Ein erfolgreicher Diebstahl

von Ginara
OneshotHumor / P6
12.06.2019
12.06.2019
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„Wir sind schon spät dran wir müssen los.“ Genervt blickte Klaus von seiner Zeitung auf. Musste das denn ausgerechnet jetzt sein? Aber seine Frau Trude bestand darauf, dass er sie zum Einkaufen begleitete, wie jeden Freitagnachmittag. „Ja, ja ich komm ja schon.“ „Und bring Otto mit.“ Otto – das war der Haushund. Ein braver Dackel, ein wenig langsam und gebückt vom Alter, manchmal hatte er auch Flöhe und Erkältungen wie das bei Hunden eben so der Fall ist. Erst vor zwei Wochen waren sie mit ihm beim Tierarzt gewesen, welcher nach eingehender Musterung überzeugt war, dass Otto, bei guten fortdauernden Haltungsbedingungen mindestens noch 3 Jahre bleiben würden. Diese Aussicht hatte vor allem bei Trude für Erleichterung gesorgt. Sie war es gewesen, die den Hund vor einer Ewigkeit aus dem Tierheim geholt hatte. Sie hing auch mehr an dem Tier als Klaus, der nicht erwartet hätte, dass der Dackel es so lange machen würde. Wie auch immer. Klaus erhob sich mit einem Seufzen aus dem Sessel, packte Hund und Einkaufskörbe ins Auto und sie fuhren los.

„Bananen brauchen wir auch noch, weißt du, nächste Woche kommen doch meine Freundinnen aus der Aquajogginggruppe und da sollte ich schon eine exzellente Nachspeise zubereiten…“ Weiter hörte Klaus aber schon gar nicht mehr zu. Stattdessen wanderten seine Gedanken zu Otto, der von seiner Frau vor dem Geschäft angebunden wurde weil der Supermarkt wohl kaum der passende Platz für einen Hund ist. „Hund müsste man sein“, dachte Klaus. Nicht einkaufen müssen, sich einfach auf dem Platz vor dem Markt fläzen, bis die Besitzer zurückkamen und…. „Siehst du irgendwo Mangos?“, riss Trude ihn unsanft aus diesem Tagtraum. „Ja, ja ich such ja schon“, erwiderte Klaus etwas unwirsch. Kurze Zeit später, als außer den Mangos auch noch Erdbeeren, Ananas, Joghurt, Putenfleisch und Steak in den Einkaufswagen gewandert waren, bezahlten sie an der Kasse. Das heißt Klaus bezahlte, während Trude den Wagen bereits aus der Tür schob – eine überaus lästige Angewohnheit, bei der Klaus jedes Mal das Gefühl hatte, man könnte seine Frau für eine Ladendiebin halten. Als er plötzlich einen schrillen Schrei von draußen hörte fühlte er sich schon beinahe bestätigt. Mit einem „Ich habs dir doch schon immer gesagt!“ auf den Lippen stürzte er nach draußen, wo er Trude auf dem Boden kauernd vorfand. Den Einkaufswagen hatte sie achtlos stehengelassen, weshalb dieser jetzt teilweise den Ausgang des Marktes blockierte. Der Grund ihrer Aufregung und ihrer stockenden Schluchzer war Otto, der mit glasigen Augen in einer seltsamen Pose dalag. Wäre die Situation einem Film entsprungen, hätte Klaus an dieser Stelle sicher gelacht. Es sah aber auch zu komisch aus: Menschen, welche sich mit ärgerlichem Gesichtsausdruck am türblockierenden Einkaufswagen vorbeizwängten, daraufhin die schniefende Trude entdeckten und den kurzen Anflug von Mitgefühl, den sie empfinden mochten, gleich wieder vergaßen, da sie Klaus anklagend betrachteten. Den toten Hund auf dem Boden sahen sie allerdings nicht, denn Trude hatte sich inzwischen so weit schützend über Otto gebeugt, dass es Klaus Angst wurde, sie könnte einfach vornüberkippen. Etwas unsicher beugte er sich ebenfalls hinab, wenn auch nicht so weit wie sie, und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Die Leute gucken schon Trude“, versuchte er sie zu überzeugen aufzustehen. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Er musste diese absurde Szene auflösen, aber wie sollte er…. „Trude ich hab eine Idee“, begann Klaus zögernd. „Du bleibst erst mal hier bei Otto…“ Als er den Namen ihres frisch verstorbenen Hundes erwähnte, schluchzte seine Frau besonders herzzereißend auf.

Klaus, dem die Aufmerksamkeit der restlichen Kunden furchtbar peinlich war, seufzte innerlich. „Schau ich geh jetzt nochmal rein und hole eine Schachtel, so bringen wir ihn heim. An mehr musst du im Moment gar nicht denken.“ Er war sogar ein wenig stolz auf sich, in dieser chaotischen Lage den Überblick behalten und besonnen und ruhig reagiert zu haben. Trude wandte sich ihm zum ersten Mal seit ihrem unglücklichen Auffinden ihres geliebten Hundes zu. „Ja bitte mach das, gute Idee, ist wohl das Einzige was wir für ihn noch tun können“, murmelte sie vor sich hin. Ihre Augen glänzten verdächtig, allerdings hatte sie aufgehört zu weinen und zu schluchzen. Sie saß mehr oder weniger apathisch da, was Klaus bereits als einen Fortschritt betrachtete.

„Beeil dich und achte darauf, dass sie groß genug ist“, rief sie ihm dann dennoch nach. Damit war sie schon wieder fast die Alte. Klaus hielt also nach einem ausreichend großen Karton für ihren toten Dackel Ausschau, denn dieser hatte was ihm an Höhe fehlte in der Breite dazugewonnen. Schließlich fand er ein ihm geeignet vorkommendes Behältnis. Es handelte sich um eine unter einem Verkaufsregal hervorlugende Fernsehschachtel, welche wohl zum Ausstellungsgerät gehörte. Dieses grinste Klaus aus der Mitte des Regals darüber an. Sonderangebot, nur 699 Euro, war auf einem grellgelben Pappschild zu lesen. Darüber konnte Klaus nur den Kopf schütteln, dennoch war er dankbar eine Unterbringungsmöglichkeit für Otto aufgetrieben zu haben. Die Menschen an der Kasse ignorierend, welche ihn seltsam ansahen und tuschelten, zeigte Klaus die leere Schachtel nur kurz der Kassiererin vor und stürmte – erneut- nach draußen. Trude wartete bereits, gemeinsam legten sie Otto behutsam in seinen Vorabsarg und brachten ihn zum Auto.

Kai hatte das Gefühl, dass heute sein Glückstag war. Auf dem Parkplatz hinter dem Markt wartete er auf seine Kumpels. Sie wollten Bier kaufen, vielleicht etwas Pizza und dann einfach gammeln. Heute würde Kai alle einladen, denn er hatte auf dem Weg hierher einen Zwanzigeuroschein gefunden und war dementsprechend bester Spendierlaune. Als die drei anderen eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit immer noch nicht aufgetaucht waren, beschloss Kai, vorne nachzusehen. Vielleicht hatten sie einfach nur den Treffpunkt falsch…. Er erstarrte. Da hat doch glatt ein Vollidiot seinen neuen Fernseher im offenen Kofferraum gelassen! Wie dämlich, denn das war eine Einladung nach Kais Geschmack. „Gelegenheit macht Diebe“, dachte er während er sich nach allen Seiten umschaute, doch niemand steuerte direkt auf das Auto zu. Er rückte unauffällig immer näher an den geöffneten Kofferraum heran. Ein letzter prüfender Blick zurück zum Geschäft und dann… schnappte Kai sich die Schachtel und ging so schnell er konnte, aber so langsam, dass es nicht auffällig wurde mit dem Karton vor den Bauch gepresst über den Parkplatz, er bog auf den Bürgersteig ein und nahm möglichst viele Seitenstraßen und Umwege zu seiner Wohnung – für den Fall dass man ihn verfolgte.

„Ich hab sofort gesehen dass der Karton zu groß war, sofort!“ ereiferte sich Trude immer wieder. Klaus versuchte inzwischen nicht mehr ihr zu widersprechen, wenn sie ihm erneut sein schlechtes Augenmaß vorwarf. Die beiden waren zum Supermarkt zurückgegangen, was ihnen weitere Seitenblicke von Personal und Kunden einbrachte. Diesmal hatte Trude in fachmännischer Manier Ottos vorletzte Ruhestätte gewählt. Nun befanden sie sich bereits auf dem Rückweg zum Auto. „Endlich hat diese Odyssee ein Ende“, träumte Klaus vor sich hin. Nur noch ein bisschen und er konnte seine Zeitung fertig lesen, eventuell einen Kaffee trinken oder…. „Ihhhhks“ kreischte Trude. Klaus blickte auf. Der Kofferraumdeckel stand noch immer offen aber die Fernsehschachtel fehlte. Wenn es ein Film gewesen wäre…. Stattdessen musste er erneut seine Kräfte aufbieten, um seine Frau zu trösten und Trude schließlich zu überreden mit nach Hause zu kommen und sich von dem ganzen Einkauf erst einmal gründlich zu erholen.

Zur selben Zeit blickten sechs Augenpaare erwartungsvoll zu Kai, der einen Cutter in der Hand hielt und bereit war, die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Gleich nach seiner Ankunft in der sicheren Wohnung hatte er eine SMS an seine Freunde geschrieben: hay kommts alle zu mir hab die flachbildkiste von so deppen abgreifen können aus dem offenen kofferraum lol. Diesmal waren einige sogar überpünktlich gewesen, wie Kai zähneknirschend feststellen musste. Der Stolz auf die Beute, das Lob und die Anerkennung seiner Kumpels machten das jedoch mehr als wett. „Na los Alter, worauf wartest du noch, jetzt mach schon“, drängten sie ihn. Kai setzte den Cutter an, musste daraufhin aber feststellen, dass die Schachtel gar nicht zugeklebt war, was sonst anscheinend niemandem komisch vorkam. Also legte er den Cutter weg und öffnete die Schachtel per Hand. Ein merkwürdiger ekliger Geruch stieg ihnen in die Nase und als sich nun acht Augenpaare über die Öffnung beugten, sahen sie den toten Dackel Otto, der friedlich in seinem Vorabsarg lag.
 
 
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