Sommerregen

OneshotHumor, Freundschaft / P12
Erestor Lindir
11.06.2019
11.06.2019
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Ein verregneter Morgen in Bruchtal und Erestor kommt zu dem Schluss, dass Erde unter den Fingernägeln eines Gelehrten nichts zu suchen hat. [Erestor, Lindir; mentions of: Ereinion/Gil-Galad, Glorfindel, Elrond, Turgon]

A/N: Nach langen, langen Monaten war mir tatsächlich wieder einmal danach, hier etwas zu schreiben.
Mein Dank geht an Avarantis.





Sommerregen


Er hatte es erst wahrgenommen, als sein Geist aus den erholsamen Weiten des Ruhens ins Hier und Jetzt, nach Imladris zurückgekehrt war, das leise, gleichmäßige Plätschern des Regens, das sich so sehr vom Rauschen aller anderen Wasser hier unterschied. Am Vorabend hatte nichts so recht auf einen Wetterumschwung dieser Art hingedeutet, hielt Erestor im Stillen fest. Nicht dass es für ihn irgendeinen Unterschied machte, es war nur…

„Es stört dich nicht, nicht wahr?“ Lindir klang unverkennbar heiter.

Er hingegen resignierte. „Nicht im Geringsten.“

Eigentlich wusste er längst, dass der Sänger aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Bruchtals Bibliothek dazu auserkoren hatte, ihm an sommerlichen Regentagen bis zum Abend Unterschlupf zu sein. Abends zog er in der Regel ins Kaminzimmer um, nur bis es soweit war… Es waren nicht Lindirs Lieder oder das Spiel seiner Instrumente das, was ihm bereits jetzt schwer im Magen lag. Das war vielmehr der Umstand, dass der Sänger dazu neigte, zu reden wie ein Wasserfall – wie die Zweitgeborenen zu sagen pflegten –, wann immer er nicht musizierte.

„Dann ist es gut.“ Lindir lachte.

Er hörte, wie Lindir einen Stuhl verrückte, aber eigentlich hätte er es gar nicht hören müssen, um zu wissen, dass er das tat. Das tat er jedes Mal und es war jedes Mal derselbe Stuhl, den er an denselben Fensterbogen rückte. Erestor seufzte lautlos. Vielleicht lag es auch an ihm, vielleicht war er schlicht und einfach ein schlechtgelaunter Elb, der die Gesellschaft von Schriften der Gesellschaft von Elben, Menschen und Zwergen vorzog.

Die ersten zarten Harfentöne erklangen, weckten Erinnerungen an die Zeit am Meer, an eine Zeit, zu der Bruchtal noch nicht einmal ein vager Gedanke gewesen und seine größte Sorge die Unübersichtlichkeit von Ereinions Bibliothek und Archiven gewesen war. Es war ihm nie gelungen, alles zur Gänze zu ordnen. Der letzte Hochkönig der Noldor hatte es sich zum Ziel gesetzt, so viel Wissen wie irgend möglich zusammenzutragen, damit es nicht in den Wirren von Kriegen und Jahrhunderten verloren ging. Ein Ziel, für das er nicht bekannt geworden war. Bedauerlicherweise, wie Erestor insgeheim fand. Eine Bewegung im Garten ließ ihn vom Schreibpult und der Arbeit an einer weiteren Abschrift aufschauen.

Draußen stand Glorfindel zwischen den Kräuter- und Blumenbeeten im Regen, musterte noch für einen Wimpernschlag den wolkengrauen Himmel, ehe er in die Hocke ging. Erestor schüttelte vage den Kopf. Er hatte es wahrlich oft genug beobachtet, um zu wissen, was gleich geschehen würde.

War Elrond schon ein brillanter Heiler und begnadeter Gärtner, so schaffte der goldblonde Noldo es dennoch, ihn im Umgang mit allem, was grünen und blühen konnte, in den Schatten zu stellen. Manchmal konnte es glatt den Eindruck erwecken, Glorfindel müsse ein Samenkorn nur ansehen, damit es keimte und zu einer stattlichen Pflanze heranwuchs, und insgeheim hatte er schon mehr als einmal einen Gedanken daran verschwendet, dass diese Fähigkeit allein es gewesen war, die Turgon einst dazu verleitet hatte, Glorfindel einen Fürstentitel zu verleihen, denn eigentlich… Es hatte ihn in Ereinions Archiven Monate Zeit gekostet, die Abkunft des von den Valar nach Mittelerde zurückgesandten Elben zu rekonstruieren und aus einer Adelsfamilie stammte Glorfindel keinesfalls.

Vorsichtig legte er die Schreibfeder ab. Unten im Garten griff Glorfindel indessen mit bloßen Händen in die nasse Erde eines Beetes, hob ein Löchlein aus und… Ja, wie nicht anders zu erwarten ließ er Samenkörner hineinfallen und schob die Erde dann wieder sorgsam an ihren Platz zurück. Selbst auf die Entfernung konnte er die Erdkrümel ausmachen, die Glorfindels Händen nun anhafteten, ehe dieser ein weiteres Löchlein schuf.

Ihm war es ein Rätsel, warum der Fürst nicht einfach eine kleine Schaufel dafür nahm, wie es vermutlich jeder andere getan hätte. Man musste sich die Finger doch nicht zwingend dermaßen dreckig machen! Und wenn er da nur an diese schwarzen Ränder dachte, welche die Erde unter den Fingernägeln zwangsläufig hinterließ, dann… Innerlich schauderte er. Das könnte er sich gar nicht leisten! Nicht solange er versuchte, zu retten, was noch zu retten war. Die Abschrift eines ganzen Buches dauerte nicht nur bei den Zweitgeborenen Monate, sondern auch bei ihnen. Man durfte sich schließlich keinen Fehler erlauben und Flecken feuchter Erde stellten eindeutig nicht wieder gutzumachende Fehler dar!

„Schickst du ihn nachher wieder so unmissverständlich zum gründlichen Händewaschen, wenn er hier hereinkommt?“ In Lindirs Stimme lag freundlich-übermütiger Schalk.

Er wandte sich zu ihm um, antwortete: „Denkst du, ich würde erdbraune Fingerabdrücke an den Büchern dulden?“

Der Sänger brach in Gelächter aus.

Erestor seufzte lautlos und nahm die Feder wieder auf. Letztes Mal war Lindir der Ansicht gewesen, er verteidige die Unversehrtheit der Bücher in dieser Bibliothek vor Glorfindel wie ein Drache sein Gold vor Dieben – und er war bis heute unsicher, ob dieser Vergleich nun schmeichelhaft war oder nicht.

[777 Wörter]




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Zu einer Fortsetzung des Plots geht's hier entlang: Alltagssorgen
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