Bolder 2 - Wohin du auch gehst

von Peppy1602
GeschichteDrama, Romanze / P18
15.06.2019
14.10.2019
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Die Dunkelheit der Zelle selbst löst bei Danny Livingston keine Sehnsucht aus. Es ist vielmehr der kleine Lichtstrahl, der durch das winzige Fenster im oberen Bereich der Außenwand fällt.
Wie ein Finger, der tief in die Wunde sticht, zeigt er ihm jeden Tag, dass die Sonne wieder aufgeht, die Welt sich da draußen weiterdreht.
Nur nicht für mich.
Danny sitzt auf dem kalten harten Betonboden seiner zehn Quadratmeter großen Zelle und beobachtet die kleinen Staubkörner, die blitzend durch den Lichtstrahl tanzen. Weit hinten in seinen Gedanken hört er eine Melodie und stellt sich vor, dass die kleinen glitzernden Körnchen dazu tanzen. Er kann sich nicht erinnern, wie lange er schon auf dem Boden sitzt oder wie lang er überhaupt schon in dieser Zelle ist.
Fest presst er die Augen zusammen und streicht sich mit beiden Händen über seine kurz geschorenen Haare.
Die blonden Locken hatte er als erstes eingebüßt, als man ihn in die Justizvollzugsanstalt brachte, dicht gefolgt von seiner Würde, als er die rektale Untersuchung von Fritz, dem groben Hünen, über sich ergehen lassen musste.
Seine letzte Härte verlor er wenig später, als ein Zellengenosse ihn bei einem Streit um einen Schokoriegel beim Ausgang fast erwürgt hatte.
Seitdem sitzt er hier, in seinem neuen Zuhause, einer Isolationszelle in Rikers Island.

Danny atmet tief ein und aus und versucht die jüngsten Erinnerungen zu vertreiben.
Denk nicht daran!, befiehlt er sich. Fest versucht er sich auf die tanzenden Körnchen im Licht zu konzentrieren. Und auf die aufkeimende, leichte Hoffnung, dass er bald wieder in einem Raum voll Tageslicht sitzen kann.
Vielleicht sogar den Himmel sehen, denkt er und erlaubt sich ein kleines Lächeln, als er an den blauen Himmel denkt, der sich im kleinen Teich in den Wäldern Castletons gespiegelt hatte. Beinahe kann er das faulige Holz am Ufer riechen, fast spürt er den kalten Wind, der ihm auf seinem Angelstuhl um die Nase wehte.
Beinahe…Ob du das jemals wiedersehen wirst?, fragt ihn sein Unterbewusstsein und die Sehnsucht in ihm vertreibt seine Hoffnung, trübt seinen Verstand.
Es ist wie ein Teufelskreis, brummt er still. Sobald er sich an etwas erinnert, fehlt es ihm.
Ist das nicht schon Strafe genug?, fragt er sich und blickt auf seine Hände. Reicht das nicht?

Als hätte Fritz seine innere Frage gehört, öffnet er die Sichtluke geräuschvoll und lunst mit seinem fleischigen Gesicht in die Zelle.
Dannys Kopf schnellt zur Tür, erschrocken über das plötzliche Geräusch.
„Livingston!“, bellt Fritz und starrt ihn mit seinen unnatürlich goldfarbenen Augen an.
„Du hast Besuch.“
Danny runzelt die Stirn.
In der Isolationshaft bekommt man keinen Besuch, überlegt er.
„Anwalt.“, fügt Fritz in seinem typischen schweren Akzent hinzu.
Danny grübelt seit seiner Ankunft darüber, woher Fritz kommt. Anhand des Namens würde er auf Deutschland oder Österreich tippen. Aber da Fritz die Frage nie beantwortet, muss sich Danny mit seinen Fantasien begnügen, wo der Wärter herkommt und warum er hier in Rikers Island ist.
Die wildesten Geschichten hat Danny sich dazu einfallen lassen. Einfach, weil es sonst nichts zu tun gibt. Am Besten gefällt ihm die Version, in der Fritz ein Ururenkel eines Nazi-Kommandanten ist, der sich über Argentinien nach Mexiko durchgeschlagen hatte und dann einer wilden Romanze in die Vereinigten Staaten gefolgt war.
In Dannys Geschichte hat die antisemitische Überzeugung von Fritz‘ Vorfahr die Generationen überlebt und Fritz selbst ist ein geheimer, fanatischer Anhänger des „White Pride“. Und unter seiner Wärter-Uniform ist sein großer, fleischiger, weißer Körper über und über mit Nazi-Tattoos verziehrt.

Langsam schiebt Danny sich an der Wand hoch.
„Ich erwarte niemanden.“, sagt er.
„Kann sein.“, antwortet Fritz gleichgültig und zieht sein Gesicht von der Luke zurück.
Im nächsten Moment öffnet sich die Öffnung in der Mitte der dicken Stahltür.
„Trotzdem hast du Besuch, Livingston.“ Fritz klimpert mit den Handschellen.
Was will mein Anwalt?, denkt Danny, während er auf die Tür zu geht und seine Hände durch die Öffnung der Tür steckt.
Als Fritz die kalten Handschellen um seine Handgelenke legt, drückt das Gewicht des Stahls Dannys Hände weiter runter.
Gott, wie ich die Dinger hasse, schimpft Danny innerlich. Verunsicherung steigt in ihm auf.
Was will der Typ denn schon wieder von mir?
„Weg.“, befiehlt Fritz scharf und Danny tritt automatisch einen Schritt zurück.

Es ist merkwürdig, wie schnell man sich an bestimmte Regeln gewöhnt. Innerhalb kürzester Zeit hat Danny sich darauf einstellen können, was in welcher Situation von ihm verlangt wird.
Werden die Handschellen durch die Tür umgelegt, musst er drei Schritte zurückgehen, damti der Wärter die Tür öffnen kann.
Ertönt der Alarm einmal, muss er sich auf das Bett setzen, mit dem Gesicht zur Tür und warten. Warten, bis ein Wärter durch die Sichtluke der Tür schaut und weitere Instruktionen gibt.
Ertönt der Alarm zweimal, heisst das: mit dem Gesicht zur Wand stellen, beide Hände schulterbreit an die Wand, Beine schulterbreit auseinander und warten, bis der Wärter kommt.
Den Unterschied zwischen diesen beiden Stufen ist ihm noch nicht klar geworden. Aber er hat den Automatismus bereits in sich.
Einmal, aufs Bett. Zweimal, an die Wand.
Keine Fragen stellen, ruhig bleiben, warten.
Vielleicht ist auch das der Sinn, fällt ihm ein. Vielleicht werden wir dressiert.
Der Gedanke amüsiert ihn und er schmunzelt leicht, als Fritz die Tür öffnet und ihm am Arm aus der Zelle zieht.
Fritz überragt ihn um zwei Köpfe und Danny fühlt sich neben ihm beinahe wirklich wie ein kleines Schoßhündchen.

Mit schnellem Schritt geht der Wärter zielstrebig mit Danny im Schlepptau den langen Gang des Isolationstraktes entlang. Aus den Zellen links und rechts kann Danny zwischen Stille und schrillem Geschrei jegliche menschliche Geräusche wahrnehmen, die ihm einfallen. Auffällig oft hört er ein Wimmern, dass seinem ganz ähnlich ist. Es ist die Hymne des Selbstmitleids, das einen allein in dieser Zelle mehrmals täglich erfasst.
Sie durchlaufen die Sicherungszone der Isolationshaft und das geräuschvolle Auf- und Abschließen der Türen lässt Danny erschaudern. Es erinnert ihn schmerzhaft an den Tag, als er es zum ersten Mal gehört hat. Als er verhaftet wurde.

Der Raum, in den Fritz ihn führt ist ein Vernehmungsraum, der sich von all den anderen, die er in seinem Leben gesehen hatte, nicht unterscheidet. Es ist ein innenliegendes Rechteck, mit einer Tür und ohne Fenster. Natürlich fehlt der theatralische Spiegel, der eigentlich ein Fenster ist und hinter dem die Anwälte und Polizisten lauern. Wie so ziemlich jeder echte Raum dieser Art, hat er vier steinharte Betonwände mit genau einem Loch – der Tür.
Fritz stößt ihn auf einen alten braunen Kunsstoffstuhl, der an dem Tisch in der Mitte des Raumes steht.
„Warten.“, grummelt der dicke Wärter und schließt die Tür. Er positioniert sich steif daneben und starrt gerade aus.
„Warum krieg ich Besuch, Fritz?“, fragt Danny. Die Unsicherheit in ihm will einfach nicht weichen.
Was will der kleine Scheißer von mir?, fragt er sich wieder.
Aber der Wärter antwortet nicht, starrt weiter gerade aus.
Danny reibt sich das Gesicht und die Handschellen drücken schmerzhaft in sein Fleisch.
Diese verschissenen Dinger, schimpft er. Und ich weiß nicht mal warum ich sie habe.
Was kann denn jetzt noch kommen?

Gefühlt hat er ein ganzes Leben in Vernehmungsräumen verbracht. Und eine Ewigkeit, seitdem er das letzte mal verhaftet wurde. Eisern hatte er geschwiegen. Immer wieder die Aussage verweigert.
Was hätte ich auch sagen sollen? Das ich meine Ex für eine riesige Stange Geld verprügelt habe und diese durchgeknallte Rothaarige dann wollte, dass ich sie umbringe?
Er war immer wieder versucht gewesen, alles auf diese Schlampe zu schieben oder auf Sarah, dass verfluchte Miststück. Aber wer hätte ihm geglaubt? Bei seiner Vergangenheit?
Und was würde passieren, wenn er sich gegen diese Rothaarige gestellt hätte? Sie wusste alles von ihm. Instinktiv spürt er, dass er sich mit jemanden eingelassen hatte, der mächtiger ist, als alles andere. Er hatte sich für viel Geld mit noch mehr Geld eingelassen. Und mit scheinbar endloser Macht.
Und nun sitze ich hier, in Rikers Island und warte auf den Prozess.
Der blutige Anfänger, der ihm als Pflichtverteidiger zur Seite gestellt wurde, ist mehr als überfordert. Danny kann sich noch genau erinnern, wie speiübel dem guten Mister Whitney geworden ist, als er erfahren hatte, dass Danny wegen versuchten Mordes angeklagt werden sollte.

Aus weiter Ferne dringt ein Geräusch in sein Bewusstsein, dass er lange Zeit nicht mehr gehört hat. Danny lässt die Arme sinken und blickt zur Tür.
High Heels, denkt er und blinzelt.
Er hört das zielstrebige Klappern von Absätzen hinter der Tür, die schnell den Gang entlangkommen.
Die Frau muss beinahe rennen, so schnell und so laut, schallt der Klang durch die Mauern.
Im nächsten Augenblick wird die Tür aufgestoßen und vor Danny steht eine Frau mit braunen, langen Haaren.
Dannys Augen weiten sich bei ihrem Anblick. Er kennt sie nicht, aber sie ist wunderschön. Wäre er noch etwas länger in der Zelle gewesen, hätte er noch mehr seinen Verstand strapaziert, dann hätte er sich in diesem Moment verliebt. Einfach weil sie eine Frau ist.
Die Frau trägt ein dunkelblaues Kostüm, dass eng anliegt und der Kragen ihrer weißen Bluse schmiegt sich sanft an ihren Hals.
Danny mustert die Frau von oben bis unten.
Verdammte Scheiße, ist die geil, denkt er und leckt sich über die Lippen.
Er pfeifft anerkennend.
Aber wahrscheinlich wär jede Frau für dich geil, nach der Zeit, überlegt er.
Die Frau verzieht keine Mimik, sondern blitzt ihn mit grauen Augen an.
„Mr. Livingston?“, fragt sie förmlich und stellt ihre Aktentasche auf den Tisch.
Aus den Augenwinkeln sieht Danny Fritz den Raum verlassen.
„Alles, was du willst, Kleine.“, zischt Danny und lehnt sich zurück.
Egal, was die will, der Gang hat sich gelohnt, sinniert er und ist sich sicher, dass er heute genau auf diese Beine und diese braunen Locken masturbieren wird.
„Mein Name ist Summer Long.“, sagt sie.
Oh ja, Baby, lacht er innerlich und grinst. Dich hätt ich gern… all summer long… In seinen Gedanken singt er die Zeile aus dem Lied von Lynnard Skynnard.
„Schön sie kennen zu lernen… Summer Long.“, raunt er und beisst sich auf die Lippe.
„Ich bin ihre neue Anwältin.“, fügt sie hinzu und setzt sich ihm gegenüber.
„Freut mich.“ Danny wackelt mit den Augenbrauen und blickt der jungen Anwältin tief in die Augen.
„Aber was ist denn mit Mr. Whitney?“, fragt er und stützt sich mit den Ellenbogen auf den Edelstahltisch. Seine Handschellen klirren.
„Mr. Whitney ist verhindert. Ich habe Ihren Fall pro bono übernommen.“ Erklärt sie und holt eine Mappe aus ihrer Tasche. Als sie die Tasche auf den Boden stellt, kann Danny kurz in ihren Ausschnitt schauen, auf die kleine Lücke zwischen Ihren Brüsten schauen. Sofort meldet sich die Erektion in seiner Hose und in seinem Bauch beginnt es zu kribbeln.
Fantastisch, denkt er und leckt sich wieder über die Lippen.
„Und was wollen Sie nun von mir?“, feixt er.
Ich könnt ewig hier mit dir sitzen, Kleine.
Summer Long öffnet die Mappe vor sich und schiebt sie Danny rüber.

„Sie könnten mir helfen.“, sagt sie und tippt auf die Papiere.
Danny wendet zähneknirschend den Blick von seinem appetitlichen Gegenüber auf die Mappe.
Geständnis, liest er.
Sein Kopf schnellt nach oben. Summer Long hat sich zurückgelehnt und blickt ihn mit ihren grauen Augen eindringlich an.
Spinnt die?
„Was soll das?“, zischt er.
Die Erregung ist gewichen und tiefes Misstrauen kriecht in ihm hoch.
„Ich möchte, dass Sie gestehen.“ Summer Long beugt sich wieder vor. Danny kann ihr Parfum riechen, sieht die feinen Sommersprossen auf Ihrer Haut. Ihre grauen Augen flackern beinahe.
Sein Mund wird trocken und ein flaues Gefühl durchfährt ihn.
„Wie… wie sollte Ihnen das helfen?“, fragt er unsicher.
Ein kurzes Lächeln huscht über das Gesicht der Anwältin.
Sie ist weiterhin wirklich schön, aber der Ausdruck auf Ihrem Gesicht macht ihm Angst.
Eiskalt, durchzuckt es ihn.
„Nun, es würde dafür sorgen, dass wir Sarah Miller los werden.“, flüstert sie und lächelt.
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