So weit weg von dir

GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
Cor Leonis Dino Ghiranze Gladiolus Amicitia Ignis Scientia Prompto Argentum Ravus Nox Fleuret
16.06.2019
15.12.2019
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Er nagte an seiner Unterlippe, eher unterbewusst. Eine dumme Angewohnheit. Eine extrem dumme Angewohnheit, die er einfach nicht ablegen konnte, obwohl er wusste, dass sie einen zweifelhaften Effekt auf die Haut hatte. Die Unterlippe fühlte sich gelinde gesagt ziemlich wund und aufgerissen an. Er strich mit der Zunge zaghaft darüber. Es brannte ein bisschen. Er presste die Lippen fest aufeinander um sich selbst zu disziplinieren.

Noch wusste er nicht, ob er diesen Tag überstehen würde. Er hatte keinen blassen Schimmer. Wieder erwischte er sich dabei, wie er auf seiner Unterlippe kaute. Es ist ein Tag wie jeder andere auch, dachte er. Mach dir nicht so viele Gedanken, Scientia. Du hast für den Notfall schon ein Ticket gekauft, um zurück nach Altissia zu kommen.

Ignis umgriff den Blindenstock, den er zwischen seinem Sitz und der Wand platziert hatte. Das Gefühl keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, trug dazu bei, dass er sich ständig vergewissern musste, dass all seine Habseligkeiten, die er auf die Reise mitgenommen hatte, immer noch da waren.

»Flugzeuge«, flüsterte er leise und strich über seine Armlehne. Ein bisschen ehrfürchtig und immer noch ein bisschen ungläubig.

Fakt war, dass er das erste Mal in einem Reisegefährt dieser Art saß. Noch ein Fakt war, dass es nach seiner exakten Zählung sieben Jahre, fünf Monate, zwei Wochen und drei Tage waren, seit die Sonne ihre Strahlen wieder auf die Erde herabschickte.

»... am Fenster? Hallo? Der Herr am Fenster!«

Ignis fuhr zusammen und wandte den Kopf nach rechts: »J-ja?«

»Möchten Sie etwas trinken oder essen? Ich habe Wasser, Cola, Orangenlimonade, Orangensaft und Ebony-Kaffee und an Sandwiches Thunfisch und Salami. Außerdem gibt es noch Salami- und Käsebaguettes.«

»Einen Ebony und ein Thunfisch-Sandwich bitte«, antwortete Ignis, tastete am vorderen Sitz nach einem Tisch, den er herunterlassen konnte. Bevor er den Halter finden konnte, der das Tischchen in seiner hochgeklappten Position hielt, legte jemand eine Hand auf seinen Unterarm und half ihm. Kurz darauf hörte er, wie eine Getränkedose und ein in Folie gepacktes Sandwich auf den Tisch gelegt wurde.

»Vielen Dank«, sagte er an seinen Sitznachbar gewandt.

»Keine Ursache. Fliegen Sie zum ersten Mal?«, erwiderte eine weibliche Stimme.

Ignis nickte und umgriff die kühle Dose, die seiner Empfindung nach unglaublich winzig war. Allerdings hatte er auch nicht erwartet etwas zum Essen oder Trinken zu bekommen, aber scheinbar war dies Normalität.

»Ja«, sagte er dann, schob seinen Daumen unter die Lasche und lauschte dem Knacken, das der Aluverschluss erzeugte, als er geöffnet wurde. »Wie lange dauert es denn noch? Ich habe schon eine Weile nicht nachgeprüft.«

»Etwa eine halbe Stunde.« Die Frau, die Ignis anhand ihrer Stimme auf mindestens dreißig schätzte, rutschte in ihrem Sitz hin und her. »Wird auch langsam Zeit.«

Ignis hob die Dose an und sog den Geruch des Kaffees ein.

Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, spürte Narben. Die sichtbaren Verletzungen, die ihm in Altissia zugefügt wurden. Er atmete tief ein und ließ vor seinem inneren Auge Revue passieren, was vor fast achtzehn Jahren geschehen war. Oder besser gesagt das, was sich in ihn eingebrannt hatte.

Noctis, der ihn zurückgelassen hatte. Gladio, der dafür gewesen war. Prompto, der das alles nicht hatte wahrhaben wollen.

Fest presste er die Augen zusammen, als in seinen Ohren, in seinen Gedanken zum hundertsten, tausendsten Male die Worte abspulten, die damals gefallen waren. Noctis‘ leise gehauchte Entscheidung. Gladiolus‘ gebrüllte Empörung, bereits Sekunden danach gebrüllte Zustimmung, denn Ignis würde sie schlichtweg aufhalten; selbst ein Blinder - Pardon - könne das sehen. Ignis würde sich in Gefahr bringen, würde den Thronerben in Gefahr bringen, unweigerlich. So groß und laut und grobschlächtig Gladio erscheinen mochte, so sanft war er in seinem Herzen. So sehr sorgte er sich um Ignis‘ wie Noctis‘ Schicksal.

Promptos fassungsloses Schweigen. Das war in dem Moment vielleicht am schwierigsten zu ertragen gewesen. Schlimmer noch als zu erkennen, dass Ignis ohne ein Widerwort zu geben einfach resignierte.

Es war damals das Beste gewesen, das hatte er geglaubt, weil er dem Prinzen Lucis‘ in diesem Zustand nicht helfen konnte. Er war nutzlos. Blind. Desillusioniert. Gebrochen.

Er nagte an seiner Unterlippe, schon wieder. Denn die Erinnerung in seinem Kopf wurde just in diesem Moment von einer anderen verdrängt. »Du sollst nicht an deiner Unterlippe kauen«, hallte es durch die für einen Sekundenbruchteil herrschende Stille; so still wie es an Bord eines Propellerflugzeugs eben sein kann.

Ignis öffnete nahezu sofort die Augen, einen Moment lang irritiert, ob ihm das gerade jemand tatsächlich gesagt hatte oder ob ihm sein Gedächtnis einen Streich spielen wollte. Er entschied sich dazu, diese besorgt geflüsterten Worte zu verdrängen, egal ob sie nun real gewesen waren oder nicht.

Auch wenn er nichts sehen konnte, so stellte er sich vor, wie unter dem Flugzeug die Wolken dahinzogen. Lücken in dem bauschigen Watteweiß hier und da einen Blick auf das darunter liegende Land gewährten, in dem wieder so etwas wie Normalität herrschte. Er schnaufte kaum hörbar als vor seinem inneren Auge die Wälle vorbeizogen, die Schluchten, die Hochhäuser, die kleinen Straßen, Flüsse, Boulevards, Parks und schließlich Insomnia. Seit der Abreise nach Altissia hatte er niemals wieder einen Fuß in die Kronstadt gesetzt.

Genau genommen war er seitdem nie wieder in Lucis gewesen. Mit einigen tausend anderen Leuten war er während der dunklen zehn Jahre in eine Notunterkunft gebracht worden. Immer wieder gab es Menschen, die es nicht mehr aushielten; das Ziehen des Dunkel, die Hoffnungslosigkeit. Sie gaben sich den Siechern hin. Für Ignis wäre das niemals eine Option gewesen; er hingegen hatte all sein Wissen mit einem Jägerverbund geteilt und somit das Überleben der letzten Bastion Altissias sichergestellt.

Er wusste nicht, wie lange er in dieser Position verharrt hatte, nahm nun einen Schluck von dem Kaffee, der wahrscheinlich mehr zu dem plötzlichen Flashback beigetragen hatte, als er ihm zusprechen würde. Denn Ebony hatte er seitdem auch nicht mehr getrunken. Doch obwohl er all die lucischen Annehmlichkeiten verloren hatte; die Möglichkeit, mit dem Auto flexibel und schnell von A nach B zu reisen. Die allgegenwärtige Chance, jederzeit und überall mit jemandem zu kommunizieren. Gutes Essen. Maßgeschneiderte Anzüge. Nougatschokolade. Kaffee aus der Dose. Geliebter Kaffee aus der Dose. Niemals hätte er in der langen Nacht sein Leben gegeben, geben können. Davor …

Ignis hätte sein Leben für seinen König gegeben. Er hatte sein Augenlicht aufs Spiel gesetzt und verloren, um Noctis zu beschützen. Ich wäre für Noct gestorben, wenn ich hätte mit ihm gehen können. doch das war nicht geschehen. Erst in der Nacht, in der ewig langen Nacht, die ihn seit fast achtzehn Jahren begleitete hatte er gelernt, dass es für ihn einen Grund gab, weiterzumachen. Zu leben und nicht nur dahinzusiechen. Die Liebe. Die Liebe, die ihn nun dazu überredet hatte, nach Insomnia zu kommen. Nicht zurück. Nur für einen Besuch. Ein kurzer Besuch, so glaubte er.

Schon während er nach dem Sandwich griff fragte er sich, ob der Geschmacksunterschied zwischen den Fischen aus Altissia und denen aus Lucis immer noch so gravierend fand, wie damals. Er biss ab, spürte zunächst das Weizentoast, dann Mayo, saure Gürkchen und zuletzt den Fisch, der sich ihm so trocken präsentierte, wie er eingelegten lucischen Thunfisch in Erinnerung hatte. Ihm entfuhr ein leises Bah und trotz dessen, dass er es nicht sonderlich gut fand, wollte er es nicht verkommen lassen. Natürlich nicht. Ignis Scientia ließ absolut nichts verkommen. Jahre der Unterdrückung durch die ewig anhaltende Nacht, die Siecher und damit verbundene Lebensmittelengpässe hatten die meisten Bewohner Eos‘ darauf getrimmt, sparsam wie eine Kirchenmaus zu sein. Dass Ignis das Sandwich nicht besonders mundete, er es aber dennoch verzehrte, als wäre es das letzte beschmierte Toastbrot der Welt, schien unübersehbar.

Ignis vernahm ein leises Glucksen und er war sich nicht wirklich sicher, ob ihn die Erinnerung trübte, aber das Geräusch kam ihm entfernt bekannt vor. »Hängt mir da etwas im Gesicht?«, wunderte er sich halblaut.

»Nein, nein«, kam es sofort von der Seite zurück. »Sie machen mir nur den Eindruck eines … Verzeihen Sie mir, Sie haben Ihr Gesicht beim ersten Biss sehr verzogen.« Etwas raschelte. Wieder rutschte die Person neben Ignis hin und her als ob sie sich unwohl fühlte.

Er tastete nach der Serviette, die ihm die Flugbegleiterin zusätzlich zum Sandwich gegeben hatte, und tupfte sich die Mundwinkel sauber. »Fisch aus den Gewässern Accordos schmeckt irgendwie anders als der aus Lucis. Frischer, wenn Sie mich verstehen.« Er legte die Papierserviette zur Seite.

»Sie kommen also aus Lucis?«

Er musste ungewollt lächeln. »Nicht wirklich«, erwiderte er. »Aber ich habe sehr viele Jahre in Insomnia verbracht, bevor die Nacht kam.« Er fühlte sich bei dem Gedanken an die Vergangenheit, bei den Gedanken an die Zitadelle, an die Abenteuer die Noctis, Gladiolus und er selbst als Kinder erlebt haben ... Er fühlte sich ein wenig sentimental, verspürte für eine winzige Sekunde Wehmut.

»Und dann kehren Sie jetzt erst zurück?«, kam es verwundert von seiner Seite. »Ich wäre gestorben, hätte ich nicht sehen können, was mit meiner Heimat-« Die Frau unterbrach sich selbst mit abrupt vor den Mund gerissenen Fingern. »Verzeihen Sie«, nuschelte sie hinter der Hand hervor.

Ignis überkam ein kurzes Lachen, das er einfach nicht einhalten konnte. »Dafür müssen Sie nicht um Verzeihung bitten, Sie tragen daran schließlich keine Schuld!« Er war ein wenig irritiert, als er nicht die Geräusche vernahm, die es üblicherweise gab, wenn die Sprache auf seine Behinderung kam. Ein verlegenes Kichern oder Hüsteln. Ein leises Keuchen als hätte er versucht es mit einem schlechten Witz zu überspielen, dass er nichts sehen konnte. Er legte den Kopf leicht schief, in die Richtung seiner Gesprächspartnerin. Stoff raschelte über Stoff, scheinbar versuchte sie abermals nach einer anderen Sitzposition zu suchen. In den Bordlautsprechern krachte es. Ignis fühlte sich unweigerlich daran erinnert, wie er mit einem Funkkopfhörer übers Telefon verbunden versucht hatte, mit Prompto und Gladio in Verbindung zu bleiben. Damals in Altissia, als sie getrennt worden waren. Damals in Altissia, als er die bislang größte Angst in seinem Leben verspürt hatte - dass er Noctis verlieren könne.

»In etwa zwanzig Minuten landen wir«, murmelte die Stimme neben ihm und riss ihn somit aus seinen Gedanken. »Soll ich Sie nach der Landung irgendwo hinbringen?«

»Hm«, machte Ignis nachdenklich und drückte seine dunkel getönte Brille höher zur Nasenwurzel. »Ich möchte Ihnen keine Umstände bereiten. Allerdings kenne ich das Gebäude nicht und ich war sehr lange nicht mehr in Insomnia. Wenn Sie mich zum Haupteingang begleiten würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Dort werde ich vermutlich erwartet.«

Er hörte sie einen Moment lang die Luft einhalten. »Haben Sie Gepäck, dass Sie an der Ausgabe holen möchten?« fragte sie leise, während sie den Geräuschen nach zu urteilen damit beschäftigt war, ihre Anschnallgurte zurechtzuziehen.

Ignis schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht vor lange in Insomnia zu verweilen. Meine Tasche in dem Fach über uns ist das einzige Gepäckstück, das ich bei mir habe.« Für den Moment wandte er sein Gesicht dem Fenster an seiner Seite zu, als er ein leichtes Absinken des Flugzeugs bemerkte. Fast schon glaubte er, ein enttäuschtes Schnaufen von seiner Seite vernommen zu haben, aber er konnte sich auch irren - zumindest hatte die Frau neben ihm keinen Grund, wegen irgendeiner seiner Reaktionen irritiert zu sein, nicht wahr? Er rieb sich die Nase.

Wieder stellte er sich vor, wie die Ankunft ablaufen würde. Das Aufeinandertreffen. Kein Wiedersehen. Ignis seufzte innerlich und versuchte abermals die aufkommenden Gefühle zu unterdrücken, die ihn seit … Nein, nein, nein!

Ignis kniff sich selbst, um sich abzulenken. Er dachte an quietschgelbe Gummichocobos, die man ins Badewasser setzen konnte. Er umgriff seinen Blindenstock und starrte nachdenklich ins Dunkel. Es half nichts, seine Gedanken kehrten immer wieder zurück zu ihm.

Schnaufend gab er sich dem hin und der Mensch, an den er dachte, manifestierte sich vor seinem inneren Auge. Es war eine Gestalt, die es nicht mehr gab. Das Bild eines jungen Mannes, etwa 20 Jahre alt. Vor mehr als siebzehn Jahren hatte er Prompto das letzte Mal gesehen. Genauso lange war es her, dass er Promptos Lippen auf seinen eigenen gespürt hatte.
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