Halte mich

von fusina
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
16.06.2019
20.09.2019
19
57.781
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16.06.2019 1.614
 
Die untergehende Sonne tauchte die Dächer der Stadt in einem tiefen Orange und mit jeder Minute wurde es leiser in der Umgebung. Viel zu selten gab es diese leisen Augenblicke, viel zu wenig konnte sie sich diese Momente nehmen, einfach nur dazusitzen und die Stille zu genießen.

Die Erinnerung der letzten Tage ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen, denn ihr Gegner war so aktiv wie noch nie und hatte der Heldin alles abverlangt.
Irgendetwas war anders. Es hat sich etwas verändert und sie wusste, dass es nichts Gutes verheißen konnte.
Die körperliche Erschöpfung machte sich immer mehr bemerkbar und egal wie sehr sie dagegen ankämpfte, ein frischer Energieschwung blieb aus.

Der Wind wehte ihr durch das schwarze Haar. Sie schloss die Augen und horchte der Nacht, versuchte jeden Tropfen Glücksgefühl aufzusaugen der in ihr aufflackerte, um nicht noch den seidenen Faden letzter Hoffnung zu verlieren. Ihr Körper kribbelte und pochte von den harten Schlägen die sie dieses Wochenende einstecken musste. Blaue Flecke zierten ihren ganzen Körper und jede hektische Bewegung erinnerte sie daran, es endlich ruhiger angehen zu lassen.  

Einen akumatisierten Judolehrer mussten sie bekämpfen und der hatte wirklich etwas drauf. Während einer unendlichen Prügelattacke die er auf sie gerichtet hatte, konnte sie nicht einmal mehr nach Luft schnappen, konnte weder ihr Yo-Yo zücken, geschweige denn ihre schützenden Hände von ihrem Gesicht senken. Sie hatte Glück.
Chat, ihr Retter in der Not hat sie daraus bugsiert. Er hatte sich auf ihn gestürzt und von ihr gerissen. Und dann….
Wie er sie ansah…
Wenn sie dachte er sei immer besorgt, dann war dieser Blick der Vater aller Sorgen.
Chat hätte sie am liebsten bis nach Hause begleitet, aber ihr blieb nichts als dankend abzulehnen. Nur keine Schwäche zeigen.

Sie saß nun einige Stunden hier in ihrem Liegestuhl, auf ihrer Dachterrasse. Viel zu erschöpft um einen klaren Gedanken zu erfassen, herrschte absolute leere in ihrem Kopf. Sie bräuchte dringend Ablenkung.
"Marinette...", hört sie die zarte Stimme ihrer Freundin. Tikki schwebte neben ihr und betrachtete sie mit einem besorgen Blick.
Marinette drehte sich zu ihr und setzte ein sanftes Lächeln auf.
"Mach dir keine Sorgen Tikki. Ich bin so froh, diese Ruhe genießen zu können. Es wäre auch besser jetzt ins Bett zu gehen, damit ich morgen nicht verschlafe"
Im selben Moment stand sie auf und ging zur Dachlucke, um sich direkt auf ihr Bett fallen zu lassen. Sicher konnte ihr Tikki diese Worte nicht glauben. Seit einigen Tagen nun bemerkte sie schon die Veränderung an ihrem Schützling. Tikki flog zu ihrem hergerichteten Bettchen und ließ sich hinein sinken.
"Gute Nacht Marinette", flüsterte sie ihr noch zu, aber eine Antwort blieb aus.
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Am Morgen unterbrach der schallende Wecker ihren tiefen Schlaf. Im Halbschlaf streckte sie ihren Arm aus und tastete umher, um dem nervtötende Geräusch einen Ende zu setzen. Gerade hatte sie ihn zum verstummen gebracht, fiel er mit einem lauten Scheppern zu Boden. Großartig.
Völlig benebelt schielte sie hinunter und entdeckte ihren Feind stumm auf dem Boden liegend. Seufzend sackte sie zurück in ihr Kopfkissen, wurde sich aber sehr schnell darüber bewusst, dass es Zeit wurde.
Die nächste Pflicht rief. Momentan waren es viele Verpflichtungen, die dazu immer schwerer zu werden schienen.
Der Schulabschluss rückte näher und bald stand ihr 19ter Geburtstag an.

Mit schmerzendem Körper schälte sie sich aus ihrem Bett und verschwand direkt im Badezimmer, wo sie einen prüfenden Blick über ihren Körper warf. Gab es denn überhaupt noch einen Teil ihres Körpers, der nichts abbekommen hatte? Am meisten Sorge bereiteten ihr die tief blau/lilanen Flecken am Handgelenk und auf ihrem Schlüsselbein. Wenn das jemand sehen würde, dachte sie. Jede Überlegung sich für den Notfall eine plausible Ausrede einfallen zu lassen, verlief ins Leere. Nun gut, darüber könnte sie sich später noch Gedanken machen.
Schnell zog sie sich an, und richtete sich für den heutigen Tag her.
In ihrem Zimmer schnappte sie sich ihre Umhängetasche und öffnete sie.
"Wir haben genug Zeit und müssen uns nicht beeilen Tikki. Kommst du?"
Mit einem Satz huschte Tikki in ihre Umhängetasche, wo bereits ein paar Kekse auf sie warteten. Marinette schulterte ihre Schultasche und lief die Treppen hinunter, wo sie sich von ihren Eltern verabschiedete und das Haus verließ.

Langsamen Schrittes kam sie nach kurzer Zeit auf das Schulgebäude zu. Auf der Treppe standen bereits ihre Freunde und unterhielten sich angeregt. Gedankenversunken trat sie die Treppe empor und machte vor ihnen halt.
„Guten Morgen.. oh wow, Marinette. Gute Entscheidung, deine Haare offen zu tragen. Es steht dir", kam es von Alya. Überrascht griff die Schwarzhaarige nach ihren Zöpfen, spürte aber im selben Moment ihr offenes Haar. Ach Mist, das hatte sie gar nicht bemerkt. Um ihre Haare hatte sie sich nach dem Bürsten gar nicht mehr gekümmert. Genervt ließ sie ihren Kopf hängen und atmete tief durch.
„Geht es dir gut, Marinette?“.
Die Stimme ihres Schwarms ließ sie sich schnell wieder gerade aufrichten und ihr Blick traf auf Adriens grünen Augen. Oh bitte keine Fragen stellen, dachte sie und lächelte in die Runde. „Ja, alles bestens“, log sie grinsend. „Ich habe meine Haare vergessen zu machen und dabei war ich so glücklich, heute so früh los zu kommen"

Glückliche Gesichter schauten sie an  und nervös zog sie sich noch einmal die Ärmel ihres Sweatshirts lang, um ihre geschändete Haut zu verbergen. „Wir sollten dann mal", gab Nino zu und griff nach Alyas Hand um sie mit sich in die Klasse zu ziehen. Marinette und Adrien tauschten einen letzten fragenden Blick und schlenderten ihren Freunden hinterher, ins Klassenzimmer.

Es waren bereits alle anwesend und so eilten alle zu ihren Plätzen. „Wollen wir nicht nach der Schule noch ein Eis essen gehen?“, fragte Alya begeistert und schaute ihre Freunde abwechselnd an. Ja, es war verführerisch, aber im Hinterkopf hatte Marinette die Angst, es könne jederzeit wieder einen Angriff geben. Angst vor Konsequenzen. Es war verdammt schwer ihre Identität zu bewahren, bei allem was in letzter Zeit geschah.
„Ja, sehr gerne", lächelte sie. Auch die Jungs stimmten freudig zu und plötzlich hörten sie ein Gezeter aus der Reihe neben sich. Marinette versuchte so oft und so gut es ging, dieses Biest zu ignorieren aber ihre Lautstärke machte es natürlich schwer.
„Adriecherie, warum gibst du dir sowas?", schimpfte Chloé und richtete sich noch mehr auf. Die aufsteigende Wut ließ die Schwarzhaarige schwer schlucken. Dieses Biest! Marinette öffnete ihren Mund um ihr Konter zu geben, wurde jedoch unterbrochen von ihrer Lehrerin, welche die Tür aufschwang und den Raum betrat. So sagte keiner mehr etwas und mit stillschweigenden Jugendlichen, begann der Unterricht.

Nur schwer konnte Marinette dem Unterricht folgen. Immer mehr holte sie der pochende Schmerz ihres Körpers ein. Die Kreide auf der Tafel verschwamm vor ihren Augen und der schläfrige Unterricht über die Kriegszeit wirkte noch erdrückender. Es ging einfach nicht mehr.
Sie steckte ihre Arme lang auf den Tisch aus und legte ihren Kopf auf diese ab. Das Gesicht zu ihrer Freundin gedreht und die Augen fest verschlossen.
Nur schleierhaft trafen die Worte ihrer Lehrerin auf sie. Schwindel und Schmerz übermannten sie und es war ihr kaum möglich sich zu bewegen. „Alya, hast zu Schmerztabletten dabei?“, fragte sie ihre beste Freundin aus zusammengepressten Lippen. Sie spürte den eindringlichen Blick ihrer Freundin auf sich ruhen und wahrscheinlich nicht nur ihrer.
„Marinette, du bist total blass. Was ist los?“ Das war nicht die Stimme ihrer Freundin. Nein, Adrien legte eine Hand auf ihre vor sich ausgestreckten Arme und bedacht sie mit einem besorgten Blick.
Oh Nein, denk nach, denk nach…
„Mein Wochenende… Muskelkater.. Schmerztablette?“ Das sollte doch verständlich genug sein, dachte sie. Alya kramte in ihrer Tasche herum und reichte ihr zwei Tabletten. Gerade als sie diese annahm, hielt Adrien ihr eine Flasche Wasser hin. Oh Gott, war das unangenehm. Schüchtern bedankte sie sich und nahm die Tabletten zu sich, um sie mit dem Wasser runter zu spülen.
„Behalte sie. Ich habe zwei Flaschen dabei", begann Adrien, „Du solltest genug trinken, damit dein Kreislauf nicht den Geist aufgibt"
Oh ja da hatte er recht. Das würde wirklich helfen.
Eine Weile verweilte sie in dieser Position auf ihrem Platz.
Heute Morgen hatte sie sich keine Verpflegung für den heutigen Tag eingepackt und bereute es schon.
Die Wirkung der Tabletten setzte zügig ein und langsam stieg ihre Aufmerksamkeit wieder.
So ließ sich der Tag irgendwie überstehen, dachte sie und so zogen die Stunden an sie vorbei.
„Ich muss dir nachher unbedingt von meinem Wochenende erzählen!“, hatte ihr Alya in der letzten Pause gesagt. Sie hatte Ladybug getroffen und den Kampf gefilmt. Im nächsten Moment betonte sie noch, wie außergewöhnlich schwer es dieses Mal wohl war und was Ladybug alles einstecken musste und Marinette konnte nicht anders als ihr gedanklich zuzustimmen, als ihre Erinnerung daran wieder aufloderten.

Das letzte Mal ertönte die Schulklingel und alle begannen eilig ihre Sachen zu packen. Nach Eile war Marinette gar nicht zumute. Sie wollte alles entspannter angehen, schließlich war sie als Ladybug mehr als genug von Stress geplagt. Sie schulterte ihre Tasche und steuerte die Tür an, als sie am Handgelenk gepackt und zum Stillstand gezwungen wurde. Ein leises stöhnen entkam ihr, vom aufkommenden Schmerz ihrer Blessuren am Handgelenk.
Verwundert schaute sie zurück, um in Adriens besorgten grünen Augen zu schauen.
„Willst du reden?“, fragte er sie leise, um keine Aufmerksamkeit anderer Schüler zu erregen. Oh nein, das hatte ihr noch gefehlt. Zittrig zog sie ihre Hand aus seinem Griff und setzte einen Schritt zurück, um Abstand zu gewinnen. Ihr Herz pochte wie wild und ihre Atmung wurde hektischer unter ihrer Nervosität.
„Ich kann nicht…“, hauchte sie und schüttelte ihren Kopf. Niemand darf von all dem wissen.
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