Changes

von Reno VII
OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Iceman / Roberto "Bobby" Drake Shadowcat / Kathrin "Kitty" Pryde
18.06.2019
18.06.2019
1
5.230
4
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
18.06.2019 5.230
 
Hallo zusammen!
Mal wieder ein kleiner Oneshot, der schon etwas älter ist und ewig darauf gewartet hat, hier mal online gestellt zu werden. Ich hoffe, dass er ein paar von euch gefällt.
Viel Spaß beim Lesen. :)

Disclaimer: Natürlich gehören alle vorkommenden Charaktere nur ihrem Schöpfer/ihrer Schöpferin und nicht mir, ich leihe sie mir lediglich für diese Geschichte aus und verdiene auch kein Geld damit.

~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~




Changes


--- Westchester County, New York ---


Kaum war die Physikstunde beendet, erhoben sich alle Schüler von ihren Plätzen, sammelten ihre Unterlagen ein, verstauten alles in ihren Taschen und verließen den Raum.
Sie blieb auf ihrem Platz sitzen. Nachdenklich starrte sie auf ihren leeren Notizblock. Sie hatte nichts von dem aufgeschrieben, was der Professor während der Stunde erzählt hatte, so wie sie es sonst machte. Normalerweise sog sie alles auf, was er ihnen zu vermitteln versuchte.
Seinen Unterricht hatte sie von Anfang an sehr spannend gefunden. Besonders die Philosophie- und Ethikkurse beeindruckten sie, regten sie dazu an, einen völlig neuen Blickwinkel auf alles zu legen, was sie bisher kannte. Sie hatte das Gefühl, dadurch wirklich ihren Horizont erweitern zu können und über ihre Grenzen hinaus blicken zu können.
Umso ungewöhnlicher war es, dass sie ihm heute nicht hatte folgen können, dass ihr Kopf gar nicht hier gewesen war, sondern ganz weit weg. Sie machte sich in letzter Zeit viel zu viele Gedanken. Aber wie könnte sie auch nicht?

„Kitty? Ist alles in Ordnung?“, wurde sie irgendwann aus ihren Gedanken gerissen. Als sie aufblickte, sah sie in die Augen des Professors, der sie bereits ein bisschen besorgt musterte. Er kannte seine Schüler und er musste ihre Gedanken auch nicht jedes Mal lesen, um zu wissen, wann etwas nicht stimmte.
Er hatte ihnen allen versprochen, dass er das nicht einfach so machen würde. Er war ein Telepath, er konnte das jeder Zeit tun und er würde es auch, wenn sie versuchen würden, ihn zu hintergehen. Aber jeder, der seine Schule besuchte, wusste, dass er zu solchen Mitteln nur dann griff, wenn er keinen anderen Weg mehr sah. Sie alle vertrauten ihm.
Ihr war klar, dass alleine die Tatsache, dass sie hier immer noch saß, obwohl sie längst auf ihr Zimmer oder raus auf das Schulgelände hätte gehen können, dafür verantwortlich war, dass der Professor etwas ahnte. Es wäre vermutlich unsinnig, wenn sie irgendeine Ausrede erfinden würde und vielleicht wusste der Ältere auch, was sie tun könnte.

Sie biss sich ein wenig unbehaglich auf die Lippe. War es in Ordnung, die Probleme anderer anzusprechen, wenn man sich wünschte, ihnen helfen zu können?
„Bobby kommt seit einiger Zeit nicht mehr zum Unterricht“, stellte sie schließlich einfach fest. Irgendwie musste sie in das Gespräch einsteigen. Oder sollte sie vielleicht gleich sagen, dass sie sich um ihn Gedanken machte? Aber konnte der Professor sich das nicht auch so denken?
Dieser nickte nun und wenn sie sich nicht täuschte, dann sah sie einen Schatten über seine Züge huschen. Offensichtlich war sie wohl nicht die Einzige, die sich ein bisschen um ihn sorgte. Zumindest erschien es ihr so, als der Ältere nun nickte und meinte: „Ja, das stimmt. Es ist ein paar Wochen her, seit er das letzte Mal teilgenommen hat.“
Sie verzog ein bisschen missmutig das Gesicht. Sie hatten ihren Abschluss beide bereits gemacht. Aber sie wollten ihr Studium hier fortsetzen, weil sie sich noch nicht entschieden hatten, was sie später einmal genau machen wollten.

„Hat er Ihnen gesagt, warum? Ich meine… Ich würde nur gerne wissen ob er krank ist oder es etwas Ernstes ist. Ich mache mir schon Gedanken um ihn. Er hat nichts gesagt“, versuchte sie also zu erklären, was ihr Sorgen bereitete.
Wahrscheinlich hatte Bobby den Professor gebeten, keinem was zu sagen, sollte er ihm etwas erzählt haben. Dann würde sie auch nichts darüber in Erfahrung bringen können. Aber falls dem nicht so war, dann wollte sie wenigstens versuchen rauszufinden, was los war.
Sie erinnerte sich noch, dass Bobby immer für sie dagewesen war, wenn es ihr nicht gutging. Er war immer ein guter Freund für sie gewesen und jetzt wollte sie ihn nicht alleine lassen. Sie hatte versucht, mit ihm zu reden, aber er hatte nicht auf ihr Klopfen reagiert. Es wäre zwar ein Leichtes für sie, sein Zimmer einfach trotzdem zu betreten, aber das wäre fies.
Ihr war bewusst, dass sie ihre Mutation nicht einfach ausnutzen durfte. Sie wollte nicht das Vertrauen ihrer Freunde verlieren oder damit irgendwas Unrechtes anstellen und die Mutanten damit in Verruf bringen. Das wäre das Schlimmste, was sie tun könnte.

Der Professor seufzte leise, machte ein bedauerndes Gesicht. Ihr war klar, dass er ziemlich gut Bescheid wissen musste, was los war, aber vermutlich wollte er das nicht einfach so vor ihr breittreten. Es war schließlich Bobbys Sache und wenn er sonst mit keinem reden wollte…
„Er hat so viel verloren, Kitty. Du weißt das. Vermutlich besser als sonst irgendjemand. Vielleicht ist das zu viel gewesen“, versuchte der Ältere ihr zu erklären, aber sie verstand schon, was er damit sagen wollte.
Zuerst hatte sich seine ganze Familie von ihm abgewandt, weil sie erfahren hatten, dass er ein Mutant war. Kurz darauf hatte sich sein bester Freund ihren Feinden angeschlossen.
Ihr war nicht entgangen, dass diese Umstände ihn schon sehr mitgenommen hatten, aber in all der Zeit hatte er zumindest Rogue gehabt. Obwohl ihre Beziehung wegen Rogues außergewöhnlichen Kräften nie leicht gewesen war, hatte sie doch immer den Eindruck gehabt, dass nichts ihre Liebe erschüttern könnte.

Wenn sie ehrlich war, dann war sie sogar froh, dass Bobby sie nach all diesen Ereignissen noch hatte. Immerhin war Rogue mit ihrer Mutation immer unglücklich gewesen, hatte gefürchtet, dass es nicht funktionieren könnte. Als es dann dieses „Heilmittel“ für Mutanten gegeben hatte, schien es Bobbys und Rogues Chance zu sein.
Natürlich hatte er von Rogue nie verlangt, dass sie es nehmen sollte. Sie war sich ganz sicher, dass er trotzdem immer an ihrer Seite geblieben wäre. Dennoch hatte sie sich dafür entschieden, es zu nehmen. Eigentlich schien alles perfekt zu sein.
Perfekt... Als Rogue fortgegangen war, so ganz plötzlich, hatte sie Bobby mit derselben Feststellung konfrontiert. Dass doch alles zwischen ihnen augenscheinlich so perfekt war. Seine Antwort kam ihr prompt wieder in den Sinn.
Es hätte nicht perfekt sein müssen. Mir hätte es vollkommen gereicht, wenn wir einfach glücklich gewesen wären.
Worte, die ihr damals doch eine ganze Menge über Bobby verraten hatten. Sie hatte nicht danach fragen müssen, wer sich getrennt hatte. Es war offensichtlich gewesen und dass sie gegangen war, beschäftigte ihn immer noch. Aber wie konnte sie ihm dabei helfen?

Sie nickte langsam. Mehr brauchte der Professor ihr gar nicht sagen. John war längst nicht mehr hier, um seinen früher einmal besten Freund aus seinem Tief rausziehen zu können. Dafür würde er sich inzwischen charakterlich auch viel zu sehr verändert haben.
Wenn sie nur an ihre letzte Begegnung mit ihm zurückdachte, wurde ihr schlecht. Sie konnte selbst nicht glauben, dass so ein Arsch aus ihm geworden war. Und Colossus? Er war wirklich bemüht, aber für Bobby würde er vermutlich niemals das sein, was John für ihn gewesen war. Jedenfalls war das ihr Eindruck.
Konnte sie ihm helfen? Konnte sie für ihn Freundin genug sein, nach allem, was passiert war? Sie konnte nicht einmal im Entferntesten sagen, was in ihm vor sich gehen musste. Wäre sie überhaupt die richtige Ansprechpartnerin für ihn?

Das würde sie rausfinden müssen. Es brachte nichts, wenn sie sich das dauernd hin und her überlegte. Allerdings fragte sie sich schon, wie sie das anstellen sollte.
So wie es im Moment aussah, wollte Bobby niemanden sehen. Also auch nicht sie. Andererseits konnte sie als seine gute Freundin doch nicht zulassen, dass er jetzt nur noch auf seinem Zimmer saß und sich nirgendwo mehr blicken ließ.
Für einen Moment musste sie wieder daran denken, wie er immer für sie da gewesen war. Es wurde höchste Zeit, dass sie dasselbe für ihn tat. Sie würde noch ihre Sachen auf ihr Zimmer bringen, ihre Schularbeiten fertigmachen und dann hätte sie den ganzen Abend für ihn Zeit.
Ja, das klang doch mal nach einem Plan, den sie unbedingt in die Tat umsetzen wollte.

***


Wie lange mochte es jetzt her sein? Fünf Jahre? Ja, das müsste in etwa hinkommen. Genug Zeit, um sich damit abzufinden, dass die Dinge nun einmal so waren, aber das konnte er anscheinend doch nicht.
Es gab immer noch Tage, da brauchte er nur die Augen schließen und er hatte ihre enttäuschten Gesichter wieder klar und deutlich vor sich.
Das ergab keinen Sinn. Er hatte enttäuscht von ihnen zu sein. Er müsste verärgert über ihr Verhalten sein. Hatten sie ihn denn damals nicht tief genug verletzt? Wieso war er auch so bescheuert, ihnen jedes Jahr zu Weihnachten wieder zu schreiben? Warum dachte er, dass das wirklich etwas ändern würde? So naiv und blöd konnte man doch nicht sein!
Sie hatten sich klar gegen ihn gestellt und die Tatsache, dass sie den Kontakt vermieden, zeigte ganz deutlich, dass sich an ihrer Sichtweise auch nichts verändert hatte.

Er seufzte leise. Es wäre längst an der Zeit, das mal hinter sich zu lassen. Wie lange sollte er seiner Familie denn noch hinterher trauern? Es war schmerzhaft, das ließ sich gar nicht bestreiten, aber er hatte nicht vor, deswegen immer niedergeschlagen zu sein.
Aber vielleicht hatte er das alles wirklich nur aushalten können, weil Rogue immer da gewesen war. Solange er sie hatte, war alles andere unwichtig gewesen. Immerhin war das sowas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen, so kitschig das auch klingen mochte. Aber, als sie damals an diese Schule gekommen war, hatte er sie gesehen und einfach mit ihr zusammen sein wollen. Für kein anderes Mädchen hätte er sich jemals so bemüht.
Ihm war auch schnell klar gewesen, dass er mit ihr zusammen sein wollte, selbst wenn er sie nicht berühren konnte, selbst wenn das immer wieder ein Problem zwischen ihnen war. Das war nicht wichtig gewesen, solange er nur sie hatte. Er hatte durch sie erkannt, dass Liebe noch so viel mehr bedeutete, als das.

Er hatte versucht, ihr das immer wieder zu vermitteln, ihr immer wieder zu sagen, dass er sie einfach liebte. Sicher hatte er genauso wie sie eine Lösung dafür finden wollen, aber mit ihr zusammen. Es hatte ihn schon enttäuscht, dass sie ihre Entscheidungen immer alleine getroffen hatte, dass sie sich ihm so selten anvertraute und ihm schnell Vorhaltungen gemacht hatte, die einfach nicht gerechtfertigt waren.
Es war ihm immer wichtig gewesen, Rogue niemals unter Druck zu setzen, ihr nicht das Gefühl zu geben, dass ihre Beziehung keinen Sinn und keine Zukunft haben würde, wenn sie nicht irgendwann einen Weg fanden. Trotzdem war sie oft wütend und eifersüchtig geworden.
Irgendwann sogar auf Kitty. Sicher hatte er es genossen, Zeit mit Kitty zu verbringen, aber nicht, weil er sich damals in sie verliebt hatte, sondern weil er mit ihr keine Probleme wälzen musste. Aber jeder Versuch, es Rogue zu erklären, hatte anscheinend alles nur komplizierter gemacht. Also hatte er es irgendwann gar nicht mehr versucht zu rechtfertigen.

Und auch über das Serum, welches als „Heilmittel“ bezeichnet worden war, hatte Rogue mit ihm nie gesprochen. Sie war einfach losgegangen und hatte es sich geben lassen, ohne mit ihm zu reden, ohne ihn zu fragen, was er davon halten würde.
Er hatte es nicht verstanden. Vertraute sie ihm nicht? Hatte sie ihm jemals vertraut? Er war sich immer sicher gewesen, dass das mit ihnen etwas Besonderes gewesen war, aber inzwischen bekam er seine Zweifel daran. Er dachte einfach zu viel darüber nach. Dabei war es so unsinnig, sich deswegen noch den Kopf zu zerbrechen.
Rogue war fort und sie würde nicht mehr wiederkommen. Er musste zugeben, er hatte selbst auch mit dem Gedanken gespielt, seine Fähigkeiten aufzugeben, mit Rogue ein ganz normales Leben zu führen. Er hatte mit ihr darüber reden wollen, aber…
Nun… Sie hatte auch nie mit ihm gesprochen und irgendwann war das Vertrauen wohl verloren gegangen. Er wusste nicht, was passiert war, aber es hatte sich seltsam angefühlt. Schon einige Monate vor diesem Zwischenfall. Denn plötzlich war Rogues Mutation trotz des Serums wieder durchgekommen. Es hätte ihn fast umgebracht.

Manchmal hatte er ihr erschrockenes Gesicht immer noch vor Augen. Er wusste, wie leid es ihr getan hatte und wie verzweifelt sie darüber war, dass es geschehen war. Niemand war davon ausgegangen, dass das geschehen könnte. Dieses Mittel hätte ihre Kräfte für immer versiegeln sollen, aber inzwischen wusste man, dass man sich dafür einer regelmäßigen Behandlung unterziehen musste.
Er hatte ihr das nicht vorgeworfen. Sie hatte das nicht wissen können. Aber danach war alles anders gewesen. Rogue hatte den Gedanken nicht ertragen können, ihm sowas vielleicht wieder anzutun und sich noch mehr verschlossen. Wenn er nur einen Weg gefunden hätte, mit ihr zu reden, aber das war niemals gelungen.
Rogue war einfach verschwunden, nachdem es ihm wieder besserging. Ohne ein Wort, ohne eine Erklärung. Er hatte versucht sie zu erreichen, sie gesucht. Aber es war unmöglich und der Professor würde sie nicht gegen ihren Willen aufspüren, auch wenn er zugegeben hatte, dass auch er es nicht fair fand, dass er keinerlei Antworten von ihr bekommen hatte. Dennoch. Wenn Rogue ging, war das ihre eigene Entscheidung, so schwer ihm das auch fallen mochte.

Hätte er sie aufhalten können? Wenn er sich damals auch einfach dazu entschieden hätte „normal“ zu sein, wäre dann heute etwas anders? Vielleicht hätte er dann selbst bemerkt, dass die Mutation wieder zurückkam. Vielleicht wäre es dann nicht so gekommen.
Vielleicht könnte er dann heute sogar wieder Kontakt zu seiner Familie haben. Und er hasste sich ein bisschen für diesen Gedanken. Vielleicht hatte John mit seinen Worten damals schon ein wenig die Wahrheit gesagt, auch wenn er selbst es nicht so sehen wollte.
John und er waren so viele Jahre beste Freunde gewesen. Es war nicht abwegig, dass John ihn kannte, auch wenn er seine Worte damals regelrecht ausgespuckt hatte, musste das nicht bedeuten, dass sie gänzlich falsch waren.
Möglicherweise hatte er sich damals auch ein Stück Normalität zurückgewünscht. Immerhin war John vor fünf Jahren dabei gewesen. Er hatte gesehen, wie die Dinge gelaufen waren, erlebt, wie seine Familie sich ihnen gegenüber verhalten hatte und wie es ihm damit ging. Womöglich wusste John ja sehr genau, wie es in ihm aussah.

Aber das würde er niemals erfahren. Denn auch mit ihm würde er nie wieder reden. Genauso wenig wie mit seinen Eltern oder mit seinem Bruder. Und Rogue würde er auch nicht mehr wiedersehen. Was blieb ihm also noch?
Es waren Gedanken, die ihm die Luft zum Atmen nahmen. Er hatte niemanden mehr. Jeder, der ihm irgendwann einmal wichtig gewesen war, schien sich von ihm abgewandt zu haben und er verstand nicht wirklich, warum das so war. Hätte er etwas tun können, um das zu verhindern?
Wenn er damals nicht nach Boston gekommen wäre, dann würden seine Eltern nicht wissen, dass er ein Mutant war. Wenn ihm irgendwas eingefallen wäre, hätte er John vielleicht davon abhalten können, zu Magneto überzulaufen. Wenn er auch einfach gehandelt hätte und nun ganz „normal“ wäre, hätte er Rogue vielleicht halten können.
War das also vielleicht alles doch seine Schuld? Hätte er das irgendwie kommen sehen müssen? War er dumm oder naiv? Oder beides? Und wie sollte er sich diese Fragen jemals beantworten können? Und was würde das überhaupt noch ändern?

Am liebsten würde er sich für immer hier verkriechen und er tat es immerhin schon ziemlich lange. Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Professor die Geduld mit ihm verlor und ihn dazu zwang, endlich zu reden und seine Probleme zu bewältigen.
Ihm war selbst auch klar, dass das sein musste, aber ihm fehlte die Energie dazu. Er wusste nicht mehr, wofür er es noch versuchen sollte. Er fühlte sich auf einmal so alleine. Ohne Rogue war nichts mehr so, wie es vorher war. Alles war so leer und trist und… Mit Worten konnte man das gar nicht beschreiben. Ein Teil wünschte sich, sie wäre wieder hier und ein anderer…
Ein anderer Teil war wütend und zugleich enttäuscht, dass sie das getan hatte. Dieser Teil wollte Rogue nicht wiedersehen, um mit ihr zu reden und sie zurückzubekommen, sondern um ihr ins Gesicht zu sagen, was er von ihrem Verhalten hielt.
Das war eine Seite an sich, die er gar nicht kannte und die ihm manchmal auch ein bisschen Angst machte. Wut und Aggressionen hatte er nie wirklich zugelassen, weil er wusste, dass einen das nur noch unglücklicher machen konnte. Aber er war ja schon vollkommen unglücklich. Was für einen Unterschied würde das jetzt noch machen?

Er drehte sich von einer Seite auf die andere, mit dem Rücken zum Fenster, zu dem er die ganze Zeit gestarrt hatte. Jetzt starrte er wieder seine Tür an.
In den letzten Wochen hatten immer wieder ein paar Leute angeklopft und versucht, mal nach ihm zu sehen, aber er hatte auf niemanden reagiert. Er wollte sie nicht sehen. Er wollte niemanden sehen. Nicht im Moment, auch wenn er sich ein bisschen unfair dabei vorkam.
Aber was sollte er ihnen sagen? Er wollte ihnen damit nicht in den Ohren liegen. Er war nicht gut darin, sich bei anderen Menschen auszusprechen. Viel lieber hörte er anderen Menschen zu und behielt dabei für sich, wie es ihm gerade selbst ging.
Vielleicht würde das ja irgendwann auch wieder vorbeigehen. Das erschien ihm zwar unwahrscheinlich, aber er wollte dennoch darauf hoffen. Anderenfalls hatte er wirklich keine Ahnung, was er machen sollte.


Irgendwann klopfte es wieder einmal an seiner Tür. Er hatte nicht darauf geachtet, wie viel Zeit vergangen war, aber als er sich kurz umsah, war es schon reichlich dunkel um ihn herum geworden. Scheinbar schaffte er es immer noch ganz hervorragend, seine Zeit mit simplem Nichtstun einfach zu vergeuden.
Es wäre höflich, wenn er wenigstens eine Antwort geben würde, sich irgendwie bemerkbar machen würde, aber nachdem er den Kopf kurz angehoben hatte, ließ er ihn auch schon wieder sinken. Egal wer es war. Derjenige konnte nicht in der Lage sein, ihm das wiederzugeben, was ihm jetzt am allermeisten fehlte.
Dennoch klopfte es kurz darauf wieder. Er schloss kurz die Augen. Es war nicht seine Art, unfreundlich zu sein oder seine Freunde zu verletzen. Vielleicht war es auch der Professor, der sich seine ständige Abwesenheit nicht länger mit ansehen wollte.

Wenn er es war, dann würde er wohl keine andere Wahl haben. Er wollte ja gerne die Lippen voneinander lösen und etwas sagen, aber er fühlte sich irgendwie viel zu müde. Selbst für so eine Kleinigkeit. Er lag hier einfach schon viel zu lange untätig rum.
Es klopfte noch ein drittes Mal und er wusste irgendwie, dass er um eine Konfrontation diesmal nicht herumkommen würde. Er wollte sich gerade dazu zwingen, sich zumindest aufzusetzen, als jemand den Kopf vorsichtig zur Tür hereinstreckte, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Und tatsächlich direkt durch die Tür. Kitty. Und ihre Augen blickten ihm einen Moment schuldbewusst entgegen, bevor sie meinte: „Tut mir leid, Bobby. Ich weiß, dass das total unhöflich ist, aber langsam hab ich mir echt Sorgen gemacht, ob dir etwas passiert ist.“

***


Dreimal hatte sie angeklopft und Bobby hatte einfach nicht darauf reagiert. Was sollte sie also machen? Klar, sie könnte sich zu erkennen geben, sagen, dass sie es war. Das wäre eine Möglichkeit, aber was, wenn er dann immer noch nicht reagierte?
Was, wenn es ihm schlechter ging, als sie alle dachten? Würde der Professor so etwas überhaupt bemerken? Könnte Bobby sich vielleicht sogar was antun? Gut, jetzt übertrieb sie es wahrscheinlich ein bisschen, aber sie machte sich trotzdem Gedanken um ihn.
Sie seufzte auf. So würde sie sich auch immer nur im Kreis drehen. Warum fand sie es nicht ganz einfach raus? Wenn er sie nicht sehen wollte, dann würde er es ihr schon ins Gesicht sagen müssen. Gut, in sowas war Bobby wirklich schlecht, aber vielleicht war es gar nicht verkehrt, ihn mal vor die Wahl zu stellen.
Hatte er überhaupt eine Ahnung, dass sie sich Sorgen um ihn machte? War ihm das überhaupt bewusst? Bobby dachte schließlich immer an seine Freunde, aber selten an sich. Da könnte es gut sein, dass es ihm dann nicht so schnell auffiel, dass er ihnen auch wichtig war.

Schließlich entschied sie sich kurzentschlossen dazu, einfach mal einen Blick hinein zu riskieren. Ein bisschen unfair kam sie sich dabei schon vor und normalerweise tat sie so etwas auch nicht, aber das hier war schließlich eine Ausnahmesituation.
Sie brauchte auch nicht lange, um festzustellen, dass er auf seinem Bett lag und sowieso zur Tür gestarrt hatte. Offensichtlich hatte er tatsächlich versucht, das Klopfen einfach zu ignorieren. Dann war ihm tatsächlich nicht nach Gesellschaft, aber jetzt, wo er sie so verwundert musterte, konnte sie schlecht den Kopf wieder einziehen und einfach davongehen. Das würde blöd aussehen.
„Tut mir leid, Bobby. Ich weiß, dass das total unhöflich ist, aber langsam hab ich mir echt Sorgen gemacht, ob dir etwas passiert ist“, erklärte sie ihm also, in der Hoffnung, dass er ihr deswegen nicht böse sein würde, dass er das vielleicht verstehen würde.

Einen Moment sah Bobby sie noch irritiert an. Das konnte sie ihm nicht verdenken, doch schließlich schüttelte er langsam den Kopf und sie sah, dass sein linker Mundwinkel zumindest ein bisschen zuckte, bevor er entgegnete: „Ist schon okay. Komm doch erstmal ganz rein.“
Sie runzelte kurz die Stirn, als ihr einfiel, dass ihre andere Körperhälfte ja immer noch vor der Tür stand und das sicherlich für jeden, der jetzt vorbeilaufen könnte, ziemlich bescheuert aussehen könnte und die Schüler oder Lehrer dann sonst was von ihr denken könnten.
„Oh“, kam es ihr über die Lippen, bevor sie seiner Aufforderung nachkam. „Eine ganz ausgezeichnete Idee.“ Und kaum, dass sie etwas unentschlossen im Raum stand, setzte Bobby sich auch schon auf und winkte sie zu sich. Er rückte ein Stück zur Seite, machte ihr etwas Platz, damit sie sich zu ihm aufs Bett setzen konnte.

Falls er seine Ruhe haben wollte, war er wirklich schlecht darin, nein zu sagen, aber das hatte sie schon sehr früh festgestellt. Nicht, dass Bobby nicht in der Lage war, seine Meinung zu sagen, aber Konflikten ging er normalerweise schon eher aus dem Weg. Er war niemand, der sich gerne stritt, der darauf aus war oder der unbedingt auf sein Recht bestehen musste.
Sie musterte ihn eine Weile, sah, wie er den Blick recht schnell wieder senkte, mit den Fingern irgendwelche unsichtbaren Muster auf die Bettdecke malte. Er wirkte abwesend und die kurzen Blicke in seine Augen hatten ihr gereicht um zu sehen, dass alles, was sie vermutet hatte, der Wahrheit entsprach.
Der Kontaktabbruch zu seiner Familie, der Bruch mit John und das Beziehungsaus mit Rogue waren gemeinsam dafür verantwortlich, dass ihm jetzt jeglicher Halt zu fehlen schien. Deswegen zog er sich von allem zurück. Wenn sie es recht bedachte, war es gar nicht sonderlich schwer, Bobby zu lesen. Er konnte sowas nicht besonders gut verbergen.

„Wie geht’s dir?“, fragte sie ihn trotzdem, obwohl sie sich sicher war, die wahre Antwort darauf bereits zu kennen. Ob er ihr wohl die Wahrheit sagen würde?
Er sah sie nicht an, hob kurz die Schultern und hörte nicht auf, mit dem Zeigefinger unbestimmte Linien über den Stoff zu ziehen, während er antwortete: „Ganz okay, denk ich.“
Sie wartete, ob da noch mehr kommen würde, doch das war alles, was Bobby ihr sagte. Also schüttelte sie den Kopf, ließ ihn dabei nicht aus den Augen und sagte mit sanfter Stimme: „Das glaube ich dir nicht, Bobby.“
Sofort hielt er in seinen Bewegungen inne und warf ihr einen unsicheren Blick zu. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Er wollte zwar den Mund öffnen und etwas dazu sagen, aber es kamen keine Worte über seine Lippen.

Sie überlegte einen Moment. Wie sollte sie ihm das am besten sagen? Sie war nicht hier, um es schlimmer zu machen. Sie wollte ihm helfen, aber sie war sich nicht ganz sicher, wie sie das am besten anstellen sollte.
„Naja, ich dachte nur, wenn es dir okay ginge, dann würdest du nicht wochenlang im Unterricht fehlen“, erklärte sie. Schließlich war es doch offensichtlich. „Ich bin mit dir befreundet. Ziemlich lange sogar. Wenn mir sowas nicht auffiele, würde da etwas schieflaufen. Ich meine, du merkst auch, wenn bei mir was nicht in Ordnung ist.“
Da würde er ihr wohl kaum widersprechen können und tatsächlich änderte sich etwas in seinem Blick, den er nun ein bisschen ertappt wieder auf die Bettdecke richtete.
Sie hatte sich schon gedacht, dass es nicht ganz leicht werden würde. Aber das würde sie nicht davon abhalten, es wenigstens zu versuchen. Ihr war klar, dass das alles seine Zeit brauchen würde und dass es Wunden gab, die vermutlich nicht so leicht wieder heilten.

Sie bemerkte, dass er unter ihrem Blick ein wenig einsank, dass er sich ein wenig zurückzog und trotzdem antwortete er ihr: „Was sollte ich sonst tun? Ich würde sowieso kein Wort mitkriegen.“ Er konnte sie dabei nicht ansehen, aber das war okay.
Einen Augenblick dachte sie darüber nach, ehe sie meinte: „Das ging mir heute auch nicht anders. Weil ich mir Sorgen um dich gemacht habe. Wir können bestimmt nicht alle auf unseren Zimmern bleiben, Bobby.“
Dabei sah sie ihn nun etwas schief und mit einem leichten Lächeln an und als er nun doch wieder zu ihr sah, konnte er es zumindest ein bisschen erwidern.
Trotzdem signalisierte seine Haltung, dass er sich nicht ganz öffnen konnte, dass es immer noch schwierig war. Dennoch nickte er. „Ja, da hast du natürlich recht.“ Seine Augen richteten sich auf seine Hände. Er dachte einen Augenblick nach. „Trotzdem habe ich keine Ahnung, was ich jetzt tun soll.“

Das konnte sie irgendwie verstehen. Bestimmt hatte jeder Plan für die Zukunft immer auch Rogue beinhaltet und das war nun Geschichte. Nichts mehr, was je Realität werden würde.
Sie sah, wie sein ganzer Körper leicht zu Beben begann. Langsam bekam sie doch eine vage Vorstellung davon, was sich vermutlich gerade in ihm abspielte. Es tat ihr leid und es war ein innerer Impuls, dem sie nachgab, als sie dichter zu ihm rutschte und einen Arm um seine Schultern legte.
Sie mochte es gar nicht, wenn es ihm so schlecht ging. Das war wirklich schwer zu ertragen. Er ließ sich ein wenig gegen sie sinken und eine Weile sagte keiner von ihnen etwas. Aber sie hoffte, dass es ihm zumindest half, dass sie hier war, dass sie nicht umsonst gekommen war.


Nach einer Weile löste er sich schließlich von ihr und als sie bemerkte, dass er sich durchs Gesicht wischte, fiel ihr erst auf, dass sich ein paar Tränen auf seinen Wangen abgezeichnet hatten. Er versuchte anscheinend wirklich, nichts davon nach außen kommen zu lassen.
Sie seufzte innerlich, beobachtete eine Weile, wie ihr Freund mit sich rang und meinte schließlich: „Vielleicht hab ich eine Ahnung, was du tun solltest.“
Seine blauen Augen richteten sich auf sie, glasig und der Schmerz, den sie darin erkannte, war ihr selbst vollkommen fremd. Ja, sie war selbst auch schon verliebt gewesen. Aber ihr war offensichtlich nie so wehgetan worden, das wurde ihr gerade bewusst.
„Und was?“, fragte er und sie konnte deutlich heraushören, dass seine Stimme ein wenig brüchig geworden war.
„Naja, vielleicht solltest du endlich aufhören, das alles in dich rein zu fressen und es endlich mal rauslassen“, schlug sie also vor, was ihr in den Sinn gekommen war, denn sie wurde den Eindruck nicht los, dass Bobby eine ganze Menge mit sich herumtrug, was er besser mal loswerden sollte.

Sie konnte sehen, wie er wieder die Lippen fester aufeinanderpresste, wie er schwer schluckte und das Ganze scheinbar wieder zurückdrängen wollte, was da in ihm aufkam.
Sie griff nach seinem Unterarm, sah ihm direkt in die Augen und schüttelte den Kopf. Das schien wirklich nicht der richtige Weg zu sein. Wann immer Bobby Probleme hatte, schien er sich damit immer nur zurückzuziehen, aber das half ihm nicht. Es schadete ihm, das war klar zu erkennen und das wollte sie nicht.
„Es ist in Ordnung. Unter Freunden darf man das ruhig mal rauslassen“, erinnerte sie ihn und sie konnte sehr deutlich sehen, dass es eine Menge Emotionen gab, die sich an die Oberfläche kämpfen wollten.

Eine Weile schien Bobby noch mit sich zu ringen, das nicht zulassen zu wollen, doch dann ging es gar nicht mehr anders. Reichlich mitgenommen ließ er sich schließlich doch in ihre Arme fallen. Etwas überrascht war sie im ersten Moment schon, aber auch froh, ihn dazu bewogen zu haben.
Obwohl sie damit gar nicht mehr gerechnet hatte. Auch nicht mit der Heftigkeit. Sie hatte geahnt, dass Bobby all das sehr zugesetzt haben musste, aber dass es so extrem gewesen war, schockierte sie doch ein wenig.
Sie hatte gewusst, dass es Uneinigkeiten zwischen Bobby und Rogue gegeben hatte, wie tiefreichend die Enttäuschung wirklich war, hatte sie bislang nicht gewusst. Auch nicht, wie sehr es ihn verletzt hatte, dass Rogue nie das Vertrauen aufgebracht hatte, sich ihm anzuvertrauen.

Sie erfuhr zum ersten Mal von den Vorwürfen, die er sich selbst machte, von den Gedanken daran, wie er das alles vielleicht hätte verhindern können. Sie erfuhr von seinen heimlichen Gedanken daran, eventuell selbst ein „normales“ Leben mit Rogue und seinen Eltern führen zu können und dass er sich selbst ein wenig dafür hasste.
Und er sagte ihr zum ersten Mal, wie hart es ihn getroffen hatte, dass John ihn trotz ihrer Feindschaft eben immer noch so gut kannte, dass es schwer war, ausgerechnet seinen besten Freund nicht mehr zu haben. Sie konnte das alles so gut verstehen und doch…
Was konnte sie tun, außer Bobby zuzuhören? Sie konnte niemanden ersetzen, das war ihr vollkommen klar. Der Professor hatte vollkommen recht. Bobby hatte sehr viel verloren und möglicherweise war es einfach zu viel. Sie wünschte so sehr, dass sie mehr tun könnte.


Irgendwann war seine Stimme schon ganz heiser und kratzig. Sie hatte aufstehen und ihm was zu trinken holen wollen, aber das hatte er abgelehnt. Sie fragte sich, ob sie ihn dazu demnächst auch noch zwingen sollte. Sie war sich ziemlich sicher, dass er im Augenblick nicht einmal richtig essen wollte.
So oder so würde sie mit Colossus reden. Sie mussten jetzt für Bobby da sein. Sie konnten Rogue und John gewiss nicht ersetzen, aber er brauchte seine Freunde. Die, die noch übrig waren, sonst würde er untergehen. Das wurde schließlich deutlich.
Allerdings war er inzwischen auch müde geworden und das war vielleicht auch nicht verkehrt, denn so, wie er ausgesehen hatte, hatte er in den letzten Wochen gewiss nicht so viel Ruhe bekommen. Sie hoffte, dass er heute wenigstens ein bisschen besser schlafen konnte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es wirklich schon spät war. „Langsam sollte ich wohl auch wieder gehen, was?“, richtete sie das Wort also an Bobby, der daraufhin langsam nickte.
„Danke, dass du hier warst“, fügte er aber noch hinzu und das brachte sie fast automatisch zum Lächeln. Alleine das zeigte ihr, dass sie nicht umsonst gekommen war und das freute sie ungemein.
„Gerne, Bobby“, entgegnete sie und schloss ihn noch einmal fest in ihre Arme, bevor sie ihn noch einmal an etwas erinnerte: „Und vergiss nicht: Ich bin deine Freundin. Wenn es dir nicht gut geht, wenn du reden willst, wenn irgendwas ist, verkriech dich nicht. Sprich doch einfach mit mir, hm?“
Ein kaum merkliches und vielleicht auch etwas schüchternes Lächeln huschte kurz über Bobbys Züge. „Ja, ist gut. Ich werde es mir merken.“
Review schreiben