Fesseln aus Knochen und Blut

von Krysa
GeschichteFantasy / P16 Slash
17.06.2019
03.12.2019
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Meron fühlte sich gelassen und ruhig, nachdem sie dem Gaffen des Stammes auf die Steppe entrungen war. Länger hätte sie es dort unter all dem Druck und besonders bei Dumas Präsenz nicht ausgehalten. Ein frischer Wind ließ die Grashalme tanzen und ihre dürren, biegsamen Leiber verschlangen sich wie Körper bei einem Tanz. Erst hier wurde Meron die kritische Lage der Ghi greifbar bewusst. Die gesamte Gegend, obwohl ihre kleine Truppe bereits seit einer guten halben Stunde unterwegs war, ließ sich bestenfalls als trist und verlassen beschreiben. Da waren nicht die üblichen Herden an Mammuts, Pferden, Nashörnern und Wisents, die den lieben langen Tag auf der Steppe grasten. Da war absolut nichts, als wäre in der Erde ein Loch aufgesprungen und hätte die Tiere in ihren Tiefen verzehrt. Die wenigen Vögel, die durch den Himmel zogen, befanden sich zu weit oben, um auch nur daran zu denken, sie mit dem Bogen herunterzuschießen. Ihre besten Chancen lagen nach wie vor bei den Insekten, aber alleinig von denen würde der Hunger des Stammes nicht gestillt werden. Und Kianga brauchte herzhafte Nahrung, Fleisch. Insekten würden für diesen Zweck nicht ausreichen.
Ihre Jagdgemeinschaft bestand aus exakt zwölf Mitgliedern, neun Männern und drei Frauen, Meron mit eingeschlossen. Idir führte, wie der geborene Anführer der er war, das Pack mit stolz herausgestreckter Brust voran. Die Stimmung war von glühender Aufregung gespickt, die in dynamischen Energiewellen in die Umgebung abfloss. Obwohl Meron zuvor wie abgestumpft dafür gewesen war, nahm sie seit dem Zusammenstoß mit dem Schamanen und Kianga diese Energieströme, dieses Mana, bewusster wahr. Sie musste sich nicht einmal dafür anstrengen. Sie konnte es überall um sich herum mit ihrem geistigen Auge sehen. Wie das Gras zu ihren Füßen spross Mana aus dem Boden. Mit der Natur verschmolz es zu einem Lebensfluss, der alle materiellen Dinge der Welt umschloss. War das wirklich das Mana, welches Kianga ihr gezeigt hatte? Es fühlte sich so normal und überwältigend zugleich an, als hätte Meron nach Jahren der Blindheit zum ersten Mal die Augen geöffnet. Bijan hatte es als Hexerei bezeichnet. Die Erfahrung ließ Meron grübeln. Konnte etwas, dass sich so natürlich anfühlte wirklich ein Hexenwerk der Yarga sein?
»Hey!«
Auf den Ruf hin drehte Meron sich herum. Der hübsche, junge Mann mit dem Pferdeschwanz holte in eiligem - fast hoppelndem - Gang zu ihr auf. Der Holzbogen, den er sich um die Brust gehangen hatte, schepperte, als er wiederholt gegen die Ledertasche auf seinem Rücken stieß. Meron vermutete, dass er dort die Pfeile aufbewahrte. Er war keinen Zentimeter größer als Meron, was ihn zu dem kleinsten Mann der derzeitigen Gruppe machte. Meron selbst hatte bereits keine allzu beachtliche Größe vorzuweisen, was musste das dann über ihn aussagen? Nicht, dass daran irgendetwas verkehrt wäre. Meron fand es einfach witzig.
»Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich die Ehre genieße dich auf die Jagd zu begleiten.«
Merons Augenbraue wanderte irritiert in die Höhe. »Ehre?«
Der junge Mann strahlte sie mit größter Erquickung an. »Du wurdest von Vilhan persönlich gebissen. Natürlich ist das eine Ehre für mich.«
Da war sie wieder, diese Vergöttlichung, die Meron vom Schamanen angehängt bekommen hatte. »Ich glaube, du übertreibst.«
»Nein, wirklich. Ich wollte schon so lange mit dir sprechen.«
Das irritierte Meron nur noch mehr. »Wieso hast du es nie getan?«, fragte sie. Schließlich war es nicht so, dass er nie die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Sindo war dauerhaft bei ihr gewesen, ohne sich großartig Gedanken zu machen oder sich den Kopf zu zerbrechen.
Der Mann ließ sich Zeit mit der Antwort, um sie vorerst in seinem Kopf zu formulieren. »Ich wollte, aber kaum, dass du im Stamm warst, warst du mit den Autoritäten involviert. Der Häuptling verkündete deine Ankunft und der Schamane machte dich zu seinem Schützling. Ich habe mich nicht würdig gefühlt, mit dir zu sprechen.«
Meron dachte an die verabscheuenden Gesichter der Ghi zurück, die sie in den ersten Wochen ihres Aufenthaltes überallhin verfolgt hatten. »Ich bin nur ein Mensch«, sagte sie. So verstörend es war wie eine Heilige behandelt zu werden, so amüsant fand sie es, dass Kwaku sich nicht getraut hat auf sie zuzugehen. »Genau wie du.«
Der junge Mann lächelte, bevor er ihr die Hand entgegenstreckte. »Ich bin Kwaku«, sagte er.
»Meron«, entgegnete sie und schlug ein. »Aber das weißt du bereits.«
»Mehr als jeder andere. Ich habe dich all die Zeit aus der Distanz bewundert.«
»Du bist ein schräger Vogel.«
Lachend zog Kwaku die Hand zurück. Mit einem verlegenen Lächeln fummelte er an der Sehne seines Bogens herum. »Das höre ich öfter«, murrte er mit gesenktem Kopf.

Lange Zeit gingen sie in Schweigen. Die Luft war von ihrer schweren Atmung erfüllt. Der Wind blies ihnen entgegen und zerrte an ihren Kleidern und Haaren. Meron nutzte ihren neu erhaltenen Sinn, um die Gegend auszukundschaften. Dabei bemerkte sie, dass Kwakus Geist übersprudelte vor Freude. Er stolzierte neben ihr her wie ein Sohn, der seinen Vater das erste Mal auf die Jagd begleitete. So nett der Bursche auch war, war er ihr doch einen Tick zu aufdringlich.
»Kann ich dich etwas fragen?«, fragte Kwaku da.
»Was denn?«, fragte Meron.
Kwaku zögerte, plötzlich unsicher aufgrund seiner Bitte. »Dürfte ich den Wolfsbiss sehen?«
Meron mochte es generell nicht ihre Narben zu zeigen. Seit Neuestem galt das ganz besonders, da die Ghi ihr nachstarrten, als trüge sie zwei Hörner auf dem Kopf.
»Ich weiß nicht«, sagte Meron.
»Bitte«, flehte er und machte die Augen weit, was seines Erachtens nach wohl süß aussehen sollte, in Wirklichkeit aber vielmehr an einen glubschäugigen Forsch erinnerte.
Mit einem nachgiebigen Seufzen krempelte Meron den Ärmel bis zu ihrer Schulter hoch. Obwohl die Wunde längst verheilt war, würden die vernarbten Stellen ein Leben lang ihre Haut zeichnen. Kwakus Augen strahlten auf. Sorgsam schloss er die Hände um ihren Arm, weit genug von der Narbe entfernt, um nicht in direkten Kontakt mit ihr zu kommen. »Unglaublich.«
»Pass besser auf«, warnte Idir, der wie aus dem Nichts neben ihnen aufgetaucht war. »Sonst beißt er noch rein.«
Kwakus Kopf ruckte nach oben. Theatralisch legte er sich eine Hand an die Brust, fast so, als hätte er einen schwerwiegenden Schlag ins Herz erlitten. »Idir! Es verletzt mich zutiefst, dass du mich als einen solchen Barbaren darstellt. Dabei weiß doch jeder, dass du derjenige von uns bist, der es genießt gebissen zu werden.«
Schnaubend überkreuzte Idir die Arme vor der Brust. »Wer sagt, dass ich es genossen habe?«
»Deinem Stöhnen nach zu urteilen schienst du keine Einwände gehabt zu haben.«
»Moment«, sagte Meron, der das Ganze auf einmal zu bunt wurde. Ihr Blick sprang verwirrt zwischen Idir und Kwaku umher. »Seid ihr beiden etwa...?«
Ein Blickaustausch und sie brachen synchron ins Gelächter aus. Die Reaktion machte Meron nicht nennenswert schlauer, sie schaffte es lediglich ihre Stirnfalten tiefer zu legen.
Nach einer gefüllten Ewigkeit wischte sich Kwaku eine Lachträne aus dem Auge, bevor er sich endlich dazu erbarmte sie über die Situation aufzuklären. »Bah, niemals! Ich würde mich niemals dazu herablassen mich von diesem selbstverliebten Idioten anfassen zu lassen.«
»Pass auf, wen du hier einen selbstverliebten Idioten nennst«, brummte Idir.
Kwaku streckte ihm frech die Zunge raus. »Wie soll ich dich sonst nennen? Kolu
Jetzt, da Kwakus Interesse zu Idir übergeschwappt war, war der Wolfsbiss von Meron vergessen. Er stürzte sich auf den größeren Mann und zusammen rannten sie in einer Hetzjagd nach vorne, wo sie genügend Platz zum Schubsen und Raufen hatten. Stellvertretend für Kwaku trat ein Mädchen mit einem langen Zopf an Merons Seite. Sie seufzte resigniert, bevor sie sagte: »Schau, was du angerichtet hast. Jetzt geht das wieder los.«
»Passiert das öfter?«, fragte Meron.
»Ich wünschte es wäre bloß öfter. Ich weiß nicht, was sie dir erzählt haben, aber wenn das zwischen ihnen keine unbefriedigte sexuelle Spannung ist, dann weiß ich auch nicht was es ist.«
»Sind die beiden zusammen?«, fragte Meron, die sich nicht mit der Erklärung zufrieden gab, die sie bekommen hatte.
Das Mädchen schüttelte bedauernswert den Kopf. »Leider nein. Und sie würden auch niemals zusammenkommen, aber jeder weiß genau, dass zwischen ihnen etwas vorgefallen ist.«
Meron war noch nie die Sorte Mensch gewesen, die etwas für Klatsch und Tratsch übrig hatte. Mit den kalten, sachlichen Fakten kam sie besser zurecht als mit den schön ausgeschmückten Geschichten. Doch konnte sie nicht verleugnen, dass die Angelegenheit ihre Neugierde weckte.
»Was genau ist zwischen ihnen vorgefallen?«, fragte Meron.
Idir nahm Kwaku soeben in den Schwitzkasten und ruinierte ihm die perfekt frisierten Haare. Kwaku hampelte dabei wie ein Affe und kreischte ihm ein paar äußerst kreative Beleidigungen an den Kopf.
Das Mädchen beugte sich zu Meron herab, um ihr ins Ohr zu flüstern. »Ich persönlich glaube ja, dass sie es miteinander versucht haben, es aber nicht hingehauen hat.«
Vollständig gestillt war Merons Wissensdurst damit nicht, aber wenn es um private
Angelegenheiten ging, wusste sie den Punkt, an dem man aufhörte nachzubohren. Was auch immer zwischen Idir und Kwaku vorgefallen sein mochte, ging nur Idir und Kwaku etwas an. Womöglich war es nichts als das großmäulige Geschwätz von Leuten. Alles, was Meron sah war das freundschaftliche Band zwischen ihnen, das so festgespannt war, dass sich kein Blatt dazwischen schieben ließe. Und das war wertvoller als alles andere.

Bald schon waren zwei Stunden seit ihrem Aufbruch vergangen. Die Sonne stieg höher und höher und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie den Zenit erreichte. Die Gruppe suchte nach Spuren und Hinterlassenschaften, die auf einen möglichen Aufenthalt von Säugetieren zurückführten. Doch fanden sie nichts. Nichts als Gräser, Sträucher und Steine. Merons Motivation begann einen kräftigen Rückstoß zu erfahren.
»Das ist doch sinnlos«, hörte Meron zwei Männer untereinander flüstern, die auf dem Boden knieten und die Erde untersuchten. »Wir sind schon seit einer Ewigkeit unterwegs und uns ist immer noch nichts über den Weg gekommen. Nicht einmal ein Fußabdruck ist aufzufinden.«
»Warum sieht Idir nicht ein, dass es nichts bringt? Wir sehen doch alle, dass die Tiere fort sind. Es gibt nichts mehr für uns zu holen.«
Ein Gefühl der Beklommenheit lag auf Merons Zunge. Sie wollte etwas sagen, doch die Worte rangen sich in ihrem Hals. Stattdessen drehte sie sich den Bergen zu, die sich in der Ferne in Trümmern aus Felsen und Stein in den Himmel erhoben. Es wäre ein tagelanger Marsch bis dorthin, aber es gab dort sicherlich Höhlen mit Bären, Löwen oder Hyänen. Im Anbetracht ihrer aussichtslosen Lage schien es nicht widernatürlich daran zu denken einen Löwen zu essen. Fleisch war Fleisch. Wenn die Nahrung und Jagden kümmerlich waren, musste man zu drastischen Maßnahmen greifen. So standen die Gesetze des Überlebens. Alles war besser, als zu verhungern. Und Meron würde nichts unversucht lassen, wenn sie damit Kianga das Leben retten könnte. Doch so nett die Idee auch war, war sie doch unrealistisch. Der Fußmarsch zu den Bergen würde Tage in Anspruch nehmen. Meron hatte nicht mal mehr einen halben davon, bevor die Ghi sich zum Aufbruch bereit machten.
Gerade als Meron den Kopf abwenden wollte, wurde sie von einem merkwürdigen Gefühl ergriffen. Bilder aus ihrem Traum blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Überhäuft mit dunkler Energie begann ihr Herz stärker zu schlagen. Meron wurde speiübel. Der Würgereflex in ihrem Hals setzte ein, noch bevor Meron verstand, was geschah. Sie torkelte.
»Meron?«
Bevor ihre Beine nachgeben konnten, hatte Idir sie im Arm. Meron schnappte angestrengt nach Luft. Ihre Finger verkrampften sich. Es war nur ein flüchtiger Moment, dann war das Brennen in ihrer Brust verschwunden.
»Geht es dir gut?«, fragte Kwaku. Auch die anderen versammelten sich um sie. »Du bist ganz weiß im Gesicht.«
»Ja«, brachte Meron heiser hervor. »Es geht mir gut.«
»Deine Wunde ist noch nicht ganz verheilt«, mahnte Idir. »Du solltest dich nicht verausgaben. Das könnte ein böses Ende nehmen.«
Ihre Wunde schmerzte noch in einem unangenehmen Ziehen und ihr Körper war nach wie vor schwach, aber das gerade eben, das hatte nichts mit ihrem gesundheitlichen Empfinden zu tun. Diese Macht war aus dritter Instanz zu ihr übergegangen. Das war das erste Mal, dass Meron so etwas passierte.
»Geht es wieder?«, fragte Idir. Nach einem Nicken, ließ er von ihr ab, damit Meron sich aufrichten konnte. Das Gefühl, das etwas Böses in diesen Bergen lauerte, krallte sich mit schonungslosen Klauen in Merons Schädel. Es lag tief vergraben unter einer Rüstung aus Stein und warnte Meron mit realitätsverzerrender Stimme. Nur was es war, das wusste sie nicht.
Meron kehrte zum Boden der Tatsachen zurück, als Kwaku mit einer Hand vor ihrem Gesicht wedelte. »Meron? Bist du noch da? Ist wirklich alles gut bei dir?«
Mit geringem Kraftaufwand schob sie seine Hand fort. »Ja, es ist alles gut. Ich habe nur nachgedacht.«
»Dass du zu so einer Zeit noch tagträumen kannst«, sagte er und schüttelte mit einem tststs-Laut den Kopf.
Meron stieß ihn mit der Schulter an, als sie an ihm vorbeiging. Dabei ignorierte sie das teils protestierende, teils eingeschnappte Jammern, das sie dadurch bei ihm hervorlockte. Sie wollte nur so schnell wie möglich von diesem Ort verschwinden. »Gehen wir weit...«
Ruckartig erstarrte sie in ihrer Bewegung. Da war noch etwas anderes, etwas, dass sich in greifbarer Nähe befand. Alle Augen lagen wie hypnotisiert auf ihr. Ein Schleier der Stille verschluckte mit seidenem Mantel die Geräusche der Gegend. Kwakus Pupillen pendelten von rechts nach links und wieder zurück. »Warum sind wir auf einmal so still?«
»Mana«, flüsterte Meron, sodass es niemand außer ihr selbst hörte.
Idir legte die Stirn in Falten. »Wie bitte?«
»Mana«, wiederholte sie, nicht bedeutend lauter als zuvor. Ihre Stimme zitterte vor Aufregung.
Idir wandte sich Kwaku zu, in der Hoffnung eine Erklärung für ihr Verhalten zu bekommen, doch dieser zuckte bloß mit den Schultern. Meron lief los, ohne nochmal etwas zu sagen.

»Hey, warte!«
Blind folgte Meron ihren Instinkten. Ihr Jagdtrieb kurbelte sich an, während ihre Beine sie fast automatisch über die Ebene führten. Mit jedem neuen Schritt wuchs die Hoffnung heran, die Lust und der Rausch des Momentes. Meron fokussierte sich auf die starke Mana-Energie, die sich nur Augenblicke zuvor in einer schiebenden Bewegung in erreichbarer Distanz gezeigt hatte. Die Vielzahl dieser Kraft konnte nicht allein von Pflanzen stammen. Es musste sich um etwas Größeres handeln.
»Meron, mach mal langsam!«, hörte sie Kwaku hinter sich rufen. Im Gegenteil zu dem, was von ihr verlangt wurde, beschleunigte Meron ihre Schritte. Die Mana-Kraft, die Meron zuvor so intensiv wahrgenommen hatte, begann bereits zu schrumpfen. Wenn sie sich nicht beeilte, würde sie die Spur verlieren. Meron rannte stolpernd und schlitternd einen Hügel hinab. Am Fuße erwartete sie ein gigantischer Baum. Seine Wurzeln umschlangen sich in knorrigen Schlingen, bevor sie in der Erde versanken. Die hölzerne Haut war weiß wie eine Pusteblume und die Krone so rot wie Blut. Schnaufend schaute Meron sich um. Nichts war zu sehen. Das Mana war verschwunden. Ihre Augen legten sich kurzweilig auf den dicken Baum, aber sie schüttelte den Gedanken hastig ab. Nein, das war es nicht. Die Spur hatte hier nicht geendet. Meron versuchte sie wiederzufinden, indem sie die Augen schloss und sich konzentrierte, doch ohne Erfolg. Bald schon hatte der Rest der Gruppe zu ihr aufgeholt.
Kwaku pfiff anerkennend, als er sich dem Baum annäherte. »Da war aber jemand fleißig über die Jahre. Schaut nur, wie groß der ist!«
»Das ist nur ein Baum«, sagte Idir mit einem Augenverdrehen. »Als hättest du davon nicht schon genug in deinem Leben gesehen. Ich frage mich eher, wieso unser kleiner Ausreißer uns hierher geführt hat.«
Dabei blickte er vorwurfsvoll in Merons Richtung. Diese zuckte sachte in sich zusammen. »Ich dachte, ich hätte etwas gesehen.«
Sie entschied sich absichtlich dazu, die Wahrheit zu verschweigen. Wie unglaubwürdig und dumm würde es auch klingen, wenn sie behaupten würde, sie wäre einer Energieverschiebung gefolgt.
Kwaku inspizierte die Rinde des Baumes, während er in einem Bogen um sie herumlief. »Der ist wahrscheinlich hunderte von Jahren alt.«
Idir massierte sich derzeit mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. »Kannst du endlich mit diesem Baum aufhören?«
Kwaku war wie ein kleines Kind, das sich von den simpelsten Dingen der Welt begeistern ließ. »Aber Idir, guck nur, wie groß der ist!« Um seine Aussage zu unterstreichen, stampfte er mit aller Kraft auf dem dicken Wurzelgeflecht herum. »Ich habe noch nie einen Baum gesehen, der so eine Farbe hat. Glaubst du, es gibt in der Nähe noch mehr davo...«
Weiter kam er nicht, als der Wurzelstock unheilverkündend knackte. Es war nur ein Lidschlag, bevor der Boden unter seinen Füßen zusammenbrach. Schreiend stürzte Kwaku in die Tiefe.
»Kwaku!«
Idir schnellte nach vorne, zu dem klaffenden Loch, das im Erdboden entstanden war. Die dicke Wurzel war eingeknickt. Kleine Holzsplitter und Erde bröckelten in den finsteren Tunnel hinab.
»Kwaku!«, rief Idir. »Kannst du mich hören? Antworte, wenn du mich hören kannst!«
Als die Stille sich in die Länge zog, wurde auch die Anspannung zunehmend größer. Meron hielt es bald nicht mehr aus. »Ich gehe runter.«
Idir packte sie umgehend am Arm und hielt sie fest. »Bist du lebensmüde? Du weißt nicht, wie tief der Fall ist!«
»Und was ist mit Kwaku?«, fragte sie. »Ist er nicht dein Freund? Willst du ihn einfach zurücklassen?«
Idir schaute sie entsetzt an. Meron entriss sich gewaltsam seinem Griff. Sie hasste es, so gepackt zu werden. »Worauf warten wir dann noch? Bis Kwakus Schädel ausgeblutet ist?«
Meron nahm ihren Speer zwischen die Zähne, biss kräftig zu und griff nach einem Wurzelstock, der stabil genug aussah, um ihr Gewicht zu halten. Vorsichtig arbeitete sie sich, auf dem Bauch liegend,  an der Wand hinab. Die Klettertour war kein Zuckerschlecken. Je tiefer Meron stieg, desto mehr Licht verschluckte die Dunkelheit. Es war unmöglich die Tiefe abzuschätzen. Meron ließ sich von den Zweifeln nicht beirren und tat das, was sie am besten konnte: Weitermachen. Einfach weiter, bis es nicht weiter ging. Gerade, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, berührte die Sohle ihres Fußes einen harten Abgrund. Meron tastete vorsichtshalber in größerem Bogen über die Fläche, um sicherzustellen, dass es sich auch tatsächlich um den Boden der Höhle handelte und nicht um eine weitere Wurzel, die bei der kleinsten Druckausübung nachgeben würde. Sobald sie sich sicher war, setzte sie auch den zweiten Fuß ab.
»Es ist stockdunkel.«
»Siehst du Kwaku?« Das war Idir, der nach ihr hinabgestiegen war. Am Ursprung des Echos erkannte sie, dass er noch damit beschäftigt war, den Abstieg an der Wand zu bewältigen.
»Ich sehe nicht einmal die eigene Hand vor Augen.«
»Kannst du einen Stock finden?«
Meron bewegte ihre Füße in gleitenden Bewegungen über den Boden. Wenn sie etwas erfühlte, beugte sie sich herunter, um das Objekt mit den Händen zu betasten. Sie fand Stein nach Stein, bis sie endlich auf das erforderte Material stieß. »Ich habe einen.«
»Dann komm her.«
Meron machte kleine Schritte, während sie mit den Händen voraus tastete. »Wo bist du?«
»Hier.«
Sie folgte dem Klang seiner Stimme. Keine paar Schritte weiter und sie stieß mit dem Kopf gegen Idirs Brust. Er hielt sie an den Schultern fest. »Meron?«
»Ja?«
»Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber könntest du mir die Kleider zerreißen?«
Keinen Sekunde später hatte Meron sich mit einem kräftigen Schub von ihm losgemacht. »Hast du sie noch alle?!«
Hitze stieg ihr in die Wangen. Ob vor Wut oder Scham gelang ihr nicht einzuordnen, war es doch irrelevant in der derzeitigen Situation. Wie konnte man sich zu so einer Zeit überhaupt Späße erlauben?
»Bitte«, flehte er. »Ich weiß, dass es seltsam klingt. Aber du musst mir vertrauen.«
»Warum?«, fragte Meron.
»Hilf mir und ich werde es dir zeigen.«
So eigenartig es Meron auch erschien, sie beschloss für den Moment weder seine Logik, noch seine anstößige Wortwahl zu hinterfragen. Idir führte ihre Hände, als sie den Speer unter seinem Oberteil ansetzten und dieses mit einem knirschenden Reißen in der Mitte zertrennten. Idir schlüpfte aus den Ärmeln und drückte Meron beide Kleidungshälften in die Hände. »Mach weiter«, ordnete er harsch an. »Versuch sie möglichst in Streifen zu schneiden.«
Nach wie vor verstand Meron nicht, was Idir plante, aber sie tat wie ihr geheißen und arbeitete daran Streifen aus seiner Kleidung zu reißen. Es raschelte und klapperte aus Idirs Richtung. Die Geräusche gaben keinen Hinweis darauf, was er in der Dunkelheit machte.
»Fertig?«, fragte er.
Meron hatte die Kleider zerlegt, ob es sich dabei um Streifen handelte, konnte sie nicht bezeugen. »Ja«, antwortete sie.
»Hast du noch den Stock in der Nähe?«
»Ja.«
Meron erkannte an seinen Schritten, dass er dichter kam. »Nicht erschrecken«, flüsterte er. Zuerst war da ein Klappern und dann ein kräftiges Reiben, gefolgt von einem feinen Rauchgeruch, der sich in ihre Nase schob. Meron wusste zwar nicht wieso, aber es machte fast den Anschein, als ob er...
»Feuer!« Meron schrak zurück, als eine Flamme vor ihr aufglühte. Idir hatte Feuerschwamm und einige kleinere Äste darüber gestreut. Aus seiner Tasche holte er einen kleinen Behälter, den er über die Flammen drückte. Was auch immer sich darin befand, es begann zu schmoren und zu brutzeln, bis ein ekelhafter Odor sich in der Luft verteilte.
»Das ist Bienenwachs«, erklärte Idir. »Du musst die Kleidungsstreifen darin tunken. Schnell, bevor das Feuer ausgeht.«
Meron beeilte sich zu tun, wie ihr aufgetragen wurde. Sie tauchte einen Kleidungsstreifen nach dem anderen in die unangenehm riechende Flüssigkeit, was gar kein so leichtes Unterfangen war, bedachte man die Temperatur, die das Gefäß derweil angenommen hatte. Nachdem sie fertig war, wickelte sie die Streifen um das Ende ihres Stockes.
»Mach es möglichst dick«, wies Idir an. »Es soll nicht gleich ausglühen.«
»Ich mache ja, was ich kann«, gab Meron angefahren zurück.
Als es vollbracht war, übertrugen sie das Feuer auf die selbstgemachte Fackel. Das sollte genügend Licht schaffen, um sich in der Düsternis zurechtzufinden.
»Lebt ihr noch da unten?«, rief einer von Idirs Freunden zu ihnen herunter.
»Ja!«, rief Idir zurück. »Wir haben es gleich!«
Endlich konnte sich Meron einen ausgiebigen Blick über ihre Umgebung verschaffen. Die Wurzeln des Baumes reichten sogar bis hier herunter. Sie waren in den Wänden aus Erde und Stein verankert und hingen wie ein Geflecht aus Seilen in der Luft. Merons Blick blieb an dem Geflecht hängen, als ihre Pupillen sich panisch weiteten. »Idir! Da ist Kwaku!« Sie packte ihn an der Schulter und wirbelte ihn kraftvoll herum. »Dort, in den Wurzeln!«
Das erklärte auch, wieso Meron seinen Körper zuvor nicht finden konnte, als sie den Boden, auf der Suche nach dem Stock, mit Füßen und Händen abgestreift hatte.
»Halt mal kurz die Fackel. Ich hole ihn runter.«
Ein Glück hing er nicht zu weit oben, sodass Idir problemlos mit gestreckten Armen an ihn herankam. Er zerrte an den Wurzeln, bis sie sich bogen und mit einem Knacken, Kwaku freigaben. Idir fing seinen schlaffen Körper mit beiden Armen auf. Als er ihn hatte, legte er ihn behutsam zu Boden und untersuchte ihn nach Verletzungen. Nachdem alles bei Platz zu sein schien, fühlte er am Hals nach seinem Puls. Er ließ ein erleichtertes Seufzen aus. »Es geht ihm gut. Er ist wahrscheinlich nur vom Schock ohnmächtig geworden.«
Meron blickte zum schmalen Lichteinfall hinauf. »Was für ein Glück, dass die Wurzeln seinen Fall abgebremst haben. Sonst wäre er nicht ganz so gut weggekommen. Aber wie sollen wir ihn jetzt hinauf bringen?«
»Ich würde sagen, wir warten, bis er aufwacht.«

Während sie warteten, tappte Meron ungeduldig von einem Ende des Raumes zum anderen. Idir kniete an Kwakus Seite und betastete seine Stirn mit einer Hand. Als Merons Blick auf den dunklen Gang fiel, der ins tiefe Gedärm der Höhle führte, hielt sie inne. Ein merkwürdiges Gefühl prickelte an ihrem Nacken. Erst ganz sachte, wie der Streifzug eines Windes und dann mit einem Mal so stark, dass ihr beinahe das Herz in die Hose rutschte. Meron zuckte ungewollt zusammen. Das war dieselbe Energie, die sie auf der Steppe wahrgenommen hatte. Es sammelte sich an, um sich in einer stoßartig schiebenden Bewegung zu entladen. Also war das davor keine Einbildung gewesen. Dort, in der Düsternis der Höhle lauerte etwas. Und es nutzte unnatürliche Mengen an Energie.
»Ist da hinten irgendwas?«, fragte Idir, der Meron unruhig dabei beobachtete, wie sie reglos in die Schwärze starrte.
»Ja«, antwortete sie. »Ich glaube schon.«
»Du glaubst?«
»Wir sollten nachschauen gehen, solange wir hier sind.«
»Und was ist mit Kwaku?«
»Du kannst ihn doch sicher tragen?«
»Und die anderen?«
Meron trat in den fahlen Lichtschein und legte die Hände an ihrem Mund zu einem Trichter zusammen. »Hey!«, rief sie. »Ich und Idir schauen uns die Höhle an! Kehrt zum Stamm zurück, wenn wir innerhalb kürzester Zeit nicht zurück sind! Wir holen euch dann auf!«
Irgendjemand rief etwas zu ihnen herunter, doch Meron verfehlte den Moment, an dem sie die Worte verstanden hätte. Sie würden so oder so umkehren, wenn sie merkten, dass Meron und Idir nicht wiederkamen. Nicht, dass sie vorhätten an diesem Ort zu sterben, aber sicher war sicher. Idir nahm Kwaku Huckepack. Sein Kopf hing über Idirs Schulter.
»Bereit?«, fragte Meron.
Idir sah alles andere als begeistert aus. »Nein, aber was bleibt mir für eine Wahl? Ich kann ein Mädchen schließlich nicht alleine gehen lassen.«
Meron verdrehte evident die Augen. »Spare dir das Süßholzraspeln auf, bis wir die Jagd unbeschadet hinter uns gebracht haben.«
Selbstgefällig zwinkerte Idir ihr zu. »Ich werde mit Freuden auf diesen Vorschlag zurückkommen.«

Meron trug die Fackel, die ihnen den Weg voraus erhellte. Die Flamme warf tanzende Schatten über die Wände. Die schwarzen Gestalten lachten und verhöhnten sie, bespaßten sich an dem Gedanken der unwissenden Menschen, die in ihren sicheren Tod marschierten. Die schwere Luft war von dem Duft nach nasser Erde und Harz erfüllt. Der Gang spaltete sich an mehreren Stellen auf, doch Meron folgte stets dem einlinigen Verlauf, um am Schluss auch problemlos zurückzufinden.
»Ist das nicht seltsam?«, fragte Idir.
»Was denn?«
»Der Bau dieser Höhle. Schau doch nur, wie perfekt die Rundung der Decke ist und diese vielen Kanäle? Das spricht doch davon, dass sie von Menschenhand geschaffen wurde.«
Von Menschenhand? Meron dachte einen Augenblick darüber nach. Vielleicht war diese Theorie gar nicht so abwegig. Die Verflechtungen und Abzweigungen erweckten tatsächlich den Eindruck, als seien sie bewusst so erschaffen worden, als hätte man versucht einem bestimmten Muster zu folgen. Andererseits...
Meron trat an die Wand und ließ eine Hand über die unebene Fläche gleiten. Kleine Erdkrusten krümelten zu Boden. Dieser Abschnitt war etwas tiefer angesetzt als die restliche Wand. Es machte fast den Anschein, als wären an dieser Stelle Ausgrabungen begonnen und wieder aufgegeben worden. Meron fand eine Einkerbung, in der sich die Erde besonders frisch anfühlte. Ihre Fingerkuppen langten geradewegs in eine schmierige Flüssigkeit hinein. Ein Schauder lief Meron den Rücken hinab. Das war kein Wasser. Nie und nimmer war das Wasser. Wasser fühlte sich nicht glitschig und klebrig an. Ihre schlimmste Befürchtung erfüllte sich, als sie die Hand zurückzog und näher ans Feuer hielt, um das weiße Sekret, das ihre Hände bedeckte, zu untersuchen. Idir schaute nicht weniger besorgt drein. Der milchige Schleim zog sich zu einem Faden, als Meron die Finger auseinander schob.
»Vielleicht ist diese Höhle doch nicht das Werk von Menschen«, nahm Idir seine vorherige Behauptung laut schluckend zurück.
Meron fürchtete und bestaunte ihre Entdeckung zugleich. »Kennst du ein Tier, das so etwas absondert?«
»Wenn es eins gibt, dann ist es mir im Leben noch nie begegnet«, sagte Idir.
Bei einem flüchtigen Blick durch den Höhlenraum setzte er noch dazu: »Und hoffentlich wird es mir auch niemals begegnen.«
Meron und Idir zuckten synchron zusammen, als ein undefinierbares Geräusch durch die Höhle schallte. Mit schlagendem Herzen lauschte Meron in die darauffolgende Stille. Doch da war nichts.
Kwaku reckte sich mit einem Murren. Er schien wieder zu sich zu kommen. Idir setzte ihn liebevoll auf dem Boden ab und stützte mit einer Hand seinen Kopf. Kwaku begann zu röcheln und zu husten, bevor er mit Anstrengung die verklebten Lider öffnete. Sein verwirrter Blick verfing sich eine Weile an Idir, bevor er zu Meron wanderte und im Anschluss die Umgebung in Augenschein nahm. Fragen lagen ihm auf der Zunge, doch sobald er auch nur ein Wort sprechen wollte, erschütterte ihn ein weiterer Hustenanfall. Idir half Kwaku beim Aufsetzen und stützte seinen Rücken. »Geht es so?«
»Ja, aber, was... wo sind...wir?«
»Du hast dich wie ein Idiot benommen«, sagte Idir scharf. Meron glaubte fast, dass er nur auf Kwakus Erwachen gewartet hatte, um ihm eine Standpauke zu halten. Trotz seinem Ärger konnte er nicht die Sorge verstecken, die er ihm gegenüber empfand. »Du bist auf den Wurzeln eines Baumes herumgesprungen, erinnerst du dich noch? Dann ist der Boden unter dir zusammengebrochen. Sei froh, dass du unverletzt geblieben bist.«
»Geht es dir gut?«, fragte Meron, in einem weitaus mehr empathischem Ton.
Kwaku nickte. »Ja, ich...« Er hustete arg. »... glaube schon.«
»Kannst du aufstehen?«, fragte Idir. Kwaku nickte. Idir machte keine halben Sachen, als er ihn mit einem Ruck auf die Beine zog, natürlich ohne groß Rücksicht auf seinen schwächlichen Zustand zu nehmen. Meron befürchtete, dass ihn die schnelle Bewegung zum Kippen bringen würde, doch er hielt sein Gleichgewicht trotz Schwanken auf einer stabilen Ebene. »Kannst du gehen?«
Wieder nickte er. Meron und Idir gaben Kwaku Zeit zum Verschnaufen. Sobald er etwas sicherer auf den Beinen stand und sein Husten sich legte, gingen sie weiter.

Die Geräusche beschränkten sich auf das hohle Widerhallen ihrer Schritte und das Flackern des Feuers. Egal, wie weit sie kamen, es sah überall genau gleich aus. Überall derselbe kugelförmige Tunnel, dieselben schmalen Abzweigungen. Es war erdrückend.
»Wo genau befinden wir uns eigentlich?«, fragte Kwaku, der die Höhlendecke mitsamt der überlaufenden Wände musterte.
»Wo wohl?«, spottete Idir. »Siehst du nicht, dass wir auf der Steppe sind?«
Anstatt ihn zu belustigen, schaffte Idir es den armen Kerl lediglich zu verschrecken. »Wir sind wirklich unter der Erde?« Seine Stimme war nur ein Atemhauch, die Worte kaum zu vernehmen.
»Du hast diesen Tunnel entdeckt«, sagte Meron. »Dank dir sind wir nun dem Mysterium der Ausgrabungsarbeiten auf der Spur.«
Eine Schicht weißen Schleimes überlappte die Wände. Es war derselbe Schleim, den Meron und Idir zuvor in der Kuhle entdeckt hatten. Wenn sie sich nicht irrte, wirkte er hier sogar noch glänzender und frischer.
Kwaku schaute dezent verwirrt drein, ging aber nicht so weit ihre Aussage verbal zu hinterfragen. Stattdessen hing sich seine Aufmerksamkeit an etwas völlig anderem auf. »Was ist eigentlich mit deiner Kleidung passiert?«, fragte er, an Idir gewandt.
Da Angesprochener sein Oberteil für die Herstellung der Fackel geopfert hatte, war ihm nichts als seine natürliche Aufmachung aus nackter, brauner Haut geblieben, die im feurigen Lichte der Fackel schimmerte.
»Gefällt dir nicht, was du siehst?«
Kwaku schnaubte. »Vielleicht würde es mir gefallen, wenn Meron diejenige wäre, die ohne Oberteil dastehen würde.«
»Ich hoffe doch für dich, dass ich mich verhört habe.«
Kwaku wich instinktiv zurück, mit einer Hand vor der Brust wedelnd. »Das war doch nur ein Scherz. Ich würde niemals... ich bin nicht so ein Kerl.«
»Das würde jeder Kerl sagen, um seine Chancen nicht zu vergeigen«, sagte Idir mit einem neckenden Grinsen im Gesicht. Kwaku boxte ihm mit geballter Faust auf den Arm. »Sei doch still.«
Kaum zu glauben, dass er erst Augenblicke zuvor bewusstlos gewesen war. Seine flinken Bewegungen erinnerten Meron an das Hüpfen eines Frosches. Während die beiden ihre kindische Zankerei mit Fäusten und Beleidigungen austrugen, versuchte Meron in sich zu gehen, um mit Glück die Quelle dieses starken Manas erneut aufzufinden. Dazu schloss sie die Augen, konzentrierte sich auf ihr Inneres, auf ihren Geist und ihre Umgebung. Da war ein Pulsschlag an Energie, der aus Idirs und Kwakus Richtung kam. Gedanklich wanderte Meron weiter, tiefer, immer tiefer ins Ungewisse der Höhle hinein, bis sie auf ein fremdartiges Mana stieß, das weder vom Gestein der Höhle, noch von der Erde selbst ausging. Es wurde stärker beim Vorankommen. Bildete sich Meron das nur ein oder machte es den Anschein, als würde sich diese Energiequelle geradewegs auf sie zubewegen? Mit einem Schlag hatte Meron die Augen aufgerissen.
»Da kommt etwas.«
Kwaku und Idir sprangen abrupt auseinander und zückten ihre Waffen. Meron hielt die Fackel aufrecht und fixierte ihren Blick auf den dunklen Gang. Sie rückten näher, sodass sie Schulter an Schulter standen. Keine Sekunde später ertönte ein Chor aus hundert raschelnden Füßen. In einem Echo wurden die Geräusche über die Wände geworfen. Merons Herz trommelte zum Zerspringen laut. Sie konnte die Geräusche nicht diskret zuordnen. Wenn sie ehrlich war, klang das weder nach einem Menschen, noch nach einem ihr sonst bekannten Tier. Kwaku und Idir gaben dieselbe Angespanntheit ab, ein Zeichen, das Meron insoweit deutete, dass die beiden mindestens genauso wenig Ahnung von ihren Angreifern hatten wie sie selbst. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sie sich im Scheine ihrer Flamme offenbarten. Als der Geräuschpegel so laut wurde, dass Meron sich auf den Moment wappnete, in dem etwas aus der Dunkelheit hervorsprang, verstummten die Schritte, als hätten sie sich in Rauch aufgelöst. Nervosität untermalte die vorherrschende Stille.
»Sind sie weg?«, traute Kwaku sich wispernd zu fragen.
»Unwahrscheinlich«, sagte Idir.
Meron konnte ihm da nur zustimmen. Es war nicht nur ein Bauchgefühl, sie konnte regelrecht spüren, wie etwas in der Dunkelheit lauerte, doch das waren nur Konturen von Energiebündeln, die sich zu jedem erdenklichen Organismus hätten zusammensetzen lassen können. »Kwaku«, sagte sie. »Schieß einen Pfeil ab.«
»Ich kann nicht sehen, wohin ich schieße«, widersprach er mit knirschenden Zähnen.
»Das ist egal. Schieß.«
Auf Merons Geheiß zückte Kwaku einen Pfeil und spannte die Sehne. Er fokussierte sich auf einen schwebenden Punkt in der Dunkelheit. »Weiter rechts«, flüsterte Meron. Er beäugte sie skeptisch, gehorchte aber. »So?«, fragte er.
»Ein bisschen noch... Genau so.« Meron konzentrierte sich noch einmal, dann gab sie den Befehl. »Schieß.«
Sausend schnitt der Pfeil durch die Luft. Ein Knacken erklang, gefolgt von einem gellenden Todesschrei, der den ganzen Raum in Vibrationen versetzte, als der Chor an kreischenden Stimmen in sein Plärren mit einstieg. Dünne, schwarze Ärmchen streckten sich aus den Schatten. Münder stießen ein mehrstimmiges Fauchen aus. Unbewusst drückte Meron sich enger an die Körper ihrer Gefährten. Angst ließ das Blut in ihren Adern gefrieren.
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