Himmel und Hölle

von Rouka
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
23.06.2019
24.11.2019
14
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Author's Note:
Jegliche Ähnlichkeit mit Personen, ob tot, lebend oder fiktiv, sind unbeabsichtigt und rein zufällig.
Die Personen, sowie die Geschichte selbst gehören mir.
Warnung: Schimpfwörter/vulgäre Sprache




Kapitel 1: Hölle


»Er wird sterben.«

»Ich weiß.« Und er weiß es wirklich. Blind ist er nun auch nicht.

Wie lange sitzt er schon hier? Hält diese Hand? Diese zarte, dünne, verletzliche Hand, die er schon so oft gehalten hat, nur zu vollkommen anderen Anlässen. In vollkommen anderen Emotionslagen. Und jetzt erwidert sie nicht einmal seinen Druck.

Er spürt die Tränen über seine Wange laufen, ehe er überhaupt weiß, dass ihm schon wieder zum Heulen zumute ist. Kein Geräusch dringt über seine trockenen Lippen, die er beharrlich zusammenpresst, um das genau so beizubehalten. Er will nicht weinen. Er weiß, dass ihn sein Gegenüber nicht mehr wahrnehmen kann, aber dafür kann es der Arzt umso mehr. Der steht schon seit seiner Ankunft in seinem Nacken, geräuschvoll atmend und wahrscheinlich nur auf den letzten Herzschlag wartend. Mistkerl.

»Joshua, wollen Sie sich das wirklich antun?«

»Ich bleibe!«

Jetzt hat der Typ auch noch die Nerven, ihn von hier vertreiben zu wollen, oder was? Joshua hebt die freie Hand und wischt sich grob über die Wangen, um die nassen Spuren loszuwerden. Natürlich wird man ihm trotzdem ansehen, dass er geweint hat, und bestimmt weiß es auch der Arzt, obwohl der ihn gar nicht von vorne sieht. Aber wahrscheinlich kann ihm auch keiner vorwerfen, dass er in so einer Situation heult. Es ist ihm dennoch unangenehm. Das ist so privat. So … nicht für Fremde bestimmt, ganz einfach.

Warum wird Joshua nicht einmal der letzte Moment mit seinem Vater gewährt? Ist das so unverständlich? Oder gibt es da so einen Schwur unter Ärzten, dass sie Sterbende nicht mit ihren Familienmitgliedern alleine lassen? Er hat keine Ahnung von sowas. Woher auch. Krankenhäuser wollte er immer meiden wie die Pest und hat es auch oft erfolgreich geschafft, außer zu den Momenten, wenn wieder ein Anruf kam.

»Spreche ich mit dem Sohn von Herrn Seidler? Ich fürchte, Ihr Vater hat wieder einen Rückschlag erlitten … «

Ja. Das war Alltag.

Vielleicht denkt der Arzt ja aber auch, dass er einen Siebzehnjährigen, der schon ohne Mutter – und ohne jegliche andere Begleitperson – hier aufgekreuzt ist, nicht einfach alleine lassen kann. Aber Joshua will keine Gesellschaft. Er hat nur nicht die Kraft, mit dem Arzt darüber zu diskutieren. Soll er doch da hinten stehen, wenn es ihn glücklich macht.

Sein rechter Mundwinkel zuckt nach oben, als ihm bewusst wird, wie viel er bereits über diesen dummen Arzt nachgedacht hat, obwohl es gerade wohl wichtigere Probleme gibt. Er streichelt den Handrücken seines Vaters und mustert zum tausendsten Mal dessen weißes, eingefallenes Gesicht.

Denn jeder Moment könnte der letzte sein. Wortwörtlich.

Die Augen seines Vaters sind geschlossen, der Kopf allerdings in Joshuas Richtung gewandt, als würde er ihn trotzdem sehen können. Joshua weiß es besser. Sein Vater ist zu schwach, um irgendetwas mitzukriegen. Dünne, durchsichtige Schläuche führen von seiner Nase runter zu seinem Hals, zu seinen Schultern, wo sie irgendwo neben dem Bett verschwinden, hin zu einer Beatmungsmaschine. Die stöhnt und protestiert wie ein Rentner, der fünfzehn Stockwerke hochlaufen musste, wann immer sein Vater einen Atemzug macht. Aber für Joshua ist es gerade das schönste Geräusch auf der Welt.

Sein Blick wird wieder trüb, als er daran denken muss, dass er heute noch ins Altenheim fahren muss. Zu seiner Großmutter. Und wie sagt man jemandem, dass dessen Sohn gestorben ist? Oder überhaupt jemand von den Liebsten? Das kann man nicht schön verpacken. Bei Ärzten ist das normal und Joshua ist auch nicht der Typ dafür, sich groß um Tonlagen zu kümmern, deswegen kann er Nachrichten wie »Ihr Vater liegt im Sterben.« deutlich besser wegstecken, als es seine Großmutter tun wird.

Joshua schüttelt hart seinen Kopf und blinzelt neue Tränen weg, als sein Blick zurück auf dem ruhigen Gesicht seines Vaters landet. Was ist er nur für ein undankbarer Sohn? Denkt darüber nach, wie er die Todesbotschaft seines Vaters übermitteln soll, wenn selbiger noch immer am Leben ist.

»Alles in Ordnung?«

»Ja!«

Wieder wischt er sich nicht besonders sanft die Tränen weg. Scheiße … Da stirbt gerade wirklich sein Vater … Einfach so …

Die Welt ist so ungerecht!

Joshua kann nicht an sich halten, als der Atem seines Vaters rasselnder wird – noch schlimmer als zuvor – und der Kopf ein winziges Stück weiter zur Seite sackt. Das Schluchzen verlässt so schnell seinen Mund und ist dabei so laut, dass er zusammenzuckt.

»Papa … «

Er beugt sich ein Stück vor.

Nichts.

Es kommt nichts zurück. Natürlich nicht.

»Papa … «



~+~



Er fühlt sich elendig. Wie dreimal zerkaut und wieder ausgespuckt. Wie zehn Tage nichts gegessen und nicht geschlafen. Wie … er weiß es nicht. Gegessen hat er ja – schwerfällig, lustlos und nur das Nötigste, aber immerhin. Geschlafen hat er auch – mit Alpträumen und sehr unruhig, aber immerhin. Joshua seufzt und zieht die Haustür hinter sich zu. Zwei Wochen hat ihm die Schule Schonfrist gegeben, aber jetzt muss er sich der Realität wieder stellen. Kann sich nicht mehr von Filmen, Serien und Videospielen ablenken lassen. Sein Handy hatte er die gesamten vierzehn Tage kaum an. Er wollte keine mitleidsbekundenen Nachrichten, kein »Es tut mir leid, dass dein Vater gestorben ist.«. Sowas braucht er nun wirklich nicht. Er schiebt seine Hände tief in seine Hosentaschen, ehe er die ersten Stufen die Treppe hinunterstapft.

Er zuckt zusammen, als hinter ihm eine Tür aufgerissen wird.

»Hast du nicht was vergessen?«, schnappt eine weibliche Stimme streng. Er hört Plastik rascheln und dreht sich halb um, damit er über seine Schulter zurück zu seiner Wohnungstür sehen kann. Seine Tante steht im Türrahmen, den linken Arm ausgestreckt, eine Tüte haltend, in der Joshua einen Apfel, einen Müsliriegel und ein Päckchen Apfelsaft entdeckt. Sie hat den geschminkten Mund zu einer Schnute verzogen, ebenso die Augenbrauen, während ihre freie Hand in ihre Hüfte gestemmt ist, um das Bild einer vorwurfsvollen Mutter noch zu unterstreichen.

Joshua seufzt, stampft die Stufen zurück nach oben und schnappt sich das kleine Care-Paket.

»Na?« Seine Tante verschränkt die Arme vor der Brust. Die silbernen Armbänder, die sie zuhauf an ihren schmalen Handgelenken trägt, klappern bei der Bewegung. Sie trägt bereits eine schicke, blassrosa Bluse, schwarze Jeans, hochhackige Stiefel und hat die dunklen Haare in einen sauberen Dutt im Nacken zusammengebunden. Sie ist ausgehbereit – oder eher arbeitsbereit.

»Danke, Sofia«, brummt Joshua brav und verstaut sein Essen in seinem Rucksack. Sofort wird der Ausdruck seiner Tante weich und sie lockert ihre Haltung ein Stück.

»Lass dich von den Anderen nicht so sehr ärgern, okay?« Sie lächelt sanft. »Hast du Lust auf Italienisch heute Abend? Oder lieber Thai?«

»Können wir nicht mal bisschen abwechseln?« Joshua verdreht die Augen.

»Na hör mal, wenn ich die Zeit hätte, würde ich ja kochen, aber-«

»Ja, ich weiß. Du bist eine unabhängige, starke Frau, die ihre eigenen Brötchen verdient und deshalb nie Zeit hat.« Joshua hebt die Hand zum Abschied, dreht sich um und begibt sich wieder Richtung Erdgeschoss.

»Bis heute Abend!«, ruft ihm seine Tante noch nach, dann kracht wieder eine Tür. Joshuas Hände wandern zurück in seine Hosentaschen.

Er ist ja froh, dass sie da ist. Ein bisschen nervig ist es, weil er gerne komplett seine Ruhe hätte und nicht ständig Fragen beantworten möchte, wie es ihm geht und ob er genug zu Essen hatte. Andererseits bemüht sie sich um ihn, bestellt besagtes Essen, putzt und hat ihn die letzten zwei Wochen tatsächlich die meiste Zeit in Ruhe in seinem Zimmer und in seiner Trauer versinken lassen. Und das, obwohl sie sicherlich in einem ihrer tausend Lebensratgeber gelesen hat, dass es nicht gut für Trauernde ist, sich zu verkriechen. Joshua hat seine Ruhe genossen. Es hat schon ein wenig geholfen, damit umzugehen, wenn er sich selbst Gedanken gemacht hat. Das ging dann wenigstens ordentlich. Und jetzt geht er ja wieder raus, trifft Leute, trotz dessen, dass er sich auch noch mal hätte krankschreiben lassen können. Kinder, die vor kurzem ein Elternteil verloren haben, wird sehr Vieles erlaubt, soviel hat er mittlerweile begriffen.

Seine Tante ist extra aus Hamburg hierhergekommen, um sich um ihn zu kümmern und zu rechtfertigen, dass er in der alten Wohnung bleiben darf, ohne regelmäßig einen Psychiater oder Ähnliches aufsuchen zu müssen. Das hatte der Arzt vorgeschlagen, als Joshua ein bisschen ausgerastet war, nachdem sein Vater endgültig aufgehört hatte zu atmen. Joshua findet es nach wie vor unberechtigt, immerhin hat keiner ein blaues Auge davongetragen, aber Erwachsene denken bei sowas eh meist sensibler. Danach hat Joshua keine Wut mehr verspürt. Nur noch tiefe Trauer, Gleichgültigkeit und Taubheit. Aber das ist vielleicht besser, als ständig zu heulen.

Die ersten Tage hat er noch geheult. Wie ein Baby. Er ist seiner fassungslosen Oma schluchzend in die weichen Arme gefallen und hat sie den ganzen Nachmittag nicht allein gelassen. Er hat seiner Tante flennend die Tür aufgemacht, als sie angekommen ist. Und er hat sich am zweiten Tag heulend den Bierkasten gegriffen, der noch von seiner letzten Hausparty in der Küche stand. Später hat er davon heulend gekotzt und sich von Sofia in die Wanne zerren und kalt abduschen lassen – nach wie vor schluchzend. Danach hat das aber aufgehört. Allmählich. Und jetzt würde er behaupten, dass es ihm wieder besser geht. Ein bisschen zumindest.



~+~



Seine Schule ist hässlich. Das fällt ihm jedes Mal auf, wenn er in die entsprechende Straße einbiegt und der Betonklotz schon von weitem über den anderen Häusern aufragt. Aber zumindest wirken die Graffitis an den Wänden im Gegensatz zu diesem Bunker wieder wunderschön. Sein Blick gilt nur kurz den grauen Mauern, denn zwei Schüler, die vor dem Gebäude rauchen, werden auf ihn aufmerksam und drehen sich zu ihm. Lässig marschiert er die letzten Meter zu ihnen, während das Mädchen eilig ihre Zigarette auf den Boden wirft und ihm entgegen hastet. Der Junge, der stehen bleibt und genüsslich weiter raucht, tritt ihre Zigarette auf dem Bürgersteig aus. Joshua kann ein schiefes Grinsen von eben jenem erkennen und blaue Augen, die ihn ansehen. Dann wird sein Sichtfeld von pinken Haaren eingenommen. Eine Mischung aus beißendem Rauch und blumigem Parfum steigt ihm in die Nase, schmale Arme schlingen sich fest um seinen Hals und ein Körper drückt sich gegen seinen.

»Joshi!«, bringt sie atemlos hervor. Noch ehe er ihre Umarmung erwidern kann, hat sie schon ihre Hände auf seine Schultern gelegt und ihn auf Armlänge von sich geschoben, um ihm besorgt in die Augen zu sehen. Er verzieht den Mund. Genau solche Blicke wollte er nicht haben. Gleich kommt bestimmt auch- »Wie geht’s dir?«

Er seufzt. Wieso hat er auch etwas Anderes erwartet?

»Wie soll’s ihm schon gehen, Ness? Sein Vater ist tot. Dem Typ geht’s scheiße. Sieh ihn dir doch an.« Marco macht eine fahrige Bewegung zu Joshuas Gesicht und grinst breit und dreckig. Die Zigarette hängt ihm schief im Mundwinkel.

»Ich hätte noch zu Hause bleiben sollen … «, murmelt er.

»Nee, lass mal besser. Da drehste ja noch durch.« Marco schüttelt den Kopf und greift nach dem Glimmstängel. Weißer Rauch wabert an seiner Nase vorbei, verdeckt die unzähligen Sommersprossen für einen kurzen Moment, ebenso die hellen, stechenden Augen. Die widerspenstigen, dichten braunen Haare stehen wirr zum Himmel, wurden aber heute mit einem roten Bandana halbwegs zurückgebunden. Kleine silberne Ohrstecker glänzen in der Sonne. Ein übergroßes, gelb-grün kariertes Hemd hängt ihm locker über die Schultern, darunter ein einfaches graues Shirt und ausgewaschene, lockere, löchrige Jeans, die die dünnen Beine verstecken. Ausgetretene rote Turnschuhe runden das Gesamtbild ab.

Aber auch Vanessa glänzt heute wie immer mit einem mühevollen Outfit. Sie hat sich augenscheinlich einen der riesigen, dunkelblauen Kapuzenpullover ihres Bruders geklaut, in welchem sie nun versinkt. Schwarze Leggings und weiße Turnschuhe noch dazu und fertig ist der aufwendige Montag-Look. Aber die knallpinken Haare sind eh schon immer Hingucker schlechthin, wozu dann auch noch ein kompliziertes Outfit? Braune, schwarzgeschminkte Augen sehen in Joshuas.

»Lass uns nicht drüber reden, okay?« Joshua lächelt müde.

Sofort nickt Vanessa. »Klar.«

»Alter, wollt ihr vielleicht noch Zucker zu eurem Kaffeekränzchen?! Wenn ihr schon labern müsst, dann blockiert wenigstens nicht die ganze verkackte Straße!«

Joshua dreht sich erstaunt um, als die verärgerte, laute Stimme dicht hinter ihm erklingt.

»Mann, was kackst du uns schon so früh an?«, murrt Marco genervt und wirft seine Zigarette zu Boden.

Ungeniert mustert Joshua den Jungen, als hätte er ihn nicht erst vor zwei Wochen das letzte Mal gesehen. Und als würde er ihn nicht schon seit seiner Grundschulzeit kennen.

Der Junge heißt Niklas, im Sprachgebrauch stets Nick. Joshua und er können sich gut in die Augen sehen – Nick ist nur ein winziges Stück größer. Nick hat braune Augen, die gerade recht wütend funkeln. Die blonden Haare sind Schlafzimmer-mäßig verwuschelt und offensichtlich-unoffensichtlich frisiert. Dazu trägt er passend einen schwarzen Kapuzenpullover, schwarze Hosen und dunkle Schuhe. Die Arme sind vor der Brust verschränkt, um seinem Ärger noch mehr Ausdruck zu verleihen.

»Wie respektlos kann man eigentlich sein?!«, empört sich Vanessa hingegen. Sie stemmt die Hände in die Hüfte und zieht die Augenbrauen zusammen. »Josh hat vor zwei Wochen seinen Vater verloren! Sei mal etwas feinfühliger!«

»Das war vor zwei verfickten Wochen!« Nick verdreht die Augen. »Wenn er nicht klarkommt, soll er gefälligst zu Hause bleiben!«

Nick macht einen Schritt nach vorn – Joshua weicht demütig zur Seite. Er ist zu müde, um sich mit einem aufmüpfigen Kerl wie Nick so früh am Morgen anzulegen, vor allem, wenn er weiß, dass Nick jemand ist, der sich niemals ändern wird.

»Geh gefälligst auf der anderen Straßenseite, wenn du uns nicht ertragen kannst«, schießt Marco zurück und wird absichtlich von Nick angerempelt, als sich der in Richtung Schuleingang vorbeidrückt. Ein Mittelfinger, ohne rückwärtigen Blick, ist alles, was sie noch von Nick erhalten. Joshua seufzt.

»Na herzlich willkommen zurück.« Marco zuckt hilflos mit den Schultern, ehe er die Hände in die Hosentaschen schiebt und den Dreien voran Nick hinterher stapft. Schließlich müssen sie auch irgendwann mal in den Unterricht. Joshua muss sogar ein wenig lächeln. So schlimm ist es bis jetzt gar nicht, aber der große Auftritt vor der Klasse steht ihm ja auch noch bevor.

Joshua atmet tief durch, als sie vor der Tür der besagten Klasse ankommen. Marco und Ness sehen ihn noch kurz an, als würden sie stumm um seine Erlaubnis fragen wollen, eintreten zu dürfen. Joshua nickt. Er hat sich freiwillig hierfür entschieden und wenn es wirklich nicht mehr gehen sollte, weiß er ja Marco und Vanessa bei sich, die ihn verteidigen. Hat er ja bei Nick gut zu spüren bekommen, auch wenn es bei dem nicht nötig gewesen wäre. Er kennt Nick und seine Ausbrüche schon so lange. Das ist Alltag.

Was er auch kennt, sind die Blicke, die jedem zugeworfen werden, der ins Klassenzimmer platzt. Egal ob Lehrer, Direktor, Eltern oder – wie jetzt – ein zurückkehrender Schüler. Joshua ist sich aber sicher, dass ein hereinkommender Lehrer nicht so eine Welle an Geräuschen auslösen würde, sobald er den Raum betritt. Er kann nur die Augen aufreißen und schützend die Hände heben, da ist er auch schon von der Hälfte seiner Klasse umringt.

»Mein Beileid, Joshua.«

»Tut mir echt leid.«

»Das muss so schrecklich sein.«

Joshua zwingt sich ein Lächeln auf. »Alles in Ordnung. Macht euch keine Gedanken.«

Die Mädchen erwidern sein Lächeln erfreut oder seufzen erleichtert, hingegen die zwei Jungs, die unter ihnen sind, nickend zurück zu ihren Plätzen schlurfen. Joshua weiß, dass viele von ihnen nicht wirklich mit ihm trauern. Sie machen das nur für’s Image. Aber das ist okay, solange sie sich so einfach abspeisen lassen, wie gerade eben.

Ein genervtes Stöhnen lässt Joshua neugierig aufsehen, weg von den Mädchen, die noch immer bei ihm stehen.

»Jetzt macht mal alle halblang!« Nick sitzt in der hintersten Reihe, den Ellenbogen auf der Tischplatte aufgestützt und den Kopf lustlos in der Handfläche liegend. Sein finsterer Blick ist auf Joshua und seine kleine Gruppe gerichtet. »Er hat’s überlebt! Beruhigt euch wieder, verdammte Scheiße!«

»Alter, wie herzlos bist du bitte?«, schnauzt eines der Mädchen zurück und rümpft die Nase. Nick verdreht nur die Augen und richtet den Blick aus dem Fenster, an welchem er direkt sitzt.

»Wie gemein … «, nuschelt ein anderes Mädchen. Joshua hat sich noch nie die Mühe gemacht, all die Namen zu lernen, wo doch immer wieder die Kurse und damit auch die Kursteilnehmer wechseln.

Er löst sich von ihnen, um sich zu Marco und Vanessa zu setzen, die bereits in ihrer Reihe Platz genommen haben. Das ist auch das Stichwort für die restlichen Schüler, sich ihren vorherigen Gesprächen zu widmen und sich zu setzen. Joshua fällt eine ungeheure Last von den Schultern, von der er nicht mal wusste, dass sie so schwer war. Wenn das bei jedem Kurs heute so abläuft, hat er sich die letzten Tage umsonst so viele Gedanken gemacht. Aber er ist froh, dass es so ist. So interessant ist er anscheinend doch nicht – beschweren wird er sich nicht.

»Tut mir leid, dass es so doof gelaufen ist«, brummt Vanessa neben ihm, verschränkt die Arme auf der Tischplatte und legt den Kopf auf ihnen ab, den Blick auf Joshua gerichtet.

»Kannst ja nichts dafür«, zuckt der nur mit den Schultern. Er fährt zusammen, als Vanessa plötzlich in die Senkrechte schießt, als hätte sie etwas gestochen. Auch Marco rechts neben der Pinkhaarigen erschreckt sich und fällt dabei beinahe vom Stuhl. Er greift sich an die Brust.

»Ness, verdammt … «, motzt er mit zusammengezogenen Augenbrauen.

»Wir müssen noch ein Foto machen!«

Die Jungs schenken ihr lediglich verwirrte Blicke.

»Bitte?«

Aber da hat Vanessa schon ihr Handy aus ihrer Tasche gezogen, mit ausgestrecktem Arm vor sich gehalten und ein Bild gemacht. Sie ist die Einzige, die breit und glücklich in die Kamera grinst – die Jungs starren planlos und unvorbereitet.

»Damit die auch alle gleich wissen, dass du wieder da bist.«

»Ness … « Marco wischt sich über das Gesicht. Und dann ist das Bild gepostet. Joshua hat noch einen Schriftzug und ein paar Emojis erkannt, bevor es in die Weiten des Internets abgehauen ist. »An wen hast du es geschickt?«

»Na an alle.« Vanessa sieht ihn sorglos an und zuckt mit den Schultern.

»Du bist unmöglich.« Marco bleckt genervt die Zähne. »Immer das dumme Handy am Start und uns missbrauchst du dafür auch noch.«

»Was kann ich dafür, dass du einfach nicht fotogen bist?«, kontert Vanessa mit frechem Grinsen.

»Wer hat das denn jetzt gesagt?!«

»Ah, Herr Seidler. Sie sind also wieder da.«

Joshua zuckt zusammen, als die ruhige, nüchterne Stimme seines Lehrers durch den nun still gewordenen Raum zu ihm dringt. Er hat gar nicht gemerkt, wie der Grauhaarige den Raum betreten hat, aber so laut wie Ness und Marco waren, ist das wahrscheinlich auch kein Wunder. Mit einem wackeligen Lächeln sieht er den älteren Mann an und nickt, weil er gerade nicht in der Lage ist, etwas zu erwidern. Herr Seidler. Das war immer sein Vater …

»Handy weg.«

Der unbarmherzige Blick des Lehrers trifft sie und Vanessa leistet dem Befehl stumm und flink Folge. Mittlerweile weiß jeder von ihnen, mit welchen Lehrern man sich besser nicht anlegen sollte. Zwölf Jahre Schule bringen also doch was.

»Das hast du davon«, kann sich Marco nicht verkneifen zu zischen, nachdem der Lehrer mit dem Unterricht beginnt und Vanessa noch immer einen hochroten Kopf hat. Normalerweise verstehen sich die Zwei blind, doch manchmal kann Marco genauso seine Tage haben wie Vanessa, und dann ist mit keinem von Beiden wirklich gut Kirschen essen. Vor allem beim Thema Privatsphäre ist Marco sehr empfindlich, weil man schon mal unangenehme Bilder von seiner Schwester veröffentlich hat und sie die restlichen Jahre in der Schule stark gemobbt wurde, bevor sie ihren Abschluss hatte. Marco hat es gehasst, sie so leiden zu sehen, und er hat sich wahrscheinlich noch viel mehr selbst gehasst, dafür, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Wie sagt man so schön? Das Internet vergisst nie. Die Bilder zu löschen hat deswegen auch nicht viel geholfen.

Vanessa kennt die Geschichte und weiß damit eigentlich, dass sie da bei Marco auf dünnem Eis steht. Lassen kann sie es trotzdem nicht. Sie ist süchtig nach ihrem Handy, nach den ganzen Apps, Social Media, aber zugeben würde sie es nie.

»Blödmann«, zickt sie zurück, schnappt sich ihren pinken Kugelschreiber und ihren Block und schreibt den Eintrag an der Tafel ab, ohne Marco noch eines Blickes zu würdigen. Auch Joshua folgt ihrem Beispiel.

Sie haben Geschichte. Und da sie die letzten zwei Jahre immer nur über den Holocaust gesprochen haben, findet Joshua schnell in den Stoff zurück – lehnt sich sogar zur Hälfte der Stunde gelassen in seinem Stuhl zurück und lässt Ness kleine Herzen und Sterne auf den Rand seines Blocks kritzeln. Mit der linken Hand hält sie den Stift, während die Andere unter dem Tisch schon wieder nach ihrem Handy greift und blind nach neuen Nachrichten sucht. Joshua muss ein Seufzen unterdrücken. Aber vielleicht ist das besser, als ein Gespräch über seinen Vater mit ihr. So wie er sie kennt, muss sie sich bestimmt zwingen, ihn nicht ständig darauf anzusprechen.

Vanessa kann Unruhe und Streit innerhalb der Familie oder zwischen ihren Freunden nicht ertragen. Deshalb schlichtet sie, wo es nur geht, und leidet selbst an der Situation, obwohl sie nicht mal betroffen ist. Und wenn jemand dumm kommt, ihre Liebsten angreift, dann hat sie kein Problem damit, selbst Streit anzuzetteln. Eine Heilige ist sie also auf keinen Fall. Nur sehr sensibel.



~+~



In den letzten zwei Stunden haben sie Sport. Joshua hasst dieses Fach. Zumindest heute tut er das. Der Lehrer behandelt ihn wie ein rohes Ei und färbt damit auf seine Kurskameraden ab. Joshua muss sich förmlich zwingen, nicht auszurasten und sie alle zusammenzustauchen, dass sie gefälligst normal mit ihm umgehen sollen, aber das bringt er dann doch nicht über sich. Sie versuchen ja nur ihm zu helfen. Deshalb bleibt er stumm, als er sein Fußballteam wählen darf. Oder als sein Lehrer sofort bei ihm ist und ihn umsorgen will, wie eine Glucke, nur weil er den Ball voll in den Magen bekommt. Joshua lächelt nur, winkt ab und versucht die Anderen mit ein paar Worten zu beruhigen. Er ist doch nicht sterbenskrank!

Und der Einzige, der das ähnlich zu sehen scheint, steht ihm gerade dicht gegenüber und versucht ihn mit seinen Blicken zu erdolchen.

Nick schnaubt. »Ich scheiß auf deine Gefühle. Wenn wir spielen, dann spielen wir richtig. Und heul nicht rum, nur weil man dich nicht wie ein verficktes Prinzesschen behandelt.«

»Werd‘ ich nicht.« Joshua lächelt und bringt Nick dadurch aus dem Konzept. Dem Blonden kriecht eine leichte Röte auf die Wangen. Er dreht ruckartig den Kopf zur Seite, um sich nicht noch mehr zu blamieren und – um sich abzulenken – seinen Lehrer laut anzumotzen: »Geht’s jetzt dann mal weiter, oder was?«

»Hätte ja sein können, dass ihr noch ein wenig Zeit zu Zweit haben wollt.« Fabian – ein trainierter, großgewachsener braunhaariger Kerl – hat die Arme vor der Brust verschränkt und grinst Nick verschmitzt an. Der wird noch eine Spur röter.

»Halt die Fresse!«

»Herr Haltermoos!«

Nick stößt einen verächtlichen Laut aus, bleibt jedoch still. Der Lehrer schüttelt den Kopf, ehe er den Ball zu Nick und Joshua wirft, die in der Mitte des Feldes stehen und für den Anstoß verantwortlich sind.

Nick ist wirklich unbarmherzig. Das hat Joshua schon vorher festgestellt, aber nun da sie beide dicht beieinander spielen, ist es noch schlimmer. Immer wieder wird er angerempelt, zur Seite gestoßen und spürt einen Ellenbogen zwischen seinen Rippen. Mehr als einmal rufen die Anderen ein Foul aus, doch Nick ist nicht zu bremsen. Als würde da so viel Hass in ihm brodeln, den er irgendwie versucht zu kontrollieren und dennoch daran scheitert. Aber Hass auf wen? Joshua? Der hat ihm doch nichts getan …

Joshua springt vor dem gegnerischen Tor auf und ab, wedelt mit den Armen, um auf sich aufmerksam zu machen, dass er einen Kopfball versuchen möchte. Fabian sieht ihn tatsächlich und fokussiert ihn direkt. Aber auch Nick schaltet schnell. Hastig sprintet er zu Joshua und springt gleichzeitig mit ihm nach oben, als Fabians Ball in ihre Richtung donnert.

Joshua reißt überrascht die Augen auf, als er seinen Kopf ins Leere haut, gleichzeitig jedoch ein dumpfer Aufprall zu hören ist. Noch während er im Flug ist, sieht er zur Seite, zu Nick, nur um mit anzusehen, wie sich der Ball in das Gesicht des Blonden bohrt. Joshua landet sicher auf den Füßen – Nick reißt es rückwärts zu Boden. Er prallt hart auf, der Ball springt von ihm weg und offenbart eine blutige Nase. Nick stöhnt und drückt sich die Hand auf die getroffene Stelle.

»Sorry!«, ruft Fabian durch die Halle.

»Herr Haltermoos!« Trampelnde Schritte ihres Lehrers sind zu hören.

Joshua beugt sich zu Nick, besieht sich dessen vor Schmerz verzogenes Gesicht, in welchem durch Nicks Hand gerade das Blut verteilt wird, und streckt dem Blonden schließlich helfend die Hand hin. Verkrampft sieht Nick ihn an, schnaubt dann jedoch nur und stemmt sich selbstständig nach oben.

»Ich brauch deine scheiß Hilfe nicht!« Der Blonde wendet sich von ihm ab, geht seinem Lehrer entgegen und verschwindet schlussendlich mit diesem im Krankenzimmer der Sporthalle.

»Ihr anderen räumt schon mal auf!«, lautet noch eine knappe Anweisung des Lehrers, dann knallt die Tür zu. Die Schüler geben sich nach einigen Minuten murrend geschlagen, obwohl die Sportstunde eigentlich erst in einer halben Stunde vorbei ist.

»Du musst nicht mithelfen, Josh«, sagt ihm Paul, als Joshua am Tor mit anpackt, um es zurück in die dafür vorgesehenen Räume zu tragen, die an die Turnhalle anschließen. Ein großer, schwarzhaariger Kerl auf der anderen Seite des Tores nickt bekräftigend.

Joshua aber hebt nur lächelnd seinen Teil des Metalls hoch. »Es ist nett, dass ihr euch so sorgt, aber ich will wirklich wie immer behandelt werden. Bitte.«

»Okay.« Paul nickt zögerlich, bleibt dann stumm und packt selbst am Tor mit an.

»Das ist doch nicht zum Aushalten!« Nicks Brüllen hallt durch die gesamte Halle. Er ist also wieder zurück.

Joshua dreht den Kopf. Der Blonde steht mit vor der Brust verschränkten Armen neben der Tür und sieht zornig zu ihnen hinüber. Ein Stück Stoff klemmt ihm an der leicht blauen Nase, aber Blut scheint keines mehr zu fließen.

»Als wäre er schwanger!«, echauffiert er sich weiter und bleckt die Zähne. »Kommt mal wieder runter!«

»Du kannst auch nur danebenstehen und rumschreien, oder?« Marco holt mit dem Fuß aus und befördert den Fußball vor sich mit so einem hassgetränkten Schwung zu Nick, dass dieser den Ball nur knapp mit den Händen aufhalten kann, ehe er seinen Magen getroffen hätte. Die dunklen Augen sind erschrocken geweitet.

»Es ist immer dasselbe mit ihm … «, seufzt Paul neben Joshua und schüttelt leicht den Kopf. Sie verräumen das Tor, während Joshua erst Nick und Marco, dann schließlich noch seinen Sportlehrer rummeckern hört, aber er blendet ihre Worte aus.

Es ist gut, wieder zurück zu sein. Auch wenn Nick das wahrscheinlich nicht so sieht.





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