In Wort und Tat

OneshotFamilie / P12
Ernie Macmillan
20.06.2019
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In Wort und Tat


für Caligula & seine Mühen als Ersatzschreiber!


Der Regen prasselte an die runden Fenster des Hufflepuff-Gemeinschaftraumes; durch den starken Wind wurde er nahezu waagrecht an die Scheiben getrieben. Durch das knisternde Feuer im Kamin herrschte dennoch eine gemütliche Atmosphäre, und auch der Zweitklässler, der sich in einen der Ohrensessel kuschelte, schien die Stimmung zu genießen. Wenn man jedoch genauer hinsah erkannte man, dass Ernest Macmillan, genannt Ernie, nicht gerade entspannt wirkte. Das Gegenteil war der Fall: er fuhr sich immer wieder aufgewühlt durch die schon strubbelig in alle Richtungen stehenden Haare, und konnte einfach nicht still sitzen. Ab und an musste er daran denken, wie ihn seine Mutter anschnauzen würde, würde sie seine ruheloses Zappeln bemerken, dann schaffte er es, für einige Minuten ruhiger zu sitzen, doch sobald er sich wieder fragte, was er als nächstes schreiben sollte,  geriet er wieder in Bewegung.

Briefe schreiben war schwer, doch seine Eltern erwarteten immer noch alle vierzehn Tage einen Bericht – wahrscheinlich nur, damit sich stolz vor anderen Eltern erzählen konnten, dass ihr Kind ja ganz von alleine regelmäßig Kontakt suchte.

Ernie knapperte an der Spitze seines Federkiels, eine weitere Angewohnheit, die seinen Eltern missfiel und die er wirklich dringend ablegen sollte. Auch nach über einem Jahr als Hogwartsschüler und vielen, vielen Briefen, die ihn durch diese Zeit begleitet hatten, fiel es ihm fast so schwer wie zu Beginn, diese zu schreiben. Vor allem, wenn mal wieder etwas passiert war, das seinen Eltern nicht gefallen oder sie irgendwie aufwühlen würde! Sie hatten sich ganz schrecklich aufgeregt, als letztes Jahr die Geschichte mit Harry, Hermine, Ron und dem Stein der Weisen geschehen war. Sein Vater war entsetzt gewesen, wie gefährlich es in Hogwarts zugehe, und hatte schon angekündigt, ein persönliches Gespräch mit Dumbledore zu suchen, doch das hatte ihm Ernie gerade noch ausreden können. Es wäre ihm auch zu peinlich gewesen! Danach wäre er bestimmt in der ganzen Schule als „der Junge, für den Hogwarts zu gefährlich ist“ bekannt geworden, nein danke! Seine Mutter hatte sich mehr darüber aufgeregt, mit welchen Methoden Gryffindor so spontan den Hauspokal gewonnen hatte. „Damit wird den Kindern ja gezeigt, dass es weder auf Fleiß, Durchhaltevermögen, noch auf überlegtes Handeln ankommt – man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, und am besten an Orten rumschnüffeln, an denen man gar nichts zu suchen hat!“ Ernie war natürlich auch enttäuscht, dass Hufflepuff nicht den Pokal gewonnen hatte – auch wenn Ältere ihm schon resigniert erzählt hatten, dass das so gut wie nie vorkomme – aber er missgönnte es Harry und seinen Freunden nicht. Eigentlich waren sie ja alle ganz nett. Na gut, außer Ron, der war ihm einfach ein wenig zu … nun ja, Ernie wollte nicht doof sagen, aber es störte ihn schon, dass Ron zum Unterrichts selten mehr als nervige Zwischenfragen beitrug, und wenn man das Unglück hatte, in seiner Nähe zu sitzen, musste man sein ständiges Tuscheln ertragen. Wobei Ernie hier vielleicht einfach nur neidisch war – er schrieb zwar gute Noten, musste sich dafür aber ordentlich anstrengen, und konnte sich nicht alles doppelt und dreifach von Hermine erklären lassen!

Er riss sich selbst aus den Gedanken, stieß einen Seufzer aus und beugte sich wieder über das Pergament. Was blieb ihm anderes übrig, seine Eltern würden ja sowieso vom Duellierclub erfahren, genauso wie vom Debakel mit Harry und der Schlange. Manchmal beneidete er fast diejenigen, die aus Muggelfamilien stammten, oder zumindest nur halb der Zauberwelt angehörten – die hatten nicht mit dem Stress zu kämpfen, dass die Eltern fast besser an das Klatsch-und-Tratsch-Netzwerk um die Geschehnisse in Hogwarts angebunden waren als man selbst!

In knappen Worten schilderte er also von dem Erstaunen als Harry plötzlich mit der Schlange hatte sprechen könnte, setzte noch ein hastiges Alles Liebe, euer Ernest darunter und rannte dann schnell zur Eulerei. Endlich war die zweiwöchentliche Pflicht getan und er konnte den Rest des Tages genießen! Jetzt konnte er Hannah endlich zu einer Revanche für die Partie Zauberschach, die er gestern gegen sie verloren hatte, herausfordern.

Die Antwort seiner Eltern kam zwei Tage später, an einem Morgen an dem die grauverhangene Himmelsdecke der grauen Halle zu den Gemütern der Hufflepuffs passte, die bedeutend bedrückter als sonst am Frühstückstisch saßen. Hastig riss Ernie den Umschlag auf, überflog die ersten Zeilen, und natürlich – seine Eltern hatten von Justin gehört, obwohl der ja aus einer Muggelfamilie stammte. Doch die Plaudereien der Hogwartseltern versiegten nie und ließen kein Detail aus.

Es liegt uns fern, dich zu bitten, andere Schüler auszugrenzen, schrieb seine Mutter in ihrer harten, kantigen Schrift, deren Abdrücke er im feinen Briefpapier, das sie verwendete, ertasten konnte. Doch nach allem, was man so hört, könnte dieser Harry, der letztes Jahr noch so ein Held wahr, jener Erbe Slytherins sein, der das Leben deines Klassenkameraden beenden wollte. Parselmund spricht man eben nicht einfach so! Du weißt, auf welcher Seite wir im Krieg standen, und, da du ja auch in Hufflepuff gelandet bist, weißt du, wie wichtig es ist, dass wir uns auch offen und treu zu der Seite bekennen, auf der wir stehen. Ich bin mir also sicher, dass du auch ohne unseren Brief erkannt hast, dass es das richtige ist, Harry Potter zu meiden, und hier sprechen wir nicht von kleinmütigem Verstecken sondern von einem offenen Bekenntnis in Wort und Tat.

Es ist dieses offene Bekenntnis in Wort und Tat, was sich in Ernies Kopf festsetzt und sein Handeln zu bestimmen beginnt. Er distanziert sich von Harry, er entschuldigt sich bei ihm, als dieser nicht nur nicht der Erbe Slytherins ist, sondern sogar wieder mal ein Held – ob Harry ihm verzeiht kann er nicht sehen, genauso wenig wie, so fürchtet er, Harry sehen kann, dass er es ernst meint, mit der Entschuldigung. Und ab da wird es Ernie wichtiger und wichtiger, nur das zu sagen, was er ernst meint, und das zu tun, wohinter er schon mit Worten stand. Zwar hatte er noch nie starke Tendenzen zum Lügen und zur Schauspielerei gehabt, doch mit den Jahren werden die Gesten und die Sprache der Aufrichtigkeit fast zu einem Kostüm, eines das zu Anfang noch etwas ziept und drückt, vor allem, weil er nur er sich selbst zu glauben scheint, dass dieses Kostüm seine Wahrheit zeigt, doch die Jahre vergehen und der kleine Junge wächst in den Habitus der Ehrenhaftigkeit wie in gemütlich-abgetragene Kleidung älterer Brüder, die er nie hatte.

Und die Eltern sind stolz auf ihren Sohn, dessen Tat seinem Wort folgt und dessen Worte hinter seinen Taten stehen. Sie sind stolz auf ihn, als er dann im fünften Schuljahr dem als verrückt verleumdeten Harry öffentlich und wortreich beisteht, sein Vater schüttelt ihm die Hand, als er in den Weihnachtsferien zuhause ist, und Ernie muss an Harrys Händedruck zurückdenken, der so verwirrt war, wie ein Händedruck nur sein kann. Fünfzehn ist Ernie da, und er beginnt langsam, das Aufrichtigkeitskostüm das ihm inzwischen so gut passt wie ein richtig gut sitzender Anzug, an den Nähten aufzudröseln. Es ist nicht die Aufrichtigkeit an der er zerrt und knibbelt bis sie zerfleddert in seinen Gedanken liegt, nein, er ist immer er selbst, so ganz und vollkommen wie wohl nur wenige etwas sind. Doch, woran er zweifelt, was an ihm nagt, auch wenn er es sich kaum eingestehen mag, ist, dass seine Eltern vielleicht doch eher aus Worten bestehen als aus Taten.

Seine Eltern sind stapelweise Briefe, immer noch alle zwei Wochen ein neuer; seine Eltern sind Ferien in denen er Belehrungen über Ehre und Werte eingebläut bekommt; seine Eltern sind steife Umarmungen und gute Ratschläge.

Manchmal schaut er zu Harry hinüber, wenn der im Unterricht Umbridges so vollkommen Harry ist wie Ernie es anstrebt Ernie zu sein, und er sieht in dessen ungesund blassen Gesicht, in den dunklen Ringen unter seinen Augen, eine Erschöpfung die Worte nicht alleine aus einem Körper höhlen können. Und er spürt, nein, er weiß, dass er für Harry immer ein arroganter Schnösel geblieben ist, der nur allzu schnell dabei war, ihn als Erben Slytherins zu diffamieren. Denn manchmal sagt oder tut man etwas, das den anderen einen Charakter offenlegt, den man auch mit tausenden von Worten nicht hinreichend bedecken kann.

Dazu braucht es schon Taten. Und als Ernie seinen Namen auf die Liste betitelt mit Dumbledores Armee setzt, weil, ja, er sieht, dass es so nicht weitergehen kann, und manchmal sind Regeln und Gesetze das Gegenteil von gut und gerecht, Vertrauenschülerstatus hin oder her – ja, da fühlt er im Schreiben seines Namens, im Kratzen der Feder eine solche Übereinstimmung von Wort und Tat wie er sie lange nicht erlebt hat.

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Hallo Caligula!

Du hast selber keinen Wunsch, was ich ungemein selbstlos finde, aber ich wurde gebeten, die Widmung für diesen Oneshot dennoch auf dich umzuleiten. :D Ich hoffe, dir gefällt der Wichtelshot, obwohl er doch sehr abstrakt geworden ist - aber als ich mich für die Familie Macmillan entschied kam mir gleich in den Sinn, dass dort wahrscheinlich alles recht abstrakt und unpersönlich zu geht ...

Liebe Grüße
Jubilee
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