Der Hypochonder

DrabbleHumor / P6
22.06.2019
22.06.2019
1
401
15
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Die Apothekerin war jung, ungefähr in seinem Alter. Sie hatte rosa gefärbte Haare, graue Augen und ein rundes Gesicht. Ihre Stimme war hoch. “Die Schilddrüsenhormone sollten Sie eine halbe Stunde vor dem Frühstück einnehmen. Allerdings nicht zusammen mit den Eisentabletten, sonst können sich Komplexe bilden.”
“Ah”, sagte er. Er hatte keine Ahnung, was Komplexe waren, aber es hörte sich komplex an.
“Also kann ich die Eisentabletten beim Frühstück nehmen?”
“Nein, die müssen nüchtern genommen werden. Sie könnten Sie eine Stunde vor dem Frühstück nehmen.”
“Eine Stunde vor dem Frühstück schlafe ich noch.”
Sie lächelte. “Ja, ich auch.”
Er lächelte zurück.
“Dann nehmen Sie sie einfach im Laufe des Tages zwischen den Mahlzeiten. Warten Sie, ich schreibe Ihnen das alles auf.”
Sie strich sich eine rosa Strähne hinters Ohr. Dann notierte sie die Angaben für die Schilddrüsenhormone auf einem gelben Zettelblock, zog den obersten Zettel herunter und heftete ihn auf die Medikamentenpackung. Mit zwei Fingern strich sie fest über den Klebebereich. Ihre Fingernägel waren türkis lackiert. Während sie dasselbe für die Eisentabletten wiederholte, sah er auf das Namensschild auf ihrem Kittel. Sie hieß Yvonne. Sie überreichte ihm die Medikamente in einer kleinen Papiertüte. “Gute Besserung.”
Zuhause betrachtete er die gelben Notizzettel. Die Buchstaben hatten zum Teil Schnörkel, eine Schreibschrift, die nicht ganz zur Druckschrift geworden war. Die Zeilen waren sehr gerade.
Von da an ging er öfter in die Apotheke.
Er kaufte Pflaster und Verbandszeug, Wund- und Heilsalbe, für den Fall der Fälle. Er kaufte Vitamintabletten und  Nahrungsergänzungsmittel. Magnesium für die Muskeln, Vitamin D für den Winter,  Vitamin A für die Augen. Er kaufte Tempotücher, Hustenbonbons, Badelotion, Vitalisierungsdusche, Sonnencreme, Gesichtsspray und Handcreme.
Irgendwann hielten ihre Finger beim Verpacken inne und verharrten auf der Papiertüte. Die Nägel waren diesmal rosa. Dafür waren ihre Haare jetzt türkis.
“Sie kommen ganz schön oft hierher.”
Seine Hand, die gerade einen Schein aus dem Portemonnaie zog, erstarrte. “Ja.”
“Um”, sie strich sich durchs Haar, “lachen Sie, wenn ich falsch liege, aber... könnte es sein, dass Sie...”
Sein Mund wurde trocken. Dafür wurde seine ums Portemonnaie gekrampfte Hand schweißnass. “Dass ich was?”, krächzte er.
Sie sah beiseite. Dann blickte sie ihm in die Augen. “Dass sie ein Hypochonder sind?”
Review schreiben