Die Tiefe Welt

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Ritter & Krieger
21.06.2019
14.02.2020
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Kapitel Achtunddreißig
Die Schande des Ordens




„Träume sind Erinnerungen an Ereignisse, die der Weltstein uns noch nicht offenbart hat“


Altes Sprichwort der Elorká
(mündlich überliefert)



„Hier beginnt es…“

Die Stimme erklingt geisterhaft in der Höhe und dröhnt ohne Hall in der gewaltigen Kathedrale, die sich in alle Richtungen ausdehnt. Die Kuppel, die sich über ihrem Kopf spannt, ragt so weit hinauf, dass ihr Zenit gar nicht zu erkennen ist. Weißer Stein, durchsetzt mit verschlungenen Äderchen und verwirrenden Linien aus Bekräftigtem Rubin. Fraktale Muster, welche die weiße Welt in Millionen, Milliarden nachlässig zusammengefügter Scherben gliedern. Alles scheint sich zu bewegen. Der helle Marmor zersplittert vor ihren Augen, zerstäubt wie Pulver in einem Luftzug und lässt das unheilige rote Licht hervorbrechen. Im nächsten Moment fügen sich die winzigen Bruchstücke wieder zusammen, bilden feste Strukturen und das Rot verschwindet. Aber nur für kurze Zeit.

Naka Shuri wandelt langsam durch das gewaltige Amphitheater, das sich unter der immer wieder zerfasernden Rotunde befindet. Marmorne Bänke, soweit das Auge reicht. Übereinandergestapelt in endlosen Etagen. Hin und wieder werden ein paar der Myriaden Sitzplätze zerstört und durch Säulen aus Rubinlicht ersetzt, bevor sie sich von selbst wieder zusammenfügen. In der Mitte des Runds, am Grunde des Theaters, befindet sich eine mehrere Schritte durchmessende Freifläche, auf der ein einsames Rednerpult steht. Von der Decke der Kuppel hängen zahlreiche Stoffbänder in die Halle hinab, die zumindest ein wenig Farbe in diese größtenteils monochrome Welt bringen.

Die Tu‘Ergâ sieht das Edelsteinbanner des Königreichs Kristallherz in den Farben Blau, Gelb und Grün.
Die schwarze Flagge des Hängenden Reiches, mit dem weißen, vierflügeligen Lederdrachen darauf.
Die zahlreichen Wimpel und Fahnen der Stadtstaaten, die in der Granitenen Union versammelt sind.
Und ein Banner, ganz in weiß, auf dem nur ein rotes Muster aus Zacken und Linien zu sehen ist, welches sie nicht erkennt.

Die einsame Statue eines Elorká steht am Rednerpult. Ebenfalls gefertigt aus weißem Stein und mit düsterroten Edelsteinen in den Augenhöhlen. Er ist noch jung, das Fell an Kopf und Rücken gesträubt und er hat beide Hände wie ein Schauspieler theatralisch in die Luft erhoben. An seinem Leib trägt er eine prachtvolle Rüstung, die mit einem stilisierten Wappen geschmückt ist: Eine Höhlenspinne, auf deren Hinterleib sich zwei gekreuzte Klingen befinden. Offensichtlich hält er gerade eine flammende Rede, doch von einem Publikum ist nichts zu erkennen.

Als Shuri den Kopf dreht, erkennt sie, dass dies nicht zutrifft. Sämtliche Sitzbänke sind belegt mit weiteren Skulpturen, die dem Redner zugewandt sind. Es müssen hunderte, wenn nicht gar tausende Zuhörer sein, die allesamt von rötlichem Elmsfeuer umspielt werden. Einige von ihnen wirken geistesabwesend und desinteressiert, doch die meisten beteiligen sich anscheinend an einer hitzigen Diskussion. Die meisten Personen, die von den Statuen repräsentiert werden, sind ihr völlig unbekannt, doch einige von ihnen erkennt Shuri.

Auf einer der Bänke in der ersten Reihe sitzt sie selbst, Tarfaala befindet an ihrer Seite. Direkt neben ihnen steht ein hünenhafter, breitschultriger Tu’Ergâ, der eine Augenklappe im Gesicht trägt und dessen Namen sie nicht kennt.
Auf einer zweiten Bank hat Naka Delewa Platz genommen. An der Seite ihrer Mutter erkennt Shuri eindeutig den Ritter Mandas Glostio und ein äußerst skurriles Wesen: Einen Bolokh mit gefletschten Nadelzähnen, der in zivilisierte Kleidung gezwängt ist.

Weitere Bolokhs sind im Hintergrund zu entdecken: Ungeschlachte Gestalten in Lendenschurzen, die mit Faustkeilen, Knüppeln und Sichelschwertern bewaffnet sind.
Direkt daneben sind Messingsoldaten zu finden. Die Krieger der Heiligen Republik verstecken sich förmlich hinter ihren mächtigen Rundschilden und halten breite Schwerter, Krummdolche und massive Gewehrläufe erhoben.
An einer anderen Stelle des Amphitheaters stehen Elorká, die wild und gefährlich aussehen. Sie sind bekleidet mit Monturen, die sie eindeutig aus Kristallherzer Uniformen zusammengestückelt haben. In ihren Händen ruhen Äxte, Keulen und Messer, zum Angriff erhoben.

Und ganz weit im Hintergrund, wo Shuris Blick beinahe in waberndem Dunst vergeht, entdeckt sie Drér-Maschinen. Unmengen von Drér-Maschinen, die sich wie eine Flutwelle auftürmen. Zwicker, Gladiatoren, Millionenfüßer, Metallklopfer, Gusseiserne Henker, Stahlkolosse, Automatenherzöge…

Inmitten dieses Strudels aus technologischer Bosheit erkennt Shuri ganz deutlich das Gesicht eines Tu’Ergâ. Es ist ausdrucksstark und von unnachahmlicher Schönheit, mit attraktiven Zügen und großen, unergründlichen Augen. Und es ist ein Antlitz, das Naka Shuri kennt! Sie hat es schon oft gesehen, als sie zusammen mit ihren Eltern die Tempelpyramiden in Kristallherz aufgesucht hat: Es ist Gorume, der Metallene Götze der Lust, der Ausschweifung und des Hedonismus. Ein göttliches Wesen, welches seit alters her über alle Mitglieder des gehörnten Volkes wacht und nun Seite an Seite mit dessen Erzfeinden marschiert…

„Hier endet es…“

* * *

Naka Shuri erwachte aus dem Albtraum und schlug die Augen auf. Sie lag auf der großen Schlafstatt in dem Gästezimmer, dass die Familie Mandas ihnen freundlicherweise überlassen hatte. Ihre Begleiterin Tarfaala hatte sich an ihrer Seite zusammengerollt und schnarchte Shuri unangenehm ins Ohr. Vor den verglasten Fenstern des Raumes herrschte tiefe, alles verschlingende Dunkelheit. Die Zeit der Erleuchtung und der Anbruch der neuen Lichtperiode waren augenscheinlich noch nicht gekommen.
Mit einem unterdrückten Stöhnen legte sich Shuri einen Unterarm über die Augen und kämpfte gegen den leichten Kopfschmerz an. Sie wusste nicht, wie viele Stunden seit dem Gespräch mit Mandas Glostio vergangen waren, doch sie ahnte, dass sie viel zu wenig geschlafen hatte. Gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie keine Ruhe mehr finden würde. So war es immer, wenn sie in ihren Träumen die weiße Welt der Statuen besuchte.
Der Bekräftigte Diamant musste schuld sein! Seitdem sich der Stein in ihrem Besitz befand, sah sie jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, diese merkwürdigen Bilder vor sich. Personen, die sie noch nie gesehen hatte. Leute, die sie zwar kannte, die aber bereits verstorben waren. Dinge, die so fantastisch anmuteten, dass Shuri sie kaum glauben konnte. In der Wissenschaft war bekannt, dass Bekräftigte Juwelen einen kleinen Teil der in ihnen gespeicherten Energie wieder an die Umwelt abgaben. Minimale Fehler beim Steinschliff oder winzige Lufteinschlüsse im Kristall waren dafür verantwortlich. Und da der Bekräftigte Diamant glühte wie ein Kohleofen hatte Shuri die leise Befürchtung, dass dessen Energieabstrahlung langsam ihr Gehirn röstete und all diese schrecklichen Träume auslöste.
Ich muss dieses Ding loswerden… so schnell wie möglich!‘, dachte sie ermattet und versuchte, das langsam verwehende Panorama des Traums in ihrem Verstand zu behalten. Sie hatte darin ihre Mutter wiedergesehen, wenn auch nur als Skulptur, und das gab ihr neue Hoffnung. Sie wusste zwar, dass man nicht zu viel in irgendwelche Trugbilder, die man im Schlaf sah, hineininterpretieren sollte, doch sie betete darum, dass sie ihre Familie sehr bald wiedersehen würde. Es war natürlich sehr wahrscheinlich, dass Naka Delewa noch am Leben war. Schließlich brauchten die königlichen Bekräftiger ihre Fähigkeiten, um die Produktion von Bekräftigten Diamanten wieder in Gang zu bringen. War dies erst einmal geschehen, war das Leben von Shuris Mutter jedoch keinen Beryllsplitter mehr wert.
Ich muss eine Lösung finden… Einen Weg, meine Eltern zu befreien…‘, schoss es der jungen Tu’Ergâ erneut durch den Kopf, während draußen vor dem Fenster die ersten Laternen in der Höhle entfacht wurden. ‚Nur noch ein paar Lichtperioden… So weit ist es nicht mehr bis zum Letzten Loch. Die Ritter der Türme werden ganz bestimmt Rat wissen und uns helfen. Sie… sie müssen einfach…

Das Frühmahl war in der Tat so reichhaltig, wie Mandas Toton es versprochen hatte. Naka Shuri und Tarfaala saßen allein in dem großen Speisesaal, in dem bereits das Dunkelmahl stattgefunden hatte, und schlugen sich den Bauch mit den dargebotenen Speisen voll. Sie wussten nicht, wie lange sie bis zum Grauen Turm reisen würden und wie die Versorgungslage bei den Rittern aussehen würde.
Mächtige Tassen mit dickem, dunkelgrünem Algentee standen bereit und Shuri glaubte bereits am Geschmack erkennen zu können, dass die Mandas die Wasserpflanzen von einem ganz besonderen Züchter im Königreich Kristallherz importiert hatten. Das Aroma, dass ihnen aus den Krügen entgegenstieg, erinnerte sie eindeutig an Zuhause. Dazu gab es große Teller mit ‚Koleosaz‘, eine in der Union sehr gern gegessene Süßspeise aus verdickter Steinwühlermilch, die ungefähr die Konsistenz von Gelee angenommen hatte. Abgerundet wurde das Mahl durch hauchdünne Streifen gebratenen Lederdrachenfleisches, die großzügig mit Butter bestrichen und mit verschiedenen Salzsorten gewürzt werden konnten.
Während die Frauen schweigend aßen, hörten sie, wie der Ritter Mandas Glostio in einem Nebenzimmer aufgeregt mit seinem Vater diskutierte. Sie bekamen nicht jedes einzelne Wort mit, doch offensichtlich versuchte der Maschinenjäger zu erklären, warum er Shuri und Tarfaala zum Letzten Loch brachte, ohne ihre Geheimnisse ausplaudern zu müssen. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür und der junge Mann begab sich zu seinen neuen Gefährtinnen an den Tisch. Er war bereits in dunkle Reisekleidung aus Leder gewandet, die einen derben und unverwüstlichen Eindruck machte.
Zu gern hätte Shuri den Maschinenjäger in seiner ikonischen Rüstung voller Bekräftigter Saphire gesehen, doch sie konnte verstehen, dass diese kostbaren Schmuckstücke nicht sinnlos spazieren geführt wurden. Zumindest bestand die Waffe des Ritters aus Eidstahl, was den beiden Freundinnen ein Gefühl der Sicherheit gab. Die junge Tu’Ergâ kannte sich überhaupt nicht mit derlei Mordwerkzeugen aus und erfuhr erst jetzt, um was es sich bei einer ‚Tomanenza‘ handelte. Glostio erklärte, dass dies eine traditionelle Waffe der Gehörnten war, die noch aus der Zeit des Alten Imperiums stammte. Im Grunde genommen war eine Tomanenza eine lange Stange, an deren oberen Ende eine schwere, metallene Kugel befestigt war. Im Gefecht vereinte diese Waffe die taktischen Vorteile von Kampfstäben, Speeren und Streitkolben und konnte nur von geübten Händen eingesetzt werden.
Der Ritter aß nur wenig und drängte auf schnellen Aufbruch. Anscheinend hatte das Gespräch mit Tarfaala und Shuri während der letzten Lichtperiode ihn so sehr verstört, dass er die Angelegenheit zügig hinter sich bringen wollte. Die Frauen waren natürlich bereits angekleidet, schließlich war ihre Garderobe im Moment rar gesät, und holten nach dem Frühmahl nur noch ihr spärliches Gepäck. Glostio nutzte die Zeit, um sich von seinen Eltern zu verabschieden, wodurch Shuri ein weiteres Mal demonstriert wurde, dass sie sich nicht mit dem Familienleben in der Granitenen Union anfreunden konnte. Mandas Veca, die Herrin des Hauses, ließ sich erst gar nicht blicken, und zwischen Vater und Sohn wurde der Abschied per Handschlag besiegelt. Nur zwischen Glostio und seiner kleinen Schwester Drinah verlief die Trennung etwas emotionaler. Die beiden umarmten sich innig, wollten sich gar nicht mehr loslassen und der Ritter versprach, dass er sehr bald nachhause zurückkehren würde.

Die Geschichtsschreiber späterer Generationen würden sich hitzige Fachdiskussionen und Debatten liefern, ob der Maschinenjäger Mandas Glostio wirklich nicht geahnt hatte, was ihm blühte, oder ob er seine Schwester aktiv belogen hatte, um sie nicht zu verunsichern.

Der Ritter der Türme legte ein strammes Tempo vor und nahm nur wenig Rücksickt auf seine beiden Begleiterinnen. Zielstrebig führte er sie aus der Privatkaverne seiner Familie heraus und lotste sie daraufhin in einen mittelgroßen Stollen hinein, der eindeutig nicht in Richtung des Letzten Lochs führte.
„Wenn die Zell’Rathúr tatsächlich hinter euch beiden her ist, dann dürfen wir den Grauen Turm nicht direkt ansteuern. Genau auf diesem Weg werden uns die Agenten erwarten“, erklärte Glostio, während er sich auf seine Tomanenza stützte, die er wie einen Wanderstab benutzte. „Unser Weg führt stattdessen nach Feuerkessel, wo wir untertauchen werden. Dort ist immer etwas los, denn die große Gladiatorenarena, der Kessel, zieht zwielichtiges Volk aus der ganzen Tiefen Welt an. Wir nutzen das aufgeregte Gedränge in den Straßen um unsere Spuren zu verwischen und wählen dann eine Reiseroute, mit der die Kristallherzer nicht rechnen.“
Zu ihrer eigenen Überraschung konnten Tarfaala und Shuri mit der Geschwindigkeit des Maschinenjägers nicht nur mithalten, sondern ihn sogar bald überholen. Während Glostio sich in den letzten Wochen im Anwesen seiner Familie aufgehalten und dem Nichtstun gefrönt hatte, waren die beiden Frauen durch die halbe Welt gereist. Sie waren es mittlerweile gewohnt, mit straffem Schritt durch schlecht ausgebaute Tunnel zu marschieren und steckten die Strapazen des Weges sehr viel besser weg als noch vor einiger Zeit. Besonders Shuris Selbstvertrauen wurde dadurch gesteigert und schon bald übernahm sie die Führung der Gruppe, obwohl die Tu’Ergâ noch nicht einmal wusste, welchen Weg sie einschlagen sollten.
Mandas Glostio nutzte die Reisezeit und wollte alles über ihre potentiellen Gegner erfahren. Zuerst erkundigte sich der Ritter nach einigen allgemeinen Informationen über die Zell’Rathúr und ihre Organisationsstruktur, die natürlich größtenteils strikter Geheimhaltung unterlag. Recht schnell wurden seine Fragen jedoch expliziter. Er löcherte die Frauen über die Agenten, die Shuri und Tarfaala in der Silberkratzerhöhle aufgelauert hatten und wollte wissen, welche Waffen, Bekräftigte Edelsteine und Taktiken sie benutzt hatten.
„Erste Regel beim Orden der Türme: Greife keine Drér-Maschine leichtfertig an, wenn es nicht unbedingt sein muss! Zweite Regel beim Orden der Türme: Hochprozentiger Alkohol und gefährliche, energiegeladene Edelsteine sind keine gute Kombination. Dritte Regel beim Orden der Türme: Kenne deinen Feind!“, erklärte der Maschinenjäger seinen Gefährtinnen, als wären sie junge Rekrutinnen. „Bevor man uns am Anfang unserer Ausbildung auch nur eine Übungswaffe in die Hand gab, mussten wir die technischen Spezifikationen sämtlicher bekannten Drér-Konstrukte auswendig lernen, bis wir sie im Schlaf haargenau aufzählen konnten! Ich kann euch aus dem Stehgreif alle acht primären Schadenspunkte nennen, an denen man bei einem Metallklopfer einen erfolgreichen Angriff anbringen kann.“
„Das hört sich ja unglaublich langweilig an“, murmelte Tarfaala verhalten, der jegliches Verständnis für Maschinenkunde und Automatik vollkommen abging.
„Es ist staubtrockene, unglaublich zähe Materie, das stimmt. Aber wenn Ihr in der Verlorenen Tiefe jemals einem wütenden Metallklopfer gegenübersteht, der Euch mit seinen Vorschlaghämmern das Gesicht verschönern will, werdet Ihr dankbar für diese Unterrichtsinhalte sein“, erwiderte Glostio mit einem leisen Lachen. „Und dasselbe Prinzip müssen wir auf die Kristallherzer Agenten anwenden. Wenn wir ihre Schwachstellen kennen und wissen, wie sie im Einsatz agieren, bringt uns das in einem Kampf viele Vorteile.“
Ganz besonders interessierte sich der Ritter natürlich für den Anführer der Jagd auf Naka Shuri: Inspektor Rekel Avart. Er ließ sich von der Tu’Ergâ wieder und wieder jedes Detail über den Kampf in der Silberkratzerhöhle erzählen und versuchte, die Strategie des Mannes zu analysieren und mit seiner eigenen Ausbildung zu vergleichen.
„Ist das nicht verlorene Liebesmüh?“, fragte Shuri irgendwann, da sie am liebsten gar nicht mehr an ihren boshaften Häscher denken wollte. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Rekel Avart im Schlund eines Millionenfüßers gelandet ist! Der Mann ist auf jeden Fall tot, da bin ich mir sicher!“
„Das würde ich an Eurer Stelle nicht so laut sagen“, knurrte Mandas Glostio und in sein Gesicht trat ein harter, unnachgiebiger Ausdruck. „Die Metallenen Götzen finden es urkomisch, uns kleinen Sterblichen solche verfrühten Aussagen unter die Nase zu reiben. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass Euer Verfolger noch am Leben und einsatzbereit ist!“
„Das hört sich an, als würdet Ihr Rekel Avart gut kennen“, entgegnete Naka Shuri und sah ihren neuen Begleiter mit zusammengekniffenen Augen an.
Doch der Maschinenjäger schüttelte nur mit dem Kopf und meinte: „Persönlich bin ich ihm nie begegnet. Seine… seine Taten geschahen vor meiner Zeit beim Orden der Türme. Allerdings habe ich Geschichten gehört, die unter den Rittern über ihn kursieren und bin mit einem Mann vertraut, der den jetzigen Inspektor wohl etwas besser kennt.“
Daraufhin atmete Mandas Glostio tief durch und warf seinen Gefährtinnen einen sehr ernsten Blick zu, in dem eine große Menge Mitleid zu finden war. Schließlich sagte er mit düsterer Stimme: „Und wenn nur die Hälfte aller Legenden wahr ist, die über Rekel Avart im Umlauf sind, dann ist er der schrecklichste Gegenspieler, den man sich vorstellen kann…“

* * *

Wenn ein Tu’Ergâ in die höchsten Ränge der Kristallherzer Geheimpolizei aufsteigen wollte, dann gehörte er auch meistens zur höchsten gesellschaftlichen Schicht. All die Direktoren, Vizedirektoren, Inspektoren und Führungsoffiziere entstammten uralten Familien, die entweder adlig oder so vermögend waren, dass sie sich gut dotierte Posten kaufen konnten. Die ‚Augen des Opalpalastes‘, die Beschützer von Königsfamilie und Monarchie, durften schließlich nicht dem gemeinen Pöbel angehören, den sie unter Kontrolle halten sollten.
In dieser in sich geschlossenen Welt aus vornehmem Blut und geheimdienstlicher Verschwiegenheit bildete Rekel Avart die Ausnahme, welche die Regel bestätigte. Er gehörte zu keiner Herzogs- oder Fürstenfamilie und war alles andere als wohlhabend. Der Mann war noch nicht einmal im Königreich Kristallherz geboren worden, was jedoch von ihm und seinen Vorgesetzten sorgsam verschwiegen wurde. Um genau zu sein, war Rekel Avart genauso weit davon entfernt, ein typischer Vertreter der Zell’Rathúr zu sein, wie die Verlorene Tiefe von der Lebensfeindlichen Oberwelt. Seine Karriere bei der Geheimpolizei war nicht in normalen Bahnen verlaufen, denn er hatte seine Stellung weder geerbt, noch käuflich erworben. Stattdessen hatte er all seine Erfolge und Beförderungen mit harter Arbeit errungen.

Wo Rekel Avarts Leben seinen Anfang genommen hatte, war noch nicht einmal aus den sorgsam geführten Aufzeichnungen der Zell’Rathúr ersichtlich. Die ersten Zyklen seines Lebens waren ein finsteres Loch ohne jede Information. Nicht einmal er selbst wusste, wo er geboren worden war oder wie seine Eltern geheißen hatten. Der Inspektor konnte sich nicht einmal entsinnen, wie sein eigentlicher Geburtsname lautete. Er war eine Waise ohne Heimat, ein Tu’Ergâ ohne Stammbaum, ein Mann ohne jede familiäre Bindung. Ein unbeschriebenes Stück Pergament in der großen Geschichte der Tiefen Welt.
Seine ersten Erinnerungen setzten im Alter von knapp fünf Zyklen ein. Damals hatte der kleine Gehörnte, der später Rekel Avart sein würde, einsam, namenlos und hungrig in den schmutzigen Gassen der Stadt Zackenburg gelebt. Ein Straßenkind ohne Zukunft, in einer Welt voller böser Erwachsener, für die ein junges Leben kaum etwas wert war. Elternlose Kinder waren besonders in der Unterschicht der Granitenen Union keine Seltenheit. Doch fast immer handelte es sich bei ihnen um Elorká, die von ihren versklavten Eltern heimlich ausgesetzt worden waren, damit sie nicht dasselbe unfreie Schicksal erlitten.
Schon damals war Rekel Avart ein Außenseiter: Ein magerer und schwacher Gehörnter unter lauter abgehärteten und kräftigen Fellrücken. Und da bereits die kleinsten Elorká wussten, dass die Tu’Ergâ an allem Unglück in ihrem Leben schuld sein würden, ließen sie all ihren Frust an dem wehrlosen Blauhäuter aus. In einem Alter, in dem andere Mädchen und Jungen liebevoll von ihren Eltern umsorgt werden, hatte sich Avart bereits mehrere Knochenbrüche zugezogen und manches Mal sogar Blut gespuckt. Kinder können grausam sein, besonders wenn es sich um ungeliebte ‚Gossenkrabbler‘ handelte, die bereits ahnten, dass sie den Rest ihres Lebens nur durch Betrug, Kriminalität und Prostitution bestreiten würden.
Niemand, der über einen klaren Verstand verfügte, hätte damals auch nur einen Beryllsplitter auf Avarts Leben gesetzt. Die meisten hätten wohl eher darauf gewettet, dass der Junge sterben würde, bevor er seine zehnte Geburtsperiode erreichte. Doch der kleine Tu’Ergâ überlebte! Er machte einfach weiter, Lichtperiode für Lichtperiode. Denn er war zwar nicht so stark und gemein wie die Elorká-Kinder, aber er war zäh und besaß einen Lebenserhaltungstrieb wie eine ausgewachsene Terrorschabe.
Wenn die anderen Gossenkrabbler ihn verprügelten, akzeptierte er die Schmerzen und ertrug sie ohne ein Wort. Wenn ihm das Fleisch, welches er zuvor bei einem Schlachter entwendet hatte, ebenfalls gestohlen wurde, aß er halt Insekten und andere Schädlinge, die überall kreuchten und fleuchten. Wenn er keinen anderen Platz zum Schlafen fand, kletterte er in einen der zahlreichen Schornsteine und Schlote hinein, die es dank der metallverarbeitenden Betriebe überall in Zackenburg gab. Dort war es immer schön warm und wenn er seinen kleinen Körper richtig verkeilte, brauchte er auch keine Angst vor dem Abrutschen zu haben.
Als Avart älter wurde, versuchte er sich als Taschendieb. Wie die übrigen Gossenkrabbler hatte er auch eine kurze Zeit gebettelt, doch diese Tätigkeit schnell aufgegeben. Entweder hatten ihn die Elorká-Kinder von den besten Plätzen in der Stadt vertrieben oder die Stadtwache von Zackenburg ihre Knüppel sprechen lassen. Als Taschendieb hingegen war Avart gar nicht schlecht. Er war flinker als die anderen Kinder, besaß die geschickteren Finger und die längeren Beine zum Weglaufen. Außerdem rechnete keiner der ausgenommenen Passanten damit, dass ausgerechnet ein Tu’Ergâ kriminell sein könnte. Mit den Beryllsplittern aus den Geldbörsen konnte sich Avart zum ersten Mal in seinem Leben richtiges Essen kaufen. Außerdem legte er sich ein kleines Messer zu, um sich verteidigen zu können, wenn seine Schicksalsgenossen mal wieder übergriffig wurden.
Dieses Messer, ein schartiges Ding mit abgebrochener Spitze, war die erste Klinge seines Lebens und schon damals fühlte er eine tiefe Verbundenheit mit dem Metall.

In der Lichtperiode, die sein Leben für immer verändern sollte, befand sich Avart wieder einmal auf Raubzug und hatte sich auch schon ein Opfer ausgesucht. Eine weibliche Tu’Ergâ, deren Kleid und Schmuck zwar nicht unglaublich teuer aussahen, aber von einem gewissen Wohlstand zeugten. Sie war außerdem so dumm, ihre Geldbörse in einem winzigen Täschchen mit sich herumzutragen und stellte damit eine lohnende Beute dar. Ein kurzer Griff, ein schneller Schnitt mit dem Messer durch die dünnen Schulterriemchen und schon stürmte Avart los. Die Frau schrie ihm hysterisch hinterher, doch da war er bereits in dem Gewimmel auf einem der größten Marktplätze von Zackenburg verschwunden.
Lange Freude hatte Avart mit seinem Fang jedoch nicht. Der kleine Tu‘Ergâ hatte gerade sein derzeitiges Versteck, die Ruine eines Abrisshauses am Stadtrand, erreicht, als er von hinten überwältigt wurde. Eine schmale Hand legte sich über seinen Mund und ein Messer, in dessen Griff ein Bekräftigter Citrin eingefügt war, der gelbes Licht verströmte, legte sich auf seinen Hals. Genau über die Hauptschlagader.
„Du bist gut, Kleiner“, raunte ihm daraufhin eine weibliche Stimme ins Ohr und Avart erkannte die Frau, die er soeben bestohlen hatte. „Aber nicht gut genug für mich!“
Der Gossenkrabbler, der bis jetzt dem ungesunden Irrglauben angehangen hatte, ein guter Taschendieb zu sein, begrüßte bereits den Tod. Sein Leben zog an ihm vorbei, was nicht besonders lange dauerte, und er fragte sich, ob die Priester der Metallenen Götzen mit ihren Geschichten über das Ewige Dunkel Recht hatten. In diesem Moment meldete sich seine potentielle Mörderin noch einmal zu Wort und fragte in verführerischem Tonfall: „Willst du vielleicht… besser werden?“

Rekel Miassa war nicht nur Kristallherzerin und Feldagentin der Zell’Rathúr, sondern auch die Person, die für Avart einer richtigen Mutter am nächsten kam. Sie war beschäftigt in der Geheimdienstdependance in der Stadt Leuchtader und lebte bereits seit vielen Zyklen in der Granitenen Union. Ihre Aufgabe war es, sich als Vertreterin des gehobenen Bürgertums auszugeben und auf diese Weise die Reihen der Entscheidungsträger in der demokratisch regierten Stadtrepublik Zackenburg zu infiltrieren. Sie war sehr gut in ihrem Beruf und war niemals enttarnt worden. Jedoch fehlte ihr eine besondere Eigenschaft, die man gemeinhin als ‚kriminellen Spürsinn‘ bezeichnen könnte. Im Spionieren, Abhören und Intrigieren war sie ungeschlagen. Doch die gröberen, um nicht zu sagen blutigeren, Aspekte der Geheimdienstarbeit lagen ihr nicht. Und genau an diesem Punkt kam nun der kleine Gossenkrabbler ins Spiel, den Miassa auf der Straße aufgelesen hatte.
Sie gab Avart nicht nur seinen Namen und eine echte Aufgabe, sondern machte ihn auch zu ihrem treuen Lakaien. Er wurde Miassas Laufbursche und Kundschafter, ihr persönlicher Dieb und Prügelknabe. Im Austausch durfte er in ihrer geräumigen Wohnung in Zackenburg leben, bekam reichhaltiges Essen, richtige Kleidung und eine Behandlung der unzähligen Wunden und Krankheiten, die er sich auf der Straße zugezogen hatte. Für Avart war dies das beste Geschäft seines jungen Lebens und wie ein treues Haustier war er der Kristallherzerin ergeben. Sie hatte ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, das Leben gerettet und dafür würde er der Frau für immer dankbar sein.
Mit der Zeit schlich sich jedoch eine signifikante Änderung in ihre Beziehung. Avart fühlte sich wohl in der Gegenwart der Agentin, er vertraute ihr und sah sie bald als richtige Familie an. Bis zum Ende seines Lebens würde Rekel Miassa die einzige Frau sein, die er wahrhaftig liebte. Die Kristallherzerin hatte Avart nicht aus Mitgefühl aus der Gosse geholt, sondern weil sie das Potenzial in ihm erkannt hatte. Doch je länger sie mit ihm zusammenlebte, desto mehr begannen die Muttergefühle in ihr zu wachsen. Sie selber hatte keine Kinder und nur wenig Familie, was ihrem komplizierten Beruf geschuldet war. Irgendwann begann sie Sympathie für den Jungen zu entwickeln und hörte auf, ihn ausschließlich im Namen der Zell’Rathúr für die niedersten Arbeiten auszubeuten.
Miassa adoptierte ihren ‚Ziehsohn‘ niemals offiziell. Sie protestierte allerdings nicht dagegen, dass er ihren Familiennamen verwendete. Ein Tu’Ergâ ohne Herkunft war ein Ding der Unmöglichkeit, deshalb war ein solcher Schritt praktisch und elegant. Erst durch das Mitwirken der Spionin wurde Rekel Avart tatsächlich geboren und darauf vorbereitet, der Tiefen Welt in all ihrem Schrecken gegenüberzutreten.

Als der Tu’Ergâ ungefähr neun oder zehn Zyklen alt war, so genau wusste man sein tatsächliches Alter nicht, wurden die Führungsoffiziere der Zell’Rathúr im fernen Kristallherz auf ihn aufmerksam. Zoskon Bradok, ein entfernter Cousin des amtierenden Königs und damaliger Direktor der Geheimpolizei, kam persönlich auf Rekel Miassa zu und verpflichtete ihren Schützling für eine ganz besondere Mission.
Rekel Avart war zwar nicht besonders intelligent, aber gewitzt und ein schneller Lerner. Er war durch das Leben auf der Straße abgehärtet und hatte bereits gezeigt, dass er keine Angst kannte. Aber vor allen Dingen war er im passenden Alter, um als Rekrut in den Orden der Türme eingeschleust zu werden! Denn dies war die große Mission, deren Herzstück er sein würde: Er sollte ein Teil der Ritterschaft im Letzten Loch werden, die Ausbildung der Maschinenjäger absolvieren und ihre Gemeinschaft von innen heraus ausspähen und manipulieren.
Das Königreich Kristallherz und der Orden der Türme waren zwar seit der Zeit der Bronzenen Flut offiziell Alliierte, trauten sich jedoch gegenseitig nicht über den Weg. Das auf Rassentrennung, Ausgrenzung und Zwangsarbeit aufgebaute Gesellschaftssystem des Reiches kollidierte mit den althergebrachten Vorstellungen der Ritter. Gleichzeitig wussten die Kristallherzer so gut wie nichts über die internen Strukturen und Absichten ihres verschwiegenen Verbündeten. Für die Zell’Rathúr, die berufsbedingt alles wissen und kontrollieren wollte, war dieser Zustand natürlich untragbar. Rekel Avart, der damals so gut wie nichts von den wirklichen Gefahren des schmutzigen Spionagegeschäfts ahnte, sollte die nötige Änderung herbeiführen und dem Geheimdienst das Tor ins Innere des Grauen Turms öffnen.

Wie vorausgesehen war es für den Jungen kein Problem, im Orden als Rekrut aufgenommen zu werden. Er trug bereits in jungen Jahren mehr Narben am Körper als so manch altgedienter Ritter und er war an ein entbehrungsreiches Leben ohne Hoffnung gewöhnt. Avart war ruhig, gab keine Widerworte und stellte keinerlei Anforderungen an Unterbringung oder Verpflegung. Kurzum: Er war der perfekte Schüler und Befehlsempfänger.
Die Ausbildung bei den Maschinenjägern war hart und gnadenlos. Bereits in der ersten Woche wurden die neuen Rekruten von älteren Schülern auf dem Kampfplatz mit Knochenstäben verprügelt um ihre Zähigkeit zu testen. Während seine Mitstreiter reihenweise in den Staub sanken und sich nicht mehr rührten, blieb Avart aufrecht stehen und steckte Schlag um Schlag ein. Am Ende beklagte er eine gebrochene Rippe und ein furchtbar lädiertes Knie, aber er hatte sich nicht die Blöße des Versagens gegeben. Fortan sahen ihn selbst die älteren Auszubildenden mit anderen Augen und behandelten ihn mit Respekt.
In der Gosse hatte Avart das Überleben gelernt. Rekel Miassa hatte ihm die Grundzüge der Geheimdienstarbeit beigebracht. Doch erst beim Orden der Türme erlangte der junge Tu’Ergâ eine umfassende Bildung auf zahlreichen Wissensgebieten. Und er genoss das Lernen wie ein warmes Dampfbad! Lesen, Schreiben, Rechnen, Geschichte, Maschinenkunde, die Grundlagen der Bekräftigung… Avart sog das ihm vermittelte Wissen wie ein Schwamm auf. Er behielt natürlich nicht alles und war auch nicht der Klügste seines Jahrgangs, aber keiner seiner Mitschüler strengte sich mehr an als er. Endlich erfuhr der frühere Gossenkrabbler, in was für einem gewaltigen Kosmos er lebte und er verstand irgendwann, welche Rolle Rekel Miassa, die Zell’Rathúr und er selbst darin spielten.
Während Avart im Studierzimmer höchstens Mittelmaß war, so machte er auf dem Kampfplatz eine hervorragende Figur. Egal ob mit Stab, Schild oder bloßen Händen – er meisterte jede Übung, die ihm aufgetragen wurde. In den ersten vier Zyklen der Ausbildung wurden den Rekruten keine gefährlichen Waffen in die Hände gegeben, es ging eher darum, ihre Körper für den wahren Kampf gegen die Drér-Maschinen zu stählen. Der Junge wurde jedoch nicht nur härter und agiler, sondern entwickelte auch eine Statur, die ungewöhnlich war für einen Tu’Ergâ. Seine Schultern wurden breiter, die Hände größer, die Arme kräftiger und regelmäßig fand Avart einen neuen prachtvoll ausgebildeten Muskel an seinem Leib. Aus dem dürren, verletzlichen Straßenjungen wurde mit der Zeit ein massiger Hüne, der bald stärker war als seine Ausbilder.
Und der junge Tu’Ergâ entdeckte etwas vollkommen Fremdes, das bisher in seinem Leben gar keine Rolle gespielt hatte: Freundschaft.

Mit den anderen Rekruten seines Jahrgangs pflegte Avart einen eher distanzierten Umgang. Er lernte und lebte mit ihnen, aber ansonsten hatten sie nur wenig gemein. In seinen Augen waren sie furchtbar unreif, kindisch und naiv. Als er sich jedoch in seinem zweiten Ausbildungszyklus befand, lernte er einen anderen Tu’Ergâ kennen, der gerade frisch in den Orden eingetreten war. Ein kleiner, dicker Junge, dem man auf den ersten Blick ansah, dass er nicht aus dem Armenhaus stammte und bisher ein nobles Leben genossen hatte. Normalerweise hätte sich Avart weit von solch einem Gehörnten ferngehalten, doch der Neue besaß eine Ausstrahlung, die ihn förmlich fesselte. Denn dieser Junge war einsam und von aller Welt verlassen. Er war zwar in vornehmen Verhältnissen aufgewachsen, hatte in seiner Familie jedoch nur wenig Liebe erfahren und befand sich nun weit weg von zuhause. Er war entwurzelt und konnte nicht sagen, wo sein Platz in der Tiefen Welt war. Der Junge war de facto eine jüngere und weniger ansehnliche Ausgabe von Rekel Avart.
Nachdem sie sich einige Zeit beschnuppert hatten, wurden Avart und der dicke Gehörnte, der auf den Namen Turán Umitz hörte, die besten Freunde. Sie waren zwar beide mehr oder weniger Einzelgänger, doch die harten Gesetze der Ausbildung schweißten sie zusammen. Umitz und Avart wurden Leidensgenossen, die sich gegenseitig in dunklen Momenten Halt gaben und sich aufmunterten, wenn die Anforderungen des Ordens sie zu zerbrechen drohten. Recht schnell stellte sich zudem heraus, dass Turán Umitz seit seinem Kleinkindalter mit umfassendem Schulunterricht aufgewachsen und seinen Mitschülern an Klugheit weit überlegen war. So entstand irgendwann eine bemerkenswerte Symbiose: Avart unterstützte seinen Freund bei den körperlichen und kämpferischen Übungen und Umitz half ihm weiter, wenn dieser in der Theorie versagte.

Am Anfang beschränkten sich Rekel Avarts Arbeiten für Miassa und die Zell’Rathúr auf ein sehr niedriges Niveau: Er sammelte die Klatschgeschichten seiner Mitschüler, belauschte heimlich die Gespräche der Lehrer und erstellte ein Organigramm der Kommandostruktur des Ordens. Seine Ziehmutter hatte einen ausgeklügelten Weg gefunden, auf dem er die erbeuteten Informationen aus dem Grauen Turm herausschmuggeln konnte.
Je älter Umitz wurde, desto bedeutender wurden seine Aufgaben. Er horchte seine Kameraden aus, wie sie zu den Themen ‚Kristallherz‘, ‚Zell’Rathúr‘ und ‚Sklaverei‘ standen. Avart legte umfangreiche Biografien über die verschiedenen Ausbilder und ihre politischen Standpunkte an. Am Ende deckte er sogar die Privatleben der fünf Großmeister lückenlos auf und gab Empfehlungen darüber ab, wen von ihnen die Zell’Rathúr am besten ausschalten sollte. Der junge Agent brach in die Quartiere der Meister ein, schrieb dort vertrauliche Dokumente ab und fälschte anschließend sogar Siegel, Unterschriften und ganze Schriftstücke. Er war wie ein Pilz, der sich in dem gesunden Orden der Türme festsetzte und ihn von innen heraus langsam auffraß. Natürlich erlangten die Maschinenjäger Kenntnis von den meisten dieser Aktionen, doch niemand hätte sich träumen lassen, dass ein einfacher Rekrut, ein halbes Kind, dafür verantwortlich sein könnte.
Als Avart gegenüber seiner Ziehmutter seine Verbundenheit mit Turán Umitz offenbarte, hätte ihn die Spionin am liebsten in die Arme geschlossen und geküsst. Die Turáns waren nicht irgendeine Familie, sondern einer der mächtigsten Clans des Hängenden Reiches. Sie gehörten zu den Großen Einundzwanzig der Heiligen Republik, saßen als Senatoren im Schwarzen Senat und hatten in der Vergangenheit einige der berühmtesten Heerführer und Gelehrten hervorgebracht. Es konnte nur von Vorteil sein, wenn ein aufstrebender Geheimagent wie Rekel Avart Verbindungen zu solch einer bedeutenden Partei knüpfte. Womöglich würde sich dadurch in ferner Zukunft die Gelegenheit ergeben, einen Kristallherzer Gefolgsmann an der politischen Spitze des alten Erzrivalen zu installieren. Fortan pflegte Rekel Avart die Freundschaft zu Umitz nicht mehr aus freien Stücken, sondern weil es ihm von seinen fernen Vorgesetzten in der Festung Kalmonia befohlen wurde.

Trotz seiner heimlichen Umtriebe genoss Avart seine Zeit beim Orden der Türme in vollen Zügen. Der Unterricht machte ihm Spaß, im Kampf war er ungeschlagen und irgendwann konnte er sich auch mit der Philosophie der Ritter identifizieren. Er lernte die Drér-Maschinen, die ihn bisher kaum interessiert hatten, zu hassen und träumte davon, das Alte Imperium seines Volkes neu zu errichten. Avart fing sogar an, die Elorká, vor denen er sich als Kind schrecklich gefürchtet hatte, als intelligente Wesen zu akzeptieren und stellte insgeheim die rassistischen Ansichten der Kristallherzer infrage.
Als der junge Tu’Ergâ schließlich alt genug war und den Umgang mit richtigen Waffen erlernte, bemerkte er schnell, dass er mit den normalen Werkzeugen des Ordens nichts anfangen konnte. All die Streitäxte, Kriegshämmer und Keulen, mit denen man Automaten spielend leicht zertrümmern konnte, waren nicht seine Sache. Er fühlte sich eher zu Messern, Dolchen und Schwertern hingezogen, die bei den Rittern normalerweise eine untergeordnete Rolle spielen. Irgendwann nahm er schließlich seinen ersten Degen in die Hand und wusste, dass er für diese besondere Waffe geboren war. Sie war leicht und schnell und erlaubte flinke Bewegungen, taktische Finten und kreative Angriffe. Außerdem war sie nicht so plump und barbarisch wie die übrigen Mordwerkzeuge im Arsenal des Grauen Turms.
Am Anfang belächelten ihn seine Lehrer und Mitschüler, doch bald verstummte ihr Spott und die Bewunderung setzte ein. Binnen weniger Zyklen entwickelte sich Rekel Avart zum besten Fechter des gesamten Ordens und war mit dem dünnen, zerbrechlichen Degen gefährlicher als die meisten Ritter mit viel größeren Waffen. Durch sein neues Instrument wurde er auf dem Kampfplatz noch tödlicher und bald war er während der Übungsduelle nur noch ein Schatten, dessen Angriffen man nicht ausweichen konnte.
Schließlich kam nach vielen Mühen und Anstrengungen die Lichtperiode seines Ersten Abstiegs. Wochenlang hatten er und seine Kameraden Angst vor diesem Ereignis gehabt. Ihre Ausbilder hatten ihnen zahlreiche grausige Geschichten über Rekruten erzählt, die während ihrer letzten Prüfung von den Drér-Maschinen entweder brutal ermordet oder schrecklich verstümmelt worden waren. Letztendlich gestaltete sich ihr Ausflug in die Verlorene Tiefe jedoch so langweilig, dass Avart beinahe enttäuscht war.
Ironischerweise fuhr seine Gruppe über den berüchtigten Schacht Sechs in das Alte Imperium hinab, wie es auch Mandas Glostio und Vvanadasha viele Zyklen später tun sollten. Damals lebte in der riesigen Kathedrale aus Felsgestein, in welcher der Aufzug endete, natürlich noch keine tollwütige Terrorschabe, sondern nur ein Rudel possierlicher wilder Steinwühler, die beim Anblick der Rekruten sofort die Flucht ergriffen. Avart und seine Gefährten mussten beinahe eine ganze Lichtperiode lang suchen, bis sie endlich ein paar völlig überrumpelte Zwicker fanden, die sie ohne große Mühe erschlagen konnten. Siegreich und unverletzt kehrten sie in das Letzte Loch zurück und wurden nur wenige Stunden später im Grauen Turm zu vollwertigen Rittern der Türme geweiht.

Als ausgebildeter Maschinenjäger hatte Rekel Avart ganz andere Möglichkeiten, der Zell’Rathúr zu dienen. Er bekam als vereidigtes Ordensmitglied zum Beispiel vollen Zugriff auf die Archive und die Werkstätten in den fünf Türmen, wo die Feinde allen Lebens wissenschaftlich untersucht wurden. Er entwendete nicht nur Bekräftigte Rubine aus den Sammlungen der Ritter, sondern stahl sogar ganze stillgelegte Drér-Konstrukte, um sie heimlich nach Kristallherz zu übersenden. Wenn er wieder einmal in das Alte Imperium hinabgeschickt wurde, was alle paar Wochen geschah, prägte er sich seine komplette Umgebung ein und hielt sie später in detaillierten Karten für die Geheimpolizei fest.
Derweil arbeitete Rekel Miassa, die dank der Verdienste ihres Ziehsohns mittlerweile in einen hohen Offiziersrang aufgestiegen war, daran, Avart in eine bessere Position beim Orden zu hieven. Es lagen bereits Planspiele in den Schubladen der Zell’Rathúr, mit deren Hilfe man mehrere Meister des Ordens der Türme durch ‚Tragische Unfälle‘ ins Jenseits befördern wollte. Rekel Avarts Karriere musste um jeden Preis vorangetrieben werden um das Endziel der Mission zu erreichen: Die Installation eines Kristallherzer Geheimagenten als Großmeister an der Spitze der Maschinenjäger!
Dass dieser finale Sieg schlussendlich nicht errungen werden konnte lag an einer Person, mit der das Direktorat der Zell’Rathúr nicht gerechnet hatte: Turán Umitz.

Obwohl seine Freundschaft zu dem dicken Tekahler mehr oder weniger von seinen Vorgesetzten forciert worden war, hatte Rekel Avart nicht verhindern können, dass er eigene Gefühle entwickelte. Er mochte Umitz wirklich gern und fühlte sich für den jüngeren Rekruten verantwortlich. Schließlich hatte er ihn in den meisten körperlichen und kämpferischen Lektionen unterstützt und war stets an seiner Seite, wenn den jungen Tu‘Ergâ das Heimweh nach dem Hängenden Reich packte. Aus diesem Grund war es für den verdeckten Agenten ein schwerer Schock als er erfuhr, welch katastrophalen Verlauf der Erste Abstieg seines Freundes genommen hatte.
In dieser grausamen Lichtperiode waren zehn Rekruten hinab in das Alte Imperium gefahren und nur zwei Gehörnte waren wieder lebendig nach oben gekommen: Jarta Siphone, die später zu einer Großmeisterin des Ordens werden sollte, und Turán Umitz. Avarts Freund sah grässlich aus und lange Zeit zweifelten die Heiler des Ordens daran, ob der Tod ihn nicht doch noch holen würde. Umitz Bauch war aufgeschlitzt, seine Eingeweide hingen heraus und er hatte sehr viel Blut verloren. Seine Freundin Siphone machte sich schwere Vorwürfe, weil sie ihre Abschlussprüfung mehr oder weniger unbeschadet überstanden hatte und wich nicht von der Seite ihres Gefährten. Die junge Frau erzählte unter Tränen, dass ein einzelner Gusseiserner Henker ihre Gruppe überfallen und mit seinen zahlreichen rotierenden Klingen Tod und Verderben über alle Rekruten gebracht hatte.
Während dieser Zeit zog sich Rekel Avart immer mehr zurück. Er vernachlässigte seine Pflichten gegenüber dem Orden und sendete auch keine Berichte mehr an seine Vorgesetzten in Leuchtader. Umitz Schicksal hatte ihn bis ins Mark getroffen und er musste entscheiden, welches Leben er in Zukunft führen wollte. Sollte er ein Spion der Zell’Rathúr bleiben und ein Leben aus Lug und Betrug aufrechterhalten? Oder sollte er sich dem Orden der Türme voll und ganz verschreiben und riskieren, irgendwann ebenfalls von einer Drér-Maschine abgeschlachtet zu werden?

Es ist ungeklärt, auf welche Weise Rekel Avarts über viele Zyklen aufgebaute und perfektionierte Identität schließlich entzaubert wurde. Böse Zungen behaupten, er hätte seine Maskerade absichtlich aufgegeben und sich als Kristallherzer Agent enttarnt, um von seinen Führungsoffizieren aus dem Orden der Türme abberufen zu werden. Als nämlich die Maschinenjäger kamen um ihn als Verräter gefangen zu nehmen, floh der Spion über einen im Voraus präparierten Fluchtweg aus dem Grauen Turm und tauchte auf den verworrenen Straßen der Granitenen Union unter. Bei seinem Weggang stahl er nicht nur seinen Degen aus Eidstahl, der speziell für ihn gefertigt worden war, sondern auch eine ganze Tasche mit geheimen Informationen und Aufzeichnungen aus den Archiven des Ordens.
Zuerst ging Avart nach Leuchtader und verbarg sich in der dortigen Dependance der Zell’Rathúr. Nur wenige Lichtperioden später wurde er mit der Hilfe seiner Ziehmutter auf heimlichen Wegen über die Staatsgrenze geschafft und erreichte etliche Wochen später endlich das Königreich Kristallherz. Zum ersten Mal in seinem Leben sah der ehemalige Ritter, für welchen Staat er in den vergangenen Zyklen gearbeitet hatte und er war begeistert und eingeschüchtert vom Glanz des mächtigen Reiches.
Normalerweise schätzten es die ‚Augen des Opalpalastes‘ nicht, wenn ihre Agenten im Dienst scheiterten. So mancher Spion war bereits selbst in den Zellen der Festung Kalmonia gelandet, weil er nach Ansicht seiner Vorgesetzten keine zufriedenstellenden Ergebnisse erzielt hatte. Doch trotz Rekel Avarts Versagen im Letzten Loch nahm seine Karriere innerhalb der Zell’Rathúr einen sehr guten Verlauf. Rutyn Legon, der damals zum neuen Direktor der Geheimpolizei aufgestiegen war, erkannte die Möglichkeiten, die noch in der ‚Ressource‘ Rekel Avart schlummerten. Ein Mann, der gleichzeitig von der Zell’Rathúr und den Maschinenjägern ausgebildet worden war, stellte den besten Kämpfer dar, den man sich vorstellen konnte. Solch einen Aktivposten durfte man nicht verschwenden!
Natürlich ließen die Ritter die Angelegenheit nicht auf sich beruhen. Die Großmeister waren unglaublich wütend über das Verhalten des Königreichs Kristallherz, mit dem sie schließlich offiziell verbündet waren. Die Diplomaten der Ritter gingen bis in die höchsten Sphären der royalen Macht und versuchten, den damaligen Herrscher Zoskon Tribanet XII. in einem halben Dutzend Audienzen davon zu überzeugen, Rekel Avart an den Grauen Turm auszuliefern. Doch Direktor Rutyn Legon und der König wuschen ihre Hände in Unschuld und bestritten, einen Agenten dieses Namens überhaupt zu kennen. Avart war der Zell’Rathúr niemals offiziell beigetreten, sondern von Rekel Miassa in den Dienst gebracht worden. Es gab in den Büros der Geheimpolizei keine Personalakte mit seinem Namen und in keinem Kontobuch waren Lohnzahlungen an ihn vermerkt. Dieser billige bürokratische Kniff gab den Mächtigen von Kristallherz ein unumstößliches Dementi in die Hand, mit dem sie den Orden der Türme abwimmeln und ein letztes Mal peinlich vorführen konnten.

In den nächsten Zyklen stellte sich heraus, dass Rutyn Legons Vertrauen in die Fähigkeiten seines neuen Protegés absolut gerechtfertigt war. Der kleine Gossenkrabbler, der schließlich zum Maschinenjäger geworden war, entwickelte sich nun zum besten Vollstrecker, den sich ein Monarch wünschen konnte. Er war überall im Einsatz, wo Knochen gebrochen oder Existenzen ausgelöscht werden sollten. Avart entwickelte sich zum unheimlichen Henker, der den Feinden des Königshauses auflauerte und ihre Augen für immer verschloss. Egal ob Tu’Ergâ, Elorká oder Bolokh – Rekel Avart stellte seine Missionen niemals infrage und handelte ohne Rücksicht auf Verluste. Er wurde ein Mörder, ein Auftragskiller im Dienste des Staates, und je mehr Blut er für seinen König vergoss, desto weiter stumpfte er ab.
Seine einstige Verbundenheit mit den Idealen des Ordens der Türme blieb zwar bestehen, wurde jedoch hinter einer emotionslosen Maske verborgen. Die Freundschaft zu Turán Umitz, eines der wenigen positiven Kapitel seines Lebens, geriet beinahe in Vergessenheit. In der Lichtperiode, in der seine Ziehmutter Rekel Miassa durch einen Agenten der ‚Republikanischen Garde‘, des Geheimdienstes des Hängenden Reiches, ermordet wurde, vergoss er keine Träne. Das war schließlich Berufsrisiko und für ihn nicht weiter von Belang. Ihn konnte zu jeder vorstellbaren Stunde dasselbe Schicksal ereilen.
Damit war die unheilige Transformation abgeschlossen. Der unschuldige Straßenjunge, der niemandem etwas Böses gewollt und sich nur nach Liebe und Geborgenheit gesehnt hatte, war endgültig verschwunden. Der neue Rekel Avart, der seine Beute ohne mit der Wimper zu zucken aufspürte, jagte und zur Strecke brachte, war geboren.
Die schärfste Klinge im Arsenal des Opalpalastes, geschmiedet aus der größten Schande, die der Orden der Türme in den letzten Zeitaltern hervorgebracht hatte.
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