Dive [Brooklyn 99]

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
15.06.2019
02.10.2019
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If God has a master plan
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Depeche Mode - Precious



Das eingeschlagene Fenster melde ich. Auch wenn es nichts bringen wird. Es können Jugendliche gewesen sein oder jemand, der von Benson geschickt worden ist, um mir Angst zu machen. Beweise sind das A und O. Und ich habe keine. Blöd gelaufen.

„Jemand hat ein Fenster eingeschlagen?“, fragt Jake, „wieso hast du mich nicht angerufen?“

Er lehnt auf meinem Schreibtisch und ich kann seinem besorgten Blick nicht ausweichen.

„Wieso, Jake?“, ich runzle die Stirn, „hast du den ganzen gestrigen Tag vergessen, oder …?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Uns geht es gut. Den Hunden ist nichts passiert. Ein befreundeter Handwerker von Gina repariert das Fenster morgen.“

„Es geht mir nicht über das scheiß Fenster.“

Nein, mir auch nicht. Es geht um Sicherheit. Vertrauen. Es geht um uns. Und ich hasse es, dass ich das denke. Arbeit und Beziehung zu trennen gelingt nicht, wenn er sie dauernd miteinander vermischt. Oder ich? Ich klicke unablässig mit dem Kugelschreiber.

„Ich weiß du bist sauer, aber kannst du mir wenigstens in Aussicht stellen, dass sich das wieder einrenken wird?“, fragt er leise. Ich lasse den Kugelschreiber sinken und lasse es mir für einen Moment durch den Kopf gehen.

„Du hast mich über zwei Monate lang belogen.“

„Ich weiß. Ich bin ein Idiot.“

„Bist du“, sage ich.

„Machst du mit mir Schluss?“

„Nein!“, darauf kann ich ganz entschieden antworten. Ich habe eine Trennung gar nicht in Erwägung gezogen. Es ist keine Kleinigkeit, aber es ist nicht der Grund für eine Trennung.

„Gott sei Dank“, er wischt sich imaginären Schweiß von der Stirn. Einer meiner Mundwinkel hebt sich. Er wird mich immer zum lachen bringen, egal, wie wütend ich bin.

„Lass mir noch ein paar Tage Zeit“, räume ich ein.

„Ein paar Tage?“

„Ja. Die Wohnung ist leer ohne dich.“

Wieder so ein Satz, an den ich mich noch lange werde erinnern können. Und der verknüpft sein wird mit einer schlimmen und dunklen Zeit, die von diesem Moment keine zehn Minuten entfernt ist.

„Vermissen die Hunde mich?“

„Sie fragen ständig nach dir.“

Ein „ping“ kündigt das Öffnen der Aufzugstüren an. Ich hebe nur kurz den Blick. Das Geräusch hat sich längst nahtlos in die Hintergrundkulisse meines Lebens eingefügt. Zwei Officer treten heraus und sehen sich suchend um.

„Was wollen die denn hier?“, sage ich mehr zu mir als zu Jake, der meinem Blick folgt. Tick, tick, tick. Terry fragt sie nach dem Grund für ihren Besuch. Ich verstehe ihre Antwort nicht. Tick, tick, tick.

„Jake Peralta und Rosa Diaz, ich verhafte Sie wegen mehrfachen Raubüberfalls“, er spult gelangweilt die Rechte herunter, legt ihnen Handschellen an. Alles um uns herum ist eingefroren. Ich starre ihn ungläubig an. Das ist also das große Finale? Das hat Benson geplant?

„Worum geht es hier?“, Holt stellt sich ihnen in den Weg, bevor sie sie in den Aufzug führen können.

„Darüber dürfen wir nicht sprechen“, antwortet der Beamte, „machen Sie bitte den Weg frei.“

Das tut er, widerwillig zwar, aber er muss. Jake und Rosa protestieren nicht. Sie wehren sich nicht. Sie wissen, dass es das nicht besser machen würde. Das sie einen Fehler begangen haben. Worum auch immer es geht, niemand glaubt, dass Benson halbe Sachen macht. Der Stein war das eine, ein winziger Anfang, der kleinstmögliche vielleicht.

„Ich werde telefonieren, um zu erfahren, womit wir es zutun haben“, sagt Holt. Ich weiß nicht, ob niemand etwas gesagt hat oder ob ich bloß ausgeblendet habe, was um mich herum geschieht. Ich weiß nur, dass ich Angst vor der Antwort habe.
Wir sitzen alle zusammen im Pausenraum und warten auf Holt. Mein Blick fällt mehrmals auf Jakes leeren Schreibtisch. Ich muss daran denken, wie sauer ich auf die beiden gewesen bin. Holt Bürotür öffnet sich. Ich umklammere meine Kaffeetasse. Es ist das erste Mal, dass Charles sich in der Dosierung vertan hat. Wir sind alle aufgeregt. Ängstlich. Wir drängen uns aneinander wie Hühner.

„Ihre Fingerabdrücke wurden an zwei Tatorten gefunden“, sagt Holt ohne Umschweife.

„Was für Tatorte?“, fragt Gina.

„Überfälle auf Geldtransporter.“

„Wie kann das sein?“, fragt Amy, „wir alle wissen, dass sie nichts damit zu tun haben.“

„Selbstverständlich haben sie das nicht“, sagt Holt, „ich denke, wir haben es hier mit Benson zu tun und möglicherweise ist er nicht der einzige Beamte, der gemeinsame Sache mir Avery Carter macht.“

„Wir haben ihnen Angst gemacht“, schlussfolgert Charles, „das ist etwas Gutes, oder?“

„Sie haben sie verhaftet!“, schreie ich, „sie haben sie mitgenommen!“

Es platzt aus mir heraus. Die aufgestaute Wut, die Angst, die seit gestern Abend mehr den je in mir brodelt.

„Wie geht es jetzt weiter?“, fragt Terry.

„Sie werden gute Anwälte benötigen. Die besten“, sagt Holt, „wir werden alles tun, um zu beweisen, dass ihre Fingerabdrücke und Haare platziert worden sind.“

„Wie sollen wir das machen?“, will Amy wissen.

„Indem wir Carter verhaften und ihm den bestmöglichen Deal beschaffen“, antwortet Holt, „wenn er bezeugt, dass er nie Kontakt zu Diaz und Peralta hatte, dann haben wir eine Chance.“

Eine Chance. Wir haben nicht mehr als eine Chance.

Es dauert knapp zwei Tage, bis ich Jake sehen kann. In einem kalten grauen Raum in einem Gefängnis. U-Haft. Vorerst. Die Anhörung ist für nächste Woche angesetzt, schneller als gewöhnlich, weil die Anklage sie über Kontakte vorangetrieben hat. Sie wollen die beiden loswerden. Besser heute als morgen. Aber darum geht es mir gar nicht, als er hineingeführt wird. Wir dürfen uns nicht berühren. Nicht mal die Fingerspitzen aneinanderlegen. Er sieht schlimm aus. Übermüdet. Traurig. Leer. Ich würde nichts lieber tun, als nach ihm zu greifen, in jedem Sinne, sein Gesicht in meine Hände nehmen. Ihn küssen. Es sind erst zwei Tage. Nur zwei Tage. Jeder weitere ist eine Zumutung, gegen die ich nichts unternehmen kann. Ich habe in jede Richtung gedacht. Zuletzt daran, Carter auf Knien und unter Tränen anzuflehen, uns zu helfen. Natürlich würde er es nicht tun. Weshalb auch? Wir sind Cops. Der Feind. Aber mir gehen langsam die Ideen aus und ich mag dieses Gefühl nicht.

„Wie geht’s dir?“, frage ich ihn, „ist es sehr schlimm?“

„Es geht“, sagt er, „kein Wunder, dass sie uns hassen, wenn sie wegen uns hier enden.“

„Wir tun alles, was wir können“, versichere ich ihm.

„Das weiß ich. Wie geht es Rosa?“

„Ich war noch nicht bei ihr. Amy besucht sie heute“, sage ich, „sie ist taff. So wie du. Ihr packt das.“

„Ivy?“

„Ja?“

Mir schießen die Tränen in die Augen. Die Art, wie er meinen Namen sagt, dass er ihn überhaupt sagt, verheißt nichts Gutes.

„Falls sie damit durchkommen …“

„Nein!“

„Wir müssen darüber reden“, sagt er.

„Noch nicht“, bitte ich weinerlich, „nicht heute. Sie werden nicht damit durchkommen.“

Die Sicherheit, die aus mir spricht, empfinde ich nicht wirklich. Zweifel sind mein ständiger Begleiter. Aber Jake zuliebe bewahre ich zumindest eine gewisse Haltung.

„Ich will nur, dass du es in Betracht ziehst.“

„Tue ich“, sage ich, „auch wenn ich das nicht will.“

„Ich auch nicht“, antwortet er und sein Lächeln ist wie ein Splitter in der Handfläche. Schmerzhaft. Und es lässt nicht nach. Was für ein zerbrechlicher Moment. Was für ein besonderer Moment. Jeder, der noch kommen wird, wird ähnlich besonders sein. Besonders kraftzehrend auf aufreibend, aber auch besonders intensiv. Ich nehme ihn viel näher war. Unsere Beziehung viel stärker.

„Bist du mir immer noch sauer?“, fragt er mit diesem bubenhaften Grinsen, das ihn so jung macht.

„Nein.“

„Dafür musste ich in den Knast“, er lacht. Ich zwinge mich, auch zu lachen. Für ihn. Dabei ist mir zu Heulen zumute.

„Wenn ich hier rauskomme, fahren wir weg“, sagt er.

„Und wohin fahren wir?“

„Ans Meer.“

„Hört sich gut an“, sage ich. Dann muss ich gehen. Ich weiß noch nicht, wann ich wiederkomme, aber wenigstens konnte ich einen Anwalt auftreiben, der einen fantastischen Ruf genießt und Rosa und Jake vertreten wird. Ich habe ihn angebettelt, es zu tun, auch wenn das nicht nötig gewesen wäre. Ich musste ihm nur den Fall darlegen und er war sofort einverstanden. Ein kleiner Lichtblick. Ich hangle mich daran entlang, immer noch in der Hoffnung, dass ich aufwache und alles war ein Traum. Das „ich liebe dich“ zum Abschied bringt mich so durch den Tag. Den anderen erzähle ich, dass es Jake gut gehe. Charles zieht vorrübergehend bei mir ein, weil ich es nicht aushalte, allein in der Wohnung zu sein. Jake hinterlässt Spuren. Lieblingscornflakes. Leere Flaschen. Seine Zahnbürste. Ungewaschene Shirts ganz unten im Wäschekorb. Und dann warten wir weiter. Und arbeiten. Und versuchen, schneller zu sein als die Zeit.
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