Dive [Brooklyn 99]

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
15.06.2019
02.10.2019
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19.08.2019 1.065
 
„Hey. Wie geht’s dir?“

Immer seine erste Frage. Und es fällt mir schwer, darauf zu antworten, weil ich immer nur sagen will „es geht mir nicht gut“, aber das kann ich nicht. Ich will ihn nicht noch zusätzlich deprimieren.

„Ich komme klar. Wie geht’s dir? Ist es sehr schlimm?“

Ich habe tausend Fragen und nur eine halbe Stunde Zeit. Jedes Wort will sorgsam überlegt sein.

„Naja, hier sind einige Typen, die wegen mir hier sitzen, also …“, er kratzt sich am Kinn, „wie geht’s den Hunden? Vermissen sie mich?“

„Alle vermissen dich.“

Ich vermisse dich. Ich habe mir geschworen, nicht zu weinen. Er würde sich schlecht fühlen. Also beiße ich die Zähne zusammen.

„Ich vermisse euch auch“, sagt er. Mein Herz.

„Wir arbeiten dran“, sage ich.

„Der Anwalt hält mich auf dem Laufenden.“

„Ja? Gut.“

„Und wie geht es den anderen?“

„Wir streiten uns um die Besuchszeiten. Es geht allen gut und ich soll dich grüßen.“

„Und Rosa?“

Rosa.

„Sie schlägt sich tapfer“, sage ich. Ich habe sie nur einmal besucht, weil ich es nicht über mich gebracht habe. Charles sitzt jeden Besuchstag bei ihr und erzählt ihr, dass wir alles daransetzen, diese Verschwörung aufzuklären.

„Ich biete Carter jeden zulässigen Deal an“, versichere ich ihm, „alles, was geht.“

„Er wird ihn nicht verraten.“

„Doch, dass wird er. Das muss er! Bitte überlass das mir.“

„Du verrennst dich da in was“, widerspricht er mir. Ich will die Zeit nicht mit Streiten verbringen.

„Ich versuche, Kontakt zu Parker aufzunehmen.“

„Was? Wieso?“

Er klingt, als habe ich ihm eröffnet, mit Parker durchbrennen zu wollen.

„Vertraust du mir?“

„Ja“, sagt er, „aber ich weiß, dass du alles tun würdest und das macht mir Sorgen.“

„Kommt mir bekannt vor.“

Er lächelt schwach.

„Was erhoffst du dir davon?“, will er, immer noch nicht ganz überzeugt, wissen.

„Er weiß, dass Benson da mit drinhängt. Er ist quasi die Anlaufstelle für alle Kriminellen New Yorks. Vielleicht sogar Amerikas, keine Ahnung. Und er mag mich. Vielleicht sieht er ein, dass es gut wäre, mir zu helfen und Rosa und dich aus dem Knast zu holen.“

„Nur, weil er dich mag?“, fragt er, „klingt nicht nach einem sicheren Plan.“

„Ich habe nie gesagt, dass er sicher ist“, sage ich, „nur, dass ich es probieren will.“

Und werde. Ich habe bereits nach ihm gesucht, aber er ist zu schlau, um jemals wieder Spuren zu hinterlassen. Also muss ich den Spieß umdrehen und selbst Spuren hinterlassen, auf die er unweigerlich stoßen wird.

„Und wie?“

„Ich dachte, du hast vielleicht eine Idee. Immerhin bist du das Genie.“

Doch er weigert sich, mir zu helfen, also trennen wir uns ergebnislos. Ich will niemanden in meinen Plan einweihen. Erstens will ich ihn nicht unnötig riskieren, zweitens will ich Parker beweisen, dass er mir vertrauen kann. Wieso sollte er mich jetzt plötzlich nicht mehr beobachten? Über welche Wege auch immer. Hat er jemanden auf mich angesetzt, der mich beschattet und ihm regelmäßig Bericht erstattet? Ich versuche, jemanden dabei zu ertappen, aber das wäre zu einfach. Hört er mein Handy ab? Überwacht er meinen Laptop? Er hat mit Sicherheit Zugriff auf das Polizeisystem. Aber ihn darüber zu kontaktieren ist zu riskant. Es muss einen anderen Weg geben.


Während Charles und die anderen versuchen, mich zu bemuttern und durch den Tag zu bringen, benötige ich keinen emotionalen Support. Ich brauche Parker. Kontakte. Jeden kleinen Drogendealer, den wir verhaften, will ich zur Seite nehmen und so lange verhören, bis ich weiß, ob sie wissen, wo er ist. Aber ich wahre Zurückhaltung und reiche schließlich eine Woche Urlaub ein. Holt genehmigt sie mir sofort und heißt es für gut, dass ich mir eine Auszeit gönne. Auszeit? Wohl kaum. Sie sehen, was sie sehen wollen. Während ich nichts sehe.

„Wo bist du?“, frage ich meinen dunklen Laptopbildschirm. Wo verdammt steckst du, Parker?

Es dauert, bis ich darauf komme, dass er vielleicht gar nicht mehr mich, sondern einen anderen Menschen beobachtet. Ihn beim Aufwachsen zusieht, irgendwo aus der Ferne. Sein Sohn ist der Schlüssel.

Ich besuche ihn bei seiner Pflegefamilie. Es ist kalt und stürmisch. Wir sitzen in der Küche an einem runden Holztisch und trinken heiße Schokolade. John kritzelt auf einem weißen Blatt Papier herum. Wirre bunte Linien. Blau, gelb, rot.

„Suchen Sie wieder meinen Dad?“, fragt er, ohne mich anzusehen. Ich beobachte seine kräftigen Malbewegungen.

„Ja“, sage ich, „hast du ihn in letzter Zeit gesehen?“

Er wird landesweit gesucht und wäre niemals so dumm, hier aufzutauchen. Aber hier beginne ich meine Suche erneut. Er muss einfach hier sein, nicht physisch, aber er braucht Informationen über seinen Sohn, den er allein gelassen hat. Nicht ganz freiwillig.

„Nein“, antwortet er nuschelnd.

„Und hattest du sonst in letzter Zeit Besuch?“

„Nein“, antwortet er genauso knapp.

„Okay.“

Ich erhebe mich und gehe von der Küche ins angrenzende Wohnzimmer. Dort sitzt Mrs Baker auf einer abgewetzten Ledercouch und blättert in einem Einrichtungsmagazin. Sie sieht auf.

„Warum sind Sie hier?“, fragt sie mich prüfend.

„Ich bin auf der Suche nach Johns Dad. Ich muss mit ihm sprechen.“

„Ihre Kollegen waren schon mehrmals hier. Sie haben sogar das Haus beschattet“, sagt sie, „aber er hat nicht versucht, John zu kontaktieren. Das hätte ich ohnehin sofort unterbunden.“

„Bitte“, ich bin längst nicht mehr dienstlich hier, „ich weiß, dass das schwer ist. Und das Parker ein Krimineller ist. Aber … nichts? Gar nichts? Er hat nicht versucht, nach einem Bild zu fragen oder nach einem kurzen Telefonat? Sie haben nichts zu befürchten, wirklich, ich habe nicht vor, Sie wegen irgendetwas zu belangen.“

„Es gibt nichts, was Sie mir zur Last legen könnten“, versichert sie mir hart.

„Bitte denken Sie nochmal nach!“

„Weshalb ist Ihnen das so wichtig? Hier geht es doch längst nicht mehr nur um John.“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen“, sage ich.

„Ich begleite Sie zur Tür.“

Das tut sie auch. Und als ich gerade die zwei Stufen hinunter zu meinem Wagen gehen will, wage ich einen letzten blinden Versuch.

„Falls Sie jemals mit ihm sprechen sollten oder die Möglichkeit haben, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, bitte sagen Sie ihm, dass ich mit ihm reden muss. Das er sich melden soll. Auf welchem Weg auch immer. Er kennt mich. Er weiß, dass ich das nicht tun würde, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“

Sie reagiert nicht. Ich sehe zum Küchenfenster. John blickt mich an. Der Regen wird stärker. Das war mein Spielzug, Parker, jetzt bist du dran.
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