Meer der Erinnerung

von Dieyascha
KurzgeschichteRomanze / P18
Alice Der Verrückte Hutmacher
11.06.2019
11.06.2019
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11.06.2019 5.427
 
Philosoph Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.)

»Wer den Hafen nicht kennt, in den er Segeln will, für den ist kein Wind der richtige.«


Gedankenversunken stand Alice an der Reling der Wonder und ließ ihren Blick über den goldenen Horizont schweifen. Es war das Schiff ihres geliebten Vaters, der längst nicht mehr unter ihnen weilte und dennoch ihr Leben so bedeutsam geprägt hatte. Zusammen mit ihrer Mutter Helen hatte die nunmehr 25-jährige Frau innerhalb der letzte zwei Jahre die Kingsleigh & Kingsleigh Trading Company an die Spitze des Handelsmarktes gewirtschaftet und damit der Familie Ascot von ihrer Führung zurück gedrängt. Alice hatte alles erreicht, was sie erreichen wollte. Trotzdem war sie nicht glücklich, so wie sie es eigentlich hätte sein sollen. Etwas entscheidendes fehlte und es hinterließ eine Leere in ihrem Herzen, die sich an der voranschreitenden Zeit labte. Die Ursache dafür war Alice seit Anbeginn klar, aber sie scheute sich noch immer diesen Gedanken zu Ende zu führen. Immerhin war der jungen Frau sehr wohl bewusst, dass, sollte sie dies je tun, einen Pfad betreten würde, welchen sie niemals mehr verlassen konnte.

Der Wind frischte auf und ließ ihr blonden Locken wild um ihr Schultern schlagen, während die Segel des stolzen Schiffes unter der Anstrengung knarzten. Rauschend, beinahe modisch, durchzog der Bug das blaue Wasser, sodass sich ihr Augenmerk auf die weißschäumende Gischt legte. Alice Griff festigte sich unter den sich aufbäumenden Wogen. Da war ein kurzes Glitzern. Ein winziges Funkeln. Rasche Bewegungen die ihr menschliches Auge nicht zu erfassen vermochte und trotzdem ganz deutlich wahrzunehmen waren. Beruhigend schloss sie ihre Lider und atmete einmal tief durch, ehe die junge Frau schließlich mit ihrem Herzen lauschte. Und was sie spürte war ihr vertraut. Es fühlte sich warm und geborgen an. Wie eine wunderschöne Erinnerung, die ihr eine wohlige Gänsehaut bescherte. Das seichte Flüstern der Wellen wurde nach und nach zu einem anschwellenden Chorus, aus welchem sich letztlich eine einzelne Stimme heraus kristallisierte. »Alice« Ihr Namen erklang so klar und deutlich in ihren Ohren, als stünde der Verursacher direkt neben ihr. Erschrocken riss die junge Frau die Augen auf und sah sich verwirrt um. Ihr panisch schlagendes Herz wandte sich schmerzhaft in ihrem Brustkorb, doch da war niemand. Sie war allein. »Eigenartig. Höchst eigenartig«, murmelte sie irritiert und drehte sich nochmals um ihre eigene Achse, um sich ihrer alleinigen Anwesenheit sicher zu sein. Es blieb wie es war. Das Deck war leer. Fahrig glitten ihre schlanken Finger durch ihre langen Haare und vergruben schließlich ihr Gesicht. Wurde sie nach alledem doch verrückt? Begann sie sich inzwischen Dinge einzubinden, die gar nicht da waren? Nicht da sein konnten? Abwehrend schüttelte sie ihr Haupt. Nein, bereits vor dem Frühstück hatte sie schon an 6 unmögliche Dinge gedacht. Eine stete Angewohnheit, die ihr Vater Alice gelehrt hatte, ebenso wie das Wissen um die Tatsache, dass ein wenig Verrücktheit keine negative Eigenschaft darstellte. Schließlich konnte man das Unmögliche nur möglich machen, wenn man die Tollheit besaß fest daran glaubte.

Sie schmunzelte sanft wenn gleich so traurig. Die Erinnerung an ihren Vater und seine oft belächelt Lebenseinstellung war gütig und voller Liebe. Aber in ihr steckte auch eine Kraft, welche sie Antrieb und die ihr mehr als einmal das Leben gerettet hatte. Erneut fixierten Alice Augen die spiegelnde Wasseroberfläche und verlor sich alsbald in den Tiefe des Ozeans. Ihre Gedanken schweiften zurück an einen Ort, den sie früher selbst als Traumwelt verschrien und der trotz allem vollkommen Real erschien. Das Unterland. Drei Mal war sie inzwischen dort gewesen und mindestens ebenso oft hatte sie diesem wehmütig wieder den Rücken gekehrt. 18 Jahre war es nun her, dass sie dieses Reich der Fantasien erstmalig und noch unbeholfen in ihrer kindlichen Gestalt, betreten hatte. Dann, 13 Jahre danach, kehrte sie zurück und rettete es, indem sie den Jabberwocky erschlug und der rote Königin damit ihrer Macht beraubte, sodass sich die Bevölkerung nicht mehr von ihr unterdrücken ließ. Schon damals waren ihr die Bewohner und ihre Wegbegleiter aus Unterland ans Herz gewachsen. Sie alle waren ihren Freunde geworden. Und gleichwohl gab es auch einen unter ihnen, der weitaus mehr ihrer Aufmerksamkeit erregt hatte. So kam es, dass Alice abermals zurückkehrte, als genau diese Person weitere drei Jahre später ihrer Hilfe bedurfte. Der Hutmacher war zu dem Zeitpunkt in keiner guten Verfassung. Schwer erkrankt drohte er seinem Schicksal zu erliegen, was der jungen Frau fast das Herz gebrochen hätte. Doch sie schaffte es zusammen mit ihren Freunden und Mithilfe ihres Glaubens an das Unmögliche ihn zu retten. Nichtsdestoweniger war jegliche Begegnung mit ihm einprägsame gewesen, als es ihr zunächst verständlich und im Nachhinein Recht gewesen wäre. Anfangs war es Sympathie, Freundschaft und eine Zugewandtheit, die sich nach und nach in ein Gefühl von Geborgenheit wandelte. Je häufiger sie auf den schrägen Hutmacher traf, desto tiefer wurde ihre Zuneigung zu ihm, aber sich dies einzugestehen gewährte sie sich nicht. Zu groß war ihre Furcht vor ihren eigenen Gefühlen und sich daraus ergeben Konsequenzen. Immerhin hatte auch sie eine Familie und ein Leben, um das sie sich kümmern musste. Dennoch hatte sie niemals den Ausdruck in seinen Augen vergessen können, mit dem er sie bei ihrem Abschied bedacht hatte. Es verkleidete all die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen in das trügerischen Gewand der Verleugnung und schürte dabei in Alice doch die Gewissheit um deren wahren Bedeutung. Sie seufzte schwer auf als sie sich von der Reling abwandte und kopfschüttelnd in die Kajüte begab. Die allabendliche Kursbesprechung würde in weniger als einer halben Stunde beginnen und als Kapitän dieses Schiffes sollte sie entsprechend darauf vorbereitet sein. Das Unterland dagegen war fern und mittlerweile nur noch eine liebgewonnene Erinnerung, die sie wie ihren wertvollsten Schatz hütete. Sie konnte nicht in beiden Welten leben, das hatte Alice schon damals gewusst, also hatte sie ihre Wahl zugunsten ihrer Familie getroffen. Hier war der Ort wo sie gebraucht wurde.

»Ich denke wir werden unsere Route hier über den Westaltantik fortsetzten und bei Saint Lucia vor Anker gehen, bevor wir uns auf den Heimweg nach England machen«, erklärte Alice nachdenklich, während sie ihre derzeitige Position auf der Seekarte markierte und mit dem Finger den imaginäre Kurs abfuhr. »Ja ich denke das ist eine gute Strategie. Immerhin können wir auf Saint Lucia unsere Lebensmittel- und Süßwasservorräte aufstocken«, pflichtete ihr der Steuermann bei und strich sich mit einem bestätigenden Nicken durch den Bart. Alice sah auf und musterte der älteren Mann der sich zu ihrer Rechten befand mit einem Lächeln, ehe sich ihre Aufmerksamkeit auf den Rest der Anwesenden richtete. Hier an Bord der Wonder herrschte eine Demokratie, wie es bereits ihr Vater vorgelebt hatte und diese Tradition führte auch sie mit ganzem Herzen fort. »Ich stimme dem ebenfalls zu. Außerdem soll dies eine sehr friedliche Insel sein, auf der die Unruhen der Karibik und der vor allen das Gesindel der karibischen Piraten noch keinen Einzug gefunden haben«, schloss der erste Kommandant letztlich den Gedanken, sodass nach einer kurzen Abstimmung der Weg zum nächste Zielhafen einstimmig feststand. Die junge Frau atmete hörbar auf, nachdem sie die Versammlung aufgelöst und auch der letzte Anwesende den Raum verlassen hatte, bevor sie die Karte sorgfältig wieder zusammenrollte und routiniert in ihrem Schreibtisch verstaute. Es war spät geworden und Alice ließ sich müde in den alten Ohrensessel ihres Vaters gleiten. Nichtsdestotrotz war es ein guter Tag gewesen, an welchen sie wieder ein Stück weiter gekommen waren, ohne die Ideale ihres Vaters zu verraten, welche inzwischen ebenfalls zu ihren eigenen geworden waren. Liebevoll wie erinnernd strichen ihre Finger über den roten samtigen Stoff, während sich ein wehmütiges Lächeln auf ihre Lippen legte. Ja, sie vermisste ihn noch immer sehr und wahrscheinlich würde sich das auch niemals zur Gänze ändern. Tief in ihren Gedanken versunken, ließ sie das leise Klopfe an der Tür abrupt aufschrecken. Blinzend sah sie hinüber und sogleich schlich sich ein warmes Schmunzeln auf ihr Gesicht, als sie die vertraute Silhouette ihre Mutter erblickte. »Alice mein Kind, meinst du nicht das du für heute Schluss machen solltest?«, tadelte sie ihre Tochter gutmütig, während sie ihr die dampfende Tasse Tee hinstellte. Es war mittlerweile wie ein Ritual, das sich Abend für Abend wiederholte, seit Alice von ihrem letzte Ausflug ins Unterland zurück gekehrt war. Helen hatte alsbald bemerkt, dass ihre Tochter etwas Besonderes mit dieses Getränk verband und sie diese Erinnerung offenbar positiv beeinflusste. Zwar hatte sie bisher den Grund dafür nicht Erfahrung bringen können, aber solange es Alice glücklich machte, war es ihr auch egal. Dennoch war heute irgendetwas anders. Die junge Frau lächelte und trotzdem wirkten ihren Augen plötzlich so unendlich traurig. Der Geruch des süßen Tees hüllte Alice ein und nahm sie mit sich fort. Ihr Blick trieb in die Ferne, zurück in vergangene Zeiten und in eine Erinnerung vergangener Begegnungen. Seicht reflektierte die bräunliche Flüssigkeit die rauen Bewegungen des Meeres, die sich wie brandende Wellen an den porzellanen Kliffen verloren. Gleich einer unsichtbare Umarmung schmeichelte der wohlvertraute Duft ihren Körper, sodass sie sich einbildete, die Wärme und den tanzenden Herzschlag einer weiteren Person wahrnehmen zu können, welche sie sicher festhielt. »Alice?«, drang eine besorgte Stimme zu ihr vor, sodass sie unvermittelt das Atmen einstellte und irritiert von ihrer Tasse aufschaute. »Alice Liebes? Geht es dir gut? Du bist plötzlich so blass«, wiederholte Helen abermals ihre Worte, nachdem die jungen Frau immer noch keine Reaktion zeigte. Das beunruhigte Gesicht ihrer Mutter und die nachdrücklichen Berührungen ihrer zitternden Hände, versetzten Alice in sofortige Alarmbereitschaft. Ihr Griff lockerte sich und ließ ihr die schmuckverzierte Tasse entgleiten, welche klierend auf der alten Eichenholztischplatte aufschlug. Beinahe zeitgleich sprangen die Frauen auf. »Bitte verzeih Mutter. Ich war unachtsam«, entschuldigte sich Alice, unterdessen sie mit einem alten Lappen den dunklen Fluss auf der Tischplatte den Weg abschnitt und hastig die Scherben beiseite räumte. Helen sah ihr für einen Moment schweigend zu, ehe sie ihre Tochter in ihrem Tun stoppte und sie zwang ihr in die Augen zu schauen. »Alice, deine Hände…« Die wachsende Besorgnis mit der ihre Mutter sie besah, ließ die junge Frau inne halten. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich hinunter auf ihre Finger und erneut wich ihr alle Farbe aus dem Gesicht. Helle rote Bäche vermischten sich mit dem weißen Porzellanbruchstücken und den dunklen Spuren des Tees, sodass mit dessen Begreifen auch die Realität des Schmerzes in ihre Glieder zurückkehrte. Tapfer biss sie sich auf die Lippen. Ohne auch bloß ein Wort zu verlieren, schluckte Alice ihre eigene Überraschung hinunter und verließ eiligst das Zimmer. Helen hingegen blieb mit dem Scherben alleine zurück. Die enge in ihrem Herzen wuchs, genauso wie ihre stetig zunehmende Gewissheit, dass sich das Leben ihrer Tochter sehr bald gravierend ändern würde.

Die Mitternachtsstunde war schon weit überschritten, als Alice abermals an die Reling trat. Kühle salzige Meeresluft umfing sie und füllte ihr Lungen wie auch ihren Kopf mit befreienden Sauerstoff. Ihre Augenmerk fiel nachdenklich hinunter auf ihre mittlerweile sauber verbundenen Hände. Wie konnte sie nur so gedankenverloren gewesen sein, um solche Verletzungen nicht zu bemerken? Was war nur los mit ihr? Erneut begannen ihre Gedanken abzuschweifen, sodass ihr um dessen Begreifen ein resigniertes Aufseufzen entkam. Es war töricht von ihr und doch wusste sie sehr genau was es war, dass ihr so schwer auf der Seele lastete. Selbst wenn ihr Verstand es noch so sehr zu leugnen versuchte, - ihrem Herzen konnte sie nichts vormachen. Alice kannte das Wort „Sehnsucht“ nach all den Jahren besser als jeder andere. Ja, sie vermisste ihn – den seltsamen Hutmacher aus dem Unterland, der auf den Namen Tarrant Hightopp hörte. Es war ein Gefühl von Schmerz, das nicht mit physischer Natur erklärt werden konnte, aber schlimmer brannte, als es jede körperliche Verletzung je vermochte. Nicht einmal die Zeit konnte diese Wunde heilen oder die Pein in ihrem Inneren abebben lassen. Im Gegenteil, mit jedem weiterem Tag wühlte es tiefer in ihren Eingeweiden und ließ die Erinnerungen an ihn beständig an Gestalt zunehmen. »Werde ich dich jemals wiedersehen?«, flüsterte die junge Frau in die sternenklare Nacht hinaus, während sie traurig das flackernden Spiel des Mondlichts auf der unruhigen Wasseroberfläche beobachtete.  Alice wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als noch einmal sein vertrautes Gesicht sehen zu können. Noch ein letztes Mal seine fröhliche Stimme in ihren Ohren zu vernehmen, dessen lispelnder Klang sie zu etwas unverwechselbarem machte, was sie so sehr an ihm gemocht hatte. Sie vermisste die vielen kleinen Schmetterlinge in ihrem Bauch, die sein herber Geruch ungewollt aufgeschreckt hatte und auch die Art, wie er sie mit seinen großen Augen ansah. Niemand hatte ihr jemals gesagt, dass ein so mächtiges Gefühl wie die Liebe so sehr wehzutun vermochte. Doch selbst wenn sie es gewusst hätte, wären ihr die Hände gebunden gewesen. Allein das Begreifen um diese nicht abzustreitende Tatsache ließ sie erzittern und ihren Magen krampfhaft die Richtung wechseln. »Liebe…«, murmelte Alice abwesend und eine kleine schimmernde Träne suchte sich ihren Weg hinab über ihre gerötete Wange, ehe sie lautlos im dunklen Meer versank. Jedoch enthielt dieser eine winzig erscheinende Tropfen all die tiefen, starken Gefühle der jungen Frau, welche sie über Jahre hinweg in der hintersten Ecke ihrer selbst verschlossen hatte. Und kaum das die salzige Perle die Wasseroberfläche durchdrang, erscholl abermals das säuselnde Flüstern und Raunen um sie herum. »Alice…« Abrupt schrak sie auf, während ihre Augen wachsam wie ungläubig ihre Umgebung nach dessen Ursache absuchten. Erneut drehte sich die blonde Frau um ihre eigene Ache, sodass ihre langen Locken schwungvoll ihrer Bewegung folgten, aber auch diesmal fand sie nichts. Nach wie vor war Alice allein auf dem Deck. »Eigenartig. Höchst eigenartig«, sprach sie verwirrt, obgleich sie wiederholt das Gefühl von Vertrautheit und  Geborgenheit umgab. Plötzlich frischte der Wind auf und ließ ihr gleich einer flüchtigen Berührung von liebkosenden Fingern eine wohlige Gänsehaut über den Körper laufen, bevor das Schiff sich übergangslos zur Seite neigte und Alice mit einem erschrockenen Aufschrei die Balance verlor.

Entsetzt spürte die junge Frau, wie ihr der Boden unter ihrer Füßen entglitt und ihr Körper nur wenige Sekunden später vom kalten Meerwasser vollständig verschluckt wurde. Sie hielt die Luft an und versuchte ihr panisch schlagenden Herz zu beruhigen, um zumindest die Richtung der Wasseroberfläche zu bestimmen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Dunkelheit umgab sie, als sie immer weiter in die Tiefe gerissen wurde und ihre Lungen schmerzhaft nach dem rettenden Sauerstoff schrien. Alice wusste nicht zusagen, ob es das Wasser oder ihr eigenen Blut war, das lautstark in ihren Ohren rauschte, - vielleicht war es sogar beides. Dennoch weigerte sie sich ihrem Schicksal entgegenzusehen und kämpfte mit all ihrer Kraft gegen das verlockende nasse Grab an, welches mit Engelszungen an die Ohnmacht in ihrem Verstand appellierte. Die junge Frau strampelte nach Leibeskräften und trotz der allgegenwärtigen Gefahr des nahenden Todes war in ihre Gedanken schlagartig nur noch Platz für eine einzige Person. »Hutmacher!«, schrie Alice auf, obwohl ihr wässriges Gefängnis jede einzelne Silbe ihrer Worte zur Gänze verschluckte.  Nein, sie wollte noch nicht sterben. Sie wollte ihn wiedersehen. Wollte Tarrant all das sagen, was sie in ihrem Herzen fühlte und was sie all die Jahre über verborgen hatte. Alice wollte leben! Und mit dieser Erkenntnis tauchte unvermittelt eine Hand vor ihren Augen auf, - gekleidet in einem halben Handschuh, mit dunklen Fingernägeln, sowie Knöpfen und Fingerhüten verziert. Ein Anker der Hoffnung in der völligen Finsternis dieses Meeres und sie wusste sofort wem diese gehörte. Hutmacher! Bereits die Gewissheit darum ließ ihr Herz höher schlagen und trieb ihr selbst unter Wasser die salzigen Spuren der Freude in die Augen, während sie keinen Moment zögerte und ihre Chance ergriff. Sogleich spürte Alice, wie sich seine Hand fest um die ihre schloss und ein fast schmerzlicher Ruck durch ihren Körper ging, als sie aus ihrem nassen Grab gezogen wurde. Kühle Luft empfing sie und nährte ihre brennenden Lungen auf der Stelle mit reinem belebenden Sauerstoff, während zwei starke Arme die junge Frau sicher auffingen. Sie keuchte vor Schmerz, Erschrecken und Unglaube, während sie all das Salzwasser erbrach, das sich ungeniert seinen Weg in ihren Leib gesucht hatte. Ihr war schlecht, jede Faser ihrer Muskeln tobte und zitterte ohne dass sie ihm Einhalt gebieten konnte, doch es war ihr egal. In dieser einen Minute hatte sie alles, wonach sie sich so lange gesehnt hatte, selbst wenn sie es nie wirklich wahr haben wollte. Die Wärme und der Geruch welche Alice umgaben, war wie Balsam für ihre geschundene Seele. Die junge Frau war vollkommen entkräftet und dennoch zog sie sich mit aller Macht dichter in die wohlige Umarmung, nach der sie sich insgeheim so sehr verzehrt hatte. »Alice…Geht es dir gut?«, erklang seine sanfte Stimme in ihren Ohren und ließ ihren Körper unwillkürlich erbeben, wobei sie die vorsichtige Berührung einer Hand registrierte, die zaghaft durch ihre nassen Haare strich. Doch so sehr sie diesen einen Augenblick auch herbeigewünscht hatte, - die junge Frau wagte es einfach nicht nach oben zuschauen. War es aus Angst, er könnte nur eine Einbildung ihrer Fantasie sein? War es aus Scham, dass sie sich und ihn all die Jahre hinweg verleugnet hatte? Oder war es schlichtweg nur ihre eigene Unsicherheit, wie sie ihm jetzt entgegentreten sollte? Heiße Tränen der Verzweiflung rannen wortlos über ihr Gesicht und durchtränkten das Jackett des stumm verweilenden Hutmachers, welcher ebenfalls nicht wagte sich zu rühren. Seine Alice hatte nach ihm gerufen und er war ihr ohne zu zögern gefolgt. Sie war zu ihm zurückkehrte und trotzdem herrschte plötzlich so ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen, das er sich nicht zu brechen traute. Was war geschehen in all den Jahren, in welchen sie sich nicht gesehen hatten? Sie wirkte mit einmal so zerbrechlich. Ganz anderes als die starke fröhliche Alice, welche ihm so sehr ans Herz gewachsen war. Doch es war keine Hilflosigkeit die sie zeigte, sondern eine Art von Vertrauen, die ihm spüren ließ, dass sich etwas Gravierendes verändert hatte.

Ein Weile verging und endlich beruhigte sich die junge Frau , - sowohl von ihren körperlichen wie auch von ihren seelischen Schmerzen. Die ganze Zeit über war der Hutmacher nicht von ihrer Seite gewichen und Alice war wahrlich froh drüber. Sie spürte seine Wärme, seinen Körper, seine Umarmung und auch seinen gleichmäßigen Herzschlag, der den ihren so unendlich guttat. Törichtes Ding!, schimpfte sie sich selbst, während sich ihre Hände noch einmal fester in die Kleidung des Hutmachers krallten. Die junge Frau hatte noch immer Angst. Angst davor, was passierte wenn sie ihre Augen öffnete. Angst davor, dass er einfach nur eine Einbildung ihrer Fantasie war und genauso schnell wieder verschwinden würde, wenn sie sich dessen bewusst wurde. Sie wollte nicht das er ging. Alice wollte diesen Moment festhalten. Wollte ihn festhalten. Für immer. Schließlich jedoch nahm sie all ihren Mut zusammen und löste sich behutsam aus seiner Armen, nur um nach einem letzten tiefen Atemzug hinauf in sein besorgt dreinblickendes Gesicht zuschauen. Sogleich verfestigte sich ein schwerer Kloß in ihrem Hals, der den nassen Schleier zurück in ihre geröteten Augen trieb und ihr Herz für eine schmerzliche Sekunde zum Aussetzten zwang. Die Erkenntnis um das bereits eigentlich bewusste traf sie wie ein Schlag ins Gesicht und nahm ihren Verstand auf eine schwindelnde Karussellfahrt mit. Ungläubig hob sie ihre Hand und berührte beinahe ehrfürchtig die blasse Wange des Hutmachers, während sie ihre Augen keine Minute von den seinen Abwenden konnte. Er war es wirklich. Leibhaftig und keine Traumgestalt ihres Geistes, sondern Tarrant Hightopp, ihr Hutmacher. Und plötzlich spürte sie es so deutlich wie noch nie zuvor in ihrem Leben: Sie liebt ihn. Alice liebte ihn von ganzen Herzen. Ein breites wenn gleich zärtliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen, bevor sie ihn fest in ihre Arme schloss. »Du bist es wirklich Hutmacher. Ich habe dich so vermisst!«, flüsterte sie glücklich und spürte nebenher, wie ihre Umarmung sanft erwidert wurde. »Und du bist es auch. Du bist meine Alice. Warst es schon immer. Ich hab dich auch vermisst!« Seine Augen waren feucht, als sie sich von ihm löste. Zeigten abermals diesen traurigen verborgenen Schleier, der all die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen wie ein Schutzschild verbarg. Doch damit sollte ab jetzt Schluss sein. Alice wollte sich und ihn nicht noch weiter quälen. Sie hatte es endliche verstanden. »Tarrant. Es tut mir ja so leid, dass ich es nicht schon viel früher erkannt  habe. Ich war eine Närrin.«, sprach sie leise und strich dabei liebevoll über seinen Mund, bevor sich die junge Frau langsam seinem Gesicht näherte. Doch kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hielt der Hutmacher sie zurück.

»Alice. Ich denke nicht, dass wir das tun sollten«, begann der Unterländer sacht, als er die junge Frau sanft mit seinem Finger zum Innehalten zwang. »Bitte versteh mich nicht falsch. Es ist nicht so, dass ich es nicht möchte, aber…«, sprach er langsam weiter und wandte schließlich seine Blick von den fragenden Augen der Blonden ab, um nicht vollends seinem Sprachevermögen zu entsagen. »Wir leben in zwei unterschiedlichen Welten. Du gehörst in deine und ich gehöre in meine. Es würde niemals funktionieren, wenn nicht einer von uns sein gesamtes bisheriges Leben und seine Familie aufgeben würde. Ich kann von dir nichts verlangen, wozu ich nicht selbst im Stande bin. Also bitte ich dich Alice, mach es uns nicht noch schwerer.« Die junge Frau musste schlucken, als sie die bitteren Worte der Wahrheit aus seinem Mund vernahm und biss sich beherzt auf die Unterlippen. Sie wusste nur zu genau wovon er da sprach, denn sie selbst hatte all die Jahre diese Empfindungen für ihn verdrängt gehabt. Allerdings war sie nicht durch so viel Leid und Schmerz gegangen, um sich ihrer Gefühle bewusst zu werden, ihn endlich wieder zu finden und dann so einfach fortgehen zulassen. Nein, sie würde kämpfen. »Hutmacher. Sieh mich an!«, antwortete Alice mit fester Stimme und wartete geduldig, bis sich seine wundervollen Augen erneut auf sie gerichtet hatten. »Es ist nicht Unmöglich! Du selbst sagtest einmal zu mir: „Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet!“ Und ich Tarrant, befinde es für möglich!« Sie sah ihn an. Ihr Blick war fest, aufrichtig, wenn auch tränenverschleiert und ihr Herz schmerzte vor Anspannung. Sollte all das vergebens gewesen sein? Der Hutmacher erstarrte unter ihren Worten und dennoch fühlte er die stechende Pein in seiner Brust. Alice hatte Recht, aber trotzdem hielt ihm etwas zurück. Doch was war es? Angst? Unsicherheit? Tarrant vermochte es nicht zusagen. Er spürte ihre Hand, die seine zärtliche drückte und ihm wortlos Mut zusprach. Alice wusste nicht, was in dem Unterländer vor sich ging und sie wollte ihn letztlich auch zu nichts zwingen, aber sie wollte zumindest das er wusste was sie wirklich für ihn empfand. »Tarrant. Wenn du mir hier und jetzt sagst, dass du es so belassen willst, wie es bisher war, werde ich das akzeptieren«, meinte sie mit einem traurigen Lächeln und holte noch einmal tief Luft, ehe sie endlich das aussprach, was ihr so sehr auf der Seele brannte. »Aber ich möchte das du weißt, das ich dich liebe, Tarrant Hightopp. Ich habe dich immer geliebt und ich werde dich immer lieben. Was auch immer passieren mag, das verspreche ich dir!« Jetzt war es raus. Alice hatte es tatsächlich in Worte gekleidet und es fühlte sich an, als ob ihr eine riesen Last vom Herzen, aber dafür in die Magengegend gerutscht sei. Abwartend und hoffend zugleich beobachtete sie den Hutmacher, doch er starrte ihr unbewegt zurück. In seinen Augen hingegen spiegelte sich plötzlich ein wahrer Regenbogen an Farben, welche die junge Frau noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Und mit einem Mal wurde er absolut ernst, während er sie mit einem Blick musterte, der ihr eine wohlige Gänsehaut bescherte. Was das dort immer noch ihr Hutmacher? Er erschien ihr mit einmal so verändert, wenn auch nicht auf eine unangenehme Art und Weise. Sie sah ihm wortlos an und das Kribbeln in ihrem inneren wurde stetig lauter. Zärtlich strich er ihr schließlich eine der nassen Haarsträhnen hinters Ohr, wobei er noch einen letzten Gedankengang daran verschwendete, ob dies hier tatsächlich die richtige Entscheidung war, aber letztendlich kannte er die Antwort auf diese Frage bereits seit ihrer ersten Begegnung.  Er liebte sie und er konnte sich seiner Gefühle für sie einfach nicht erwehren, sodass er allmählich die Distanz zwischen ihnen verringerte, ehe sich ihre Lippen endlich trafen.

Es war ein wahres Feuerwerk an Emotionen, das in ihrem Körper explodierte, als sie seine süße Wärme zum ersten Mal schmeckte. Der Kuss war zaghaft, zunächst noch unbeholfen und endbrannte schließlich zu einem genussvollen Kampf zwischen zwei Liebenden. Alice spürte all die unausgesprochenen Gefühle in dieser einen sinnlichen Begegnung, während ihre Beine nach und nach ihren Dienst quittierten, sodass sie wortwörtlich in seine Armen zufallen drohte. Doch Tarrant fing sie auf, noch bevor ihre Muskeln der Schwäche vollends nachgeben konnten. Fest schlangen sich seine Hände um ihre Hüften und dezimierten damit die unausgefüllte Leere zwischen ihnen gegen null, wobei ihm selbst der Verstand zu schwinden schien. Sie fühlte die Hitze ihrer Körper, den Geschmack das Hutmachers in ihrem Mund und die fordernden Liebkosungen seiner Zunge, die neckisch mit der ihren spielte. Vor und zurück gingen die heißen Küsse, in welchen Mal Alice und mal Tarrant die Oberhand erhielten. Er spielte mit ihr, knabberte sinnlich an ihren Lippen und ließ im Umkehrschluss die Retourkutsche genießerisch über sich ergehen. Doch da war so viel mehr, das in den beiden loderte. Ein Verlangen und eine Leidenschaft, die über Jahre hinweg gewachsen war. Etwas das beide tief in ihrem Inneren spürten. Außer Atem ließ sie schließlich wieder voneinander ab und schauten einander tief in die Augen. Alice fühlte das Fieber, welches seine Berührungen gleich welcher Art in ihrem Körper auslösten und sie konnte in seinen grünen Iriden lesen, dass es ihm nicht anders erging. Sie versprachen noch so viel mehr von dieser wohligen Erregung, welche sein lustverschleierter Blick in ihr entflammt hatte. Auch der Hutmacher füllte seine Lungen mit frischen Sauerstoff, der ihm durch das heißblütige Zungenspiel streitig gemacht worden war, während er in dem Klang ihrer keuchenden Atemzüge zu ertrinken drohte. Alice machte ihn verrückt und das auf eine Weise, wie er es noch nie erlebt hatte. Es fiel ihm schwer noch die Beherrschung über sich und seine Triebe zu behalten, aber er wollte noch ein letztes Mal von ihr die Gewissheit haben. »Alice. Du bist meine Alice und ich liebe dich. Ich liebe dich, seit du meine Alice bist. Aber bist du sicher, dass du das hier wirklich willst? Willst du mit allem was dich ausmacht meine Alice werden?« Seine lustschwangere Stimme klang dunkel und ließen ihren Leib unter seinen Händen voller Vorfreude erzittern, dennoch wartete er geduldig auf eine verbale Antwort der Blonden. Sie fühlte das Verlangen in sich wachsen, spürte die Sehnsucht ihres Körpers nach seinen Berührungen und hielt sich eisern an dem Hutmacher fest. Noch nie war es Alice untergekommen, dass sie so für jemanden Empfand und die Nähe einer anderen Person so sehr begehrte. Tarrant löste etwas in ihr aus, dass sie so gut anfühlte, dass es schon fast verboten gehörte. Und sie wollte mehr von dieser verbotenen Frucht, obgleich sie wusste, dass es dann kein Zurück mehr für sie geben würde. »Ich bin deine Alice und du bist mein Hutmacher…«, säuselte die junge Frau verführerisch und im selben Atemzug spürte sie erneut die fordernden Lippen des Unterländers, welche diesmal ein noch berauschenderes Spiel lostraten.

Liebkosend bettelte der Besucher um Einlass und Alice verwehrte ihm diesen nicht, unterdessen sie kokett die Führung übernahm. Sie spürte wie sie mit sanften Druck in die waagerechte dirigiert wurde, wo sie etwas weiches unter ihrem Rücken ausmachen konnte, was sie nur wenige Augenblicke später als Bett lokalisiert hatte. Ihr Herz schlug sogleich einen Takt schneller, doch mehr vor Aufregung und Glück, als das sie sich vor irgendwas fürchtete. Nein, er war es den sie wollte und dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Matratze knarrte leise, als sich Tarrant über Alice positionierte. Sie sahen einander an, küssten sich und schickten beide ihre Finger auf einer aufregende Erkundungstour, die immer mehr und mehr nackte Haut zum Vorschein brachte. Die Hitze zwischen ihnen wurde beinahe unerträglich, obwohl letztlich keiner von ihnen noch einen Fetzen Kleidung am Leib trug. Neugierig beobachtete Alice ihren Hutmacher und lächelte sanft. Sie scheute keineswegs seine Blicke, die ungeniert über die weiblichen Rundungen ihres Körpers glitten und von den glühenden Brührungen seiner Hände vermessen wurden. Sie genoss jede einzelne seiner Streicheleinheiten und tat es ihm ebenso intensive gleich, denn sie wollte sich einfach jedwede Kleinigkeit von ihm einprägen. Kein Zentimeter seiner Haut entkam ihren wissensdurstigen Fingern, während sein heißer Atem eine leidenschaftliche Spur aus Lust zurückließ, wo auch immer er auf ihren schweißgebadeten Körper traf. Das, was Alice dabei in seinen Augen lesen konnte, machte sie fast wahnsinnig. Sie leuchteten in einer Form, wie sie es noch nie vorher gesehen hatte und sie wusste mittlerweile nur zu genau, dass es allein ihr gehörte. Erregt stöhnte sie auf, sodass Tarrant in seinem Tun inne hielt und ihr zärtlich durch die Haare strich. Sie wussten beide was nun geschehen würde und sie wollte dieses so wertvollen Moment mit all ihren Sinnen auskosten. Liebevoll schauten sie einander tief in die Augen, während ihre Lippen wie von selbst zueinander fanden und ihre Leidenschaft sich ins unermessliche steigerte. Dann endlich wurden sie eins und liebten einander Stunde um Stunde, bis sie am Ende vor wohliger Erschöpfung ins Reich der Träume entflohen.

Die Sonne kitzelte sie im Gesicht, als sich Alice verschlafen zur Seite rollte. Müde streckte sie ihre Glieder und starrte hinauf an die hölzerne Decke ihrer Kapitänskajüte, die sie wie jeden Morgen stumpf begrüßte. Sie schnaufte aus und schloss erneut ihre Augen, ehe sie sich ruckartig aufsetzte. In ihren Gedanken keimten schlagartig all die pikanten Erinnerungen an die vergangene Nacht mit ihrem Hutmacher auf, sodass sie sich panisch den kleinem Raum umsah. Doch sie konnte nichts Ungewöhnliches enddeckten. Ihr Bett war bis auf ihre Wenigkeit leer. Der Tisch und der Stuhl unberührt, ebenso wie der Kleiderschrank und die kleine Kommode auf der anderen Seite des Zimmers keine Auffälligkeiten aufwiesen. Ihr Kleidung lag feinsäuberlich zusammengelegt auf dem winzigen Hocker neben ihrem Bett, aber wie konnte das nur sein? Hatte sie sich all das nur eingebildet? War es nichts weiter als ein schöner Traum, der ihre tiefsten Sehnsüchte widerspiegelte? Der Kloß in ihrem Hals begann zuwachsen, als sie an all die Berührungen von ihm zurückdachte und die Tränen der Angst wie der Ungewissheit in ihre Augen zurückkehrten. Verzweifelt horchte die junge Frau in sich hinein. Konnte es tatsächlich möglich sein, dass sie sich das alles nur eingebildet hatte? Aber es hatte sich doch so real angefühlt. Selbst jetzt vermochte sie ihn noch zu spüren, - ja gar seinen vermeintlichen Geruch zu vernehmen. Was also war passiert? Alice war verwirrt. Versuchte sich krampfhaft an irgendetwas zu erinnern, als sie plötzlich von einem leisen Klopfen in ihren Gedankengängen unterbrochen wurde. Ihr Blick richtete sich auf die Tür, hinter welcher das wohlvertraute Gesicht ihrer Mutter erschein, die vor Erleichterung in Tränen ausbrach. »Oh Alice! Du bist endlich aufgewacht!« rief Helen freudig aus und eilte hinüber zu ihrer sie fragend anschauenden Tochter, um sie fest in ihre Arme zu nehmen. »Alice! Erinnerst du dich nicht mehr? Du bist letzte Nacht vom Schiff gefallen und wurdest erst nach Stunden aus dem Wasser gerettet. Ich bin so froh, dass es dir gut geht.« Die junge Frau löste sich behutsam von ihrer aufgewühlten Mutter und starrte mit leichenblassen Antlitz in ihre besorgten Augen. Ja, sie erinnerte sich daran von der Reling gefallen zu sein, an das Wasser, das sie umgab und an das Gefühl beinahe zu ertrinken. Aber was war danach passiert? Ihr Verstand begann sich heillos zu überschlagen und sie war mit einem einzigen Satz zurück auf ihren zwei Beinen, nur um sogleich hinaus aufs Deck des Schiffs zueilen. Hals über Kopf blieb sie am äußersten Rand stehen und blickte hinaus auf das nunmehr von der Sonne erhellte Meer, dass das Licht glitzernd reflektierte. »Hutmacher…«, wisperte sie und eine einsame Tränen suchte sich ihren Weg hinab über ihre Wange, als sie mal wieder an ihrem eigenen Geisteskraft zu zweifeln begann. Jedoch, in dies Augenblick, erfasste eine heftige Windböe die blonden Locken der jungen Frau und ließ sie wild um ihre Schultern schlagen. Es klang beinahe so, als würde er zärtlich ihren Namen flüstern und plötzlich lag da abermals dieser wohlbekannte herbe Duft in der Luft, der die Erinnerungen an die vorangegangene Nacht und die damit einhergehende Wärme erneut in ihrem Herzen auflodern ließ. War es Real oder am Ende doch nur ein schöne Illusion gewesen? Sie vermochte es in dieser Sekunde nicht so recht zusagen und doch begann sie insgeheim bereits an 6 unmögliche Dinge zudenken, während sich ihre Hand sanft auf ihre Brust legte. Tarrant Hightopp, ihr Hutmacher, war einer davon.
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