Dive [Brooklyn 99]

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
15.06.2019
02.10.2019
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I built me a castle
With dragons and kings
And I'd ride off with them
As I stood by my window
And looked out on those
Brooklyn Roads

Neil Diamond - Brooklyn Roads


Captain Holt hat das 99. Revier in den höchsten Tönen gelobt. Ungewohnt lebhaft und überschwänglich. Ungewohnt, aber umso überzeugender. Er wollte mich für sein Team gewinnen und als ich schließlich nachgab, ging alles ganz schnell. Der Umzug nach Brooklyn, die neue Wohnung, die in keiner besonders guten Ecke liegt, die längst überfällige Trennung von Ben, die ich vor mir hergeschoben habe, weil ich nicht wusste, ob ich so schnell eine neue Bleibe in L.A. finden würde. Alles hat sich gefügt und ich bin gefolgt.

„Schön, dass Sie da sind“, Holts Miene verändert sich zwar nicht, aber ich meine, so etwas wie Freude in seinem Blick lesen zu können.

„Danke, Captain“, sage ich. Meine Finger gleiten über den Saum meiner schwarzen Bluse. Ich bin nervös. Ein Neuanfang ist nie leicht. Ich bin schlecht darin, Namen mit Gesichtern zu verknüpfen. Es spricht vieles dagegen, hier zu sein, und trotzdem stehe ich in Captain Holts Büro, eine Schar an Detectives im Rücken, wie Wölfe, die auf ihre nächste Mahlzeit warten.

„Ich hoffe, Sie konnten sich bereits etwas einleben. Gina wird Ihnen Ihren neuen Arbeitsplatz und alles weitere zeigen. Ich habe sie vorerst einem Fall zugeteilt, der von Detective Peralta bearbeitet wird. Lassen Sie sich nicht von seiner Art irritieren.“
Von seiner Art irritieren lassen? Hört sich ja vielversprechend an. Entweder, er ist ein Idiot oder überheblich. Pest und Cholera. Ich verkneife mir jeden Kommentar. Ich werde in jedem Sinne vorbildlich sein.

Gina Linetti, eine lebendige Frau, die kein Blatt vor den Mund zu nehmen scheint, deutet auf einen freien Schreibtisch gegenüber von einem dunkelhaarigen schmalen Mann, der mir freudig zuwinkt.

„Charles. Charles Boyle“, stellt er sich vor und schüttelt mir fest die Hand, „wir sind Schreibtischpartner! In meiner Schublade befindet sich immer etwas zu naschen, wenn der Papierkram mal wieder überhand nimmt.“

„Charles! Lass sie bitte erst ankommen, bevor du sie verschreckst!“, weist Gina ihn streng an. Dann deutet sie auf die Schreibtischkante.

„Das Schild wird morgen angebracht. Ivy Diver, richtig? Ein klangvoller Name. Diver. Tauchen Sie?“

„Ich halte mich von offenen Gewässern fern, wenn es geht.“

„Angst vor Haien? Verbreitet“, winkt sie ab, „man kann nicht alle Tiere lieben.“
Verwirrt sehe ich sie an.

„Ich rede viel. Und gerne. Betrachten Sie meine Stimme als Geschenk. Ein Segen. Für die Welt.“

„Okay“, ich sehe verunsichert zurück zu Captain Holt, der die Augen verdreht. Charles ist für das geheime Süßigkeitendepot zuständig, Gina für die ungefragte Beschallung. Got it.

„Jake, dass ist Detective Diver. Der Captain hat Sie für den Johnson-Fall eingeteilt, also versuch, dich zusammenzureißen“, sie neckt ihn. Offenbar kennen sie sich gut. Ich wusste, ich würde es schwer haben, den Erzählungen nach, die Detective Holt bei einigen gemeinsamen Mittagessen mit mir geteilt hat. Sie sind ein eingespieltes Team. Und ich der störende Fremdkörper, der hineingeworfen wird. Sinken oder schwimmen, Ivy, sinken oder schwimmen.

„Peralta“, er hält mir die Hand hin. Ich ergreife und schüttle sie kurz. Der Mann mit der irritierenden Art. Nun gut. Wortkarg, irgendwie abweisend, vorerst nicht weiter interessant. Das wir zusammen arbeiten werden, kann gut oder verdammt schlecht ausgehen, aber ich lasse mich überraschen. Er ist der beste Detective, dass weiß ich von Holt, aber mehr war ihm nicht zu entlocken. Ich sollte unvoreingenommen ankommen.

„Das ist der Sergeant.“
Der Mann ist gute zwei Meter groß und besteht nur aus Muskeln. Meine 1,65 kamen mir noch nie so bemitleidenswert winzig vor. In einem vorherigen Leben muss er Bodybuilder gewesen sein. Seine Hemdnähte spannen sich über baumstammgroße Oberarme. Die Verdächtigen legen sich wahrscheinlich selbst die Handschellen an, wenn er sie stellt.

„Willkommen“, sagt er, „Terry Jeffords. Ich freue mich, eine weitere Frau in meinem Team zu haben. Ist gut fürs Arbeitsklima. Und Terry liebt ein gutes Arbeitsklima.“

„Ich habe nur Gutes über Sie gehört“, gebe ich zurück, „Captain Holt scheint ein großer Fan Ihrer Arbeit zu sein.“
Er ist geschmeichelt. Gut. Mir war klar, dass der Captain der Schwachpunkt der meisten hier sein würde. Er ist unnahbar. Im Grunde weiß man nichts über ihn, wenn er es einen nicht wissen lassen möchte. Aus irgendeinem Grund hat er beschlossen, mich leiden zu können. Dabei teilen wir bis auf die Liebe zum Beruf keine nennenswerten Gemeinsamkeiten.

„Das sind Detective Santiago und Detective Diaz.“
Zwei dunkelhaarige Frauen kommen mit vollen Kaffeetassen aus der kleinen Küche auf uns zu. Ich nicke ihnen freundlich zu. Eine sieht weich aus, die andere schlecht gelaunt.

„Sind Sie aus L.A.?“, fragt Santiago, die Weichere. Sie klingt fast aufgeregt.

„Ja“, ich dachte, Holt hätte noch nichts über mich erzählt? Ich habe ihn darum gebeten, möglichst wenig Informationen zu teilen. Aus verschiedenen Gründen.

„Ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen. Erst vor ein paar Wochen“, sagt sie erfreut, „Detective Ivy Gibson Diver, richtig?“

„Ivy reicht völlig.“
Ich spüre, dass mir die Hitze in die Wangen steigt. Ich bin noch immer nervös. Ich hatte darauf gehofft, dass ich ein völlig unbeschriebenes Blatt sein könnte. Zumindest in den ersten Wochen. Ich hoffe, dass sie das Thema ruhen lässt, aber Gina hat ihr Handy gezückt und meinen Namen schneller in die Suchmaschine eingegeben, als Santiago ihn hat sagen können.

„Oh mein Gott! Ist ja der Wahnsinn!“, sie dreht das Handy herum und hält es dem Sergeant unter die Nase. Er überfliegt die Zeilen und die anderen drängen sich um ihn herum, um ebenfalls einen Blick zu erhaschen.

„Sie wurden schwer verletzt“, er mustert mich eindringlich, „sind Sie vollkommen genesen? Einige meiner Detectives sehen eine Krankschreibung als nett gemeinte Empfehlung, die man nicht ernst nehmen muss, aber ich bin der Meinung, dass die Gesundheit immer vorgeht.“
Ich sehe nur flüchtig, wie Peralta die Augen verdreht.

„Das ist ewig her“, sage ich, „ich bin fit.“
Bin ich. Ich schlafe schlecht und rauche wieder, aber abgesehen davon erinnern nur noch verblassende Narben an den Vorfall.

„Sie werden hier gut klarkommen“, befindet Gina zufrieden, „außerdem sehen Sie toll aus. Ich meine, wow, Sie waren fast tot.“

„Ja, ähm, danke.“
Gut das ich noch lebe, sonst wäre mir das hier entgangen.

„Haben Sie ein Licht gesehen?“, fragt die schlecht gelaunt aussehende Frau. Ich schüttle den Kopf. Nein, ich war eigentlich tagelang ohnmächtig und kann mich an nichts erinnern. Es war nicht, wie in Büchern und Filmen so ausführlich beschrieben. Es war ganz und gar nicht magisch oder lebensverändert. Letzteres vielleicht ein bisschen, aber nicht so, wie ich es mir gewünscht habe.

„Rosa!“, Santiago stößt ihr in die Seite.

„Was denn, man wird ja wohl noch fragen dürfen.“

„Kein Licht“, versichere ich ihr, „eher viel Blut und panische Menschen, die sich über mich gebeugt haben, um nach einem Puls zu suchen.“
Santiago verzieht das Gesicht. Gina sieht aus als würde ich vom besten Tag meines, und ihres, Lebens erzählen. Während der Sergeant gerührt zu sein scheint, ist Rosa denkbar unbeeindruckt.

„Tut mir leid, wenn ich Sie enttäuscht habe.“

„Schon gut“, brummt sie.
Okay, das hier wird interessant.
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