Die drei Geschenke

KurzgeschichteAllgemein / P6
09.06.2019
09.06.2019
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Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem sehr kleinen, weit entfernten Land, da lebte ein junger Prinz. Prinz Edmund liebte sein Volk aus Bauern und Handwerkern und sie liebten ihn. Die Menschen waren nicht reich, doch durch den fruchtbaren Boden fand jede fleißige Hand ihr Auskommen.

Eines Tages zitierte der König den Prinzen herbei und verkündete, es sei an der Zeit, dass Edmund eine Gemahlin erwähle. Die Königin war früh verstorben und der König wollte seine Nachfolge sicher geklärt wissen, bevor der Tod ihn holen würde. Da ihre Mittel begrenzt waren, hatte der König einen Boten ausgeschickt, die Gemälde aller heiratsfähigen Prinzessinnen von nah und fern zusammenzutragen. Nun waren diese in der großen Halle aufgebaut und unsicher schritt Prinz Edmund zwischen ihnen hindurch. Ein Gesicht erschien ihm lieblicher als das andere, doch eine Prinzessin stach aus der Masse hervor. Lange verharrte Edmund vor ihrem Bildnis und bewunderte ihr langes, blondes Haar, die edle Robe und das zarte Rot ihrer Lippen.
„Prinzessin Veronika“, verkündete sein Vater schließlich, „die Schönste der Schönen. Ihr Reich ist groß und vermögend, daher hat sie sehr viele Verehrer. Ich denke nicht, dass wir die Mittel aufbringen können, um für sie zu werben.“
„Ich werde es schaffen!“ Edmunds Entschluss war in Sekunden gefällt: Wenn er eine Gemahlin erwählen musste, dann nur sie. Damit keine Zweifel an seiner Entscheidung aufkommen konnten, ließ er seinen Kammerdiener die Pferde satteln und brach augenblicklich auf.

Prinzessin Veronikas Palast war immens im Vergleich zu Edmunds gediegenem Hof. Und sein Vater sollte Recht behalten. Dutzende Prinzen warben bereits um ihre Gunst. Dennoch wurde Edmund ein kurzes Treffen mit der Prinzessin in ihrem privaten Rosengarten zugesichert.
Das Gemälde wurde ihrer Schönheit nicht gerecht. Die Rosen verblassten vor Neid bei ihrem Anblick, als sie den Garten betrat. Prinzessin Veronika war reich bedeckt mit Juwelen und ihr Kleid glänzte aus kostbarem Brokat. Prinz Edmund war so überwältigt von ihrem Anblick, dass er keinen Laut hervorbrachte, stattdessen küsste er ur Begrüßung sacht ihre Fingerspitzen.
„Welches Geschenk habt Ihr mir zu überreichen?“, erkundigte sie sich freudig. Ihre Stimme war wie von tausend kleinen Glöckchen.
Verlegen senkte Edmund das Haupt. Eigentlich hatte der Prinz ihr einen Ring seiner Mutter als Geschenk überreichen wollen. Doch jeder Finger der Prinzessin war bereits mit einem Ring geschmückt - reicher und schöner als jeder, den Edmund in seinem Besitz gewusst hätte.
„Nichts, Euer Hoheit.“
Die Mundwinkel der Prinzessin sackten enttäuscht ab und sie wendete sich zum Gehen.
„Was hätte ich gewonnen, hätte ich Euch eine weitere Kette oder einen Ring gebracht? Ihr besitzt bereits so viele Kostbarkeiten. Doch was begehrt Ihr wirklich? Denn das ist es, was ich Euch zum Geschenk überreichen will.“
Sein verzweifelter Einwurf ließ die Prinzessin innehalten.
„Was ich wirklich begehre?“
„Ja. Fordert, was Ihr wollt! Ich würde alles tun, nur um Euch lächeln zu sehen.“
„So wünsche ich mir die Sterne vom Nachthimmel, auf dass ich sie an meine Finger heften kann. Denn nichts glänzt so berauschend wie sie.“
Edmunds winzige Hoffnung brach in sich zusammen. Kein Mensch konnte die Sterne vom Himmel holen. Betrübt kehrte er zu seinem Kammerdiener zurück und klagte ihm sein Leid.
„Vielleicht gibt es eine Lösung, Herr“, erklärte der weise, alte Diener ihm, während sie aus dem Tor ritten. „Meine Urgroßmutter erzählte mir von einer Fee, die an einem kleinen Teich mitten im tiefsten unserer Wälder lebt. Sie kann angeblich jeden Wunsch erfüllen. Doch, Herr, meine Großmutter mahnte stets, man dürfe sie nie um etwas bitten.“
„Und warum?“
„Nun, verzeiht einem armen, alten Mann, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Ich war noch ein Knabe, als sie mir diese Geschichte erzählte.“

Mit wenig Hoffnung begaben sie sich in die Wälder ihres Reiches. Sie ritten Tag und Nacht, bis es zwischen den Zweigen schimmerte wie von Silber, da stiegen sie neugierig ab.
„Seht, mein Herr, der Teich! Wir haben ihn gefunden.“
„Aber wo ist dann die Fee?“ Edmunds Herz war schwer vor Sorge, die Prinzessin könne in seiner Abwesenheit einen anderen erwählen.
„Was begehrt der Prinz dieses Landes von mir?“
Eine Gestalt war ohne Vorwarnung neben ihm erschienen und erschrocken wich der Prinz zurück.
„Weise Herrin, wir haben eine Bitte an Euch.“ Sein Kammerdiener war vorgetreten und verbeugte sich trotz seiner alten Knochen tief vor der unscheinbaren Frau. Ihre Kleidung war unter einem groben Überwurf aus ungefärbtem Leinen nicht zu sehen. Die Kapuze fiel ihr tief ins Gesicht und ein Fetzen des gleichen Stoffs verdeckte Mund und Nase. Doch die Augen der Fee waren von einem lebhaften Braun, das ihnen freundlich entgegenfunkelte. Wäre sie nicht so plötzlich neben ihm erschienen, Prinz Edmund hätte gezweifelt, ob sie wirklich die Gesuchte war.
„Es heißt, Ihr könnt jeden Wunsch erfüllen. Stimmt das?“
Die Fee nickte. „Ja, mein Prinz.“
„So holt mir die Sterne vom Himmel und bindet sie in zehn Ringe.“
Für einen Moment meinte Prinz Edmund Trauer in ihren Augen zu sehen, doch er war sich nicht sicher.
„Das ist mir möglich, doch der Wunsch hat seinen Preis, mein Prinz.“
Wütend sog Edmund die Luft ein. Doch egal, was es kosten würde, er würde es aufbringen, schließlich hatte er Prinzessin Veronika versprochen, alles für sie zu tun.
„Wie viel Gold verlangt Ihr?“
„Nicht für Geld noch Gold, nur Blut und Leben, kann ich sie Euch geben.“
Erschrocken zog sein Kammerdiener Prinz Edmund beiseite. „Nicht, mein Prinz! Es gibt andere, schöne Maiden. Egal was der Preis sein mag, er ist gewiss zu hoch.“
Doch Prinz Edmund schüttelte ihn ab.
„Dann tut es!“, befahl er der Fee entschlossen.
„Noch stehen die Sterne nicht am Himmel und Ihr habt eine lange Reise hinter Euch. Kommt! Ruht Euch an meinem Lager aus.“
Bekümmert wies die Fee auf einige, dicht stehende Bäume. Deren Äste wichen zur Seite und gaben den Blick auf einen geschützten, mit Moos gepolsterten Bereich sowie eine kleine Feuerstelle frei, über der ein Kessel mit brodelndem Inhalt hing. Die Fee füllte ihnen zwei hölzerne Schüsseln. Zögernd setzte sich Prinz Edmund ans Feuer, nahm die Schüssel und begann zu speisen. Das Mahl war überraschend gut und bald fühlte er sich warm und gesättigt.
„Sagt mir, was der Preis sein wird, Fee.“ Aus dem Augenwinkel musterte er ihre Gestalt. Eine Strähne dunklen Haares war unter der Kapuze hervorgerutscht. Sobald die Fee bemerkte, dass er sie anblickte, strich sie ihr Haar zurück unter die schäbige Kapuze.
„Das kann ich nicht. Ihr werdet ihn jedoch erkennen. Schlaft jetzt, Prinz Edmund!“
Das Feuer erlosch auf ihren Hinweis und ehe er sich erwehren konnte, verfiel der Prinz in einen tiefen Schlummer. Als er erwachte, dämmerte im Osten der Morgen, doch der Himmel über ihnen erschien lieblos und unfreundlich im silbernen Licht des Mondes. Am Ufer des Teiches funkelte es allerdings wie von tausend kalten Feuern. Erstaunt weckte Edmund seinen Kammerdiener und sie schlichen in Richtung des Teiches. Vor dem schimmernden Licht konnte der Prinz die Gestalt der Fee ausmachen. Sie fischte mit einer Hand im Wasser und als sie selbige hervorzog, leuchtete es hell zwischen ihren Fingern.
„Es ist vollbracht.“ Die Fee richtete sich auf und hielt ihnen ein wertvolles Kästchen aus dunklem Holz entgegen. Das Licht, welches daraus hervorstrahlte, war so hell, dass Edmund einen Moment benötigte, um die einzelnen Ringe erkennen zu können. Wortlos nahm er das Geschenk an sich und schloss den Deckel.
„Hier. Behütet es gut. Mag es auch unscheinbar sein, es ist kostbarer als Geld und Gold.“
Zu seiner Verwunderung hielt die Fee dem Prinzen eine kleine Glasperle mit blauem Kern entgegen. Ein Lachen unterdrückend nahm er ihr die Perle ab und steckte sie in seinen Beutel.

Sein Herz zog den Prinzen davon. Ohne Dank schwang er sich auf sein Pferd und ritt Tag und Nacht, bis er den Palast der Prinzessin erreichte. Welch Jubel sie ausstieß, als sie die Ringe erblickte. Wie Dreck streifte sie den übrigen Schmuck von ihren Fingern und steckte die Sterne einen nach dem anderen auf. Edmund betrachtete glücklich ihr Lachen. Prinzessin Veronika lud ihn zum allabendlichen Ball und schenkte ihm sogar den ersten Tanz. Doch trotz seines großzügigen Geschenks wandte sich die Prinzessin bereits beim zweiten Tanz von ihm ab und den ganzen Abend nicht wieder ihm zu. Bald verlor Prinz Edmund die Freude am Geschehen und zog sich zurück.

Am nächsten Morgen wurde der Prinz von einem Diener in den Rosengarten gebeten und welch Elend musste er erblicken. Prinzessin Veronika saß weinend auf einer Bank, die sternengeschmückten Hände im Schoß.
„Hohe Herrin meines Herzens. Was ist Euch geschehen? Sagt, was kann ich tun, um euch wieder lächeln zu lassen?“, erkundigte sich Prinz Edmund besorgt.
„Wie soll ich Eure Gemahlin werden, wenn ich so aussehe? All meine Kleider sind nicht schön genug, um den Sternen gerecht zu werden. Bringt mir ein Kleid aus dem silbrigweißen Licht des Mondes, so wollen wir die Hochzeit planen.“

Beschwingt bestieg der Prinz sein Ross und begab sich mit seinem Kammerdiener erneut zum Teich im Wald.
„Fee! Ich wünsche mir ein Kleid aus dem Licht des Mondes“, brach es aus ihm heraus, sobald sie den Teich erblickten.
„O Prinz. Nicht für Geld noch Gold, nur Blut und Leben, kann ich es Euch geben.“
Da zog ihn sein Diener erneut zur Seite. „Tut es nicht, mein Prinz! Ihr kennt den Preis für das erste Geschenk noch nicht. Lasst es gut sein, es gibt bescheidenere Maiden.“
Doch Edmund hatte es Prinzessin Veronika versprochen. „Gebt es mir!“, befahl er der Fee.
„Noch steht der Mond nicht am Himmel und ihr hattet eine lange Reise. Kommt! Ruht euch an meinem Lager aus.“
So saßen sie am Lager der Fee und aßen. Erneut musterte sie der Prinz aus dem Augenwinkel. Ihre Augen wirkten älter und als eine Locke ihres Haares hervorfiel, blitzten graue Strähnen darin. Doch sobald sie bemerkte, dass er sie beobachtete, strich sie ihr Haar zurück. Das Feuer erlosch daraufhin und Prinz Edmund versank in Schlummer.
Als der Prinz erwachte, ging gerade die Sonne im Osten auf, doch der Himmel über ihnen war tiefschwarz. Am Ufer des Sees jedoch schimmerte es wie von einem Berg Silber. Als der Prinz herantrat, fischte die Fee gerade das letzte Stück eines kostbaren Kleides aus dem Wasser und legte es in eine juwelenbesetzte Truhe.
„Es ist vollbracht. Behütet auch dieses Gut. Mag es auch unscheinbar sein, so ist es doch kostbarer als Geld und Gold.“
Ohne Dank nahm Prinz Edmund die Truhe sowie eine weitere Glasperle an sich. Deren Innerstes schimmerte in einem hellen Grün, doch er steckte sie nur unachtsam in seinen Beutel. Die Sehnsucht nach Prinzessin Veronika trieb ihn davon.

Oh, was war das für ein Jubel, als die Prinzessin das Kleid erblickte und was gab es für ein Ach und Oh, als sie beim allabendlichen Ball darin ihre Verlobung verkündete. Nie war Prinz Edmund glücklicher gewesen.
Als er am nächsten Morgen jedoch in den Rosengarten gebeten wurde, fand er Prinzessin Veronika erneut in Tränen.
„Hohe Herrin meines Herzens, was ist Euch geschehen? Was kann ich tun, um Euch wieder lächeln zu lassen?“, fragte der Prinz besorgt.
„Seht mich doch an! Die Sterne und das Mondkleid erstrahlen derart, dass man mich darin gar nicht mehr sieht. Ich bin unbedeutend geworden. Wie soll ich Eurem Vater zur Hochzeit so entgegen treten? Besorgt mir das Licht der Sonne, damit ich es auf mein Haar tropfen möge und ebenso wie sie über den Rest herrschen kann.“

Erneut brach Edmund mit seinem Diener im Schlepptau auf, um den Wunsch der Prinzessin zu erfüllen.
„Fee“, rief der Prinz, sobald sie an den Teich kamen.
„Was wünscht Ihr dieses Mal?“ Die Stimme der Fee krächzte neben ihm und erschrocken machte er einen Schritt zurück, doch dieses Mal nicht wegen ihres plötzlichen Erscheinens. Die Augen der Fee waren trüb geworden und tiefe Furchen hatten sich in ihre Haut gegraben. Ihr Körper war vorne über auf einen Stock gebeugt.
„Ich brauche das Licht der Sonne in einer Flasche“, brachte Prinz Edmund zögernd hervor.
„Tut das nicht, Eure Hoheit. Ihr wisst nicht, was Ihr da fordert! Nicht für Gold noch Geld, nur Blut und Leben, kann ich es Euch geben.“ Tränen durchnässten bei diesen Worten den Schleier der Fee.
„Herr“, setzte auch sein Kammerdiener an, doch Prinz Edmund schüttelte den alten Mann ab.
„Dann nehmt endlich Euren Preis, doch ich brauche das Fläschchen.“
Da kniete die Fee sich langsam an den Rand ihres Teichs und streckte die Hand ins Wasser. Die Sonne spiegelte sich auf der glatten Oberfläche und als die Fee die Hand zur Schale geformt anhob, floss das Wasser heraus und nur flüssiges Gold blieb zurück. Vorsichtig schüttete die Fee die wenigen Tropfen in eine Kristallphiole, welche sie aus ihrem Gewand gezogen hatte. Und während sie die Handlung wiederholte, wurde die Welt um Prinz Edmund blass.
„Es ist vollbracht“, sprach sie schließlich, ohne sich zu erheben.
„Nehmt Euer Geschenk und behütet auch dies, denn es ist kostbarer als alles Geld und Gold. Aber ich denke, nun endlich werdet Ihr den Preis erkennen.“
Mit diesen Worten überreichte die Fee Prinz Edmund die Phiole, welche derart erstrahlte, dass er den Blick abwenden musste, und dazu eine kleine Glasperle mit rotem Kern.
Bei diesem Besuch packte Edmund der Schrecken. Ohne sich umzusehen bestieg er hastig sein Pferd und jagte davon. Sein Kammerdiener schaffte es kaum ihm zu folgen. Erst, als sie den Palast Prinzessin Veronikas erreichten, wagte der Prinz den Blick vom staubigen Weg zu heben. Erleichtert stellte er fest, dass die Welt die gleiche Intensität besaß, wie zuvor.
Mit dennoch gemischten Gefühlen überreichte Prinz Edmund der Prinzessin das flüssige Sonnenlicht. Unter dem Jubel ihres Hofstaats wurde die Abreise in sein Königreich für den nächsten Morgen beschlossen und der Kammerdiener vorausgeschickt, um ihre Ankunft anzukündigen.

Prinzessin Veronika lächelte und winkte, während sie in ihrer Kutsche saß und sich von ihrem Volk bewundern ließ. Doch Prinz Edmund ritt tief in Gedanken neben seiner Verlobten und konnte ihre Freude nicht recht teilen. Als sie die Grenze zu seinem Land erreichten, wurde das Licht auf einmal grau und die Welt blass. Niemand stand un mehr an den Straßen, um der zukünftigen Königin zu huldigen. Prinzessin Veronikas Lächeln schwand.
„Ich habe Durst. Holt mir einen Becher Wein!“, wies die Prinzessin schließlich an, als sie den ersten Gasthof erreichten.
Schweigend kam Prinz Edmund der Aufforderung selbst nach. Eine bedrückende Stimmung hatte sich über den Hochzeitszug gelegt und die Diener trauten sich nicht aus dem Tross heraus. Kein Mensch befand sich im Gastraum. Lange musste der Prinz warten, bis der Gastwirt, auf seine Rufe hin, endlich hinter dem Tresen erschien.
„Einen Becher Wein, bitte, guter Mann.“
Ohne Gruß kam der sonst so freundliche Gastwirt seiner Aufforderung nach.
„Könnt Ihr mir sagen, wo die Leute sind? Keiner ist auf der Straße, um uns zu begrüßen.“
„Wozu sollten wir Euch begrüßen?“, raunzte der Mann ihn an. „Heute oder Morgen? König oder Krämer? Was macht das schon noch für einen Unterschied?“
Dem Prinz begann zu grauen. Was war seinem Volk in seiner Abwesenheit zugestoßen?
„Doch wo sind dann all die Menschen?“, fragte er noch einmal.
„Vielleicht in ihren Häusern, vielleicht auch schon im Grab.“ Der Gastwirt zuckte die Schultern. „Erst erloschen die Sterne und damit unsere Hoffnung. Dann wich der Mondschein der Finsternis. Nicht ein Heilkraut wollte so des Nachts noch wachsen. Welch Elend da bereits über uns hereinbrach. Als dann auch noch das Licht der Sonne schwand, hörten die Felder auf zu gedeihen. Unser Land ist dem Untergang geweiht. Was schert uns da noch eine neue Königin?“
Und ohne ein Wort des Abschieds ging der Gastwirt davon.
Nun wurde dem Prinzen klar, welchen Preis er gezahlt hatte. Ohne den Wein stürmte er hinaus zur Kutsche Prinzessin Veronikas.
„Ich bitte Euch, Geliebte, gebt mir meine Geschenke zurück, denn ich hatte kein Recht, sie Euch zu überreichen“, flehte er sie auf Knien an.
Entsetzt rümpfte die Prinzessin die Nase.
„Ein Geschenk ist ein Geschenk. Aber was stimmt mit Eurem Land nicht? Je länger ich mich umsehe, desto eher glaube ich, dass ich Euch nicht heiraten kann. Seht mich doch nur an. Ich leuchte und strahle wie das Leben selbst. Dieser Ort allerdings ist grau und leblos. Kutscher, wendet die Pferde!“
Und ehe Prinz Edmund sie aufhalten konnte, galoppierte die Kutsche mit Prinzessin Veronika darin zurück in ihr Reich. Gebrochen blickte er ihr nach. Für dieses Weib hatte er sein Volk ins Unglück gestürzt. Nie würde er sich dies vergeben können. Es blieb ihm nur noch ein winziger Funken Hoffnung zurück.

Als Prinz Edmund den Teich erreichte, hatte er fast sein Pferd zu Schanden geritten. Die Fee kniete immer noch dort, wo er sie verlassen hatte. Doch welch Schrecken erfüllte ihn, als er an ihre Gestalt herantrat. Flechten begannen bereits auf ihrer ausgestreckten Hand zu wuchern, denn die Fee war in sich zusammengekrümmt und zu Stein erstarrt.
„Fee! Fee! So antwortet mir doch!“ Verzweifelt sank Prinz Edmund neben ihr zu Boden. „Oh, warum habt Ihr mir den Preis nicht genannt? Wie konnte ich nur so ein Narr sein und Leben gegen wertlosen Tand eintauschen?“ Wütend riss er sich sein Hab und Gut vom Leib und schleuderte sie zu Boden. Da sprang die Glasperle mit dem roten Kern aus seinem Beutel heraus. Zögernd hob der Prinz sie auf.
„Ihr gabt sie mir, um sie zu behüten, und nicht einmal dies habe ich vermocht. So gebe ich sie Euch zurück. Sie ist bei Euch gewiss in besseren Händen.“
Demütig legte er die Perle in die ausgestreckte Hand der Fee. Ein Leuchten erfüllte daraufhin den Hain und als der Prinz erneut hin sah, war die Fee wieder zum Leben erwacht. Doch alt und ausgemergelt krümmte sie sich an ihrem Teich zusammen. Da gab der Prinz ihr auch die anderen Perlen. Und als die grüne Perle sie berührte, ward die Fee wieder jung, doch ihr Blick blieb hart. Als er ihr allerdings die blaue Perle in die Hand legte, wurden ihre Augen nachsichtig und mit einem Seufzen nickte sie ihm zu.
„Ihr habt also den Preis erkannt.“
„Ich bitte Euch, Fee. Gewährt mir einen letzten Wunsch! Gebt meinem Volk die Geschenke zurück, doch dieses Mal, nehmt den Preis von mir.“
„Seid Ihr gewiss? Der Preis ist hoch, er fordert Euer Leben.“
„Ich hatte kein Recht über diese Dinge zu verfügen. Meine Selbstsucht hat mein Volk ins Unglück gestürzt. Tut, was Ihr tun müsst.“
Die Hände der Fee fassten die seinen. Ihr Griff war angenehm warm und weich. Ein Trost, in den letzten Momenten seines Daseins. Prinz Edmund schloss die Augen und wartete auf den Tod, doch stattdessen schob sich etwas über seinen Ringfinger. Als er erstaunt die Lider öffnete, blickte er erneut in die braunen Augen der Fee, doch ihre Gestalt hatte sich verändert. Vor ihm stand eine schöne, junge Frau. Langes, braunes Haar wallte über ihre Schultern und ein kostbares Kleid aus Seide bedeckte ihren Leib. Ein simpler Ring aus reinem Gold ward über seinen Ringfinger geschoben.
„Ich bin die Fee dieses Landes. Seid Ihr bereit, mir den Rest Eures Lebens anzuvertrauen?“
Da wurde es dem Prinzen leicht ums Herz. Mit einem Kuss besiegelte er den Pakt mit der Fee. Glücklich führte Prinz Edmund sie danach aus dem Wald heraus, an den Hof seines Vaters. Und während sie durch das Land schritten, kehrte die Sonne in das Reiche des Prinzen zurück. Der Boden erholte sich. Die Menschen kamen aus ihren Häusern und jubelten ihnen zu. So brachte Prinz Edmund seinem Volk und sich das Glück. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.
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