Als wir unsterblich waren

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter OC (Own Character)
19.06.2019
15.02.2020
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9
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Liebe Leser(innen),

hallo und willkommen zu meiner ersten Die Ärzte-Fanfic! Ich freue mich sehr, dass ihr euch auf diese Seite verirrt und offenkundig Interesse an meinem Geschreibsel habt – ich hoffe, ich werde euch nicht enttäuschen!

Seit mittlerweile 1 ½ Jahren schreibe ich nun an dieser Geschichte und bin noch nicht mal annähernd fertig. Eigentlich wollte ich sie erst hochladen, wenn ich alle Kapitel geschrieben habe, aber wer weiß, wie lange es die alten Männer noch tun. ;)

Daher hier jetzt der erste Teil meines Werkes. Vorher noch kurz der übliche Disclaimer: leider gehört keiner der drei Götter mir, ebenso wenig eine der Personen aus ihrem Umfeld. Alle anderen Charaktere sind jedoch meiner eigenen Fantasie entsprungen.

Und nun bleibt mir nur noch zu sagen: viel Spaß bei Kapitel 1! Und wie jeder andere Autor freue ich mich natürlich über eure Meinungen.

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2012Ist das noch Punkrock?

‚Fick dich und deine Schwestern!’,
hast du dir tätowiert.
No future, das war gestern,
seitdem ist viel passiert.

Die Ärzte – Ist das noch Punkrock?


Hamburg-Bahrenfeld – Trabrennbahn Bahrenfeld, Luruper Chaussee | 25.08.2012, 19:58 Uhr

Die Stimmung im Publikum ist grandios, soweit ich das als die Laiin, die ich mittlerweile bin, beurteilen kann. Ich stehe irgendwo im hinteren Mittelfeld, aber dennoch ziemlich zentral vor der Bühne und umringt von Menschen beinahe jeden Alters. Es überrascht mich, dass ich nicht die Älteste hier bin, weil ich irgendwie sowas erwartet hatte anstatt eines wildgemischten Publikums. Vermutlich ist mir diese Diversität vor 20 Jahren bloß nicht so aufgefallen, weil ich noch mitten im vorderen Gemenge stand, statt wie heute im hinteren Drittel, dem das Wort Pogo kein Begriff mehr ist.

Links und rechts der Bühne sind große Bildschirme angebracht, über die in wenigen Augenblicken die Gesichter der drei Hauptdarsteller flimmern werden. Nervös tripple ich von einem Fuß auf den anderen und werfe einen Blick auf die Uhr. 19:59 Uhr. Der Vorhang müsste jetzt jede Sekunde fallen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und die Menge um mich herum wird lauter.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kinder“, ertönt auch schon eine kraftvolle Stimme vom Band, „willkommen zu einem Abend mit der besten Band der Welt.“

Das Publikum bricht in Jubel, mir der Schweiß aus. Jeden Muskel im Körper angespannt lausche ich dem Ansager, der sich einen verbalen Schlagabtausch mit der johlenden Masse liefert. Sie alle wollen, dass der rote Vorhang fällt und die drei Musiker zum Vorschein kommen. Ich hingegen will, dass der Vorhang da bleibt, wo er ist, weil ich plötzlich doch nicht mehr bereit bin, mit meiner Vergangenheit konfrontiert zu werden.

Ich kann es mir aber nicht mehr anders überlegen, denn ich stehe mitten in der Masse und würde eh nicht schnell genug rauskommen. Als die ersten drei Gitarrenriffe erklingen, ist es dann sowieso zu spät. Sogar die älteren Leute um mich herum werden laut und recken ihre Arme in Richtung der Band, die soeben hinter dem Vorhang auf der Bühne aufgetaucht ist.

Fick dich und deine Schwestern!“, brüllt Farin ins Mikrofon und haut in die Saiten seiner Gitarre. Er trägt schwarz, wie er es schon seit Ewigkeiten tut, und hat die Haare blondiert, wie sie es schon seit Ewigkeiten sind. Er sieht noch immer aus wie früher und ist doch älter geworden. Nichts hat sich geändert und doch so vieles.

Bela steht in der Mitte, wie immer, wie früher. Aber er sieht anders aus. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber nicht das – den grauen Anzug, das schicke Hemd. Das letzte Mal, als ich ihn auf der Bühne sah, trug er Netzshirt und Porno Boy-Gürtel. Es ist, als wäre das dort hinter den Drums ein komplett neuer Mensch – ein mir fremder Mensch, den ich nicht mehr kenne und der jetzt Teil dessen ist, was er nie sein wollte.

Rod sieht aus wie immer, weil er eben Rod ist. Ich könnte schwören, dass er das gleiche Sakko trägt wie damals in Oberhausen und die gleiche Frisur natürlich sowieso. Rod hat nie gerne experimentiert, dafür ist er zu bodenständig – das heißt, ich vermute, er ist immer noch bodenständig. Wir haben schließlich seit Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Das Lied, das sie da spielen, kenne ich nicht. Die neue Platte war zwar Teil des großen Briefs, der vor einigen Wochen unerwartet in unserem Briefkasten lag, aber angehört habe ich sie nicht. Die Angst vor den Emotionen war zu groß. Außerdem ist unser Plattenspieler kaputt, und auf anderen Medien würde ich ihre Musik niemals hören. Die Ärzte sind Vinyl und bleiben es auch; für mich zumindest, in meiner angestaubten, melancholischen Erinnerung an früher.

Ist das noch Punkrock – wie dein Herz schlägt, wenn sie dich küsst?“, fragt Farin mit sanfter Stimme, die er noch immer genau so treffsicher einzusetzen weiß wie eh und je. Gute Frage eigentlich. Nur kann ich mich gerade nicht darauf konzentrieren, diese Frage zu beantworten. Stattdessen konzentriere ich mich darauf, nicht die Fassung zu verlieren, denn es ist schlimmer, als ich erwartet hatte – die Stimme, die Musik, die drei. Ich versuche, nicht auf die Bildschirme mit ihren vergrößerten Gesichtern zu starren und mich stattdessen auf den Songtext zu fokussieren.

Ist das noch Punkrock? – Ich glaube nicht!“, erläutert Farin seine Sicht der Dinge. Vermutlich hat er recht, sehr sicher sogar. Denn Punkrock ist das wohl nicht mehr, auch wenn das Lied überraschend punkig klingt. Aber das ist nichts im Vergleich zu früher, zu den 80ern, zu ihrer Anfangszeit. Damals, als wir alle jung und einigermaßen unschuldig waren. Als wir in einer Enklave lebten, deren Nationalfarbe Nachkriegsgrau und deren Horizont eine Mauer war. Als wir dachten, die Welt würde uns zu Füßen liegen, wenn wir unsere Enklave einmal verließen. Damals, als die Welt genau das tat.

Damals, als wir unsterblich waren.
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