Falling Apart

OneshotDrama, Romanze / P16 Slash
16.06.2019
16.06.2019
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Es war mitten in der Nacht. Er spürte gerade rechtzeitig, wie sich die Matratze auf der anderen Seite des Bettes anhob, um einen Arm um Chuuyas nackte Hüfte zu schlingen und ihn daran zu hindern sich fortzuschleichen. Es ertönte ein langgezogenes Seufzen, bevor seine Finger in einer beruhigenden Geste gestreichelt wurden. So lange, bis sein Griff sich lockerte und sein Partner sich ihm entwinden konnte. Die Entschuldigung ließ nicht lange auf sich warten:

"Ich muss jetzt los."

Der Kuss, den er mit einem Schmatzen auf seine Wange gedrückt bekam, war feucht und doch fühlte sich sein eigener Mund trocken an, wie eine Wüste, auf der seine Zunge wie Sandpapier auflag.
Dazai sah ihm zu, wie er eilends die Knöpfe seines Hemdes schloss. Sein Blick glitt über seine vermeintlich zierliche Gestalt, von der er wusste, dass sie entgegen aller Erwartungen sorgfältig durchtrainierte Muskeln verbarg. Muskeln, die er nur zu gern mit Lippen und Händen geliebkost hätte, anstatt zuzulassen, dass sie unter Stoff verschwanden. Ein tiefes, gurrendes Kichern erreichte seine Ohren:

"Was schaust du dir da an?"

"Hm, etwas, was meinen Augen gefällt, schätze ich?"

Die Matratze senkte sich auf seiner Seite des Bettes weiter hinab, als Chuuya sich zu ihm setzte und zu seinem Gesicht hinunter beugte. Ihre Nasen berührten sich um Haaresbreite, bevor Chuuya sie weiter zur Seite neigte und stattdessen eine Berührung ihrer Lippen zuließ. Flüchtig. Trocken. Heiß. Dazai  hielt die Brandwüste nicht länger aus und verlangte nach mehr. Nach mehr Lippen, Zunge, Speichel, Liebe. Mehr Chuuya. Seine Hände fanden den Nacken seines Partners. Doch auf seine Lippen legte sich ein Finger, als wolle er Dazais Gedanken zum Schweigen bringen, als hätte sein Gegenüber ihn nach mehr schreien gehört.

"Scheinbar nicht nur deinen Augen. Vielleicht sollte ich dich hierfür bezahlen lassen, dann säßen wir möglicherweise nicht mehr so tief in den Schulden."

Dazai ließ ein abfälliges Schnauben hören. Er hätte ihm am liebsten gesagt, dass es ihm nicht möglich war ihn zu bezahlen. Nicht nur, weil er selbst genauso wenig in der Tasche hatte, sondern weil Chuuya schlicht weg und ergreifend unbezahlbar war. Aber er wusste, dass Chuuya so etwas nicht hören wollte und nur ein einzelnes Wort in diese Richtung einen Streit provoziert hätte, den sie beide nicht gebrauchen konnten. Schnulzen waren etwas für Paare, die sich unter Mistelzweigen küssten und einander Blumensträuße schenkten. Dafür war kein Platz in ihrer Sechzehn-Quadratmeter-Wohnung direkt an der letzten Ecke zum Rotlichtviertel. Wenn man an solch einem Ort lebte, dann lernte man nüchterne Wahrheiten zu schätzen. Deshalb fürchtete sich Dazai nicht, ehrlich mit seinem Rothaar zu sein:

"Ich mag es nicht, wenn du so etwas sagst. Lass dich doch einfach ohne Gegenleistung von mir lieben."

Seine Lippen wanderten Chuuyas Kiefer entlang und platzierten einen Kuss auf der empfindlichen Stelle vor seinem Ohr. Doch der Rothaarige ließ ein Seufzen hören, das sich eher verzweifelt, als sinnlich anhörte.

"Ich lasse mich den ganzen Tag über lieben .Weißt du eigentlich wie es ist, nachhause zu kommen, nur um dort auf nichts weiter als einen weiteren Schwanz zu treffen, der befriedigt werden will? Als hätte ich ein dutzend Kinder, deren Mäuler es zu stopfen gilt. Gib mir eine verdammte Pause, Osamu."

"Nein, aber ich weiß wie es ist meinen Ehemann mit einem Dutzend anderen Männern teilen zu müssen."

Chuuyas Blick verhärtete sich.

"Diese Farce schon wieder? Ich kann es echt nicht mehr hören. Glaubst du, es macht mir Spaß? Sicher nicht. Ich wünschte, ich könnte etwas daran ändern, aber ich hänge nun mal darin. Und du tust es mit mir. Also wenn du weiter in einem weichen Bett schlafen willst, wie du es tust, dann gib dich verdammt nochmal mit diesem Leben zufrieden, so wie es ist."

Dazai senkte den Blick. Ja, er wusste, dass er niemand war, der Ansprüche stellen konnte. Nicht wenn er selbst kaum zum Lebensunterhalt beitrug. Aber gleichzeitig konnte er sich einfach nicht mit ihrer momentanen Situation zufrieden geben. Es reichte ihm nicht, bloß neben Chuuya zu schlafen, neben ihm zu existieren, nicht mehr als einen müden Kuss zu verdienen, während andere ihn ganz haben konnten, nur weil sie Geld besaßen. Hatte der Ring an seinem Finger etwa keinen Wert mehr? Er seufzte. Vermutlich war es selbstsüchtig von ihm dasselbe von Chuuya zu verlangen, was ihn jeden Morgen müde und ausrangiert zurück Nachhause kommen ließ. Er verstand ja, dass er die Nase voll davon haben musste. Aber er war eben nicht derjenige, der unzählige Male am Tag das Privileg bekam sich im Hochgefühl zu verlieren. Wenn er das tun wollte, musste er sich selbst dazu behelfen. Und Chuuya wunderte sich, dass ihm das alles hier nicht reichte? Dass ihm ein kaltes Bett und eine allein eingenommene Mahlzeit nicht reichte? Er hatte auch Bedürfnisse. Niedere Bedürfnisse.
Aber was sollte er machen? Er war eben auch nur ein Mann. Chuuyas Mann.
Doch er müsste lügen, würde man von ihm verlangen zu behaupten, dass es leicht wäre diesen Titel zu tragen. Es war eine Lüge, dass das Gewicht seines Eherings ihm nichts ausmachte und sich immer noch so federleicht anfühlte, wie sein Herz, als er dem Rotschopf sein Ja-Wort gegeben hatte. Er vermisste diese Leichtigkeit, selbst wenn sie sich im Nachhinein als jugendlicher Leichtsinn herausgestellt hatte.

"Ich liebe dich,"

murmelte er trotz allem, bevor er seine Lippen weiter über Chuuyas Haut wandern ließ. Es war die Wahrheit und ein Trost zugleich, da er wusste, dass diese Liebe trotz allem erwidert wurde. Er hatte gelernt es an den winzigsten Indikatoren zu erkennen. Zum Beispiel an Momenten wie diesen, in denen sie einfach frei heraus sagten, was sie dachten, egal wie weh die Worte taten. Oder in Momenten, in denen sie sich eine einzelne Minute mehr Zeit füreinander nahmen.
Tatsächlich aber kam es selten vor, dass Chuuya sich so lange aufhalten ließ und es in Kauf nahm zu spät zu kommen... zu seiner Arbeit, oder wie man es nennen mochte. Dazai mochte es jedenfalls nicht so nennen. Er mochte es generell nicht. Weniger als das. Er hasste, womit Chuuya seinen Anteil ihres Lebensunterhaltes verdiente und wenn er könnte, dann hätte er diese verdammte Schwulenbar, über der der Name "Sheep" in hässlich verschnörkelten Großbuchstaben prangte, bereits auf nichts mehr als ein elendiges Häufchen Asche niedergebrannt.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und mit einem Mal begann seine eigene Wange höllisch zu brennen.

"Fuck, Osamu! Wie oft muss ich es noch sagen?! Keine Markierungen."

"Solltest du das nicht viel eher zu deinen Klienten, als zu deinem Ehemann sagen?"

rutschte es Dazai zischend heraus. Es war ihm gar nicht aufgefallen, dass er begonnen hatte an der weichen Haut seines Partners zu saugen, während er sich in der Aufwärtsspirale seiner Eifersucht hochgeschaukelt hatte.

"Dazai! Wann lernst du endlich über deinen Schatten zu springen? Du weißt doch genauso gut wie ich, dass die Stelle bei den 'Sheep' alles ist, was ich habe. Wir sind alle beide davon abhängig, also mach das hier bitte nicht unnötig kompliziert, ja?"

Chuuya hatte recht, es war das einzige, was ihm blieb. Egal wie hübsch er anzusehen war, wie leidenschaftlich er liebte oder wie loyal er zu sein pflegte, er hatte nun einmal diesen einen gewissen Fehler, der ihm jede Tür versperrte. Sein hitziges Gemüt, sein plötzliches, cholerisches Aufbegehren, seine Aggressivität und der Hang zur Gewalt, den Dazais Wange nur wenige Augenblicke zuvor erneut zu spüren bekommen hatte, machten es ihm unmöglich eine anständige Arbeit zu finden und ein gescheites Leben führen zu können. Genauso, wie Dazai selbst aufgrund seiner nicht heilbaren Autoaggression dazu gezwungen war sein Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen.
Eigentlich sollten sie sich damit abgefunden haben, aber manchmal war es einfach immer noch so unendlich schwer ihn gehen zu lassen. Es viel ihm nicht gerade leicht, den Mund zu halten und nicht nachzufragen, mit wievielen anderen Männern sein Rothaar die eine und die nächste Nacht bereits das Bett geteilt hatte. Es war Tabu danach zu fragen. Dazai selbst wollte schließlich auch nicht nach den immer wiederkehrenden Verletzungen an seinen Unterarmen gefragt werden. Und das wurde er auch nicht. Sie hatten eine stille Übereinstimmung über gewisse Grenzen getroffen, die es ihres gemeinsamen Friedens Willen nicht zu überqueren galt. Das war der Grund, aus dem sie bis hierher wunderbar funktioniert hatten und der sie nun immer öfter in hitzigen Auseinandersetzungen kollidieren ließ.
Die passende Hand zu dem schmerzenden roten Abdruck legte sich zurück an seine Wange und Dazai zuckte kurz zusammen. Er hatte diese sanfte Berührung noch weniger kommen sehen, als den überraschenden Schlag, der ihn zur Vernunft gebracht hatte.

"Hey, ich sehe doch, dass du dir wieder viel zu viele Gedanken machst. Hör bitte auf, sonst bricht dieses lächerliche Kartenhaus letztendlich doch noch zusammen... Wir haben so hart daran gearbeitet,"

versuchte Chuuya ihn zu beruhigen und ihn davon abzuhalten mit seinem scharfen Verstand weiter an dem fragwürdig juckenden Ding an seinem Ringfinger zu kratzen. Doch Dazai wusste nichts darauf zu entgegen, als:

"Nein, ich glaube nicht, dass es das ist, was diese Beziehung zerstört."
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