Die Darcys auf Pemberley, Teil XXX

von Bihi
GeschichteRomanze, Familie / P16
Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Georgiana Darcy Mr. Bennet OC (Own Character)
09.06.2019
13.09.2019
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An diesem Morgen gab es kein von den Mädchen vorgewärmtes Gutsherrenbett. Aber Fitzwilliam hatte gegen sieben Uhr die bereits am Vorabend auf den Ofen gelegten Steine ins Bett gelegt. Da sie das ganze letzte Jahr trotz ihrer Erkenntnis der Nutzlosigkeit des Umzugs dieses Vorgehen beibehalten hatten, sah er keinen Grund, mit diesem Brauch ausgerechnet heute zu brechen. Dann ging er wieder in sein Schlafgemach, froh, seinen Kaschmir Morgenmantel zu haben. Es war doch außerhalb des Bettes schon reichlich kühl. War es das Wetter oder sein Alter? Er wollte die Antwort gar nicht wissen. Nein, das Alter konnte es nicht sein, trotz der weißen Haare. Schließlich wurde er doch erst achtundfünfzig. Er war froh, dass Geburtstage der Erwachsenen in seiner Familie nicht gefeiert wurden. Da wurde er wenigstens nicht von allen Freunden und Verwandten auf sein fortschreitendes Alter hingewiesen – und sogar noch dazu beglückwünscht!
Schließlich erwachte auch Elizabeth. Vorerst genoss sie es, in Fitzwilliams Armen ganz sanft aus der Traumwelt in den Alltag zu gleiten. Sie hoffte, dass das andere Bett vorgewärmt war – gleichgültig, wer das gemacht hatte. Nun, das würde sich ja bald erweisen.
Als sie vollkommen wach war, standen sie gleichzeitig auf und gingen in das andere Schlafzimmer, ohne dass sie darüber gesprochen hatten. Erst, als sie dort gemütlich im vorgewärmten Bett lagen, sprach Elizabeth.
„Fitzwilliam, ich glaube, ich weiß jetzt, warum wir immer noch umziehen. Das ist das Gutsherrenbett. Das gehört sich einfach so, dass wir das benutzen, wenn wir es nicht an Susan verleihen. Wenn es uns einmal zu umständlich werden sollte, werden wir eben dieses Bett benutzen. Wir haben uns doch nun schon mehrfach bewiesen, dass das unserer Nähe nicht schadet.“
„Du hast vollkommen Recht. Eine andere Möglichkeit wäre, dieses Bett nun in mein Zimmer zu bringen, aber es widerstrebt mir, meine Räume für ein Wochenbett herzuleihen.“
„Stimmt, das fühlt sich dann irgendwie nicht richtig an. Das werden wir also unterlassen. Ich bin ja gespannt, wann es das nächste Mal so weit sein wird. Immerhin wird Christopher in diesem Jahr zwei!“
„In diesem Jahr??“
„Oh, entschuldige, bitte, ich rechne kaum noch nach Kalenderjahren. Bei mir geht es seit unserer Hochzeit meistens nach Ehejahren.“
So eine liebenswerte Zeitrechnung war einen Kuss wert, fand Fitzwilliam.
Irgendwann waren sie dann bereit, sich zum Frühstück fertig zu machen. Nein, nicht so richtig bereit, aber sie wollten nicht diejenigen sein, die zu spät kamen. Dabei schreckte nicht die den Kindern immer angedrohte Strafe – Wer zu spät kommt, bekommt nichts mehr – sondern einfach nur die Sticheleien, die es wohl noch mehrere Tage zu hören gab, liebevolle, aber immerhin. Denn die Bediensteten warteten mit dem Hereintragen des Tees und Kaffees selbstverständlich, bis die beiden im Frühstücksraum Platz genommen hatten.

Natürlich waren sie zur üblichen Zeit auf ihren Plätzen, sie hatten ja flinke Bedienstete, obwohl der Kammerdiener auch schon etwas langsamer zu werden schien.
Gigi und Annie sahen ein wenig forschend auf ihre Eltern. Waren sie enttäuscht, weil es dieses Mal keine Wärmesteine gegeben hatte? Gigi und Annie hatten noch am Abend zuvor diskutiert. Gigi war der Meinung, das könnte ja auch eine Tradition werden. Annie hielt dagegen, dass diese Tradition dann wohl bereits eine Nacht vorher stattfinden müsste, damit die Eltern am Morgen des Hochzeitstages in diesen Genuss kamen. „ … Außerdem musst Du bedenken, dass wir in den nächsten Jahren doch auch heiraten werden. Dann ist der Brauch schon wieder beendet, bevor er eine richtige Tradition werden konnte.“ Beide Gründe waren stichhaltig, und Gigi gab nach, allerdings unter der Bedingung, dass sie für besondere Hochzeitstage, also den dreißigsten, vierzigsten und fünfzigsten, das dennoch machen würden. Annie hatte grinsend nachgegeben. Der dreißigste war ja machbar, aber sie hoffte doch, dass sie in elf Jahren, oder gar in einundzwanzig, eine eigene Familie hatte. Nach Möglichkeit mit Prinz Edward zusammen, aber es war noch zu früh, davon zu träumen. Er hatte das ganze Jahr schöne junge Adlige um sich, von den schönen Bürgertöchtern ganz zu schweigen. Sie war zwar auch adlig, jung und schön, aber er sah sie immer nur im März. Da wäre es doch vermessen, von ihm zu träumen. Hin und wieder gönnte sie sich allerdings diese Vermessenheit. Dass sie sich als schön empfand, war nicht vermessen – sie brauchte doch nur in den Spiegel zu sehen, um das bestätigt zu bekommen, oder?

Als später alle Weihnachtseinladungen geschrieben waren und Mr. Bennet sich zu seinem Vormittagsnickerchen zurückgezogen hatte, sprach Elizabeth die Mädchen auf ihre Mienen beim Frühstück an: „Ich vermute, ihr hattet euch überlegt, ob ihr nun ein schlechtes Gewissen haben solltet. Das ist aber ganz und gar unnötig.“
„Mama, wie konntest Du das erraten?“
„Nun, diese Disposition zu solchen Ideen habt ihr wohl von mir geerbt, nicht nur, euer Papa ist auch sehr gut darin. Aber dadurch kann ich mir sehr gut vorstellen, wie ihr euch heute früh wohl gefühlt habt. Wir haben euch letztes Jahr gesagt, dass es uns bewusst war, ein im Wortsinn einmaliges Geschenk erhalten zu haben. Und das war ehrlich gemeint. Wenn ihr so etwas in euren Ehen macht, kann sich das zu einem Ritual der Liebe entwickeln. Aber in einer Familie ist das nur schwer möglich. Erst sind die Kinder zu klein, um mit heißen Steinen zu hantieren, und dann sind sie so groß, dass das Ritual sich nicht gut etablieren kann, bevor sie heiraten und ausziehen.“
Gigi und Annie sahen sich verwundert an: „So haben wir das fast wortwörtlich auch gestern Abend gesehen!“ Sie sprachen es gemeinsam aus, und keine verriet, wer die Idee gehabt und wer zugestimmt hatte. Es war inzwischen eine gemeinsame feste Überzeugung geworden. Die Eltern glaubten zwar, den Mechanismus zu kennen, aber sie lagen häufig daneben. Da das nie erörtert wurde, störte es auch keinen.

Natürlich zogen sich Elizabeth und Fitzwilliam wieder in die Elfenkammer zurück. Elizabeth war schon zehn Minuten früher gegangen, um das Feuer im Kamin anzuzünden. Heute war mal wieder einer der kühleren Tage. Wenigstens fiel noch kein Schnee. Das Familienwochenende war zwar gerade erst gewesen, aber in zehn Tagen war das nächste, und die Fahrt von Derby in Schnee, der sich noch nicht richtig gesetzt hatte, war nicht gerade angenehm.
Als Fitzwilliam dazukam, sah er überrascht Geschenke auf dem Elfenlager liegen. Außerdem bemerkte er, dass das Lager ein wenig höher war als üblich. Aber das war nicht weiter der Rede wert, die Höhe hatte sein Elfchen über die Jahre immer wieder angepasst – angepasst an die Gelenkigkeit, mal ihrer, mal seiner. Er ging jetzt an das Lager und nahm die Geschenke auf. Es waren Nachtgewänder aus beigem Kaschmir. Ja, damit konnte man die Jahreszeit nun gut überstehen. Sie wärmten sogar besser als Flanell und waren vor allem nicht grau. Flanell-Nachtgewänder würden also bestimmt das Zeichen werden, dass seine Elfe sich mit dem Gedanken befasst, die Familie zu verlassen. Wie beruhigend, dass dies offensichtlich noch lange nicht der Fall war. Sie war noch immer darauf bedacht, kein unnötiges Geld auszugeben, und würde bestimmt nicht so teure Gewänder fertigen, wenn sie im nächsten Jahr grauen Flanell kaufen wollte. Er nahm seine Elfe ganz fest in die Arme und drückte seinen Dank anschließend in Taten aus, statt in Worten.

Kurz vor dem Tee erschienen sie dann wieder im Salon. Die Mädchen lächelten sie fröhlich an. Sie wussten zwar nicht, wo Mama und Papa so lange gewesen waren, aber sie erkannten, dass das ein weiteres Ritual war, die Liebe zu stärken. Das sah man den Blicken der Eltern deutlich an. 'Zeit ohne Familie' war bestimmt eines der Geheimnisse, die sie auch anwenden konnten, wenn sie erst einmal verheiratet waren.
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