Frosty Affair

GeschichteRomanze / P18
Edward Anthony Masen Cullen Isabella "Bella" Marie Swan Rosalie Hale
16.06.2019
23.07.2019
35
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Edward


Bähm.

Bähm.

Bähm.

Steilvorlage für die Zicke.

Komm, schon, Baby, komm schon, plustere dich auf, stemme die Hände in die nicht vorhandenen Hüften, starre mich in Grund und Boden, pass nur auf, dass du dich nicht verausgabst.

Ja, ja, ja, die Wahrheit tut weh, was soll ich sagen?

Ich schaue kurz zu ihr, nur, damit mir nichts von der Show entgeht. Sie ist rot angelaufen.

Yeah.

Hundert Punkte!

Fuck, ich höre mich an wie ein minderbemittelter Collegeboy. Egal.

Meine Augen sind verengt, meine Kiefer ineinander verkeilt und mein linkes Lid zuckt.

Es zuckt schon seit zwei Stunden.

Ununterbrochen.

Und das pisst mich an.

SIE! Pisst mich an.

Hat die Welt schon einmal so ein billiges Flittchen gesehen? Wow, wow, ich habe nichts gegen die sexuelle Revolution, jeder kann es so oft und mit wem auch immer treiben, wie er will, wirklich, kein Problem. Aber ich habe immer ein wenig den Anstand gewahrt. Nicht für andere, andere sind mir fuckegal, nur für mich, für mein Selbstverständnis von Moral und dem, was man tun sollte und was nicht.

Anscheinend ist dieses Thema in ihrer Erziehung nicht vorgekommen, so wie sie in vielen grundsätzlichen Belangen beachtliche Defizite aufweist.

Eben noch liegt sie keuchend unter bettelnd unter mir, fuck, selbst im Auto habe ich sie noch mal fast über den Rand springen lassen, mit einem Fingerschnipsen, weil ich weiß, wie sie funktioniert, weil ich ihren Körper kenne, als hätte ich sie geschaffen. Weil ich sie zum Vibrieren bringen kann, zum Explodieren, zum Keuchen und Schreien, weil sie Wachs in meinen Händen ist.

Und dieses widerliche Flittchen hat nichts Besseres zu tun, als sich an den unterbelichteten Bloom ranzuwerfen.

FUCK OF VERLAG!

Es geht mir nicht um den FUCK VERLAG!

Der fuck Verlag kann mich!

Es geht mir um …

Ja, fuck, worum gehts mir eigentlich?

Ich habe keine Ahnung.

Das Flittchen hat übrigens seine Stimme wieder gefunden.

Sie schnauft ein bisschen, weshalb sich das Ganze noch dämlicher anhört, aber egal.

»Hast du …« Schnaufen. »HAST DU …« SCHNAUFEN. »HAST DU …« Ha, jetzt hat sie die Hände in den Hüften, wie ich bereits anmerkte, ich kenne sie, als hätte ich sie gebacken, und dabei hatten wir nur zwei Nächte und einen ergebnislosen Fingerfick miteinander. So viel zu Tiefe Wasser …, also wenn es jemals einen seichten, durchschaubaren Menschen gegeben hat, dann das Flittchen neben mir.

Aber sie ist heiß … irgendwas ist ja immer.

Seufzend sehe ich sie kurz an, lenke den Blick jedoch wieder auf die Straße … Sicherheit im Verkehr ist schließlich alles.

In jeder Art von.

»Halt an!«, brüllt sie gerade. Tja, auch das kommt nicht überraschend. Wenn ihnen nichts mehr einfällt, dann wollen sie eben mitten in der Walachei ausgesetzt werden, um dann den Märtyrer zu geben … ich bin versucht, ihr die Erfahrung zu gönnen. Aber das kann ich dem armen John ja nicht antun, oder?

Es hat mich satte zehn Minuten gekostet, ihn davon zu überzeugen, nicht zurück zu seiner neuen Eroberung zu rennen, sondern sich um seine Gäste zu kümmern.

Heilige Scheiße!

Wirkte ganz in sich gekehrt, der Knabe.

Übrigens hat er die Gelegenheit gleich mal für ein Gespräch unter Männern genutzt, indem er sich vergewisserte, dass da »wirklich nichts zwischen mir und … Bella sei.«

Was ich ihm natürlich versichert habe: »Danke, ich war schon dran, ich gönne sie dir von Herzen.«

Auch das hat ihn nicht aus seinen luftigen Wolken hervorgeholt, aber sind wir mal ehrlich: Dieser Mann sorgt zu nicht kleinem Teil dafür, dass ich monatlich mein Gehalt bekomme, und ich werde garantiert nicht zulassen, dass wir ihn wegen einer Nutte verlieren, die einfach ihre Knie nicht zusammenhalten kann. Das … kann ich einfach nicht zulassen. Wie auch immer.

Hätte ja nie gedacht, dass diese Mission so weitreichend werden würde.

John ist kein dummer Mann, jedenfalls, wenn er sich Mühe gibt, denn er kniff die Augen zusammen und musterte mich interessiert. »Es ist nicht okay«, sagte er dann langsam. »Richtig? Du hast deinen Daumen auf ihr.«

Na ja, um genau zu sein habe ich, wenn überhaupt, meinen Schwanz in ihr, aber ich habe nicht widersprochen, habe seinen Blick nur erwidert, und seitdem frage ich mich, was zur Hölle ich mir dabei gedacht habe.

Sie kreischt inzwischen übrigens ein bisschen.

»LASS MICH RAUUUUUUUUUUUSSSSSSSS!« Scheiße, hat die ein Organ. Als sie jedoch an meinem Arm zerrt, winde ich mich mit einem kurzen Ruck aus ihrem Griff. Wir können gern spielen, egal, wie infantil das Ganze wird, solange wir beide überleben.

»Verdammt, hörst du mich nicht? Lass mich raus, ich habe nicht vor, hier weiter sitzen zu bleiben.«

»Wir sind gleich da, dann kannst du von mir aus so viel Raum wie du willst zwischen uns bringen.«

Sie schnauft noch ein bisschen.

»Du bist so ein widerliches Arschloch, verdammt, und das Schlimme ist, es ist nicht mal eine Beleidigung, weil du auch noch stolz drauf bist. Du bist ein verweichlichter kleiner Scheißer, der es nicht ertragen kann, dass eine Frau sich einfach nimmt, was sie will und schon gar nicht, wenn das nicht du bist. Darum geht es. NUR! DARUM! Um nichts anderes. Und das, während du fröhlich mit der Scheiß Rothaarigen rumflirtest. Dein Gesäusel konnte ich bis zu mir hören. Aber das ist okay, oder? Ja, das ist okay, du kannst ficken wen und wann du willst, aber wenn ich mich auch nur mit einem anderen unterhalte, drehst du durch und bist sauer. SAUER! Und dann bin ich auf einmal die Nutte. Was fällt dir eigentlich ein? Und was bist du dann? Eine männliche Hure oder was? Wollen wir uns gegenseitig bezahlen? Du kotzt mich an! DU KOTZT MICH AN! DU …«

Bella


In diesem Moment hält er den Wagen, und zwar per Vollbremsung, er bricht hinten aus, schlittert noch ein paar Meter und steht.

Und ich ergreife meine Chance.

Meine Hand am Hebel, die Tür ist offen, gleichzeitig habe ich mich abgeschnallt und stürze aus dem Wagen. Renne, renne, so schnell mich meine Beine, meine Schuhe und vor allem meine Wut tragen.

Wohin?

Keine Ahnung, und es ist mir auch egal.

Dass ich mich mitten in der Taiga befinde?

Ist mir egal. Irgendwann wird schon ein Auto kommen und mich mitnehmen, ich bin hier aufgewachsen … na ja, jedenfalls irgendwie.

Ich werde schon nicht untergehen und wenn doch …

Dann hat er Schuld.

Ich hoffe, er kann damit leben.

Fuck, was denke ich eigentlich?

Ich renne querfeldein, mein Atem rasselt, und rege mich darüber auf, was für eine geballte Scheiße ich vor mich hin denke.

Und deshalb bekomme ich erst mit, dass er mir folgt, als es längst zu spät ist.

FUCK!

Ich werde am Arm gepackt, herumgerissen und dann mit einem geschickten Ringerwurf – ist der bescheuert?  – zu Boden gebracht.

Der Kerl spielt Klischee und es ist ihm scheinbar egal. Arme Welt. Arme, arme Welt, denn er taucht über mir auf, wie der personifizierte Racheengel, mit allem drum und dran. Blitzende Augen, zusammengekniffene Lippen, bebende Nasenflügel … die Sonnenbrille hat er inzwischen abgenommen oder sie ist ihm bei seinem Stunt von der arroganten Nase gerutscht.

»Was wird das?«, keuche ich, versuche, mich gegen seinen Blick zu wehren, habe aber leider nicht die geringste Chance und sehe – noch – davon ab, ihm einfach einen Tritt in die Eier zu verpassen.

»Lass mich endlich los!«

Das tut er, bleibt aber in einer Haltung, die klarmacht, dass er jede Flucht vereiteln wird.

Bastard!

»Ich habe noch nie eine Frau gefickt, wenn ich eine andere in der Nacht zuvor hatte .. und ein paar Minuten davor noch meine Finger in ihr.« Er spricht abgehackt, nimmt die Zähne kaum auseinander.

Hysterisch lache ich auf. »Willst du mich verarschen? Nein, dafür überfällst du andere Frauen …« Letzteres versehe ich mit imaginären Gänsefüßchen. »… im fucking Kopierraum und erklärst ihr, dass sie die Nächste ist. Willst du mir wirklich erklären, dass das irgendwie besser ist? Außerdem habe ich mit ihm GEREDET. GEREDET. Worte, die man wechselt. Ein Gespräch, verdammt noch mal!«

»Die Absicht dahinter war wohl klar, ich kenne deine abgefuckte Tour!«

»Ja«, inzwischen hauche ich nur noch, die Wut hat mir sprichwörtlich die Stimme geraubt. »Und ich kenne deine. Was war das mit der Rothaarigen? Sage mir, dass du sie nicht für heute Nacht klargemacht hast, und ich nehme alles zurück.«

Es arbeitet in seinem Gesicht, er will lügen, ich sehe es, warte nur darauf, denn dann hätte er endgültig verloren, doch stattdessen nickt er knapp. »Punkt für dich.«

Dolchstoß.

Direkt ins Herz.

Mitten hinein.

Er trifft mich so unerwartet, dass ich für einen Moment außer Gefecht gesetzt bin. Er gibt es einfach so zu. Einfach so … ohne die geringsten Gewissensbisse. Einfach so.

»Du bist so widerlich.«

Nun lacht er auf. Trocken, wie es seine Art ist. »Ich bin nicht schlechter als du, ich bin genauso abgefuckt, wenn überhaupt.«

»Ich …« Ich beiße mir auf die Unterlippe, weil ich gerade im Begriff war, ihn anzulügen, denn natürlich habe vorgehabt, mit John … eventuell.

Was heißt eigentlich gehabt?

Er hat mich nicht aus den Augen gelassen, und nickt bestätigend. »Wie du siehst.«

Was soll ich darauf antworten?

Was zur Hölle soll ich darauf antworten?

Seine Augen verengen sich abermals. »Ich … hatte kein Interesse an dieser Frau, kein echtes.« Er scheint die Worte zu kosten, sie zu schmecken, ihnen nachzulauschen. »Ich war sauer, als ich dich mit John sah, vor allem, weil ich weiß, dass er scharf auf dich ist. Du rennst bei ihm offene Türen ein, und ich … bin nicht bereit, dich gehen zu lassen. Noch nicht. Ich habe noch keine Frau getroffen, mit der der Sex so … perfekt war, wie mit dir, wo es von Anfang an so perfekt klappte. Und ich kann mich nur wiederholen, so was sollte man nicht verschenken. Du erwartest nichts von mir, ich erwarte nichts von dir, wir haben einfach nur perfekten Sex. So lange, wie es uns gefällt. Warum … sollten wir das nicht ausleben?«

Ja, warum leben wir es nicht einfach aus?

Er schaut mich an, zum ersten Mal in seinem Leben nicht spöttisch, nicht von Leidenschaft gesättigt, sondern … fast aufrichtig, fast ehrlich … fast bittend.

Und ich kann ihn wieder schmecken, kann seinen Kuss schmecken, kann ihn riechen und spüren, kann fühlen, wie er in mir ist, wie er sich mit exquisiter Langsamkeit in mich hineinschiebt, wie er hart und fest und schnell in mich stößt, wie er mich gnadenlos weitertreibt immer und immer weiter, weiter, als ich jemals war …

Das ist Sex, nach dem man süchtig werden könnte. Sex, wie man ihn nicht in irgendeinem Club findet, das ist … mehr … viel mehr … es ist zu viel.

Es ist gefährlich.

Er!, ist viel zu gefährlich.

Seltsam, dass ich gerade hier meinen Gedankengang endlich zu Ende führe.

Als ich nicht antworte, neigt er den Kopf zur Seite. »Was ist los? Angst?«

Ja!, will ich brüllen. Ich habe Angst. Aber stattdessen grinse ich. Genauso, wie er es erwartet, wie es in sein Bild von mir passt.

»Der Sex ist gut, ohne Frage, aber unsere Halbwertzeit längst vorbei, machen wir uns nichts vor.« Sehe ich seinen kalten Blick? Sehe ich, wie das Eis darin immer starrer, immer kälter, immer vernichtender wird? Ja, ich sehe es und es ist gut. Sehr gut. Denn dann beginnt er wenigstens zu begreifen. Ich schaffe es auf ein Grinsen und stehe auf. Mit Mühe, aber er weicht zurück. Mit starrer Miene, mit zuckendem Muskel – der Eisengel fährt auch das ganze Programm.

»Ich finde, alles, was jetzt noch kommen könnte, wären jede Menge Probleme. Wir hatten unseren Spaß und jetzt sollten wir einfach weitermachen.«

Ich stehe vor ihm, muss nach oben blicken, weil er mehr als einen Kopf größer als ich bin, und schaffe es, ihm in die Augen zu blicken. Schaffe es, nicht mal zu blinzeln. Schaffe es, mich ihm zu stellen, auch wenn ich mich am liebsten irgendwo verkriechen würde. So lange, bis es mir ein bisschen besser geht.

Warum es mir schlecht geht?

Keine, verdammte Ahnung.

»So ist es besser«, sage ich leise. »Das ist es, was wir beide leben. Das ist es, wie wir sind. Es wäre doch total bescheuert, wenn wir plötzlich unsere …« Ich lächele. »… unsere Beschaffenheit ändern würden. Kein Sex der Welt ist das wert.«

Er betrachtet mich, starrt mich an, versucht, mich mit seinem Eisblick in den Boden zu rammen, jedenfalls erweckt es den Eindruck. Vielleicht versucht er auch, mir in den Kopf zu schauen. Vielleicht auf die Seele, was immer er dort auch zu finden vermutet, abgesehen von einem großen schwarzen Loch. Jedenfalls stelle ich mir meine Seele so vor. Und die seine auch.

Dann nickt er knapp, wendet sich um und geht einfach.

Und ich folge ihm, riskiere eine spöttische Bemerkung, die aber nicht erfolgt. Weder, als wir das Auto erreichen, noch, als ich neben ihm wieder Platz nehme.

Schweigend fahren wir zurück zu John Blooms Haus. Schweigend steigen wir davor aus.

Schweigend hebt er mir den Trolley aus dem Kofferraum.

In der Halle, in der sich keine Gäste tummeln, kommt uns eine der Angestellten entgegen. Sie ist etwas dunkler als ich, ich tippe auf mexikanische Herkunft, ihr Lächeln ist breit und herzlich.

»Miss Swan? Mister Cullen? Ihre Zimmer sind bereits hergerichtet, bitte folgen Sie mir.«

Eindeutig spanischer Akzent. Wir folgen.

Wir folgen eine Treppe hinauf, Maria – so heißt sie – bietet sich an, meinen Trolley zu tragen, ich lehne ab, und als ich mich stattdessen abmühen will, höre ich ein entnervtes Stöhnen neben mir, er greift zu und schleppt auch mein Teil hoch.

Wortlos.

Den Rücken gerade.

Die Augen voller Eis.

Purem Eis.

Die halbe Arktis lebt neuerdings in seinen Augen.

Und ich kann ihm nur hinterherstapfen und dafür sorgen, dass auch ich den Kopf immer schön oben halte, weil ich meine Entscheidung nämlich für keine Sekunde bereue.

Wir durchqueren einen langen, sehr langen Flur, an dessen altmodisch tapezierten Wänden alle paar Meter zweiarmige Lampen hängen. Vor einer Zimmertür bleibt Maria stehen. »Dies ist Ihr Zimmer, Sir«, sagt sie zu Edward, und öffnet die Tür.

»Danke«, sagt er, lächelt sie an und geht.

Ohne einen Blick zu mir.

Auch gut.

»Und Sie werden hier schlafen, Miss«, sagt sie und führt mich … zur nächsten Tür, natürlich. Sie öffnet sie und vor mir erstreckt sich ein etwas … altmodisches, aber hübsch eingerichtetes Zimmer mit einem riesigen Himmelbett. Anders als bei Edward folgt sie mir und öffnet das große Fenster.

»Das Bad ist hier …« Damit deutet sie auf die Tür, die an der rechten Wand abgeht. »Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl.«

»Schlafen viele Gäste hier?«

Sie lächelt noch immer. »Oh ja, einige. Das Bloom-Anwesen liegt zu weit abgelegen, weshalb viele das Angebot des Hausherrn nutzen.«

Ich nicke, sehe mich wieder um und sie lächelt noch einmal.

»Ich lasse Sie jetzt allein, Sie finden dann den Weg hinunter?«

Als ich auch das abgenickt habe, verschwindet sie und ich bin tatsächlich allein.

Allein in diesem Zimmer.

Allein, mit dem Bewusstsein, dass Edward Eis ist.

Allein mit dem Bewusstsein, dass der arktische Edward im Raum nebenan ist.

Allein mit dem Bewusstsein, dass ich alles, was da vielleicht war – und sind wir mal ehrlich, viel war es nicht – gerade beendet habe.

Unumkehrbar.

Und das ist gut so.

Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.

* * *


Also, wenn es nach mir ginge, würde ich in diesem schnuckeligen Zimmer bleiben.

Vielleicht würde ich mir noch was zu trinken besorgen, irgendwo in den Tiefen dieses riesigen Hauses gibt es garantiert eine Küche, und dann würde ich mich auf das geile Bett legen, den Fernseher einschalten und hier liegen bleiben.

Ehrlich, ich bin müde – schließlich musste ich ja mit Mister Schmollend die Nacht durchvögeln. Außerdem habe ich kein anderes Kleid mit, schon gar keines in Weiß – so was besitze ich gar nicht – und mir graut es davor, einmal mehr das abstoßende Beispiel zu geben.

Warum noch mal bin ich überhaupt hierhergekommen?

Ach ja, weil ich eingeladen wurde, da war ja was.

Aber wenn ich nicht gekommen wäre, wenn ich … zu Hause geblieben wäre, bei Rose, wenn ich … wenn ich auf diese Fahrt verzichtet hätte, vielleicht hätte es noch eine Weile gehalten.

Diese seltsame Beziehung zwischen Hass und … und dem, was auf der anderen Seite steht. Wie nennt man es? Leidenschaft? Körperliche Hingezogenheit? Physische Abhängigkeit?

Fuck, ich drehe durch!

Ich presse meine Fäuste an die Schläfen, springe auf, plötzlich unruhig, plötzlich mit dem Gefühl, innerhalb dieser fremden Wände gefangen zu sein.

Ich muss hier raus!

Brauche was zu trinken.

Oh, ja, ich brauche dringend was zu trinken.

Hastig schaue ich in den Spiegel, ziehe den Eyeliner noch mal nach, frische die Mascara auf, verfahre mit dem Lippenstift genauso, meine Haare sehen im richtigen Maße zerrupft aus, um es gewollt erscheinen zu lassen – also perfekt. Ich schlüpfe wieder in die halsbrecherischen Treter und jage die Treppe hinunter.

Keine Spur von Cullen – besser ist es auch. Dessen Visage habe ich heute schon einmal zu oft sehen müssen.

Es ist, als wäre ich gar nicht weggewesen. Überall rennen diese unsagbar schönen Menschen umher, trinken, essen, reden. Okay, jetzt tanzen sie auch noch, was ich extrem gruselig finde. Tanzende Menschen überhaupt und glücklich aussehende Menschen im Besonderen. Und dann dieses Lachen. Überall sehe ich strahlend weiße Zähne und Grinsen und Lachen und … Fuck, was zur Hölle gibt es zu lachen? Ich meine jetzt mal ehrlich.

Nichts, absolut nichts gibt es als Bewohner dieses dem Untergang geweihten Planeten zu lachen!

Das muss man doch mal festhalten.

Mit Mühe und Not kämpfe ich mich zur erstbesten Bar durch und bestelle mir einen doppelten Whisky.

Nein, ich trinke normalerweise keinen Whisky pur.

Heute ist kein normalerweise.

Der Typ hinter der Bar ist noch immer heiß und wirklich … yummi, doch als er mir zuzwinkert kann ich nur die Augen verdrehen.

Männer!

Ich meine, sind wir mal ehrlich, wer braucht sie eigentlich?

In Wahrheit bringen sie nur jede Menge Ärger, egal, in welche Richtung man die Sache dreht. Entweder, sie spielen den dominanten Boss, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, seine Assistentin so lange zu quälen, bis sie freiwillig kündigt, oder … oder sie tun andere Dinge, die einfach inakzeptabel sind.

Fuck, ich will nach Hause.

Aber hey, wenigstens habe ich jetzt was zu trinken.

Und ich trinke.

Ich leere mit drei Schluck mein Glas, bestelle nachschub, lasse es diesmal aber langsamer angehen. Während die Meute lacht und tobt und feiert und es sich gut gehen lässt.

Widerlich!

Einfach, widerlich.

Was soll ich sagen, in Wahrheit kann ich Menschen nicht leiden. Viele Menschen auf einem Haufen schon mal gar nicht, die entwickeln immer eine sagenhafte Eigendynamik, bei der einem nur das Kotzen kommen kann.

Aber egal.

Wirklich, nachdem ich auch das zweite Glas in relativer Geschwindigkeit geleert haben, ist mir selbst das egal.

Ich sehe Cullen, und es ist mir egal.

Ich sehe Cullen mit der Rothaarigen, die offenbar schon sehnsüchtig auf ihn gewartet hat, und es ist mir egal.

Viel Vergnügen, kann ich ihr nur wünschen. Na ja, wenigstens der Sex mit ihm ist nicht ohne.

Und als John sich schwungvoll neben mir auf den Barhocker setzt, inzwischen auch nicht mehr ganz so nüchtern, will ich wirklich fliehen.

Das Thema ist durch. Es war nie mehr, als … als irgendein Manöver, an dessen Sinn ich mich nicht mehr erinnere.

Zu viel Whisky.

»Da bist du ja«, sagt er mich deutlich schleppender Stimme. »Ich habe dich schon gesucht.«

»Japp, da bin ich.« Ich proste ihm zu und trinke einen Schluck Whisky, pur. Im Augenwinkel streicht der bastardige Bastard gerade der rothaarigen Bitch eine Strähne aus dem Gesicht. Er lehnt direkt an der gegenüberliegenden Bar, prostet ihr zu – Whisky, schätze ich, verdammter Nachahmer – und grinst, bevor er einen großen Schluck. Die Tante hält sich natürlich an Champagner, das scheint das Gesöff für Frauen in weißen Gewändern zu sein. Ich weiß nicht, einen Abend nur das Zeug und ich wäre wahrscheinlich tot – oder verblödet und würde mich nur noch in weiße Gewänder hüllen.

Widerlich!

Der Blick der Rothaarigen streift mich, verharrt und ich sende ihr einmal alle Flüche und Verwünschungen, die mir auf die Schnelle einfallen.

Bitch!

Verbitchte Bitch.

Warum?

Keine Ahnung, aber machen wir uns nichts vor, sie ist garantiert nicht ohne Begleitung hier, und aus der Perspektive betrachtet, ist ihre Vorstellung schon eine echte Zumutung! Wer ist eigentlich der Unglückliche/Glückliche, kommt wohl immer auf die Perspektive an, mit dem sie ursprünglich hier angetanzt ist?

Jetzt sagt sie was zum Bastard und er verengt die Augen, bevor er zu mir blickt.

Hastig widme ich mich John und lächele. »Sorry, dass es so lange gedauert hat. Ich musste erst noch alles zusammenpacken, hatte heute Morgen ein echtes Chaos hinterlassen. Du weißt schon … Frauen und so.«

Er sieht hinüber zur anderen Bar. »Er steht auf meine Schwester«, murmelt er auf seine neuerdings so schleppende Art.

Fast hätte ich mich am letzten Schluck aus meinem Whiskyglas verschluckt, ich bekam das Zeug gerade so runtergewürgt, um ihn dann mit tränenden Augen anzustarren. »Deine … WER?«

»Meine Schwester«, wiederholt er trocken und mit verengten, rot unterlaufenen Augen. »Meine verdammte Schwester, der kleine Wichser. Klar, sie steht auf ihn, sie stehen ja alle auf ihn.« Womit er mir einen wissenden Blick zuwirft, der mich gleich wieder auf die Palme bringt.

»Mich nimm da raus, ich bin nicht so irre!«

»Noch zwei!«, befiehlt er dem Barkeeper, der seit Johns Eintreten sein Gezwinkere eingestellt hat. »Finde ich komisch«, sagt er – es klingt wie ein Möchtegern-Knurren, seine Stimme ist nicht dunkel genug, um das Ganze animalisch und glaubwürdig genug hinzukriegen. »Weil er nämlich sein Besitzrecht auf dich angemeldet hat.«

Und spätestens jetzt bin ich kurz davor, vom Barhocker zu kippen. »ER HAT WAS?«

John nimmt die beiden Gläser in Empfang, hebt seines und ich nehme meines, ohne ihn aus den entsetzten Augen zu lassen. Nachdem er einen großen Schluck getrunken hat, fährt er fort. »Yeah, er hat mir gesagt, dass da was zwischen euch läuft. Ich meine …« Erst jetzt scheint er meine entgeisterte Miene zu sehen und interpretiert sie prompt falsch. »So läuft das unter Männern, man stellt sicher, dass man jemand anderem nicht … auf die Füße tritt, in seinem Revier wildert, was weiß ich?« Noch ein Schluck, dann stellt er das Glas ab und fährt sich entnervt durch die Haare. »Ich meine, ich habe deine Blicke gesehen, Bella.«

Was denn für Blicke?

»Und seine auch.«

»Keine Ahnung, was du da gesehen zu haben meinst, du hast dich geirrt.«

Er lacht leise, trocken, spöttisch … es macht mich wütend, weil er – unbewusst, keine Frage – jemanden imitiert und das auch noch total scheiße hinbekommt. Er soll aufhören damit. Ich hasse es!

Aber John bemerkt die drohende Gefahr nicht. »Dann hat er auch noch alles daran gesetzt, dass ich nicht zu dir zurückgehe, und ich dachte mir: Okay, du bist zu spät, kann man nichts machen. Sei beim nächsten Mal schneller. Und dann schmeißt der Wichser sich an meine Schwester ran.«

Der Wichser unterhält sich angeregt mit der Bloom-Schwester, die sich gar nicht mehr einkriegt, vor lauter affektiertem Lachen. Was mich auch aggressiv macht. Aber nicht, weil sie es so aufgesetzt tut, sondern weil ich weiß – fragt mich nicht, warum, ich weiß es einfach –, dass er auf diese Art von Frauen nicht steht, sie ist ihm zu aufgeblasen, zu … künstlich, zu … reich, zu unecht.

Aber Cullen will seine Show, nicht war?

Oh ja, du willst die Show, du MUSST demonstrieren, dass es dir nichts ausmacht, dass du einmal mit deinem Finger schnippen musst, um Ersatz für die billige Nutte zu finden, du hast kein Problem damit, deinen Schwanz auch heute Nacht wieder erfolgreich in irgendeiner Frau zu versenken.

Das willst du mir demonstrieren?

Das ist es, womit du dann gesiegt hast, deiner Meinung nach?

Und wenn es doch so ist, wenn es dich nicht stört, dass ich ausgestiegen bin aus gutem Grund warum musst du mir, DIR, dann überhaupt was beweisen?

Wer ist jetzt der Lügner, Cullen?

Wer ist der Schwächere?

Wer steht jetzt nicht zu seinen Gefühlen?

Und ja, ich kann auch Show.

Ich habe auch keine Schwierigkeiten, irgendwen zu finden. Ist das nicht überhaupt das Beste, das einzig wahre Rezept? Kill den Alten mit einem Neuen! Das war schon immer meine Devise, und ich bin verdammt gut damit gefahren. Ja, stimmt, ich wollte ihn mit John ein bisschen provozieren, weil … keine Ahnung, womöglich, weil ich vorübergehend den Fokus verloren, weil ich mich vorübergehend in eine Art Rückwärtsentwicklung begeben habe.

Aber jetzt bin ich wieder voll da.

Ich lege den Kopf schief, mein Blick gleitet an Johns Gestalt herab, er ist lange geschult, hat fast Röntgenfähigkeiten, ich bin in der Lage, unter all den Klamotten das Wesentliche auszumachen. Das, was mich an einem Mann interessiert. Seine Arme, der gesamte Oberkörper ist gut trainiert, der Mann achtet auf sich, zwei/dreimal Fitness in der Woche, er wird sich dafür einen Raum in diesem riesigen Gemäuer eingerichtet haben. Seine Hose ist gut ausgefüllt, was bedeutet, er kann auch mich gut ausfüllen. Seine Lippen sind … nicht unbedingt perfekt, aber ausreichend.

Es muss immer nur ausreichend sein, niemals umwerfend, niemals perfekt, niemals unvergleichlich, denn ich habe nicht vor, mein Leben mit diesem Mann zuzubringen, sondern nur … nur eine Nacht.

Oder vielleicht zwei.

Und dafür reicht es.

Und ich werde ihn mir heute Nacht holen.

Hastig leere ich mein Glas, zwinge mich, nicht länger zur anderen Bar zu schauen, weil auch das rückwärtsgerichtet wäre. Und mein Blick hat immer nur eine Richtung.

Ausschließlich.

Nach vorn.

»Nein, ich gehöre ihm nicht, er hat kein Besitzrecht auf mich, was immer er gesagt hat, er hat sich nur einen Scherz erlaubt.«

»Aber da war …«

»Ja, da war was, genau zweimal. Und jetzt ist da nichts mehr. Er will es nicht, ich will es nicht. Zwei Erwachsene hatten Sex und beschlossen, jetzt keinen mehr zu haben. Miteinander. Das ist okay, oder?«

Seine Zweifel sind noch nicht aus der Welt geschafft. Meine Güte! »Er hätte es mir …«

»Wie gesagt, er mag es, mich zu provozieren, das hat überhaupt nichts mit der Sexsache zu tun. Im Verlag bin ich seine Assistentin, und er war … äh, nicht sehr glücklich darüber, dass ich ihm aufs Auge gedrückt wurde. Das lässt er mich halt spüren. Wann immer er kann. Und er wollte mir die Tour vermasseln.«

Seine Augen glimmen ein wenig Hoffnung. »Dann bist du … interessiert?«

»Natürlich bin ich das.« Gott, der Mann ist anstrengend. Aber egal. »Ich dachte, das wüsstest du spätestens seit heute Nachmittag.«

Er nickt. »Ich habe die Schwingungen bemerkt.« Er fängt den Blick des Barkeepers ein. »Noch mal zwei.« Dann grinst er und atmet aufgesetzt aus. »Das macht mich froh, wirklich.«

»Mich auch.« Tut es nicht, aber das ist mir egal. Was nicht auf Anhieb passt, muss nur passend getrunken werden. Ja, diese Regel gilt auch unter Frauen, weshalb ich dankbar mein frisches Glas in Empfang nehme.

»Weißt du, was ich glaube?«, fragt er, nachdem wir jeweils einen guten Schluck getrunken haben.

»Nein.«

»Irgendwie sind wir seelenverwandt. Dein Vater, der große Schriftsteller, ich schreibe auch und …« Er zuckt bescheiden mit den Schultern. »… und bin auch nicht unbekannt … erkennst du die Parallele?«

Um ehrlich zu sein, nein. Weil gar keine existiert, aber egal.

»Ja, … ja, jetzt wo du es sagst …«

Er beugt sich vor, bietet mir umfassenden Blick in seine rot unterlaufenen Augen. »Perfekt«, wispert er.

Fuck, ich brauche mehr Whisky!