Dive [Brooklyn 99]

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
15.06.2019
02.10.2019
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Es ist ein Wunder, dass wir es schaffen, Carter aufzutreiben. Keines zu unseren Gunsten, wie sich herausstellen soll. Wir arbeiten Tag und Nacht. Ohne Pause. Kevin versorgt uns mit Essen und kümmert sich um Bean und Bubbles, die ich vorrübergehend in Holts Haus einquartiert habe. Amy und Terry geht er eher durch Zufall ins Netz und für einen Moment herrscht Euphorie.

Doch das Verhör läuft nicht wie erwünscht. Was für ein Irrglaube, zu denken, er wolle uns helfen. Er hat das FBI gleichzeitig auf seiner Seite und im Nacken. Und er kann Cops, die ihm seit Jahren etwas nachweisen wollen, ans Bein pissen. Wir liefern ihm sozusagen den perfekten Grund, auf keinen Deal einzugehen.

„Ich sage nichts.“

„Du gehst lieber für alles in den Knast, als einen Deal zu kriegen?“, frage ich verständnislos.

„Ja“, sagt er, „und die Bullen nehme ich mit. Was glaubt ihr, wies für sie wird, wenn sie da eingesperrt sind, wo alle nur darauf warten, ihnen wieder zu begegnen?“

Ich schweige. Darf mir nichts anmerken lassen. Eine Pause entsteht.

„Du schlägst den Deal aus und schützt Agent Benson?“

„Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.“

Vor mir sitzt ein Junge. Avery Carter ist jünger als ich, wesentlich jünger, und unter ihm eine kriminelle Organisation, die schon seit Jahren unerschütterlich besteht. Das hier war unsere Chance. Etwas anderes haben wir nicht. Und es ist fehlgeschlagen. Carter wird nach den FBI-Regeln spielen. Wer weiß, mit was sie ihn bedrohen oder bestechen. Wir werden es nie erfahren.

Und dann wird er von der Anklage aus Zeuge aufgeführt. Es geht um 20 Jahre. Zwanzig Jahre. Zwanzig fucking Jahre. Und der Zeuge ist ein mehrfach vorbestrafter hochkrimineller junger Mann, der uns „ans Bein pissen“ will.

„Mr Carter“, der Anwalt der Anklage lässt seinen Blick durch den Saal schweifen, „können Sie auf die Personen zeigen, die Sie bei den Überfällen auf die Geldtransporter begleitet haben?“

Benson sitzt in der ersten Reihe schräg von mir und verzieht keine Miene. Ich schließe die Augen und als ich sie wieder öffne, zeigt Avery Carter auf Jake und Rosa. Gemurmel geht durch den Saal. Der Richter verlangt hammerklopfend Ruhe. Ich weiß, dass wir nichts mehr tun können, dass sie zusammenhalten wie eine Wand. Das das Urteil gesprochen werden wird, ein Urteil, es gibt ein Urteil. Gina hält meine Hand. Ich halte ihre. Fest umklammert. Ich muss wieder zu Atem kommen, aber es gelingt mir nicht. Ich ertrinke und ersticke. Ich will Jake berühren, ihn in den Arm nehmen. Aber uns trennt nicht nur die hölzerne Balustrade. Ganz Amerika scheint zwischen uns zu stehen. Die Geschworenen verlassen den Raum. Ich habe sie die ganze Zeit über im Auge behalten und mir vorgestellt, wie sie leben. Wie sie den Fall einschätzen. Ob sie das Spiel erkennen, dass hier gespielt wird. Wie könnten sie? Rosa und Jake haben alles getan, das 99. hat alles getan. Unsere Aussagen haben sich gedeckt. Der Fall Parker, Benjamin, Benson, … Wir rollen alles auf. Jedes Detail. Ich gebe mir Mühe, überzeugend zu klingen, aber ich glaube, ich klinge nur wie eine Freundin, die nicht will, dass ihr Freund für zwanzig Jahre in den Knast geht. Ich glaube, sie verurteilen mich. Stellen sich vor, wie ich das verschwundene Geld in unserem Kleiderschrank versteckt habe und davon lebe, während ich jeden ersten Sonntag im Monat auf der anderen Seite einer Glasscheibe den Telefonhörer in die Hand nehme und Jake verspreche, auf ihn zu warten.

„Ich habe Angst“, sage ich in die betroffene Runde. Niemand reagiert darauf. Wir wissen, uns geht es allen gleich. Vielleicht trifft es mich ein bisschen härter. Meine beste Freundin und mein Freund werden aus ihrem und meinem und unseren gemeinsamen Leben gerissen. Vor diesem Moment kann man nur Angst haben. Der Gedanke, zwanzig Jahre lang von ihnen getrennt zu sein, kann einem nur Angst machen. Mir ist übel. Wenn das Urteil verkündet wird, kann ich nicht versprechen, dass ich mich nicht übergeben werde. Nicht zu wissen, wie es den beiden geht, natürlich geht es ihnen beschissen, nicht zu wissen, was sie denken oder ob sie schon aufgegeben haben. Das ist die wahre Folter.

„Egal, was kommt“, sagt Charles gedämpft, „wir werden nicht aufgeben.“

„Selbstverständlich nicht“, stimmt Holt zu, „aufgeben gehört nicht zu unserem Repertoire.“

Zu Ihrem vielleicht nicht, Captain, aber ich habe das Gefühl, dass bei mir eine Zeit kommen wird, in der ich nicht mehr weitermachen will. Ich habe nie aufgegeben, bei gar nichts, habe ständig alles gegeben, für die Gerechtigkeit, für die Liebe, für mich.

„Sind die Geschworenen zu einem Urteil gelangt?“

Sind sie. Und als die erste Geschworene sich erhebt, um die Entscheidung zu verkünden, greife ich nach Ginas Arm und kralle mich daran fest, als ginge es um mich. Das tut es nicht. Nicht wirklich. Ich starre in Jakes Nacken und spüre, dass er sich zu mir umdrehen und sagen will, dass alles gut wird. Aber er tut es nicht und genauso gut weiß er, dass nichts gut werden wird.

„Wie befinden Sie die Angeklagten?“

Tick, tick, tick. Die längsten Millisekunden meines Lebens.

„Für schuldig, euer Ehren.“

Ginas Hand rutscht wieder in meine. Sie presst meine Finger zusammen. Jake ist aufgesprungen, während Rosa in sich zusammengesunken ist. Ich will über die Absperrung klettern. Man hat mir die Luft zum Atmen genommen und meine Lungen brennen, aber niemand achtet auf mich. Der Richter fährt fort und beendet die Verhandlung schließlich. Die Haft ist unverzüglich anzutreten. Unverzüglich. Kein Abschiedskuss. Keine Umarmung. Keine letzten Worte. Wir werden auseinandergerissen wie Papier. Und so brutal fühlt es sich auch an. Als würde man mich in kleine Fetzen zerrissen.

„Bitte!“, flehe ich den Anwalt auf dem Flur an, „holen Sie wenigstens zwei Tage raus. Bitte. Zwei Tage, in denen sie sich verabschieden und ihre Angelegenheiten regeln können. Bitte!“

„Laut dem Richter besteht akute Fluchtgefahr“, sagt er bedauernd, „ich fürchte, da kann ich nichts machen.“

„Versuchen Sie es!“, das kommt nicht von mir, dass kommt von Terry. Und Terry wirkt auf jeden Menschen angsteinflößend. Der Anwalt verzieht das Gesicht, bewegt sich aber zum Richterzimmer hin. Ich nicke Terry dankbar an.

Letztlich werden ihnen 48 Stunden bis zum Haftantritt gewährt. Das könnten unsere letzten gemeinsamen Stunden für eine verdammt lange Zeit sein. Aber daran will ich nicht denken. Nicht, während sie noch andauern.
Als er schließlich kommt, wollen wir nicht mehr miteinander reden. Wir können nicht. Es gibt keine richtigen Worte oder etwas, was wir nicht sowieso beide denken. Wir fallen förmlich übereinander her, ausgehungert und süchtig nach Körperkontakt. Ich habe es so sehr vermisst, ihn anzufassen, dass es weh tut, als es passiert.

„Ist das das letzte Mal?“, frage ich.

„Nein“, raunt er, „nein, ist es nicht.“

Haut auf Haut. Kleine elektrische Stöße. Ich komme mir klein vor, zerbrechlich. Ich weigere mich, dieses Gefühl aufzugeben. Diese Geborgenheit gegen Ungewissheit einzutauschen. Ich will ihn nicht loslassen. Nicht jetzt und nicht nächste Woche, wenn er seine Haft antritt. Dieser Moment wird weh tun. Das tut er jetzt schon. Wie viel intensiver kann der Schmerz noch werden? Diese Stunden werden wir verbissen damit verbringen, sie mit schönen Momenten zu füllen.

Die meiste Zeit verbringen wir mit Sex. Wir beide wissen, dass wir damit ernste Gespräche vermeiden, in denen wir nicht gut sind. Vielleicht ist das ein Fehler, aber wir sind überfordert. Ich sehe mich Briefe schreiben und die Besuchstermine im Kalender anstreichen, vermeide es, an Feiertage zu denken, an Geburtstage, an jeden Moment, in dem er mir besonders fehlen wird. Feierabende, Gassirunden mit den Hunden, die Besuche bei seiner Mum. Scheiße, scheiße, scheiße. Verdammt. Die Zeiten sind vorbei. Einfach vorbei. Mein Hass auf Benson und Carter ist längst ins Unermessliche gestiegen.
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