Die weiße Frau

von CAMIR
GeschichteRomanze, Horror / P18
12.06.2019
13.09.2019
6
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Boston 1878

Die Feder machte kratzende Geräusche, als sie über das Papier glitt. Schnörkellose aber akkurate Lettern füllten das Blatt langsam, geführt von einer zierlichen Frauenhand. Ab und an blickte die Schreiberin nachdenklich auf, blickte ins Leere und sammelte sich, bevor sie die Feder erneut in die schwarze Tusche tunkte und weitere Worte zu Papier brachte. Trotz ihrer inneren Unruhe und Nervosität zwang sie sich zur Ordnung. Was geschehen war, war nicht rückgängig zu machen und sie wollte das auch gar nicht. Auf dem Papier wuchs stetig der plumpe Versuch einer Rechtfertigung für etwas, das nicht zu entschuldigen war.

Als die weiße hölzerne Tür zu ihrem Schreibzimmer aufflog fuhr sie instinktiv herum, obwohl sie genau wusste, was nun passieren würde. Ihre Rechtfertigung kam zu spät. Flink legte sie die Feder in die dafür vorgesehene Vertiefung am Tuschefass und verdeckte das Papier. Dann stand sie auf, gefasst auf das nun folgende Urteil wartend.

Die schwarze Silhouette im Türrahmen wirkte durch das Gegenlicht bedrohlich. Obwohl die junge Frau den Mann, der dort stand, kannte, war er ihr in diesem Moment fremd.

„Weißt du überhaupt, was du getan hast?!“ brüllte er zornerfüllt. Er war außer sich. Seine sonst attraktiven Gesichtszüge waren durch die Wut bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, machten ihn nicht nur hässlich, sondern brachten etwas Dämonisches in ihm hervor.

„Ja“, sagte die junge Frau ruhig. Ihr Vater brauchte nicht zu sehen, dass sie sich an den Schreibtisch hinter sich klammerte und so den Halt suchte. Ihre Finger tasteten nach dem beschriebenen Papier, das sie Sekunden zuvor noch verstecken wollte.

„Du hast mich entehrt. Du hast unsere Familie zum Gespött der Leute gemacht!“ Banker Jonathan Jamieson war ein strenger Mann, der es durch harte Arbeit und Disziplin zu Wohlstand und sozialem Ansehen gebracht hatte. Und seine Tochter Julia hatte all das durch ihren Starrsinn gefährdet. Und sie würde es wieder tun, das wusste sie in dem Moment, als sie in die harten Augen des Vaters blickte. Und doch gab es ihr einen Stich, ihm das angetan zu haben – es ihm antun zu müssen. Sie konnte selbst nicht erklären, was an jenem Abend in sie gefahren war.

„Es tut mir leid,“ sagte sie leise, aber es war bereits zu spät. Mit schnellen Schritten hatte ihr Vater das Zimmer durchquert und packte sie am Kragen ihres Kleides. Dann traf seine Faust ihr Gesicht.

Wie eine Puppe fiel sie in sich zusammen als das knackende Geräusch ertönte. Sie leistete keinen Widerstand, gab keine Widerworte von sich, sondern ließ es einfach geschehen. Sie hatte die Strafe und seine Wut verdient.

Er trat nahe an sie heran, bückte sich, packte sie an den Kleidern und zerrte sie auf die Füße. Mit hartem Griff packte er ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. In seinem Blick glaubte sie Bedauern zu sehen, eine stumme Bitte, sie möge etwas sagen, dass ihm helfen konnte aufzuhören, aber sie blieb stumm.

Er gab ihr zwei Ohrfeigen, die ihren Kopf hin und her schleuderten und stieß sie dann unsanft auf ihr Bett. Sie fiel mit dem Rücken auf die Matratze, die den Fall federte. Aus ihrer Nase rann Blut die Wangen und das Kinn hinunter und tropfte auf ihr weißes Kleid. Julia antwortete noch immer nicht und sie wusste selbst nicht mehr, ob sie es nicht konnte oder nicht wollte. In ihr war etwas zerbrochen. Sie rührte sich nicht, ihr zierlicher, knabenhafter Körper auf unnatürliche Weise verdreht. Den Vater kümmerte das nicht.

Das Zeichen, auf das er gewartet hatte, war nicht gekommen und sein Zorn kannte nun keine Grenzen mehr. Er stürzte sich auf sie, packte sie an den Schultern und schüttelte sie und ließ weiter Ohrfeigen auf sie niederprasseln. Vielleicht erhoffte er sich eine Reaktion, aber seine Tochter entzog sich ihm, indem sie keinerlei Regung zeigte. Der innere Schmerz war stärker als alle körperlichen Wunden, die er ihr zufügen konnte. Er konnte ihr alle Knochen brechen, er konnte sie totschlagen – was blieb war die Schande, die sie über ihn gebracht hatte. Trotz der Gewalt sah sie die Hilflosigkeit ihres Vaters und Tränen rannen in ihre Augen.

Irgendwann kamen keine Schläge mehr. „Ich habe keine Tochter mehr“, kam es kalt von Jonathan Jamieson. Er wischte seine blutige Hand an dem bereits ruinierten Kleid seiner Tochter ab. Julia versuchte, sich aufzusetzen, ihren Vater anzusehen, endlich die Worte zu finden, die ihr im Hals steckengeblieben waren. Stattdessen überkam sie der unbändige Drang zu husten. Überall war Blut – das ihrige. Aus ihrer Nase und ihrem Mund rann es und der metallische Geruch war überall. Ihr wurde übel und sie zwang sich, die Übelkeit herunterzuschlucken. Dann versuchte sie es ein zweites Mal.

„Vater“, kam es schwach von ihr. „Vater, bitte…“

Sie streckte einen Arm nach ihm aus, ließ ihn aber dann wieder auf das Bett fallen. Ihre Kraft reichte nicht aus.

Jonathan Jamieson drehte sich nicht mehr nach ihr um, sondern ging zur Tür.

„Du kannst anfangen deine Sachen zu packen. Du bist unter meinem Dach nicht länger willkommen!“, sagte er kalt über seine Schulter.

Julia versuchte es ein weiteres Mal. „Vater“, rief sie ihm mit krächzender Stimme hinterher. „Bitte lass es mich erklären.“

„Du hast Zeit bis morgen Abend!“

Jonathan ging aus dem Raum und schlug die Tür hinter sich lautstark ins Schloss. Das Schluchzen, das durch das dünne Holz der Tür drang, ignorierte er.
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