Warum gerade Schülerinnen ein Gewinn sind

von Tullia
GeschichteRomanze / P18
19.06.2019
23.08.2019
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Das Geschwätz der anderen Meister ging Severus genau so sehr auf die Nerven, wie die bisher gehörten Vorträge.
Lieferanten aus den USA, Gerätschaften, die teilweise die Arbeit des Meisters abnahmen, innovative Trocknungsverfahren. Humbug war all das, denn es verfälschte, was die Arbeit ausmachte: Das Talent und das Können des Meisters. Jede seiner Handbewegungen ließ Magie in den Trank einfließen. Warum daran sparen?
Mehr als einmal war Severus versucht, Granger zuzuflüstern, sie könne das mit der Mitschrift sein lassen. Dann besann er sich aber doch immer wieder eines Besseren. Sie sollte sich selbst ein Bild machen und er war bereits gespannt, was sie zu den geistigen Ergüssen der Schaumschläger sagen würde. Ihre immer wieder in Falten gelegte Stirn ließ ihn auf Skepsis hoffen.
Als endlich eine von Severus langersehnte Pause verkündet wurde, stand er auf und verließ genervt den Raum. Was war das doch für eine Zeitverschwendung? Diesen ersten Tag hätte er sich tatsächlich schenken können. Das Hotel kostete Geld, die Teilnahme am Kongress auch und das alles - zumindest an diesem Tag - für solchen Unsinn. Alles in allem lief es darauf hinaus, dass das Brauergebnis weniger gut sein würde, wenn man die Ratschläge aus den Vorträgen beherzigen würde. Eine mögliche Zeitersparnis wog das nicht auf. Schon gar nicht, wenn er bedachte, dass er Geld investieren müsste.
Severus ging zur Toilette, dann holte er sich an der Bar einen Kaffee.
Als er den Seminarraum wieder betrat war auch Granger von ihrem Platz verschwunden. Stattdessen stand sie am aufgerissenen Fenster und schien müde die hereinwehende und mit Sicherheit warme Luft zu atmen. Die Augen der Hexe waren geschlossen. Erst als Severus näher kam, sah er, dass sie sich minimal bewegte. Ihre Finger zuckten, hin und wieder sprang ihre Mimik von angespannt zu entspannt und dann wieder zurück. Als er fast zu ihr aufgeschlossen hatte, glaubte er den Ursprung dieses durch und durch merkwürdigen Verhaltens zu erkennen.
Der Palazzo, in dem das Seminar stattfand, lag unweit der Arena von Verona. Es wehte gerade nicht nur Luft durch das Fenster, sondern auch Musik. In der Arena wurde wohl gerade geprobt. Eingängig und Severus absolut bekannt war die Musik und so stieß er mechanisch aus: "Verdi", viel mehr zu sich selbst als zu ihr.
Er erkannte gleichzeitig mit der Musik allerdings auch etwas anderes, und das mit Erschrecken. Es waren eben nicht nur die Proportionen der Hexe, die sie anziehend wirken ließen. Hermine Granger war - buschige Haare hin oder her - auf eine nicht aufdringliche Art hübsch. Oder war es sogar eher eine hinterhältige Art von Ansehnlichkeit? Es musste so sein, denn lange hatte er sie angesehen und völlig neutral bewertet, oder gar abwertend. Dann hatten die bloßen Möglichkeiten, die er besaß, dafür gesorgt, dass er erkannte, dass sie eine Frau war. Und nun, auf einmal, nahm er sie als hübsch wahr. Ihr Gesicht war absolut harmonisch und symmetrisch, alles schien darin stimmig zu sein. Die Nase schmal, die Lippen voll und geschwungen. Selbst die Brauen schienen perfekt geformt.
Granger öffnete die honigfarbenen Augen, sah ihn offen an und nickte. "Rigoletto"
Dass sie das Stück derart genau benennen konnte, überraschte Severus. Bisher hatte er sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, was die Hexe für Interessen hatte. Ob es überhaupt welche gab. Etwas, das sich in diesem Moment schlagartig änderte. Die Frage, woher sie die Ouvertüre der Oper kannte, ließ sich gerade so verkneifen. Ganz sicher wollte er nicht den Anschein erwecken, dass er sich in irgendeiner Art für sie interessierte. Aber ihr Anblick ließ ihn nicht los. Sie hatte die Musik zweifellos genossen. Und Genuss stand ihr gut zu Gesicht.
Der Abend brach irgendwann tatsächlich an und der offizielle Teil der Veranstaltung war für diesen Tag beendet. Ein Abendessen würde folgen, die Meister würden sich in weniger zwanghafter Atmosphäre austauschen können.
"Der Abend gehört Ihnen, Granger. Überarbeiten Sie die Notizen und bringen Sie sie in eine geordnetere Form, als das Chaos, das mich bis jetzt von diesen Blättern anspringt. Darüber hinaus können Sie tun und lassen, was Ihnen beliebt. Wir sehen uns morgen früh."
Er wollte aufstehen, doch sie fragte: "Denken Sie nicht, beim Austausch mit Ihren Kollegen könnte noch das ein oder andere Wort fallen, dass aufgeschrieben werden sollte?"
Sie hatte leise gesprochen, so dass ihr Einwand sicher von niemanden sonst gehört worden war. Dennoch ärgerte ihn ihr Aufbegehren gegen seine deutliche und unmissverständliche Anweisung. So wurde er deutlich, wenn auch auf leise zischende Art: "Weder sind Sie unentbehrlich, noch bin ich senil oder in meiner Motorik eingeschränkt. Wenn etwas wirklich Interessantes besprochen werden sollte, dann kann ich es mir wahlweise merken oder selbst notieren. Dazu wird es aber kaum kommen. Gemessen an diversen Kommentaren und Blicken meiner Kollegen denke ich, dass vor allem Sie zunächst einen Großteil der Unterhaltung prägen werden. Wenn Sie Ratschläge erhalten wollen, wie Sie sich gegenüber Ihrem Meister besser stellen können, dann sind Sie natürlich herzlich eingeladen. Ich bezweifle allerdings, dass Ihnen die Mittel behagen werden."
Er sah die Hexe angestrengt schlucken, ehe sie ein leises: "Ich passe" ausstieß.
Das ließ er kommentarlos stehen.
Wirklich Unrecht hatte Severus nicht gehabt. Zunächst wurde ausgewertet, wie vertan der Tag für die meisten Anwesenden gewesen waren. Die Wenigen, die anderer Meinung waren, würde Severus zukünftig nicht mehr beachten müssen. Das waren Idioten.
Je später der Abend wurde, umso höher stieg sicher auch der Alkoholpegel der Kollegen. Und damit wurden auch die Zungen lockerer.
"Wenn fachliche Kompetenz in eine so hübsche Hülle verpackt auf der Türschwelle steht, würde ich auch nicht nein zur Ausbildung sagen", war der Satz eines belgischen Kollegen, der die unteren Schubladen der Konversation öffnete.
Am Ende des Abends war sich Severus sicher, warum die wenigen Meisterinnen, die es gab, einen solchen Kongress höchst selten aufsuchten. Anerkennung würden sie für fachliche Leistungen kaum erfahren. Und er wusste auch mit absoluter Sicherheit, dass die anderen Meister ihn nun entweder für verlogen hielten, weil er vorgab, auf seine Rechte zu verzichten, für schwul oder für einen Idioten. All das war ihm unverhohlen ins Gesicht gesagt worden. Anstand wurde augenscheinlich nicht allzu hoch bewertet.
War er ein Idiot? Er sah Granger täglich vor sich, er träumte oder phantasierte sehr plastisch von ihr und dennoch erschien es ihm absolut fremd, eine Realisierung auch nur in Erwägung zu ziehen. Warum? Er hatte sie gewarnt, inzwischen sollte ihr auch klar sein, dass er nicht gerade über einen Pool von sozialen Kontakten verfügte. Er verließ ja nicht einmal das Haus, wenn es nicht gerade darum ging, zu joggen, Zutaten zu sammeln oder unvermeidliche Besorgungen zu erledigen.
Musste sie nicht damit rechnen, dass er irgendwann die Gunst der Stunde nutzen würde? Wenn es so war, dann ließ sie es sich nicht anmerken.
Ganz realistisch betrachtet, war Granger eine Person, die unter normalen Bedingungen weit jenseits seiner Reichweite lag. Hübsch, intelligent und aufgeschlossen wie sie war, sollte es kein Problem für sie darstellen, einen Partner zu finden. Hatte sie ja sogar schon, auch wenn Weasley nicht die beste Wahl darstellte. Die Gelegenheit, die sich ihm bot, würde nicht wiederkehren.
Angewidert verzog er das Gesicht. Als Todesser hätte er Vergleichbares haben können, ein bisschen Nötigung hätte im ein oder anderen Fall wohl gereicht, um Sex zu haben, aber er war eben nicht derart verdorben, dass er es tatsächlich tat. Und ganz sicher waren es die Gesellen, die in der Lobby große Reden über die Rechte als Meister einer weiblichen Schülerin schwadroniert hatten auch nicht, denn keiner von ihnen hatte eine Schülerin vorzuweisen.
Severus seufzte genervt, als er erkannte, was die Ausbildung von Granger auch bedeutete. Es würde über ihn gesprochen werden. Nein, mit Sicherheit wurde schon gesprochen, nicht nur hier, sondern insgesamt in der magischen Welt Britanniens. Snape hatte sich ein hübsches Mädchen zur Schülerin erwählt. Hatte der Tagesprophet schon beschrieben, welche Vorzüge Severus daraus ziehen konnte? Und selbst wenn nicht, Meister anderen Fachs wussten um die Bedingungen eines Ausbildungsvertrags im Fachgebiet der Tränke.
Severus hatte immer als skrupellos gegolten, stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Das Bekanntwerden seiner Geschichte hatte diese Wahrnehmung wohl verändert, aber ganz sicher wurden ihm nun nicht gerade ehrenwerte Motive zur Ausbildung Grangers unterstellt. Was sich selbst gegenüber die Frage aufwarf, was denn seine Motive waren.
Wissen wollte er weitergeben, sich austauschen. Granger bot das, in sehr fruchtbarer Art. Sie war grundsätzlich ein Muster an Wille und Können. Irgendwann würde er eine junge Frau in die Arbeitswelt entlassen, von der einiges zu erwarten war. Und sich mit den Federn der gelungen Ausbildung schmücken können. Eine Lobpreisung seiner Person als Meister war ihr durchaus zuzutrauen…
Das war es! Er erwartete von ihr Lob in den höchsten Tönen gegenüber anderen. Schließlich hatte sie sich schon einmal recht weit aus dem Fenster gelehnt, als es um seinen Freispruch gegangen war.
Es ging also bei seiner Zurückhaltung nicht nur um Anstand. Es ging auch darum, nicht zu zerstören, was er erreichen wollte - allgemeine Anerkennung. Gerechtfertigt in diesem Fall, fundiert, nicht ein Schuss ins Blaue, wie es ihre Aussage zu seinen Gunsten im Zeugenstand, gewesen war.
Das war ganz sicher nicht idiotisch. Er traute der Hexe zu, einiges auf den Kopf zu stellen. Vielleicht wäre Severus am Ende sogar als guter Lehrer bekannt, zumindest dann, wenn er nicht gezwungen wurde, Idioten zu unterrichten.
Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er sich nach allgemeiner Rehabilitierung sehnte, aber mit diesem Argument ging es ihm sogar gut. Er wollte kein Arschloch mehr sein, nicht einmal in den Augen von anderen. Selbst würde er Derartiges nie einfordern, aber Granger als Fürsprecherin zu haben, wäre sicher nicht schlecht.
Dafür musste er nur auch zukünftig an ihrer Zimmertür vorbei gehen, wie er es gerade tat. Er sollte sich hüten, je etwas anderes auch nur in Erwägung zu ziehen. Denn dann wäre er ein Arschloch. Und für sie, die ihm Derartiges nicht zutraute, wohl eine Enttäuschung. Und diese würde sie sicher auch in epischer Breite an die Öffentlichkeit tragen.
Die einzige Ausnahme stellte das sangius virgialis dar. Wissenschaftliches Interesse traf in diesem Fall auf den Status der Rarität und echtes Begehren. Die Verfassung des Brauenden nahm Einfluss auf das Ergebnis, dass war bekannt. Die Qualität der Zutaten tat es ebenfalls. Nach Severus Überzeugung machte es zudem einen großen Unterschied, ob das Blut von einer im Bereich der Tränke versierten Frau stammte, oder von einer unfähigen. Das magische Potential sollte im ersten Fall bedeutend größer sein. Und sicher wirkte auch, ob das Blut von einer verängstigen oder von einer erregten und willigen Hexe gewonnen wurde. Grangers könnte perfekt sein. Das würde er sich nicht nehmen lassen, weder das Gut selbst, noch dessen Beschaffung.
Wie aber argumentieren, dass er es sein musste, der ihr Hymen durchstieß? Gerade die Worte erregt und willig sprachen eigentlich gegen ihn.
Vielleicht sollte er Granger ermutigen, mit ihm zu forschen. Besser noch, vielleicht sollte sich ihre Abschlussarbeit in irgendeiner Form mit dem sangius virgialis beschäftigen. Ehrgeizig wie sie war, könnte das positiv auf den Willen wirken. Und sie wäre in diesem Fall noch kein Meister, er müsste sich nicht einmal rechtfertigen, warum er unbedingt an dem Akt beteiligt sein musste. Auch nicht gegenüber anderen, was ihn direkt zurück zur Frage seines Rufs führte.
Würde Granger den Sinn des Ganzen selbst erkennen und selbstsicher vertreten, dann wäre alles perfekt. Es brauchte eben einen Meister, um zu garantieren, dass alles fachgerecht von statten ging.
Er stutzte kurz, als er sich bewusst machte, dass er sie damit letztlich an etwas arbeiten lassen würde, was ihm selbst oblag. Es ging um seine Qualitätstheorie, die bis jetzt wohl möglich sein Wissensvorteil gegenüber anderen Tränkemeistern war und es wäre sein Ruhm, den sie bei der Ausarbeitung ernten würde. Aber nein, auch seiner. Er wäre ihr Meistervater. Er hätte dieses Wissen und Verständnis schließlich gefördert.
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