Bolder 2 - Wohin du auch gehst

von Peppy1602
GeschichteDrama, Romanze / P18
15.06.2019
18.08.2019
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Flynn wirkt nervös, denkt William, während er seinen besten Freund beobachtet, der in seinem Arbeitszimmer unruhig auf dem Stuhl vor Williams Schreibtisch mit dem Bein wackelt. Seine Lippen sind zu schmalen Schlitzen zusammengepresst und er blinzelt unnatürlich oft.
„Also, was sagst du dazu?“, fragt William ihn und beobachtet ihn argwöhnisch. Flynn schüttelt den Kopf und fährt sich mit einer Hand durch seine Haare.
Was stimmt nicht mit dir?, fragt William ihn still, aber er sagt kein Wort, sondern lehnt sich zurück in seinen Stuhl und trommelt leicht mit den Fingerspitzen seiner rechten Hand auf die Armlehne.
Flynn in einer unruhigen, nervösen Stimmung zu erleben ist selten. William weiß nicht, wann er es das letzte Mal gesehen hat. Sonst ist Flynn ein Inbegriff von Lässigkeit oder lässt sich zumindest den normalen Grad von Unsicherheit, den jeder geschäftstüchtige Anfang Dreißiger in New York überhaupt zu lässt, nicht anmerken. Schon als William seinen Freund am Fahrstuhl begrüßt hatte, konnte er die Fahrigkeit und Unruhe spüren, die Flynn Magnolia so überhaupt nicht gut zu Gesicht standen.
Es raubt ihm etwas von seiner Größe, überlegt William.
Während William über die neuesten Entwicklungen in der Bolder-Affäre und Summers Verrat berichtet hatte, wurde Flynns Nervosität noch deutlicher.
Vielleicht ein Zeichen dafür, dass es noch schlimmer sein könnte, als ich eh schon denke?
Der Gedanke durchzuckt William und lässt das lauernde ungute Gefühl in seinem Bauch gefährlich lebendig werden.

„Hm, nun..“, räuspert sich Flynn schließlich. William taxiert ihn mit den Augen. „Ich… Das klingt beängstigend, Will. Aber glaubst du…“ Er stockt und blickt William jetzt genau in die Augen.
„Kannst du dir wirklich vorstellen, dass Summer dich verraten würde? Nach allem was passiert ist?“, fragt er gradewegs heraus und schaut William mit suchenden Augen an.
William runzelt die Stirn. Was ist das für eine Frage? Oder ist es vielleicht genau die Richtige?
„Mir bleibt nichts anderes übrig, als davon auszugehen, Flynn.“, sagt er leise. „Die Fakten sprechen für sich. Und unter uns, Summer weiß genau, was sie ausgelöst hat, als sie Livingstons Geständnis vor dem Wechsel aufgenommen hat.“ Lange hatte er darüber nachgedacht. Hatte in Erwägung gezogen, dass sie vielleicht von der Neugier gepackt worden ist, unbedacht gehandelt hatte. Aber wenn William über Summer nachdenkt, kommen ihm viele Dinge in den Sinn, viele Worte, mit denen er sie beschreiben könnte. Aber sicher nicht unbedacht.
Oder dumm.
Die Überlegung, die William ausgesprochen hat, scheint Flynn treffen. Er lässt sich zurückfallen und atmet schwer aus.
„Vielleicht auch nicht.“, flüstert Flynn und blickt zu Boden.
„Mein Gott, Flynn. Was ist nur mit dir los?“, ruft William aus. So langsam missfällt ihm die Regung seines Freundes. Diese Unsicherheit überträgt sich auf ihn und dieses Gefühl droht Williams mühsam erschaffene Barriere um seine Gefühlswelt einzureißen, ihn wieder verletzlich werden zu lassen.
Flynn schreckt bei dem Ausruf hoch und starrt William hilflos an.
„Flynn!“, knurrt William und beugt sich vor, stützt sich mit den Ellenbogen auf die Tischplatte. „Was ist los?“
Mit dir stimmt etwas ganz und gar nicht, Kumpel!
Flynn schüttelt den Kopf und springt auf. Nervös fährt er sich durch die Haare, während er vor dem Schreibtisch auf und ab geht.
„Nichts, William. Es ist alles nur so… verwirrend, so schnell. So undurchsichtig. Ich kann es nicht einordnen und ich will… Scheiße, Mann. Diese ganze Situation ist einfach scheiße!“. Frustriert wirft Flynn die Arme in die Luft.
„Das kannst du laut sagen!“, gibt William zurück. “Und genau deswegen will ich, dass diese ganze Scheiße endet! Ich muss wissen, was da vorgeht und ich muss es abstellen. Es beenden.“ Seine Stimme ist hart, aber leise. Der entschlossene Ton scheint Flynn nicht entgangen zu sein, denn er bleibt bei Williams Worten langsam stehen.
„Was meinst du damit?“, fragt er William.
"Ich bringe es ganz zu Ende, Flynn.“
„Und wie, bitte? Du hast doch keine Ahnung, was genau vorgeht. Was ist, wenn dieses Geständnis doch echt ist?“ William hört die Sorge, die in Flynns Stimme liegt und runzelt erneut die Stirn.
Warum machen sich nur alle darüber Gedanken?
„Das ist es nicht.“, knurrt William scharf und blickt stur in Flynns braune Augen. „Es ist nicht echt.“
„woher willst du das wissen, Will? Ich mein, du kennst die Frau gerade einmal fünf Minuten und hast schon genug geopfert. Vielleicht solltest du dich darauf konzentrieren, dich zu schützen.“
William springt auf und ballt die Fäuste.
„Was soll das denn jetzt, Flynn? Glaubst du wirklich, Sarah wäre zu so etwas fähig?“
„Will, ich weiß es nicht. Aber seitdem diese Frau in dein Leben getreten ist, zerfällt es. Löst sich auf und du, du Will, du zerfällst auch.“, entgegnet Flynn scharf. „Ich mein, sieh dich an. Du warst ein übermächtiger CEO, selbstsicher, reich, erfolgreich. Und jetzt schau dich an. Du hast so ziemlich alles verloren, was dir wichtig war.“
„Das kannst du nicht ernst meinen!“ Geschockt starrt William seinen Freund an. Flynn, der sonst immer die richtigen Worte sagt, oder auch kein einziges, wenn es nötig ist, wirft ihm solche Sachen an den Kopf?
Nein, hier stimmt etwas ganz und gar nicht.
Flynn atmet tief ein und fährt sich mit den Händen über das Gesicht.
„Flynn, scheiße nochmal, was ist eigentlich los mit dir?“ Mühsam versucht William seine Wut zu unterdrücken, die ihm langsam, aber sicher, überkommt.
„Will, ich…“, Flynn presst die Handballen auf die Stirn. Er scheint etwas sagen zu wollen, aber zögert einen Moment zu lang. William kann sehen, wie er die Absicht, dass Gedachte auszusprechen, verwirft. „Ich sollte vielleicht einfach mehr schlafen.“, sagt Flynn leise und lässt sich wieder auf den Stuhl vor Williams Schreibtisch fallen. „Du hast ja vielleicht recht. Ich weiß auch nicht.“

Nachdenklich schaut Bolder auf seinen Freund herunter, der ziemlich klein aussieht, so wie er auf dem Stuhl hockt.  Geräuschvoll atmet Flynn aus und blickt dann William mit einem undeutbaren Blick in die Augen.
„Was hast du jetzt also vor?“, fragt er mit erschöpfter Stimme. Während sich William setzt, lässt er den Blick seines Freundes nicht los. Er ist mehr als beunruhigt. Diese Verfassung passt überhaupt nicht zu Flynn und lässt das ungute Gefühl in Williams Magengegend stärker werden.
„Ich werde erstmal Abstand zu Sarah schaffen. Ich muss sie hier raushalten. So gut es geht.“, sagt William schließlich. „Ich glaube fest daran, dass ein großer Anteil an der ganzen Farce um Bolder Inc. Damit zusammenhängt, dass jemanden nicht will, dass wir zusammen sind. Und ich brauche Abstand.“ Traurig schaut er Flynn an. „In einem Punkt hast du recht, Flynn. Ich bin anders, seitdem sie bei mir ist. Es ist nicht schlechter, aber es ist etwas das mir fehlt. Diese völlige Fokussierung, diese geballte Energie. Und wenn sie in meiner Nähe ist, kann ich mich nicht konzentrieren. Die Sorgen um sie und um David fressen mich auf, lenken mich ab. Ich will sie beschützen und darüber verliere ich zu oft die Nerven. Ich will, dass sie mir gehört, aber sobald sie das tut, scheine ich alles andere zu verlieren.“
Flynn legt den Kopf schief.
„Du meinst, es ist endgültig vorbei?“, fragt er vorsichtig. Schnell schließt William die Augen.
Das wird nie vorbei sein. Nicht für mich. Meine Gefühle werden immer dieselben bleiben. Auch wenn es aussichtslos ist.
„Ich denke schon.“, sagt er stattdessen und lässt für einen kurzen Moment den Schmerz in seiner Brust zu.
„Und was kommt dann?“, fragt Flynn.
William leckt sich über die Lippen und öffnet wieder die Augen. Flynn hat sich gerade auf seinen Stuhl gesetzt und so etwas von seiner Größe wiedergewonnen. Irgendwie hat William das Gefühl, dass Flynns Gemütszustand mit der Bekanntgabe seiner Trennung von Sarah besser geworden ist.
Was hast du nur auf einmal gegen Sarah?
„Ich brauche für die nächsten Schritte deine Hilfe, Flynn. Ich habe zwar noch Kontakte, aber ich brauche mehr. Ich brauche dich an meiner Seite. Ich will endlich herausfinden, was das Ganze soll. Und ganz sicher will ich einen Weg finden, wie ich verhindern kann, dass mein Vater und sein Abschaum ungeschoren davonkommen.“ Tiefer Groll und Zorn sind deutlich in Williams Stimme zu hören.
„Jederzeit, Will.“, nickt Flynn. „Was du auch brauchst.“
„Zunächst einmal brauche ich einen neuen Anwalt.“, sagt William und lässt zu, dass ein leichtes Lächeln seine Lippen umspielt. Flynn an seiner Seite zu wissen, beruhigt ihn. Auch wenn mit Flynn irgendetwas nicht stimmt. Seinen besten Freund neben sich zu haben, beruhigt ihn und lässt ihn etwas aufatmen.
Und du wirst noch rausfinden, was den Kerl so beschäftigt, Bolder.


Nachdem sich Flynn kurz nach Mitternacht verabschiedet hat, bleibt Will noch in seinem Arbeitszimmer zurück. Es zieht ihn nicht wie sonst in die obere Etage, weil er weiß, dass er sein Schlafzimmer und vor allem sein Bett leer vorfinden wird. Dieses Bewusstsein stimmt ihn traurig und aus einer sentimentalen Regung heraus, holt er sein Smartphone aus seiner Jeanstasche und öffnet die Fotogalerie. Gedankenverloren scrollt er durch die Bilder, die er in den letzten Wochen geschossen hat. Die meisten zeigen David oder Sarah. Es sind Schnappschüsse aus alltäglichen Situationen, eine Dokumentation dafür, dass sie zumindest teilweise versucht haben ein normales Leben zu führen. Seine Aufmerksamkeit bleibt auf einem Bild von Sarah und David hängen. Sarah pustet Seifenblasen und David lacht und klatscht freudig in die Hände, die Augen auf die großen und kleinen schimmernden Blasen gerichtet. Sarahs Lippen sind gespitzt und ihr Profil wirkt weich und entspannt. Bei dem Anblick muss William lächeln. Er erinnert sich gut an den Tag. Sie haben ihn fast komplett im Central Park verbracht, sind spazieren gegangen, haben auf einer Parkbank gesessen und David beim Fußball spielen zu geschaut. Sie haben sich HotDogs und Softeis gekauft und eine gewisse Sorglosigkeit genossen, die nur ein ruhiger Tag im Park erschaffen kann. Früher, vor Sarah und David, hatte William so etwas nie getan und erst recht nicht zu schätzen gewusst. Jetzt kommt es ihm vor, als wären genau diese Tage, diese Augenblicke, die Essenz des Lebens. Der Grund, warum man es mit der Welt aufnimmt, warum man die Kraft und den Willen hat, weiterzumachen.

Er schluckt schnell bei den Gedanken und drückt die Tastensperre. Der Bildschirm wird schwarz.
Konzentrier dich, Bolder!, sagt er sich und blickt zur Tür. Du hast noch etwas zu erledigen.
Er steht auf und verlässt sein Arbeitszimmer und während er zu Davids Zimmer herübergeht, versucht er die Erinnerung an das Bild und diesen Tag zu unterdrücken. Es macht ihn verletzlich, schwächt ihn, wenn er zulässt solche Dinge zu spüren und zu denken.
Du darfst nicht schwach werden.
Leise klopft er an die Tür und öffnet sie einen kleinen Spalt. Das Zimmer ist dunkel, und seine Augen benötigen einen kleinen Augenblick, um in der Dunkelheit etwas erkennen zu können. Er hatte vermutet, dass er Sarah lesend im Bett vorfinden würde, aber nur David liegt in dem großen Bett und umklammert wie immer seine Batmanfigur. William runzelt die Stirn und öffnet die Tür weiter. Sarah ist nicht da. Vorsichtig tritt er ein und späht in das Bad, aber auch der Raum ist dunkel.
Wo ist sie? Er versucht die Panik, die in ihm hochkommt, zu unterdrücken. Versucht sich klar zu machen, dass ihr nichts passiert ist, sondern dass sie einfach in einem anderen Zimmer der Wohnung sein wird.
Bolder, verflucht! Wie willst du das schaffen, wenn sie nicht mehr ganz nah bei dir ist?, schimpft er sich selbst und verlässt leise das Zimmer.
Du kannst nicht jedes Mal panisch werden!
Unweigerlich muss er an sein Gespräch mit Dr. Channing denken. Während Sarah von Dr. Stuart betreut wurde, hatte er sich seiner Angst widerstrebend gestellt und eine Sitzung mit seinem alten Therapeuten abgehalten. Wie zu erwarten fand er es schrecklich und fühlte sich danach zu allem Überfluss auch noch besser. Es hätte ihm wesentlich besser gefallen, wenn es ihm nicht geholfen hätte.
Dann hätte er Recht.

William geht in den großen Wohnraum und blickt auf die Terrasse, aber auch hier findet er Sarah nicht.
Er dreht sich um und schaut in den dunklen Gang zu seiner Rechten, blickt auf den Punkt, an dem die Stufen zu seinem Schlafzimmer beginnen, obwohl er sie nicht erkennen kann.
Würde sie dorthin gehen? Würde sie?
Ein Anflug von Freude und Hoffnung durchströmt ihn, aber er kämpft ihn herunter. Er wollte, dass sie Hoffnung hat, dass sie ihn nicht ganz aufgibt, ihm einen Platz in ihrem Herzen einräumt. Deswegen hatte er sie nach ihrer Sitzung mit Dr Stuart aufgesucht. Er wollte, dass sie fühlt, was er fühlt.
Vielleicht war es egoistisch und vielleicht würde es die ganze Situation noch verkomplizieren, aber er konnte nicht anders. Es war schon anstrengend genug sie nicht zu berühren oder sie zu küssen oder auch nur Abstand zu ihr zu halten, wenn sie im selben Raum wie er ist. Aber er muss es schaffen.
Du musst einfach, Bolder.

Die Frage, wo Sarah ist, wird ihm plötzlich beantwortet. Sie tritt aus dem Besprechungsraum auf der anderen Seite der Wohnung und bleibt wie angewurzelt stehen, als sie William erblickt. William runzelt die Stirn.
Was wollte sie denn da?, fragt er sich.
Sarah starrt ihn an und geht dann den kleinen Gang in den Wohnraum langsam entlang. Sie leckt sich unsicher über die Lippen und hat den Blick gesengt.
Sie ist wunderschön, denkt William.
„Entschuldige.“, sagt sie leise, als sie fast bei ihm ist. William spürt, dass sie vorbeigehen will, daher tritt er einen Schritt vor und stellt sich Sarah in den Weg. Überrascht schaut sie auf und der Anblick ihrer blauen Augen treffen William direkt ins Herz. Drohen ihn straucheln zu lassen, ihn wieder in ihren Bann zu ziehen und vergessen zu lassen, was er ihr sagen wollte. Er weicht etwas zurück und vergräbt die Hände tief in seinen Hosentaschen.
„Ich wollte mit dir reden, Sarah.“, sagt er tonlos und versucht das Blau ihrer Augen zu ignorieren. Sarah blinzelt und umschlingt sofort ihren schmalen Oberkörper mit ihren Armen.
Hat diese Geste das Händewringen abgelöst?, fragt er sich, aber er schüttelt den Gedanken sofort beiseite.
Bleib bei der Sache!
„Ok.“, sagt sie nur.
„Ich habe über einiges nachgedacht, Sarah.“, beginnt William. Er versucht sein Vorhaben schnell abzuspulen. Was er sagen will, macht ihm Angst, tut ihm weh und er will es hinter sich bringen. Wie ein leidiges Muss, wie das Pflaster, dass man schnell und schmerzhaft von der Haut reißt, um das Leiden zu verkürzen. „Unter anderem darüber, was Dr. Fassel gesagt hat. Das David kein stabiles Umfeld hat.“
Sarahs Augen verengen sich und sie legt die Stirn in Falten. William schluckt.
Komm schon, Bolder!
„Und nachdem ich dich vorhin gesehen habe, wie du auf Milstones Neuigkeiten reagiert hast… und wie du unter meiner Dusche gesessen hast… Ich… ich glaube, sie hat recht, Sarah.“ Tief atmet William ein und ignoriert, dass sich Sarahs Gesicht schmerzvoll verzieht.
„Hier ist es nicht stabil. Bei mir, in meiner Nähe, in dieser Wohnung. Ihr braucht Ruhe und die werdet ihr hier nicht finden. Und ich glaube, dass es wenig dazu beitragen wird, dass David sich besser fühlt, wenn wir weiterhin zusammenleben. Jetzt, wo… wo…“, Williams Stimme bricht weg.
Er kann in ihren Augen sehen, dass sie versteht, was er sagen will. Der Schmerz, die Gewissheit sind beinahe greifbar auf ihren Gesichtszügen.
„Du willst das wir gehen.“, presst sie mit dünner Stimme hervor.
Ich will, dass du mir gehörst!, schreit er innerlich. Ich liebe dich!
„Ja.“, nickt er und blickt zu Boden. „Ich habe euch eine Wohnung besorgt, in der ihr sicher seid.“
William hört wie Sarah scharf die Luft einzieht.
„Nein, das will ich nicht.“, zischt sie. Bei den Worten schnellt sein Blick wieder auf ihr Gesicht, taxiert sie, hält sie fest. Unerbittlich und hart. Er weiß, dass sein Gesichtszüge drohend aussehen.
„Du hast es versprochen, Sarah. Ich muss euch in Sicherheit wissen.“
Sarah dreht sich weg, blickt zur großen Glasfront der Terrasse und atmet laut und schnell. Ihre Arme presst sie hart an sich und innerlich wünscht sich William, dass er sie einfach in die Arme schließen könnte. Dass er sie halten könnte.
Nicht aufgeben! Du hast es fast geschafft!
„Morgen früh wird euch Ralf nach Brooklyn fahren.“, sagt er nur. Sarahs Kopf schnellt zu ihm herum.
„Brooklyn?“, fragt sie überrascht. William zuckt leicht mit den Achseln.
„Du hast doch einen neuen Job.“, antwortet er.
Sarah legt den Kopf schief und blickt ihn nachdenklich an. Ihre Verärgerung scheint zu schwinden, aber William kann nicht erkennen, warum. Er kann nicht lesen, nicht fühlen was sie denkt.
Schließlich nickt Sarah nur und blickt dann wieder auf die großen Glasscheiben. Dass sie keine Diskussion anfängt, erleichtert William. Er hatte damit gerechnet, dass es ein harter Kampf werden würde, Sarah davon zu überzeugen, dass sie gehen mussten.

Aber Sarah steht nur da und schaut auf die Lichter der Stadt, die durch die Glasscheiben schimmern. Sie wirkt ruhig, gefasst und hat so gar nichts mehr von der traurigen, fassungslosen Frau, die noch vor wenigen Stunden auf dem Boden seiner Dusche gesessen hatte.

Sie ist stärker als sie weiß, denkt er und geht aus einem Impuls heraus auf sie zu. Er spürt sie, wenige Zentimeter vor sich.
Fühle, was ich fühle, Sarah. Und vielleicht finden wir uns wieder. Irgendwann.
Die Anziehung zwischen ihnen lässt die Luft um sie herum flimmern, lädt sie elektrisch auf. William fühlt das starke Verlangen sie zu berühren und er spürt, dass sie es genauso fühlen kann.
Fühl es, Sarah. Es ist echt. Es war immer da und es wird immer bleiben. Für mich bleibt es immer. Du bleibst immer für mich die Einzige. Ich liebe dich, Sarah.
Sarah schließt die Augen und seufzt leise auf. Der Klang dieses süßen Tons lässt William fast schwach werden. Seine Hand hebt sich, bereit sich auf die kleine Stelle zwischen ihrem Rücken und Po zu legen, die er so gern berührt. Aber William zieht seine Hand zurück, widersteht mit aller Kraft dem Drang Sarah zu berühren.
„Wohin du auch gehst…“, raunt William. Seine Stimme klingt dunkel und voller Verlangen, doch bevor Sarah darauf reagieren kann, dreht er sich um und geht. Er nimmt das Gefühl in seinem Herzen mit, unsicher wann er es wieder spüren wird.
Gib sie frei, lass sie los! Du tust das Richtige, Bolder. Genau jetzt tust du das Richtige!, denkt er und verschwindet mit schnellen Schritten in dem langen Gang.