig Kritik zu üben? Da kann man doch genauso gut einen Artikel im Internet schreiben. Außerdem wird sich eh nichts an den scheinheiligen Filmen ändern, nur weil das Zeichen anders ist“, meint Candice verständnislos.
Ich zucke mit den Schultern. „Die haben schon recht, wir tun alle auf heilig und so, als wären wir tolle Menschen, aber im Grunde genommen ist es doch ganz anders. Eigentlich beuten wir nur die anderen aus und stellen dabei uns selbst als die Tollen dar“, überlege ich.
Candice zuckt mit den Schultern. „Ja, ich weiß, aber es bringt doch nichts, dieses Zeichen zu verändern“, entgegnet sie.
Sie will noch weiter sprechen, aber Dad unterbricht uns: „Ob heilig oder unheilig, Wood, ihr solltet euch jetzt schnell fertig machen, wir müssen losfahren.“
Ich verziehe das Gesicht, weil ich mich nach diesem Morgen kein bisschen dazu in der Lage fühle, zur Schule zu gehen. Trotzdem folge ich Candice ins Bad, weil mir ja doch nichts anderes übrig bleibt.
Nachdem ich es betreten habe, schließt sie hinter mir die Tür ab. „Was ist los, Faey? Ich sehe dir doch an, dass dich irgendwas beschäftigt, und es es ist sicher nicht Hollywood“, stellt sie fest. Candice beginnt, dezent ihr dunkles Gesicht zu schminken und ihre dunkelbraunen Locken zu glätten.
Ich hole einmal tief Luft, bevor ich das Bescheuertste von mir gebe, was ich je in meinem Leben gesagt habe: „Als ich heute morgen aufgewacht bin, lag plötzlich neben mir ein nackter Typ in meinem Bett. Er ist dann aufgestanden und einfach gegangen.“
Candice lacht. Natürlich lacht sie, wer würde mich denn auch ernst nehmen, nach dem, was ich gerade gesagt habe? „Ach, Faye, das ist doch nicht schlimm. Du hattest einfach nur einen heißen Traum von einem sexy Typen, den du dir vorgestellt hast“, behauptet sie.
Das ist wohl eine logische Lösung, aber ich glaube sie einfach nicht. Ich bin aufgewacht und habe dann den Jungen gesehen, nicht anders herum. „Ich kann mich viel zu genau an ihn erinnern, das war kein Traum! Außerdem war er nicht einfach nur total heiß. Darauf habe ich gar nicht geachtet, ich war ja viel zu erschrocken!“, widerspreche ich ihr.
Wenn ich so darüber nachdenke, sah er schon gut aus, auch wenn da diese Narbe war. Eine Narbe, die mein Unterbewusstsein ganz sicher nicht irgendwelchem Traumtypen verpasst hätte.
Candice dreht sich zu mir um und mustert mich mit hochgezogener Augenbraue. „Und was soll deiner Meinung nach passiert sein? Ein Typ ist plötzlich durch Magie in deinem Zimmer erschienen? Oder ein Einbrecher fand dich so süß, dass er gar nichts mehr klauen wollte, sondern sich stattdessen zu dir ins Bett gelegt hat?“
Jap, so wie sie das sagt, klingt es nicht nur bescheuert, sondern geisteskrank. „Aber es hat sich so verdammt echt angefühlt! Ich habe ihn neben mir in meinem Bett gespürt und ihn mir nicht nur vorgestellt!“, sage ich nachdrücklich.
Aber Candice schüttelt nur den Kopf. „Du weißt genau, dass das nicht sein kann. Manchmal fühlen sich Träume so unendlich echt an, dass wir glauben, sie seien real, aber das sind sie nicht. Man darf nicht Traum und Realität vermischen, weil man sonst nur verrückt wird! Also vergiss deinen Traumtypen einfach, er existiert nicht wirklich. Wo sollte er denn überhaupt hingegangen sein?“, redet sie mir ins Gewissen.
Ohne zu antworten – was soll ich schon sage, ohne lächerlich zu klingen –, putze ich meine Zähne. Candice hat recht. Es ist Ende September, was bedeutet, dass es in Yellowknife nur knapp über null Grad ist. Noch schneit es zwar nicht, aber heute regnet es leicht. Außerdem ist es noch dunkel und es wird heute vermutlich nicht länger als 4 Stunden die Sonne scheinen. Wer jetzt nackt und alleine da draußen ist, würde nicht lange überleben.
Als wir das Bad wieder verlassen und zum Auto laufen, fühle ich mich gedemütigt und dumm. Wie konnte ich nur glauben, dass heute morgen in meinem Zimmer ein Typ aufgetaucht ist? Aber es hat sich wirklich echt angefühlt. Ich kann mich ja nicht nur daran erinnern, wie ich ihn gesehen habe, sondern auch daran, das wir uns berührt haben. So realistisch und voll echter Gefühle kann man doch nicht träumen.
Während der Autofahrt diskutieren Candice und mein Vater noch immer über das Hollywood Zeichen, und ich stelle genervt fest, dass ich wohl den Rest des Tages keine Ruhe mehr davor haben werde. Alle sind schockiert und regen sich darüber auf, dabei finde ich, dass es stimmt und nur so die Leute erreicht werden. Man muss das zerstören, was uns etwas bedeutet, damit wir aufschauen und schockiert sind. Schließlich werden jeden Tag Orte zerbombt, aber uns interessiert es nur, wenn sich direkt vor unserer Haustür etwas ändert.
Gedankenverloren schaue ich nach draußen, wo dunkle Tannen am Fenster vorbeiziehen. Es dauert noch mehrere Stunden, bis die Sonne aufgeht, weshalb ich die Person in der Ferne nur schwer erkennen kann, aber da ist jemand. Er rennt im Schutz der Bäume und wir haben ihn schnell eingeholt. Innerhalb von Sekunden sind wir schon wieder an dem Menschen vorbei, aber mir ist trotzdem aufgefallen, dass er die Jacke meines Vaters trägt.
Oh Gott, ich werde wirklich verrückt! Seit diesem Traum heute Morgen versuche ich, Dinge zu finden, die beweisen, dass er echt war, aber das ist unmöglich!
Dad? Warum hast du nicht deine Jacke an? Die blaue?“, frage ich mit bebender Stimme. Dad trägt eigentlich immer diese eine Jacke, die ich gerade im Wald gesehen habe, und nicht den dicken Pulli, den er heute an hat.
Er zuckt mit den Schultern. „Die Jacke hing heute morgen nicht am Haken. Ich glaube, eure Mutter hat sie nochmal gewaschen, bevor der richtige Winter beginnt.“
Ich weiß, wie unmöglich es ist, aber was, wenn heute Morgen wirklich dieser Junge in meinem Bett aufgewacht ist, sich dann die Klamotten meines Vaters geschnappt hat und abgehauen ist? Schließlich bin ich mir sicher, ihn sowohl morgens in meinem Bett als auch gerade eben im Wald gesehen zu haben.
Bis wir die Schule erreicht haben, hänge ich diesen Gedanken nach. Es lässt mich einfach nicht los und ich kann nicht glauben, dass ich nur geträumt habe. Trotzdem machen mir die Gedanken Kopfschmerzen und ich bin froh, als wir ankommen.
Nachdem wir ausgestiegen sind, entdecke ich sofort unsere Freunde. Candice und ich haben dieselbe Freundesgruppe, sodass wir auch in der Schule unzertrennlich sind.
Hey, ihr beiden. Gut geschlafen?“, fragt Theo. Er steht im Schein einer Straßenlaterne vor der Schule. Neben ihm stehen Logan und Harper, die uns beide mit einer Umarmung begrüßen. Wir fünf sind gefühlt seit dem Kindergarten befreundet, was bedeutet, dass wir schon tausende von Streits hinter uns haben, alles voneinander wissen und einander blind vertrauen würden.
Heute morgen war plötzlich ein Typ in meinem Schlafzimmer. Er ist dann aufgestanden und einfach rausgelaufen“, platzt es aus mir heraus, weil ich diese blöde Geschichte nicht für mich behalten kann. Ich will endlich jemanden finden, der mir glaubt, aber wenn ich in die Gesichter meiner Freunde sehe wird mir klar, dass ich hier keine Zustimmung finde.
War deine Schwester gestern etwa komplett dicht und hat sich einen Typen geangelt?“, will Harper grinsend wissen. Dabei versucht sie erfolglos ihre braunen Locken glatt zu streichen.
Logan lacht und meint: „Ich glaube ja eher, dass du feuchte Träume hattest, Faye. Sah der Typ vielleicht so aus wie ich? Das würde einiges erklären.“
Ich verdrehe die Augen. „Es ist wirklich passiert! Das schwöre ich euch. Ich konnte ihn anfassen, er war nicht einfach nur ein Traum, sondern real“, widerspreche ich ihnen vehement.
Niemand scheint mich ernst zu nehmen, bis Theo sagt: „Wenn er wirklich da war, dann muss es irgendwelche Spuren von ihm in eurem Haus geben. Du solltest einmal genauer nachschauen.“
Dankbar sehe ich ihn an. Zwar war Theo schon immer der Träumer unter uns, den ich selbst oft nicht ernst genommen habe, aber heute bin ich froh über seine Unterstützung.
Ich hebe den Blick und betrachte die wenigen Sterne, die man trotz des Lichts der kleinen Stadt und den Wolken sehen kann. Ich glaube nicht, dass ich nur geträumt habe und ich werde auch noch herausfinden, wie dieser Junge in mein Bett gekommen ist.
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