Dive [Brooklyn 99]

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
15.06.2019
02.10.2019
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Wir veranstalten ein Abschiedsessen bei Holt. Ich kann Jake schließlich nicht allein in Beschlag nehmen. Ich backe einen Schoko-Meersalz-Kuchen und muss schwer an mich halten, nicht durchgehend zu heulen. Wir sollten Hoffnung haben und daran glauben, dass zwanzig Jahre nur eine Zahl sind, die für uns nichts bedeutet, aber es gibt keine Sicherheit. Und ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht wie die Luft zum Atmen. Wir haben uns schick gemacht, in gewisser Weise das letzte Abendmahl, es fühlt sich furchtbar an und jeder Witz, den wir reißen, weil es dazugehört, brennt ein bisschen.
„Wir werden alles tun, um euch rauszuholen“, sagt Charles entschlossen. Ich bin sicher, uns beide hat es am härtesten getroffen. Naja, mal abgesehen von Rosa und Jake.

„Das wissen wir“, sagt Rosa. Sie sieht mich an. Ich lächle. Die Wut ist längst verflogen. Ja, sie haben einen Fehler gemacht. Ja, dieser Fehler hat jetzt Konsequenzen. Aber ich bin hier nicht die Richterin. Sie erwidert das Lächeln. Ein stillschweigendes Übereinkommen, dass wir nie wütend auseinandergehen würden. Wer weiß, wann wir uns das nächste Mal sehen. Außerhalb eines grauen Betonklotzes angefüllt mit wahren Kriminellen.

„Aber passt auf, dass er euch nicht auch noch eine Gefängnisstrafe reinwürgt“, mahnt Jake.

„Das wird nicht geschehen“, sagt Captain Holt, „nicht, wenn ich es verhindern kann. Und das werde ich. Seien Sie sich sicher.“
Ich wünschte, ich könnte nur halb so viel Selbstvertrauen ausdrücken wie er es tut. Ich halte unter dem Tisch Jakes Hand und würde sie am liebsten nie wieder loslassen. Es ist sehr schnell sehr ernst geworden zwischen uns. Vielleicht, weil wir einander lange gesucht haben, vielleicht weil es Schicksal war, vielleicht, weil es so sein musste. Vielleicht ist das nur eine Prüfung. Eine Antwort auf Fragen, die wir nicht gestellt haben. Etwas, dass wir nicht wollten, aber jetzt ist es da, zwanzig Jahre, wer weiß, was darauf wird, wie es sich entwickelt, aber wir müssen davon ausgehen, dass ich zwanzig Jahre hier und er zwanzig Jahre dort sein wird. Als hätte er meine Gedanken gelesen, und sie nicht ertragen, steht er auf um frische Luft zu schnappen.


„Jake …“

Ich kann ihm nicht nicht folgen. Ich kann ihm nicht dabei zusehen, wie er sich kaputt macht.

„Es tut mir leid“, sagt er, „du weißt, dass du nicht auf mich warten musst, oder? Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, Ivy.“

„Wirklich?“, ich hebe eine Augenbraue, „das ist mir bewusst.“

Er schweigt.

„Es ist nicht deine Schuld.“

„Das stimmt nicht“, widerspricht er mir, „und das wissen wir beide.“

„Du darfst dich nicht jetzt schon aufgeben, Jake. Du musst uns wenigstens eine Chance geben.“

Uns beiden. Dem Team. Einfach allem. Ich hoffe, dass er nicht aufgibt, weil ich ihn brauche, um weiterzumachen. Wir müssen uns gegenseitig antreiben. Auch wenn es weh tut. Auch wenn es nicht leicht wird. Und das wird es nicht. Er nimmt mich in dem Arm. Hält mich fest. Lass mich bitte nicht los, denke ich.

„Ich warte auf dich“, sage ich, „ich ziehe keine Jack-Rose-Nummer durch.“

„Jack-Rose-Nummer?“, fragt er.

„Titanic. Nie gesehen?“

„Nein.“

„Jake! Bitte. Wenn du wieder da bist, holen wir das nach“, verspreche ich ihm zuversichtlich, „die geballte Ladung Kitsch.“

„Okay“, stimmt er zu, „ich erinnere dich dran.“

„Ich werds nicht vergessen.“

Das tue ich nicht. Es ist eines der ersten Dinge, die wir machen, als er wieder raus ist. Naja, nach vielen anderen, aber vergessen tun wir es beide nicht. Er steht eines Abends vor mir, den Film in der Hand und sagt „die geballte Ladung Kitsch“.
Rosa stößt zu uns, um das Gespräch zu mir zu suchen.

„Ich bin nicht mehr sauer auf dich“, versichere ich ihr, bevor sie etwas sagen kann.

„Ich würde es verstehen, wenn du es wärst“, entgegnet sie.

„Bin ich aber nicht. Wirklich. Du wirst mir wahnsinnig fehlen.“

„Du mir auch“, sie nimmt mich hastig in den Arm, damit ich ihre aufkommenden Tränen nicht sehe. Es funktioniert nicht, aber das sage ich ihr nicht. Stattdessen genieße ich die Umarmung. Es wird für lange Zeit die letzte sein.


Dann kommt der Tag. Die Stunde. Die Minute. Der Abschied. Ich bin nicht gut darin, mich zu verabschieden und ich will es auch nicht tun, aber ich würde es bereuen, wenn ich mir nicht alle Mühe geben würde. Küssen, umarmen, Rosa versichern, dass ich nicht sauer auf sie bin und sie besuchen werde, so oft es geht.

Nein, denke ich, nein, bitte geht nicht, dass darf nicht weh so weh tun, dass ist nicht richtig. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich wundere mich darüber, dass niemand mich festhält. Seine Arme um mich schlingt. Ich will keine Arme um mich. Nur Jakes. Wir sehen ihnen nach und stehen noch dort, als ihnen drinnen die Klamotten abgenommen werden. Er hat zwei Fotos mitgenommen. Das, was Parker von unserem ersten Date hat machen lassen und ein Bild von mir und den Hunden auf dem Sofa, schlafend. Das hat er kurz nach unserem Umzug gemacht. Ich habe Angst davor, in die Wohnung zu kommen und sein Deo zu riechen. Seine Klamotten zu waschen und in seine Hälfte des Schrankes zu hängen. Er hat vorgeschlagen, alles in Kartons aufzubewahren, was mich sauer gemacht hat. Auf keinen Fall räume ich deine Sachen weg, du bist nicht gestorben, Jake, du kommst schneller wieder als wir begreifen können, dass du weg bist. Und ich bin mir sicher, dass es so sein wird. Nein, sicher bin ich mir nicht, aber ich will es sein und daran halte ich verbissen fest.

„Das ist der schlimmste Tag meines Lebens“, seufzt Charles, der vor etwa einem Jahr einen Mann auf einem Parkplatz erschossen hat.

„Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Boyle“, weist Holt ihn an, „wir haben eine Menge Arbeit vor uns. Und wir sollten einen Besucherplan festlegen.“

„Eine gute Idee, Sir“, stimmt Amy ihm zu, im Geiste schon dabei, ein Layout zu entwerfen, „ich werde mich darum kümmern.“

„Die beiden sind taff, die beißen sich durch“, sagt Terry. Ich sehe ihn zweifelnd an.

„Das werden sie“, stimmt Gina zu, „ich habe sie auf alle Eventualitäten vorbereitet. Ich bin sozusagen der Knast-Coach.“

„Ist das nicht ein Film mit diesem Lockenkopf und Kevin Hart?“, fragt Amy.

„Richtig“, antwortet Gina stolz, „irgendwie musste ich mich ja auf meine neue Rolle vorbereiten.“

Ich bin froh, sie zu haben. Nicht allein zu sein. Nicht nur Jake treibt mich an, sondern auch das 99. Wir halten zusammen. Und wir werden die beiden rausholen.

Koste es, was es wolle.
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