Bolder 2 - Wohin du auch gehst

von Peppy1602
GeschichteDrama, Romanze / P18
15.06.2019
14.10.2019
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Sarah in seinen Armen zu halten, zu küssen, sie zu spüren, fühlt sich unwirklich an. Das Gefühl raubt ihm den Atem, befriedigt ihn auf eine tiefgreifende Art und Weise. Er fühlt sich vollständig, so als wäre es das, wozu er bestimmt ist. Diese Frau in seinen Armen zu halten und leidenschaftlich zu küssen. Er genießt jeden Augenblick, saugt diesen Moment in sich ein, versucht ihn für die Ewigkeit zu bewahren. William fühlt sich fast wie ein Süchtiger, der endlich seine heißersehnte Droge bekommt. Die Gedanken, warum Richard nur mit Sarah sprechen wollte, was weiter geschieht, sind alle fort. Ausgelöscht von Sarah, die sich in seine Arme geworfen und ihn aus seinem Schmerz gerissen hat.
Gott, ich liebe dich!, sagt er still und vergräbt seine Hände in ihren Haaren, drängt sich ihr noch weiter entgegen. Es ist ihm völlig egal, dass sie auf einem Krankhausflur stehen. Es ist ihm egal, wie sie aussehen müssen, so aneinandergepresst, ineinander verschlungen. Am liebsten würde er sich hier und jetzt mit Sarah vereinen, sie lieben, jeden Zentimeter ihres Körpers einnehmen.
Vergessen sind all die harten Schläge, die er in den letzten Tagen erleiden musste, vergessen sind die Zweifel in ihm, was er tun soll und ob seine Entscheidungen richtig sind. Die heftige Sehnsucht, das riesige Loch, dass Sarah und David erzeugt haben, verschwinden in diesem Moment.
Und irgendwie hat er das Gefühl, dass es diesmal Sarah ist, die ihn rettet. Das sie genau jetzt ihn davor bewahrt unterzugehen.

Er spürt wie sich Sarah langsam von ihm löst. Augenblicklich ist diese tiefe Verbundenheit zwischen ihnen vergangen. Das Gefühl, dass er beraubt wird, weil sich ihr Körper von seinem entfernt, überrumpelt ihn.
Er blinzelt und schaut Sarah nachdenklich an. Die Tränen laufen ihr noch immer still über die Wangen. Ihre Lippen und Wangen sind gerötet. Sie ist wunderschön.
Was hat Richard nur zu dir gesagt?, fragt er sie in Gedanken. William nimmt ihr Gesicht in die Hände, streicht sanft mit seinen Daumen die Tränen weg. Das helle Blau in ihren Augen glitzert beinahe.
„Ich liebe dich.“, spricht er den Gedanken aus, der ihn überkommt.
„Ich liebe dich.“, antwortet sie und ein kleines Lächeln zieht ihre Mundwinkel nach oben.
Er schließt die Augen und zieht Sarah wieder in seine Arme, drückt sie an sich und vergräbt seine Nase in ihren Haaren.
Sie riecht so unglaublich., denkt er. Sie fühlt sich unglaublich an.
„Oh mein Gott!“, seufzt William und drückt sie fest. Sarah schiebt ihre Arme unter seine Achseln, legt ihre Hände auf seine Schulterblätter.
Es überwältigt ihn, dass er sie halten kann, dass sie bei ihm ist. Er möchte sich kneifen, um sicher zu gehen, dass das kein Traum ist. Er gönnt sich noch einige Momente, in denen er Sarah einfach in den Armen halten kann. Die Angst, dass diese Momente wieder nur ein kleines Zwischenspiel sind, ist groß in seiner Brust. So oft hat er schon gedacht, dass er angekommen ist, dass alles vorüber ist und er einfach mit Sarah zusammen sein kann. So oft ist er eines Besseren belehrt worden. Zu oft wurde er enttäuscht.
Hör auf damit!, sagt er sich und haucht ihr einen Kuss auf die Haare.
Mit einem Mal wird ihm die Umgebung bewusst. Das Gefühl, das Krankenhaus verlassen zu müssen, ist drängend.
„Komm, wir gehen.“, sagt er.
Egal, was jetzt passiert, sagt er sich, wird nicht hier passieren! Sieh zu, dass du sie von hier wegbringst.
Die Realität hat ihn so schnell eingeholt, wie sie von Sarahs Reaktion vertrieben wurde. Die Ernüchterung schmeckt bitter in Williams Mund, macht ihn staubtrocken. Er schlingt den Arm um ihre Schultern. Sarah folgt still seiner Führung, krallt sich mit einer Hand in seinen Rücken, zieht an dem Stoff. Die Berührung verbrennt fast seine Haut, fühlt sich unglaublich an. Kurz schaut er zu ihr herunter, beobachtet ihr feines Profil, die feuchten Stellen auf ihrer Haut, die die Tränen hinterlassen haben.
Die Gewissheit, dass er sie in den Armen hält, dass sie bei ihm ist, sich an ihm festhält und von ihm führen lässt, überwältigt ihn erneut. William blinzelt und leckt sich über die Lippen.
Was ist nur in diesem Zimmer geschehen?, fragt er sich wieder, als er den Knopf für die Fahrstühle drückt.
Sarah schaut zu ihm auf. Ihr Blick ist unsicher und Angst beginnt seine Beine hinaufzukriechen wie ein widerlicher Parasit, der sich immer wieder einnistet und alles um sich herum verseucht.
Bolder!, schallt er sich. Hör verdammt nochmal auf! Glaub doch einfach, was sie gesagt hat!
Doch in dem Moment wird ihm klar, dass es nicht so einfach werden wird. Es wird keine Happy-End-Story aus einem romantischen Drama. Die enden nämlich genau an diesem Punkt. Die wahre Arbeit folgt danach. Und das wird wohlweißlich unter den Teppich gekehrt.
William weiß, was Sarah unsicher macht.
Wir müssen reden…, denkt er bitter. Und der Gedanke, dass er Sarah von Summer erzählen muss, durchzuckt ihn wie ein Peitschenhieb.
Scheiße! Fuck!
Er fährt sich mit der freien Hand durch die Haare, wendet seinen Blick zu den Fahrstuhltüren.
Verdammte Scheiße!, schreit er sich in Gedanken an. Du bist einfach ein verdammter Idiot!

Der Gong ertönt und die Fahrstuhltüren springen auf. Mit grimmigen Blick dirigiert er Sarah in die Kabine. Sie nimmt ihre Hand von seinem Rücken, hinterlässt eine furchtbar kalte Stelle seiner Haut.
William drückt den Knopf für das Erdgeschoss und schielt zu Sarah herüber. Nervös wringt sie die Hände.
Diese bekannte Geste, lässt Williams Herz erzittern. Er spürt die angespannte Atmosphäre zwischen ihnen, diese unsichere Achtungshaltung, weil keiner von ihnen weiß, was er tun soll. Mit einem leisen Sirren schließen sich die Türen und der Fahrstuhl fährt nach unten. William starrt stumm auf Sarahs Hände.
Bolder!, schreit er innerlich. Verflucht! Mach es jetzt verdammt nochmal besser!
Er schluckt und legt dann entschlossene eine Hand auf Sarahs Hände. Sofort hört sie auf, ihre Hände weiter zu malträtieren. Ihre Augen finden sich. Blau sieht blau, Schmerz findet Schmerz.
Und Liebe trifft Liebe, denkt er.
„Sarah,“, sagt er mit belegter Stimme. Er tritt näher und hebt mit der anderen Hand ihr Kinn an, so dass sie ganz zu ihm aufschauen muss. Sarah zieht scharf die Luft ein. Das Geräusch lässt Williams Körper erzittern, erinnert ihn an die unzähligen Male, bei denen er sich in ihr verloren hat. „Ich will dich nicht mehr wegstoßen. Ich will das ihr bei mir seid. Wirklich. Aber…“ Er stockt. Die Worte klingen in seinem Kopf besser. Klingen ausgesprochen so falsch, so deplatziert. Aber er muss sie sagen. Er muss versuchen es dieses Mal richtig zu machen. Irgendwas sagt ihm, dass das hier vielleicht die letzte Chance sein könnte.
„Wir müssen… wir müssen das klären.“, sagt er und hofft, dass er bestimmt genug klingt.
In Sarahs Augen blitzt etwas auf, dass er nicht genau benennen kann.
„Ja.“, flüstert sie nur. Mehr nicht. Ihre Augen lassen William nicht los, halten ihn fest, ziehen ihn in seinen Bann. Und wieder einmal ist er nicht im Stande sich zu konzentrieren, wenn sie in seiner Nähe ist.
Fluch und Segen, hört er sie in Gedanken sagen. Und er kann ihr nur zustimmen.
Wir sind wirklich Fluch und Segen für einander, denkt er.
William drängt sie mit seinem Körper weiter nach hinten. Langsam geht sie zurück, bis ihr Rücken gegen die Rückwand des Fahrstuhls stößt. Immer noch gefangen von ihren unglaublichen Augen und diesem traurigen, wartenden Blick darin, lässt er sie los und stützt sich mit seinen Händen an der Rückwand ab. Die Unsicherheit zwischen ihnen ist verschwunden. Die körperliche Anziehung kehrt zurück und lässt die Luft um sie herum vibrieren. Es fehlt nicht viel, nur ein kleiner Funke, und William würde genau jetzt und hier über sie herfallen. Ihr die Kleider vom Leib reißen und das tun, wonach sein Körper schmerzlich verlangt. Ihren Körper, Sarah so nah bei sich zu spüren, lässt seine Erektion fest gegen den schweren Jensstoff drücken.
Aber er hält sich zurück.
Du musst versuchen es besser zu machen!.
„Versprich mir, dass du nicht weglaufen wirst.“, raunt er. Sarahs Blick verändert sich, als er die Worte ausspricht. Einen kurzen Moment sieht er Trotz aufleuchten. Aber dann nickt sie.
„Dieses Mal nicht, William. Ich bleibe, bis zum Ende.“, sagt sie mit überraschend fester Stimme.
Bis zum Ende? William runzelt die Stirn.
Was zum Teufel hat Richard nur zu dir gesagt?, fragt er sich erneut.


Die Luft hat sich etwas abgekühlt, streichelt leicht über Williams Arme, als er mit Sarah das Krankenhaus verlässt und auf die Straße tritt. Nigel ist nirgendwo zu sehen. William hält Sarah fest an der Hand, entschlossen, sie nicht fort zu lassen. Er holt sein Handy hervor.
Sarahs berührt ihn leicht am Unterarm und er schaut auf.
„William?“ Ihre Stimme ist dünn. Der Ausdruck ihres Gesichts, lässt die Angst in ihm wieder ihren Vormarsch antreten.
„Wir… Ich…“, stottert sie.
William lässt die Hand mit dem Telefon sinken und dreht sich zu ihr. Er weiß was sie sagen will.
„Du willst zu David, aber nicht mit mir.“, sagt er trocken.
Sarahs Augen zucken leicht.
„Ich… William, ich… ich muss erst zu David. Aber allein.“ Sarah hebt ihre Hand an seine Wange, streicht zart über seine Haut. „Ich muss zu ihm!“
William schließt die Augen.
„Du hast recht.“, gibt er widerwillig zu. Er will jetzt mit ihr reden, er will sich nicht von ihr trennen.
Krieg das hin!, befiehlt er sich.
Sarahs Augen halten ihn bei sich.
„Ich meine es genauso, wie ich es gesagt habe William. Ich will nicht mehr fortgehen. Aber für David ist es…“ Bevor sie weitersprechen kann, küsst William sie einfach. Unterbricht sie mit einem harten, verlangenden Kuss, versiegelt ihre Lippen. Er zieht sie nah an sich, überbrückt den Raum zwischen ihnen. Sarah schlingt die Arme um seinen Hals, fährt mit ihren Fingern durch seine Haare.
Langsam löst er sich von ihr und legt seine Stirn an ihre.
„Du musst dich nicht erklären, Sarah. Ich bringe dich nach Hause und warte, bis er eingeschlafen ist. Zur Not die ganze Nacht.“, flüstert er.
Anstatt zu antworten, drängt sich Sarah ihm wieder entgegen, küsst ihn diesmal hart und leidenschaftlich. Und in diesem Moment, weiß er, dass er es richtig macht.
Und die Hoffnung, dass es dieses Mal vielleicht besser wird, dass sie beide vielleicht aus all dem Schmerz gelernt haben, keimt in ihm auf und kämpft die Angst, die sich noch immer in seinen Beinen festkrallt, Zentimeter für Zentimeter herunter.
Ja, denkt er, wir schaffen das. Vielleicht schaffen wir das.



William sitzt in seinem Escalade, der vor Sarahs Haus parkt, als sein Telefon klingelt. Umständlich fischt er es aus seiner Hosentasche.
„Flynn.“, brummt er.
„Will, wie wars?“, fragt Flynn am anderen Ende der Leitung. Williams Blick wandert zu den Fenstern der Wohnung, in der Sarah und David jetzt wohnen.
„Ich weiß es noch nicht.“, sagt er leise.
„Was? Wieso nicht? War sie nicht da?“ Flynns Stimme ist einen Tick zu hoch, verrät seine Aufregung und William kann es ihm nicht verdenken. Die Situation ist eigentlich erdrückend, doch Williams ganze Aufmerksamkeit liegt auf den Dingen, die hinter den Fensterscheiben liegen, auf die er blickt.
Bevor er zu Richard ins Krankenhaus gekommen war, bevor Richard sich geweigert hatte auch nur mit einem von ihnen zu sprechen, bevor Sarah nicht da ist, waren seine Gedanken nur um seinen Vater, Summer und diesem verfluchten Tim Wels gekreist. Doch jetzt, nach Sarah, sind diese Dinge wieder weit weg, liegen auf Eis, haben keine Priorität.
Weißt du eigentlich, wie unglaublich dämlich das ist?, fragt er sich selbst. Wenn dir diese ganze Scheiße um die Ohren fliegt, kannst du Sarah erneut verlieren.
Der Gedanke trifft ihn hart, macht ihm bewusst, dass er jetzt erst vielleicht wieder etwas zu verlieren hat. Gestern konnte er sich den Luxus vielleicht noch erlauben auf seine Anwälte zu pfeifen. Doch jetzt kann er das nicht mehr. Sofort richtet er sich auf, konzentriert sich auf Flynn.

„Wir konnten noch nicht darüber sprechen“, sagt William. „Ich warte vor Sarahs Haus bis David eingeschlafen ist.“
Flynn bleibt stumm. William hört ihn atmen, aber er sagt kein Wort.
„Flynn?“
„Oh, Alter, ernsthaft?“, seufzt Flynn schließlich. Was soll das jetzt?
„Was denn?“, knurrt William. In seinen Augen sollte Flynn lieber froh sein, dass er überhaupt mit ihm redet, nach allem was passiert ist.
„McCormick und sein Gefolge drehen hier noch komplett durch, alle sind in Aufregung, weil die nächsten Stunden entscheidend sind. Und du sitzt seelenruhig in deiner Karre in Brooklyn und wartest darauf, dass der Junge schläft?“
Flynns Ausbruch bewirkt, dass William schmunzeln muss. Er kann sich bildlich vorstellen, wie McCormick Flynn wahnsinnig macht und seine Klon-Armee wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend tanzen.
„Findest du das witzig, Will?“, empört sich Flynn. Es ist befremdlich, dass er anscheinend sogar Williams Mimik hören kann.
„Flynn,“, sagt William ruhig. „Es ist nicht witzig, aber es ist genauso. Ich sitze hier und warte seelenruhig, dass ein vierjähriger Junge einschläft.“
„Das kann nicht dein Ernst sein!“
„Doch!“, Williams Stimme ist immer noch ruhig. Irgendwie hat Sarah es geschafft, ihm etwas wiederzugeben, dass er vermisst hat. Dieses gewisse Etwas, von dem er befürchtet hat, dass er es verloren hat. Er kann nicht sicher sagen, wie sie es geschafft hat, oder ob er es selbst geschafft hat, aber in diesem Moment spürt er es ganz deutlich in sich.
„Hör zu,“, spricht er klar in die Sprechmuschel. „Ich werde hier auch weiter seelenruhig sitzen und darauf warten, dass David eingeschlafen ist. Danach werde ich hochgehen und mit Sarah reden. Über alles, auch darüber, was Richard gesagt.“ Flynn will ihn unterbrechen, doch William steuert sofort dagegen. „Nein, Flynn! Du hörst nur zu. Ich bin fest entschlossen, erst das hier in Ordnung zu bringen. Und das werden sowohl du als auch McCormick und seine Lemminge akzeptieren. Ich will nichts hören! Und während ich hier bin, werdet ihr eure Köpfe zusammenstecken und eine Lösung finden.“
Einen Moment bleibt Fynn nach Williams Worten still. Fast hört William, dass sein Freund am anderen Ende sich die Haare vor Verzweiflung rauft.
Ich versteh dich, sagt er ihm in Gedanken. Aber es wird nur so laufen. Nicht anders.
Sein Blick wandert wieder zu den leicht beleuchteten Fenstern im ersten Stock.
Das hier ist wichtiger. Es ist wichtiger für mich.
„Will, wenn das hier den Bach runtergeht, dann… vielleicht hast du dann keine Chance mehr mit ihr zusammen zu sein.“, fleht Flynn.
„Ich weiß,“, sagt William bestimmt. „Glaub mir, dass weiß ich. Kannst du dich erinnern, was ich dir gesagt habe? Das ich kein Ziel habe?“
„Ja.“
„Das versuche ich mir gerade wieder zu holen. Ich versuche meine Familie zurückzuholen, Flynn. Und das kann nur die erste Priorität, die wichtigste Priorität sein. Und entweder ich schaffe es, oder ich schaffe es nicht. Abe ich verlange jetzt von dir, dass du mich dabei unterstützt. Weil du etwas gutzumachen hast.“ Bewusst schießt William diesen Pfeil ab, erinnert Flynn brutal daran, dass er ihn hintergangen hat. Ein kleiner Teil in William schüttelt den Kopf, über diese verletzende Art.
„Ok.“, schluckt Flynn nur.
„Ruf Milstone an, erzähl ihm von Summer und Wels. Lass ihn von der Leine. Nicht umsonst hat er mir die Sache mit meinem Vater gesteckt. Er wollte, dass ich losrenne und seinen Job mache.“ Williams Stimme ist hart.
„Ach, und Flynn,“, fügt William hinzu. „Der Deal, Summers Deal…“ Er lässt sich einen Moment Zeit, bevor er weiterspricht, setzt die kleine Pause wohl platziert ein. „Der Deal wird nicht stattfinden. Unter keinen Umständen! Verstanden?“
„Aber…“, ruft Flynn aus.
„Nein!“, schneidet er ihm das Wort ab. „Unter. Keinen. Umständen! Ich will nicht freigekauft werden. Mein Vater wird das nicht gewinnen. Nicht weil ich gewinnen will, sondern weil es verdammt nochmal das Richtige ist!“

Mit den Worten legt er auf und lässt sich zurück in seinen Sitz fallen. Bei dem Gedanken, dass er soeben seine Chance auf einen Platz in einer Gefängniszelle proportional erhöht hat, wird William übel. Er schließt die Augen und massiert sich die Schläfen.
Du hast keine andere Wahl. Wenn du willst, dass Sarah zu dir zurückkommt, wirklich zu dir zurückkommt, dann hast du nur eine Chance. Und die kannst du nicht aufs Spiel setzen.
Langsam öffnet er die Augen und schaut wieder zu Sarahs Wohnung hinauf. Er hat überhaupt keine Ahnung, wie Sarah auf die Geschichte mit Summer reagieren wird. Es ist gut möglich, dass er sie sofort wieder verliert, aber er ist ganz sicher, dass sie gehen wird, wenn er sich von Summer mit einem niederträchtigen Winkelzug freikaufen lässt.
Oh Gott, betet er innerlich, bitte lass das gut gehen!



Sarah öffnet ihm die Tür zu dem Appartement, dass er für die beiden organisiert hat. Sie wirkt nervös, als sie die Tür leise hinter ihm schließt. Der Flur weckt die Erinnerung daran, wie er sie gestern Abend überrumpelt hat. Er schiebt die Hände in seine Hosentaschen und wippt leicht auf den Fußsohlen hin und her. Sarahs Nervosität spiegelt seine eigenen Gefühle wider.
„Er schläft,“, sagt Sarah leise, als sie an ihm vorbei geht. Langsam folgt William ihr. „Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“
„Schon gut.“, winkt er ab und schaut sich in der Wohnung um. Er folgt ihr durch die Küche in das große Wohnzimmer.
Nicht schlecht!, denkt er. Ihm fällt auf, dass die Wohnung in Wirklichkeit viel schöner und größer aussieht, als auf den Fotos, die seine Verwalter ihm zu gesendet haben.
Sarah ist bestimmt ausgeflippt, als sie die Wohnung gesehen hat, denkt er leicht schmunzelnd. Kurz muss er daran denken, wie sie reagiert hat, als sie erfahren hat, wie vermögend er ist. Und wie ungern sie irgendeine Ausgabe für sich oder David zugelassen hat.
Oh, verflucht! Sie wird gezetert haben, als sie von Dr. Stuart und Dr. Fassel erfahren hat.
Er dreht sich zu Sarah um, die in der Küche eine Weinflasche öffnet. Ihre Blicke treffen sich und Sarah hält inne.
„Was ist?“, fragt sie, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkt. Sein Grinsen wird breiter. William lehnt sich lässig mit der Schulter an den Türrahmen der großen Flügeltür, die Küche und Wohnzimmer voneinander trennt und verschränkt die Arme vor der Brust. Sarah verengt die Augen, schaut ihn misstrauisch an.
„Was ist so lustig, William?“ Einzelne Haarsträhnen haben sich aus ihrem Dutt gelöst und umrahmen ihr wunderschönes Gesicht.
„Wie sehr hast du geflucht, als du hierhergekommen bist?“, fragt er. Seine Augen blitzen schelmisch.
„Oh, das willst du nicht wissen.“, zischt sie und holt zwei Gläser aus dem Schrank.
„Sicher?“, fragt er.
„Ganz sicher, William.“, sagt sie und lacht kurz auf. Es klingt wunderschön. „Ich kann ziemlich originell werden, wenn ich fluche.“
„So, so.“, sagt William.

Sarah dreht sich um, schnappt sich die Weinflasche und kommt langsam auf ihn zu. Ihr Gesichtsausdruck ist jetzt wieder ernst und nervös. Sofort vermisst William die leichte Stimmung zwischen ihnen. Sein Herz beginnt sich zu beschleunigen. So gern er diese Stimmung beibehalten will, so klar ist ihm auch, dass er diese Stimmung niemals dauerhaft halten kann, wenn sie jetzt anfangen die Probleme zu klären.
„Das ist einer der Punkte, über die wir reden müssen, William. Aber vielleicht sollte das warten.“ Sie bleibt vor ihm stehen. Sarahs Augen blicken ihn fest an, überspielen die Nervosität.
William legt den Kopf schief. So wie sie ihn anschaut, ist er nicht mehr sicher, ob sie wirklich nervös ist.
Irgendwas ist anders an ihr. Irgendwas ist in diesem Zimmer passiert, hat in Sarah etwas ausgelöst.
Sie ist so viel entschlossener… beinahe kämpferisch, denkt er plötzlich.
Die Neugier übermannt ihn.
„Wirst du mir erzählen, was Richard zu dir gesagt hat?“, fragt William gerade heraus.
„Ja,“, nickt sie und deutet dann mit den Gläsern ins Wohnzimmer. „Aber ich will auch, dass wir das zwischen uns ein für alle Mal klären.“
Überrascht zieht William die Augenbrauen hoch, starrt Sarah an.
Oh, denkt er nur und stößt sich vom Türrahmen ab.
Sarah geht zu der Sitzgruppe und füllt die Gläser mit Wein. Dann setzt sie sich auf das Sofa, unterschlägt die Beine. Mit dem Glas in der Hand sieht sie aus wie immer, wenn sie gemeinsam abends in seinem Penthouse im Wohnzimmer gesessen haben. William setzt sich neben sie, legt den Arm auf die Rückenlehne und beobachtet sie. Sarah starrt in den dunkelroten Wein in ihrem Glas, streicht leicht mit den Fingern über den Kelch.
Tausend Gedanken schießen William durch den Kopf. Erinnerungen, Fragen, die ihm auf der Seele brennen. Der Drang, sie zu berühren, sie zu streicheln und zu küssen wird, so nah neben ihr, immer stärker und er muss stark dagegen ankämpfen. Er kann ihrem Gesicht ablesen, dass sie nach den richtigen Worten sucht. Und bei der Gewissheit, dass er gleich selbst nach Worten suchen muss, dass er beichten muss, wird ihm erneut übel.

Sarah räuspert sich und trinkt einen Schluck. Dann hebt sie den Blick. Ihre Augen sind erfüllt von Trauer. Williams Magen zieht sich zusammen.
Scheiße, denkt er. Was kommt jetzt?
„Richard erinnert sich, wie sie in die Wohnung gekommen sind.“, sagt sie leise. Ihre Worte lassen William zurückzucken.
Wie bitte?
Doch er kann nichts sagen, er starrt Sarah nur mit weitaufgerissenen Augen an.
„Er hat mir erzählt, dass Natalie mit einem Mann aus der IT in die Wohnung gekommen ist.“
„Tim Wels!“, spuckt William aus. Du verfluchter Scheißkerl!
Die Wut in ihm wird stark, beschleunigt den Prozess der Erkenntnis, wie sie es geschafft haben, an Sarah, David und Beverly heranzukommen.
Dieser Dreckskerl hatte die Zugangsdaten vom Penthouse!
„Ja, ich glaube so heißt er.“, nickt sie. „Er hat mir erzählt, dass noch weitere Männer mit Natalie da waren. Einer hat Richard überwältigt. Ich… ich glaube, ich vermute, dass es dieselben Männer waren, die in dem Lagerhaus waren.“ Ihre Stimme bricht weg, Tränen sammeln sich in ihren Augen. William legt eine Hand auf ihren Oberschenkel, streicht leicht mit seinen Fingerspitzen über den Jeansstoff.
„Ssch,“, flüstert William. „Es ist vorbei.“ Die Lüge klingt lächerlich in seinen Ohren.
„Mom hat versucht uns zu beschützen, William. In der Wohnung. Richard sagt, sie hat einen dieser Männer geschlagen. Sie hat geschrien. So wie ich.“
Die Tränen laufen ihr über die Wangen. Ihr Schmerz und die Trauer sind so deutlich, dass William sie in seine Arme ziehen will, ihr diese Bürde abnehmen, sie davon befreien will. Aber er hält sich zurück. Er spürt, dass sie noch nicht fertig ist und weil sich Sarah jetzt anscheinend endlich öffnet, will er sie nicht unterbrechen.
Mit dem Handrücken wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Sie hat uns bis zum Schluss verteidigt, bis aufs Blut verteidigt. Bis zum Ende, hat sie nicht aufgegeben.“
Bei diesen Worten dämmert William langsam, was diese Veränderung in Sarah ausgelöst hat.
Sie will nicht aufgeben, weil ihre Mutter nie aufgegeben hat. Für ihre Familie.
„William, ich… die letzten Wochen waren einfach…“, Sarah seufzt auf. „Es war einfach unglaublich hart. Und ich habe, ich… ich habe so viel nicht zugelassen, so viel nicht gesagt oder getan. Ich…“. Sarah schließt die Augen. „Ich liebe dich William. Ich kann es nicht ertragen, wenn du nicht bei mir bist. Ich kann einfach… es geht nicht ohne dich.“ Beinahe klingt es wie eine Beichte. Der Ton raubt William den Atem.
Mein Gott, denkt er. Du wirst ihr wieder das Herz brechen!

Er könnte sich dafür ohrfeigen, dass er diesen schwachen Moment mit Summer zugelassen hat, dass er nicht dagegen angekommen ist. Seine Schwäche wird ihm jetzt zum Verhängnis und erneut erfüllt ihn das schmerzende Schuldgefühl, dass er so sehr hasst. Beinahe ist er versucht, Sarah einfach in seine Arme zu ziehen und ihr gar nichts zu sagen. Es einfach für sich zu behalten.
Du bist ein Arschloch, aber kein Feigling!, schreit er sich selbst an. Du wirst nicht lügen! Du wirst zu deinen Fehlern stehen!
William leckt sich über die Lippen, fährt sich mit den Händen durch die Haare. Er erträgt Sarahs flehenden Blick nicht. Schnell schaut er an die Decke, legt den Kopf auf die Kopflehne.
„Sarah,“, sagt er leise. Seine Stimme trieft schon jetzt vor Schuld und Angst. Er ist angewidert von sich und dem Klang. „Ich… ich muss dir etwas sagen.“ Hart schluckt er.
Es gibt kein Zurück, Bolder! Sag es! Jetzt!
„William?“, hört er Sarahs ängstliche Stimme.
„Ich habe… ich habe Summer geküsst.“, platzt er heraus und schließt die Augen. Er weiß, dass er Sarah gerade das Herz bricht, aber er kann sie nicht wieder betrügen.
Er kann nicht lügen.
Wenn das zwischen uns eine Chance haben soll, dann geht es nur so.
Noch nie hat er sich mehr gehasst, als in diesem Moment.
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