Das Gedächtnis der Ewigkeit

GeschichteAllgemein / P16
Aro Caius Chelsea Demetri Didyme Marcus
12.06.2019
12.06.2019
1
1181
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
 
Liebe Leser,

Nachdem die Vorgeschichte zu Renata so gut ankam, was mich erstaunt und wahnsinnig gefreut hat, habe ich nach Beendigung der FF beschlossen, eine weitere dieser Art zu schreiben, diesmal zu Chelsea/Charmion. Ich habe gut drei Monate für die Recherche gebraucht und zudem viele weitere Projekte in Arbeit, sodass ich das erste Kapitel erst jetzt poste. Doch nun möchte ich euch nicht länger aufhalten und entlasse euch in das antike Griechenland. Gebt Acht, es wird gefährlich!





~~~~~~~~~~~~~~




*Lazpa, Griechenland um 1300 v. Chr.*


"Ariah, beeilt Euch!"

Diese Bitte herrschte durch die sternenklare Nacht, der Wind pfiff durch ihre Ohren und hinterließ nichts als Leere. Die Frau stolperte über Steine, die den Weg säumten. Die dünnen Sohlen ihrer Schuhe waren zerlaufen und Stroh stach in ihre Fußsohlen. Ihre Fersen waren blutig von Blasen, doch sie eilte ihrem Mann hinterher, ihr neugeborenes Baby an ihre Brust gedrückt.

Es schien ihr wie eine Ewigkeit, dass ihr dieses kleine Wunder zuteil geworden war, ein Kind zu gebären. Sie liebte ihren Mann und sie liebte ihr Kind, mehr als alles andere auf dieser Welt, doch sie konnte es nicht versorgen. Sie beide waren mittellos und nur durch die Mildtätigkeit anderer hatten sie des Nachts ein Dach über dem Kopf. Doch das auch nicht jede Nacht. Ariah selbst schien keine Milch geben zu können und eine Amme konnten sie sich nicht leisten, geschweige denn Milch für die Kleine zu kaufen. Und so hatte ihr Mann beschlossen, ihre Tochter zu einer Familie zu geben, die sie versorgen könnte. Ariah hatte anfangs heftig protestiert, konnte es sich einfach nicht mehr vorstellen, ohne ihre Tochter zu leben. Der Schmerz darüber brach ihr Herz. So sehr, dass sie ihrem Mann drohte, falls er ihr Kind nehmen sollte, ihn verfluchte und zu den Göttern wünschte. Doch er hatte Recht: Die Kleine hatte keine Zukunft bei ihr. Sie selbst waren so hungrig und erschöpft, dass sie sich nicht sicher war, wie sie diesen Winter überleben sollten. Ihre Tochter sollte nicht mit ihnen leiden müssen und so stählte ihre Mutterliebe den Entschluss, sie abzugeben.

Doch noch war es nicht so weit, noch konnte Ariah ihr Kind an sich drücken, ihrem gleichmäßige Atem lauschen und durch ihr dunkelblondes Haar streichen. Wahrlich, ihre Tochter hatte schwach goldenes Haar, so selten es auch war. Dunkel und lockig zwar, aber Golden. So golden wie ihr Herz, wie ihre Liebe zu ihr.

Ariah weinte nun bittere Tränen, die auf das Tuch tropften, das ihr Kind umschlungen hielt. Sie schluchzte kaum vernehmbar und vergrub ihr Gesicht neben dem ihres Babys und hielt es nahe bei sich. Sie wankte und stürzte zu Boden, ihr Mann hielt inne und ging zu ihr.

"Weib, ich bitte Euch. Mich schmerzt es auch, aber sie wird sonst nicht überleben. Wir können sie nicht versorgen."

Ariah schluchzte nur noch lauter und drückte das Kind an sich, schüttelte immer wieder mit dem Kopf. Ihr Mann kniete sich zu ihr herunter und nahm ihr Kinn sanft in seine Hand.

"Seht mich an."

Sie tat, wie ihr geheißen und trotz dem, dass ihr Tränen die Sicht verschleierten, sah sie ihren Mann deutlich vor sich.

"Sie wird sterben. Hört Ihr mich? Ich liebe Euch und ich liebe Euch dafür, dass Ihr mir dieses größte aller Geschenke gemacht habt, aber es ist unmöglich. Sie braucht eine Familie, die sich ihrer annimmt. Bei uns ist sie noch vor dem Winter bei den Göttern."

Ariah sah hoch zu den Sternen. So klar, wie der Himmel war, war sie sich sicher, dass die Götter ihr gewogen waren. Sie sahen ihr zu, ihr, ihrem Kind in ihrem Elend. Warum sie keine Hilfe schickten, wusste sie nicht, aber sie war auch keine gelehrte Frau. Sie wusste nicht Vieles, aber es genügte, um zu überleben. Sie atmete tief durch und schloss die Augen. Der Wind spielte mit ihrem Haar, das so golden war wie das ihrer Tochter. Helle Wimpern umrahmten ihre großen braunen Augen, ihre rosèfarbenen Lippen waren spröde und zeugten von unzähligen Witterungen. Ihr Gesicht war sonnengebräunt und stellenweise trocken, dreckige Tränenschlieren auf den Wangen. Die Umgebung um sie herum war trocken und fast schon lebensfeindlich. Es gab keinerlei Wuchs von Grün, nur Vertrocknetes und vereinzelt Kakteen. Der Boden war sandig und hart, ihre Füße schmerzten. Eine sanfte Brise wehte, der Wind war dank der Nähe zur Küste kühl und erfrischend in dieser heißen Nacht.

Ariah schrak auf, als sie die Hände ihres Mannes an ihrem Oberarm spürte. Er hob sie hoch, das Baby in ihren Armen. Er strich ihre Tränen fort und küsste sie sanft.

"Vergebt mir, Geliebte."

Ariah erwiderte den Kuss und legte ihren Kopf in seine Halsbeuge, als er ihr dies zuflüsterte. Sie erwiderte nichts darauf, wusste aber, dass ihr Mann sich ihrer Vergebung sicher sein konnte. Er wand sich schließlich aus der Umarmung und ging wieder voran, Ariah folgte ihm. Ihre Tochter war inzwischen in ihren Armen eingeschlafen.

Es dauerte einige Zeit, bis sie Zivilisation an der Küste ausmachen konnte. Ein kleines Fischerdorf lag zu ihren Füßen am Ende des Berges. Ihr Mann lief geradewegs darauf zu und sie folgte ihm bis zu einer kleinen Taverne, in der trotz der Tiefe der Nacht noch Feuer brannte. Ihr Mann nickte ihr schließlich zu und sie wollte brechen. Jetzt, wo es so endgültig schien, konnte sie es nicht. Niemals. Ariah schüttelte den Kopf und drückte ihre Tochter beschützend an sich. Ihr Mann ging zu ihr und wollte ihr sie abnehmen, doch sie ließ ihn nicht.

"Fasst meine Tochter nicht an", wimmerte sie und sie drehte sich weg.

"Sie ist auch meine Tochter. Ihr wollt sie beschützen, das verstehe ich. Aber ich möchte sie vor Unheil bewahren. Noch bevor der Winter kommt..."

"Wir könnten- Vielleicht könnten wir-" Ariah wusste nicht mehr, was sie noch sagen sollte. Ihre Arme wurden schwer, fast noch schwerer als ihr blutendes Herz. Schließlich legte sie die Kleine in seine Arme, nicht jedoch, ohne ihr einen Kuss zu geben. Mehr hatte sie nicht. Nur einen einzigen Kuss.

Ihr Mann legte seine Tochter vor das kleine Haus aus Lehm, sie wimmerte. Er legte noch ein Papyrus hinzu und zog schließlich seine weinende Frau mit sich, Ariah schluchzte und streckte die Hand nach ihrem Baby aus. Als sie weit genug weg war, ließ sie ihre Klage hören, ein tiefer Schrei voller Verlust und Schmerz, den ihre Tochter von fern erwiderte und die sternenklare Nacht verdunkelte.

*


Ariah und ihr Mann würden den nächsten Winter nicht überleben, aber das Leben ihrer kleinen Tochter war gerettet. Am nächsten Morgen fanden die Wirtsleute das Baby und den Papyrus, auf dem in undeutlicher Schrift geschrieben stand:

Wir sind mittellos und können sie nicht versorgen. Sie darf nicht sterben. Ich bitte Euch inständig, nehmt Euch ihrer an. Ihr Name lautet Charmion.

Die Wirtsleute nahmen Charmion auf und schenkten ihr ein neues Zuhause. Während ihre Eltern nicht mehr lebten, fing ihres gerade erst an und es würde aufregender und besonderer werden, als es ihre Mutter Ariah je für möglich gehalten hätte.
Review schreiben
 
 
'