Geschichte: Freie Arbeiten / Poesie / Zeit / Keine Zeit

Keine Zeit

von c-3m1o-n
GeschichteAllgemein / P12
19.06.2019
19.06.2019
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„Ich will endlich 16 werden.“
„Ich will lange draußen bleiben.“
„Ich will auf Parties gehen.“
„Ich will endlich erwachsen werden.“

Ungefähr das sind die Standardsätze eines Teenagers heutzutage. Jeder hat bestimmt einen davon irgendwann schonmal gesagt. Und immer, wenn man dann alt genug für etwas ist, ist man zu jung für etwas anderes. Jeder denkt nur noch daran, wie jung er ist, aber trotzdem denkt niemand darüber nach, weil man zu viel Zeit damit verschwendet, über, zumindest jetzt noch, unwichtige Dinge nachzudenken. Endlich raus aus der Schule, einen guten Job finden, heiraten, ein Haus kaufen, Kinder kriegen, Enkelkinder kriegen, die eigenen Eltern stolz machen.

„Du machst das nicht für uns, sondern für dich selbst.“
„Wenn acht Leute eine eins hatten, wieso hattest du eine drei?
„Du musst noch deine Hausaufgaben machen.“
„Zum Glück ist es keine fünf geworden.“

Hauptsache man ist gut in der Schule, um später irgendwann mal Karriere zu machen. Man lebt sein Leben nicht, weil man zu viele andere Dinge beachten muss, auf zu viele andere Menschen achten muss, und niemand achtet mehr auf sich selbst. Man lässt sich gehen, kann nirgendwo mehr hingehen, weil man zur Schule geht, zum Fußball geht, zum Ballett geht, zum Turnen geht, zum Tennis geht, zur Uni geht, zur Arbeit geht. Nichts geht mehr und die Zeit vergeht, bis es am Ende nicht mehr weitergeht.

„Du musst doch was aus dir machen!“
„Früher war die Jugend noch nicht so faul.“
„In deinem Alter hab ich schon seit 2 Jahren gearbeitet.“
„Nächstes Halbjahr werden deine Noten aber wieder besser!“

Jeder macht einem zu viel Druck, aber trotzdem viel zu wenig. Der Druckverband, der die Blutung stillen sollte, wurde zu locker gebunden. Er ist blutdurchtränkt, es tropft herunter auf die Bewerbung, die dreizehnte, die man diesen Monat schreibt, um irgendwo ein Praktikum zu bekommen. Im Lebenslauf steht nicht viel, weil man nirgendwo angenommen wurde, und man wurde nicht angenommen, weil im Lebenslauf nicht viel steht. Dann steht man da, versucht zu gestehen, dass man nicht angenommen wurde, aus einem Grund, den man selbst nicht versteht.

„So kann doch auch nichts aus dir werden!“
„Ich hab's dir gleich gesagt.“
„Heul nicht rum!“
„Das ist nur eine Phase.“

10% aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren sind depressiv. Weil sie nicht ernst genommen werden und sich selbst nicht ernst nehmen können. Weil sie sich nicht sicher sind, ob sie sich sicher sein können. Weil sie keine wichtigen Entscheidungen treffen dürfen, aber viel zu früh wichtige Entscheidungen treffen müssen. Gerade erst hat man im Kindergarten im Sandkasten gespielt, da ist man schon in der fünften Klasse, und wer da noch nicht weiß, was er nach der Schule machen will, aus dem kann doch sowieso nichts werden.

„Du musst doch wissen, was dich interessiert!“
„Das willst du doch nicht wirklich machen!“
„Ich hab dir doch gesagt, dass das nichts wird.“
„Selbst Schuld!“


Dann blickt man später zurück auf die früheren Jahre, in denen man zu viel Zeit verschwendet, aber die ganze Zeit trotzdem nicht genutzt hat. In denen man zu viel für die Schule gelernt hat und trotzdem zu wenig, in denen man zu viel Zeit mit seinen Freunden verbacht hat, und trotzdem keine Zeit für Freunde hatte. In denen man keine Zeit für überhaupt irgendwas hatte, weil man sich immer nur gefragt hat, wie man die Zeit am besten nutzen sollte. Und dann ist man selbst der verbitterte alte Nachbar, den niemand kennt und den trotzdem alle in der Straße kennen.
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