Sprich mit mir

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
Alex Verus Variam Singh
22.06.2019
22.06.2019
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Übersetzung meiner englischen Kurzgeschichte; das Original könnt ihr bei Interesse hier: https://archiveofourown.org/works/19283494 finden

Ich wollte nur eines, als ich in meinen geheimen Unterschlupf in Wales zurückkehrte – allein sein. Drei Tage waren seit dem Überfall auf Anne vergangen, aber meine Hände zitterten noch immer wenn ich daran dachte, was diese Bastarde ihr angetan hatten. Ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich sie auf diesem Tisch in dem Haus in Walthamstow liegen. Ihre Haut...Diese Bilder hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Sie verursachten mir Brechreiz und weckten in mir das Bedürfnis, mir die Seele aus dem Leib zu schreien. Ich hatte so etwas nie zu zuvor gesehen und hoffte inständig, dass ich es auch nie wieder sehen müsste. Ja, sie würde sich erholen und es würde ihr irgendwann wieder gut gehen – zumindest körperlich. Aber wie konnte man solche grauenhaften Erlebnisse jemals wieder vergessen?

Ich erinnerte mich noch gut an den Tag zurück, an dem ich Anne den Rat gegeben hatte, sich Hilfe zu suchen, um mit ihrer Vergangenheit abschließen zu können, sei es mit der Zeit, die sie bei Sagash verbracht hatte, den Ereignissen im Rahmen des White Stone Turniers oder den Dingen, die in der darauffolgenden Zeit geschehen waren. Ich habe nie herausfinden können, ob sie ihre Therapeutin nach der ersten Probesitzung erneut aufgesucht hatte und war darüber regelrecht verärgert, da ich fest davon überzeugt war, dass eine solche Therapie ihr Leben zum Besseren verändert hätte, obwohl ich, um ehrlich zu sein, selbst keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen hatte, nachdem ich Richard entkommen war, obwohl ich damals völlig hoffnungslos und am Rande des Wahnsinns gewesen war. Anne und ich waren uns in vieler Hinsicht sehr ähnlich; wir versuchten immer, solche Dinge mit uns selbst auszumachen, was zwar gewissermaßen funktionierte, aber sicherlich alles andere als gesund war.

Ein plötzliches Geräusch von der Tür her ließ mich aufschrecken. Tief in Gedanken versunken war mir völlig entgangen, was um mich herum geschah – ein schwerer Fehler, der leicht mein letzter hätte sein können. Ich konzentrierte mich auf das, was in der unmittelbaren Zukunft vor mir lag und begann mich wieder zu entspannen.

„Komm rein Vari, es ist offen!“

„Hey Alex, alles okay? Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als ich dich nicht in der Senke finden konnte.“

Er betrat das Wohnzimmer und machte es sich auf dem Sofa bequem, unmittelbar neben dem Sessel, auf dem ich mich niedergelassen hatte. Ich strich mir mit den Händen durch die Haare und vermied es einen Moment lang ihn anzusehen; ich wollte nicht mit ihm über die Dinge reden, die mir durch den Kopf gingen, aber hinauswerfen wollte ich ihn ebenso wenig. Ich seufzte leise.

„Es tut mir leid, ich wollte euch nicht beunruhigen. Wie geht es Anne?“

„Sie wird sich erholen.“

Ich sah ihn argwöhnisch an. „Das war nicht meine Frage.“

Sein zu Boden gerichteter Blick sprach Bände und so fragte ich nicht weiter nach, deckte sich seine Reaktion doch mit dem, was ich bereits vermutet hatte.

„Kann ich irgendwas für dich tun?“

„Wie bitte?“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen und starrte ihn erneut an.

„Nun ja, ich dachte, du könntest vielleicht einen Tee oder etwas in der Art vertragen...“

Ich begriff noch immer nicht. Wovon redete er bloß?

„Ich kenne dich ja nun schon etwas länger, Alex – du kannst mir nichts vormachen. Ich bin zwar kein Weissager, aber ich weiß genau, wie du dich im Moment fühlst mit all diesen Gedanken, die dir durch den Kopf gehen.“

Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern. „Ich gewöhne mich langsam dran, mach dir keine Sorgen.“

„Okay, du willst also nicht darüber reden.“

„Hör zu, Vari – ich bin einfach nur müde, ich brauche eine Pause und muss einfach mal wieder eine Nacht lang durchschlafen, das ist alles. Nimm es mir nicht übel, aber...“

„Ich lasse dich nicht allein. Nicht heute Nacht. Nicht, wenn du so aussiehst wie jetzt gerade.“

„Was meinst du?“

Was stimmt nicht mit diesem Jungen?

Letztlich gab ich seufzend auf.

„Du kannst auf dem Sofa schlafen, ich nehme das Bett – ich bin ein alter Mann, ich muss es beim Schlafen weich und bequem haben.“

Er rang sich ein Lächeln ab, aber auch ohne meine Vorhersehung wusste ich, dass er die ganze Nacht über wach bleiben würde, immer wachsam. Ein wahrer Wächter – und ein wahrer Freund.

***

„Alex, wach auf! Wach auf, um Gottes Willen!“

Die Augen weit aufgerissen setzte ich mich in meinem Bett auf. Mein Herz raste und Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Atme! befahl ich mir selbst, Du musst atmen! Es dauerte viel zu lange bis mir bewusst wurde, dass Vari neben mir saß und mich völlig verängstigt anblickte.

„Mir geht’s gut“, versicherte ich ihm, „Nur ein Alptraum.“

„Willst du darüber reden?“

„Nein.“

Nur ein einzelnes Wort, um den Bildern entgegenzutreten, die mich immer und immer wieder heimsuchten. Nur ein einzelnes Wort, um die Erinnerungen an Gefangenschaft und Folter, an lähmende Furcht und entsetzliche Schmerzen, an Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit in den Tiefen meines Geistes wegzuschließen. Ich war 19 Jahre alt gewesen, fast noch ein Kind, als ich all das hatte erdulden müssen und jetzt, mehr als zwölf Jahre später, musste ich mich meinen Dämonen erneut stellen und für die Menschen arbeiten, die mir das Leben zur Hölle gemacht hatten. Es sollte mich wirklich nicht überraschen, dass die Träume zurückgekehrt waren. Alles, was mich im Moment davon abhielt, hemmungslos zu zittern, war Varis Stimme, als er mich zu beruhigen versuchte.

„Du sprichst so gut wie nie über das, was dir passiert ist...Setzt dir das, was dieser Abschaum Anne angetan hat, so sehr zu? Erinnert es dich an...du weiß schon – an früher?“

Ich wandte den Blick ab. „Das ist etwas anderes.“

„Du hast erzählt, dass sie dich gefoltert haben – Drakh und dieser Tobruk.“

„Ja, aber das lässt sich nicht mit dem vergleichen, was ihr zugestoßen ist – mich hat man nicht verstümmelt.“

„Macht das für dich wirklich einen Unterschied? Ich kann diesen Ausdruck in deinen Augen sehen, wenn du daran zurückdenkst. Du bist einer der mutigsten Männer die ich kenne, aber die Gedanken an deine Vergangenheit ängstigen dich zu Tode – weil du mit niemandem darüber reden konntest.“

“Bist du jetzt mein Therapeut?” witzelte ich, aber er blieb ernst.

“Du magst zwar keine sichtbaren Narben haben, aber tief in deinem Herzen...”

Ich zuckte zurück, als ich seine warme Hand auf meiner Brust spürte.

“Tief in dir drinnen trägst du noch immer blutende Wunden.”

“Vari...” murmelte ich und wandte mich ein Stück weit ab, wobei ich gleichzeitig nicht sicher war, ob ich wirklich wollte, dass er aufhörte. Er schien es zu spüren und ließ seine Hand, wo sie war.

“Du bist für so viele Menschen der Retter in der Not gewesen, aber ich bin wirklich davon überzeugt, dass es an der Zeit für dich ist, selbst einmal Hilfe anzunehmen.”

“Ich brauche keine Hilfe, es geht mir gut.”

„Du hast das gesamte Haus zusammengeschrien.“

„Es war einfach nur ein Alptraum, nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.“

„Du weißt selbst, dass du das in letzter Zeit ziemlich häufig sagst, oder?“

„Ja, weil es wahr ist!“

„Sie sind nie ganz verschwunden, oder? Deine Alpträume?“

Ich wollte eine spitze Bemerkung machen um ihn am Weitersprechen zu hindern, aber er fiel mir ins Wort.

„Ich habe dich gehört, weißt du? Als Anne und ich bei dir in der Wohnung gelebt haben. Du bist manchmal nächtelang im ganzen Haus auf und ab gelaufen und manchmal haben wir aus deinem Schlafzimmer furchtbare Schreie gehört. Eines Nachts habe ich dich auf dem Dach gesehen, du hattest deinen Mantel eng um dich geschlungen und in den Himmel gestarrt...“

Ich wandte mich ab, zu beschämt, um ihm in die Augen zu sehen. Er hatte so viel Anstand gehabt nicht zu erwähnen, dass ich in dieser Nacht geweint hatte, aber aus seinem Verhalten schloss ich, dass es ihm keinesfalls entgangen war.

Zeige niemals auch nur den kleinsten Funken Schwäche.

Es war die erste Lektion gewesen, die ich als Lehrling eines Schwarzmagiers gelernt hatte und seitdem hatte ich danach gelebt.

„Schon gut“, flüsterte Variam und legte seinen Arm um meine Schulter, wo die Wärme seines Körpers gegen die Kälte anzukämpfen begann, die ich in meinem Inneren verspürte. Vorsichtig beugte ich mich zu ihm hinüber und lehnte meinen Kopf an seine Brust. Für einen kleinen Moment gestattete ich es mir, ein Stück weit loszulassen, meine Augen zu schließen und dem beständigen Rhythmus seines Herzschlages zu lauschen.

„Schon gut, Alex“, sagte er noch einmal und strich mir mit seinen Fingern durch die Haare. Mit ihm an meiner Seite begannen die schmerzhaften Erinnerungen zu verblassen und es gab nichts, was ich mir mehr wünschte, als dass er bei mir blieb, obwohl ich nur zu genau wusste, dass ich nicht der Einzige war, der ihn jetzt brauchte.

„Verschwende deine Zeit nicht mit mir...Anne braucht dich.“

Du brauchst mich. Luna kümmert sich um Anne und ich werde mich um dich kümmern. Es sei denn, du möchtest, dass ich gehe.“

Er sah mich fragend an, was mich dazu veranlasste, einen kurzen Blick in die Zukunft zu werfen. Er sagte die Wahrheit – wenn ich ihn auffordern würde zu gehen, würde er genau das tun. Das Problem war nur: Ich wollte unbedingt, dass er blieb. Hier an meiner Seite, mich haltend, mich liebkosend – oh! Das hatte ich bis eben noch nicht kommen sehen. Es mochte selbstsüchtig klingen, aber was ich soeben gesehen hatte überzeugte mich nun vollends davon, dass ich ihn bei mir behalten wollte.

Ich bin ein ehrlicher Mensch. Das Problem daran ist, dass man mir meine Gefühle für gewöhnlich sehr genau ansieht und genau das brachte Vari gerade dazu, in lautes Gelächter auszubrechen.

„Hast du schon wieder meine Gedanken gelesen?“

„Du weißt ganz genau, dass ich dazu nicht in der Lage bin.“

„Schon, aber ich weiß ganz genau, wozu du in der Lage bist. Ich gehe also fürs Erste nicht davon aus, dass du möchtest, dass ich in die Senke zurückkehre?“

„Nein“, murmelte ich und lehnte meinen Kopf erneut an seine Brust, „Mir wäre es lieber, wenn du heute Nacht bei mir bleiben könntest.“

„Na dann – rück rüber.“

Variam wartete geduldig, bis ich mich von ihm gelöst hatte und stand dann vom Bett auf, um sich seiner Kleidung zu entledigen.

„Es macht dir doch nichts aus, oder?“ grinste er.

Ich starrte ihn an, als hätte ich ihn nie zuvor gesehen, und schluckte schwer.

„Nicht im Geringsten.“

Letztendlich begann er seinen Turban zu lösen. Da ich ihn bisher nie ohne seine Kopfbedeckung gesehen hatte war ich umso überraschter darüber, wie lang und weich sein Haar war, das sich nun leicht wellte, nachdem es den ganzen Tag über in einem festen Knoten hochgebunden gewesen war.

„Wir lassen uns nicht die Haare schneiden“, erklärte er, als ihm auffiel, wie fasziniert ich ihm zugesehen hatte. Er hob die Bettdecke an und schlüpfte unter die Laken, dicht an mich heran.

Ich spürte, wie mein Körper sich anspannte und verlor ein Stück weit mein Selbstvertrauen. Was tat ich hier bloß gerade? Variam hatte nach mir sehen wollen, weil er sich Sorgen gemacht hatte und nun waren wir kurz davor – nun ja, was eigentlich genau zu tun? Natürlich hätte ich auch jetzt wieder einen Blick in die Zukunft werfen können, aber ich wollte nicht alles ruinieren. Unsere Beziehung zueinander war in der letzten Zeit immer enger geworden, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es sich so entwickeln würde – was ich allerdings keinesfalls bedauerte. Ich konnte es nur nicht recht in Worte fassen.

Er streckte die Hand nach meinem Gesicht aus, streichelte zärtlich meine Wange und küsste mich schließlich auf die Stirn. Seine zärtlichen Berührungen jagten mir Schauer über den Rücken.

„Geht es dir gut?“

Ich nickte eilig und begann, seine Bewegungen nachzuahmen. Ich ließ mir viel Zeit damit, meine Hände durch sein Haar gleiten zu lassen. Letztlich trafen unsere Lippen aufeinander und ich war endlich in der Lage, mich vollkommen fallen zu lassen und alles außer Vari zu vergessen. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich vollkommen sicher.

***

Ich erinnere mich nicht mehr daran eingeschlafen zu sein, aber als ich am nächsten Morgen erwachte war Vari noch immer da; er lag neben mir und hielt mich in seinen Armen. Sein Haar war über das Kissen ausgebreitet und ich nutzte die Gelegenheit, es noch einmal zu berühren, wodurch er erwachte.

„Morgen“, flüsterte er und gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze, bevor er mir sanft über die Wange streichelte, „Gut geschlafen?“

„Sehr gut. Und du?“

„Fantastisch. Hattest du wieder Alpträume?“

„Keinen einzigen. Dank dir.“

„Gern geschehen. Wenn ich wieder vorbeikommen soll melde dich einfach, dann bin ich in einer Minute da. Jederzeit.“

„Danke, Vari. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich jemals dafür revanchieren soll.“

Ein breites Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht.

„Es genügt mir, wenn wir nicht in der Öffentlichkeit Händchen halten müssen.“
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