Ein Freund, treuer als der goldenste Hund

GeschichteAllgemein / P12
11.06.2019
17.06.2019
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"Guten Morgen ", begrüßte ich Remus' Vater, als er mir die Tür öffnete.
Er wirkte noch ziemlich verschlafen, aber als er mich sah, schien er überrascht. "Nathaniel? Als du gestern gegangen bist, habe ich nicht erwartet, dass du wiederkommst."
"Warum nicht? Ich hab Remus doch gesagt, dass ich heute komme."
Besagter tauchte plötzlich hinter seinem Vater auf. "Ich dachte nicht, dass du so früh kommst", gähnte er.
Ich runzelte die Stirn. "Früh? Es ist doch schon nach acht."
Remus starrte mich einfach ungläubig an, während sein Vater kopfschüttelnd zurück ins Haus ging. "Ich gehe wieder ins Bett", sagte er noch und ließ uns allein.
Remus sah mich kurz an. "Ich muss mich noch anziehen", murmelte er.
Ich nickte nur und quetschte mich an ihm vorbei. Er schloss hinter mir die Tür und ging in sein Zimmer.
"Warum bist du schon so früh auf?", fragte er nun ein wenig wacher und suchte sich etwas zum Anziehen aus seinem Kleiderschrank.
"Ich leide an Schlaflosigkeit."
"Hä?", machte Remus, während er sich ein T-Shirt überzog.
"Ich kann nicht schlafen."
Er ließ sich neben mich auf sein Bett plumpsen und zog sich die Socken an. "Müsstest du dann nicht eigentlich total müde sein? Du wirkst recht ausgeruht."
Ich grinste schief. "Keine Ahnung. Ich kann einfach nicht schlafen, ist schon seit meiner Geburt so."
Remus war fertig mit Anziehen und sah mir in die Augen. "Was machst du dann in der Nacht?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Meistens schleiche ich mich raus und erkunde die Umgebung. Einmal bin ich durch den gesamten Wald gelaufen. Mum hat sich gefragt, woher ich die ganzen Kratzer hatte." Ich lachte leise.
Remus schien irgendwie erstarrt zu sein. "G-Gehst du jede Nacht raus?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nicht an Vollmond. Da können unsere Nachbarn nie schlafen und sind deshalb immer lange wach. Wenn ich da raus gehe, würden sie mich vielleicht erwischen und mich bei meinen Eltern verpfeifen. Das will ich nicht riskieren."
Remus wirkte überaus erleichtert.
"Aber was machst du eigentlich an Vollmond?", fragte ich ihn, lehnte mich auf dem Bett zurück und beobachtete, wie Remus erneut erstarrte.
"W-Wie meinst du das?", stotterte er und vermied es dabei, mich anzuschauen.
"Ich bin an Vollmond-Tagen immer schlecht gelaunt, weil ich in meinem Zimmer festsitze und da du in der Schule vor mir sitzt, kann ich meine Wut nicht an dir auslassen, denn du bist nicht da. Rund um Vollmond bist du immer krank. Wieso?"
"I-I-Ich w-weiß nicht, was du m-meinst." Remus sah mich währenddessen nicht an.
"Ich hab mal in einem Buch gelesen, dass es Menschen gibt, die sich einmal im Monat an Vollmond in einen Werwolf verwandeln und davon so ausgelaugt sind, dass man die nächsten Tage nicht mit ihnen rechnen kann."
Remus schwieg.
"Bist du ein Werwolf?"
Stille.
Ich sah ihn nicht an, sondern blickte ganz entspannt an seine Zimmerdecke. "Ich denke schon. Immerhin gibt es genug Anzeichen. Mal abgesehen davon, dass dein Vater zaubern kann-"
"Woher weißt du das?", unterbrach Remus mich plötzlich.
"Als er gestern gekommen ist, habe ich kein Auto gehört, nicht mal die Haustür, und mein Gehör ist ziemlich gut. Zu dieser Zeit fahren keine Busse und laufen kam nicht infrage, weil er sonst erschöpfter gewesen wäre."
"Er könnte hier im Dorf arbeiten."
Ich schnaubte. "Wo denn? Das Dorf ist so klein, hier gibt es fast gar nichts!"
Es dauerte eine Weile, bis er das nächste mal etwas sagte. "Warum bist du noch hier?"
Ich sah ihn verwirrt an. Tatsächlich hatte er sich zu mir herumgedreht, sodass ich ihn ansehen konnte. Seine Augen wirkten irgendwie traurig. "Wie meinst du das?"
"Nun, du weißt doch jetzt, was ich für ein Monster bin; wieso bist du trotzdem noch hier?"
Ich schaute einfach nur verständnislos. "Hä? Das wusste ich doch schon vorher. Ich bin hier, weil du gestern gesagt hast, dass du gern mit mir befreundet wärst und weil das auf Gegenseitigkeit beruht. Außerdem hab ich nicht genug Freunde, um besonders wählerisch zu sein, und es gibt durchaus schlimmeres, als einen Werwolf zum Freund zu haben." Beim Letzten grinste ich leicht.
Remus starrte mich mit offenem Mund an. "E-Es stört dich echt nicht?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nö, wieso?"
"Weil ich ein Monster bin!", rief er aus.
"Du bist ein Werwolf, das ist ein Unterschied."
"Nein, ist es nicht!"
"Doch! Außerdem, warum sollte es mich stören? Bei Vollmond bin ich sowieso immer zu Hause. Du könntest mir also nichts tun."
"Sowieso nicht." Er ließ sich nach hinten neben mich fallen - mit ordentlichem Sicherheitsabstand. "Ich bin bei Vollmond in unserem Keller eingesperrt, damit ich niemandem etwas tun kann."
"Siehst du? Wo liegt dein Problem?" Ich drehte mich auf die Seite, sodass ich Remus direkt ansehen konnte.
"Ich bin immer noch ein Werwolf!" Er legte sich ebenfalls so, dass er mir in die Augen sehen konnte. "Ich bin ein gefährliches Monster, das alles und jeden anfallen könnte!"
"Genau! >Könnte<! Wie willst du jemanden verletzten, wenn du doch in eurem Keller eingesperrt bist?"
"Ich werde doch nicht ewig hier bleiben. Theoretisch gehe ich nächstes Jahr auf eine Zauberschule und was mache ich dann?"
Ich wurde plötzlich aufgeregt. "Du gehst auf eine Zauberschule? Welche denn?"
Remus wirkte im ersten Moment verwirrt. "Äh, eigentlich Hogwarts."
"Echt?! Cool, da möchte ich auch unbedingt hin! Dad erzählt immer total begeistert von seiner alten Schule."
"Dein Vater ist auch ein Zauberer?", warf Remus ein.
"Klar. Was glaubst du, weshalb ich deinen so schnell entlarven konnte?"
Er zog ein nachdenkliches Gesicht. "Hab ich mich auch schon gefragt."
"Mum hat erzählt, dass ihre Schwester - also meine Tante - früher auch einen Brief von Hogwarts bekommen hatte. Aber weil sie unbedingt nach Frankreich wollte, haben meine Großeltern sie nach Beauxbatons geschickt."
Remus' Augen leuchteten. "Ist das nicht eine Zauberschule in Frankreich?"
Ich nickte. "Ja, aber ich möchte nicht so weit weg. Ich würde viel lieber nach Hogwarts."
"Ich auch. Außerdem kann ich kein Französisch."
Ich verzog das Gesicht. "Glaub mir, das willst du gar nicht. Wegen meiner Tante musste ich es natürlich lernen, aber nach Beauxbatons will ich deshalb trotzdem nicht."
"Du kannst Französisch?", fragte Remus ungläubig.
Ich nickte.
"Sag mal bitte was!"
"Was."
Er verdrehte die Augen. "Auf Französisch!"
"Ähm... Je m'appelle Nathaniel, j'ai dix ans et j'aime livres."
Er sah mich beinahe ehrfürchtig an. "Und was bedeutet das?"
"Ich heiße Nathaniel, ich bin zehn Jahre alt und ich mag Bücher."
Er lächelte leicht. "Sehr einfallsreich."
Ich grinste. "Ich hab nie behauptet, dass ich gut wäre."
Er wollte gerade etwas erwidern, als die Tür aufging. Remus' Vater lugte herein. "Hey, Jungs. Es gibt heute Lasagne zum Mittag, kommt ihr?"
Remus sah seinen Vater an. "Hat Mum gekocht?"
Er nickte.
"Super. Wir kommen sofort."
Mr Lupin verzog beleidigt das Gesicht, ging aber ohne zu murren.
"Willst du mit uns essen?", fragte Remus mich.
Ich nickte. "Klar. Lasagne klingt vielversprechend."
Und so wurde die Werwolf-Diskussion verschoben.
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