Alltagssorgen

OneshotAllgemein / P12
Glorfindel
12.06.2019
12.06.2019
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Unsterblichkeit bringt durchaus ungeahnte Probleme mit sich. Man muss die Lebenszeit schließlich irgendwie füllen, am besten mit etwas Sinnvollem, doch das ist irgendwann gar nicht mehr so leicht. Wenn die sinnvollen Sachen, die man gerne tut, getan sind, bleiben nämlich nur noch die eher unliebsamen übrig… [Glorfindel; mentions of: Elrond, Ereinion/Gil-Galad, Erestor, Ecthelion]

A/N: Ja… Wie das immer so ist mit den Plotbunnys: Sie sind mit Vorsicht zu genießen. Reicht man einem die digitale Papierkarotte, kommt flugs ein ganzes Rudel nach, wenn man sich nicht vorsieht – und ich habe mich nicht vorgesehen.
Dies Geschichtchen darf gerne in Kombination mit Sommerregen gelesen werden, immerhin hat Sommerregen auch das Plotbunny hierfür angelockt.






Alltagssorgen


Der Winter behagte ihm nicht, nicht hier zumindest. Damals in Gondolin oder in der Zeit nach seiner Rückkehr in diese Gefilde, in der Zeit an der Küste, war das noch etwas anderes gewesen. Hier jedoch… In den Gärten versiegte die Arbeit, sobald alle Beete, bei denen das notwendig war, mit Tannengrün sorgfältig abgedeckt waren, denn dann war es noch zu früh, um die ersten zarten Pflänzchen für das kommende Jahr vorzuziehen. Und die Orks verkrochen sich zu dieser Jahreszeit obendrein so tief in ihre Höhlen, dass beinahe jeder Versuch, ihnen nachzustellen, zum Scheitern verurteilt war. Bevor sie an der Oberfläche in einen Schneesturm oder eine Lawine gerieten, schienen sie es vorzuziehen, barbarisch von Ihresgleichen zu zehren, anstatt… Allein die Vorstellung ließ ihn innerlich schaudern. Er sollte eigentlich auch gar nicht so sehr über das Verhalten von Orks während des Winters nachdenken. Das führte zu nichts, nur… Missmutig betrachtete er das Pergament vor sich auf dem Schreibpult. Es war leer. So leer wie es nur sein konnte und wenn es nach ihm ginge, würde das so bleiben. Nur ging es nicht nach ihm!

Herr Elronds Vorschlag war im Grundsatz kein Vorschlag gewesen sondern eine unmissverständliche Aufforderung. Er wusste das nach all den Jahrtausenden gut genug, um gar nicht auf den Gedanken verfallen zu können, es anders auszulegen. Einmal ganz davon abgesehen, dass Elrond in diesem Punkt seinem Verwandten, Gil-Galad, so sehr glich, dass jedes Missverstehen von vorneherein ausgeschlossen war. Wie dem letzten Hochkönig der Noldor ging es auch dem Herrn von Bruchtal darum, so viel Wissen wie möglich zusammenzutragen und zu erhalten, um es irgendwann, wenn die Zeit gekommen war, den Zweitgeborenen zu überlassen. In der Hoffnung, sie mögen es weise nutzen und hüten und nicht bloß als fantastische Erzählungen aus längst vergangenen Zeiten in Welten des Unmöglichen abtun und verbannen. Doch in ihrer Kurzlebigkeit und Kurzsichtigkeit würden sie genau das wahrscheinlich tun, trotzdem… Er seufzte leise. Trotzdem saß er nun hier, um ihnen von seinem Leben und der Gnade der Valar, die ihm zuteilgeworden war, zu berichten.

Eigentlich konnte er noch von Glück reden, dass es ihm möglich war, Elronds Aufforderung in seinen eigenen Gemächern nachzukommen. Wobei Gemächer… Ein Zimmer und das war mehr als genug, denn was war er hier? Noch immer der Fürst des Hauses der Goldenen Blume, doch ein Fürst ohne Gefolge und Haus. Wie die Istari war er als Gesandter der Valar zurückgekehrt, durch sein Opfer für die aus Gondolin Fliehenden mit annähernd maiargleicher Macht gesegnet und dazu angehalten, nur im Hintergrund zu wirken, um Sauron Einhalt zu gebieten. Irgendwann. Wenn die rechte Zeit dafür gekommen war. Bis dahin… Bis dahin sollte er mit dem Schreiben wenigstens begonnen haben. Dennoch schweifte sein Blick erneut zum Fenster, ließ ihn in die Betrachtung des winterfesten Gartens versinken. Frost lag als weißer Hauch über den immergrünen Zweigen auf den Beeten, vom hellgrauen Himmel rieselten vereinzelt winzige Flocken. Der Winter kam früh in diesem Jahr und oft genug war das kein gutes Zeichen und für ihn diesmal erst recht nicht. Wenn der Winter sich lange hielt, wenn es lange kalt blieb, dann ließ ihm das mehr Zeit zum Schreiben. Widerwillig richtete er den Blick wieder auf das Pergament.

Wo sollte er überhaupt anfangen? In Valinor? Damit, dass er sich am Sippenmord nicht beteiligt hatte? Wie hätte er auch? Ohne Waffe hätte er es nicht einmal dann gekonnt, wenn er es denn gewollt hätte – was er nicht hatte! Aber war das nicht eine Spur zu selbstgerecht? War es für die Zweitgeborenen überhaupt wichtig zu erfahren, wie Valinor zur Zeit der Bäume gewesen war, wie Morgoth mit Ungoliant gekommen war und die Bäume starben? Der Sippenmord von Alqualonde würde mit Sicherheit die Aufmerksamkeit der Zweitgeborenen erregen, sie waren schließlich selbst so geübt darin, sich gegenseitig umzubringen, fast wie Orks. Oder war es besser, all das nur anzureißen und mit dem erst Aufgang der Sonne und der Ankunft in Mittelerde, in Beleriand zu beginnen? Mit neuerlichem Seufzen stützte er den Kopf auf die Hände und schloss die Augen.

Fragen über Fragen!

Er war doch kein Gelehrter und genauso wenig ein Schreiber oder Sänger! Schreiben konnte, zwangsläufig, das ließ sich schließlich nicht vermeiden, aber sonst? Geschichten hatte er nie verfasst. Briefe, ja. Das musste man als Fürst, doch Briefe waren keine Geschichten und auch sonst von ganz anderer Natur.

Sicher, er könnte Erestor um Rat fragen, aber bisher hatte der Gelehrte nicht den Eindruck gemacht, als würde er sonderlich viel von ihm oder eher gesagt seiner Anwesenheit in der Bibliothek halten. Da Erestor sich jedoch die meiste Zeit über genau dort aufhielt… Nein, das war vermutlich keine gute Idee, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt.

Vielleicht sollte er fürs Erste damit beginnen, zu notieren, was er alles erzählen konnte und danach entscheiden, was von all dem überhaupt erzählenswert war. Für einen Elben mochte es unter Umständen unterhaltsam sein, zu lesen, wie Ecthelion festgestellt hatte, dass er nicht schwimmen konnte und wie der Fürst des Hauses der Quellen diese Angelegenheit kurzentschlossen selbst in die Hand genommen hatte, aber würde ein Mensch daran Interesse haben? Die meisten Menschen konnten ja weder lesen noch schreiben und die wenigen, die dessen mächtig waren, waren Gelehrte und das wiederum waren meist alte Männer und die… Nein, für die waren andere Dinge wichtig. Der Erwerb und Erhalt von Macht, Reichtum und Ansehen, das über den Tod hinaus anhielt – und ein Bericht über elbischen Schwimmunterricht half ihnen bei nichts davon weiter.

Es war zum Haare raufen!

Vielleicht sollte er doch ganz, ganz anders beginnen, wenn es so offensichtlich schon nicht funktionierte, sich einfach hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Einer plötzlichen Eingebung folgend erhob er sich und ging zur Tür.

Wenn er sich nur leise genug verhielt, konnte er, von Erestor womöglich unbemerkt, wenigstens ein Buch über das Erste Zeitalter aus der Bibliothek holen und sich in Ruhe ansehen, wie darin über diese Zeit berichtet wurde. Vielleicht würde ihm das weiterhelfen.

Glorfindel hoffte es zumindest, denn eine bessere Idee hatte er nicht, solange Erestor um Hilfe zu bitten, nicht in Frage kam.

[1000 Wörter]




***

Die Fortsetzung versteckt sich hier: Verzweiflungstat
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