Das Spiel der Götter

von Lucius
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
09.06.2019
28.07.2019
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15.06.2019 1.928
 
Kapitel I – Firn
Einige Erdenjahre später …
Ein Junge, vielleicht über 15 Jahre, vielleicht auch nicht. Sein geschundenes Gesicht ließ solche Schlüsse nicht zu. Und auch der Dreck, der seine Haut wie Moos einen alten Fels überzog, machte irgendwelche Rückschlüsse zu gewagten Aussagen. Er lag neben einem sechs Fuß breiten Baum, sein Rücken an eine der freien Wurzeln gelehnt, die teils auch überirdisch liefen. Er war barfuß und trug auch sonst keine sehr bequeme Kleidung; seine Hose war aus braunem, schwerem Stoff und grob vernäht. Ebenso wie seine Weste, die er über dem Fetzen, der nur schwerlich als Hemd eingestuft werden konnte, trug.
Seine Augenlider zuckten und er stützte sich mit seinen Armen auf die Wurzel hinter ihm. Mit großem Kraftaufwand kam er wackelig zum Stehen. Erst jetzt öffnete er seine Augen. Würde der junge Reichtum begehren, könnte er den leicht erlangen, denn seine Augen beherbergten keine der Farben, die auf diesem Kontinent verbreitet waren, höchstwahrscheinlich könnte man sie nicht einmal auf anderen Kontinenten finden: Manchmal waren sie schwarz, und dann doch wieder nicht. Es schien, als seien seine Augen die Tiefe des Meeres selbst, in die ab und zu mal Licht vordrang, um sie dann gerade so weit zu erhellen, dass diese nicht mehr nur schwarz, sondern darüber hinaus einen Schimmer von blau zu haben schien. Diese beiden Zustände lagen in ständigem Wechsel und hatten Extreme und Übergänge, bei denen sich mal klar eine Farbe zeigte, und dann doch wieder beide Töne gemeinsam. Diese wunderschöne Tiefe sog alles in sich auf und in ihr spiegelten sich Sträucher, Bäume und, als der Junge seinen Kopf reckte, auch einer der zwei Monde. Als sich die beiden mystischen Schönheiten trafen ‒ des Junges Augen und der ferne, unerreichbare Körper im Himmel –, zuckte der Junge zusammen und schloss seine Augen, seine Gesichtsmuskulatur schmerzhaft angespannt. Ein Wort schob sich ihm in den Kopf und dominierte seinen Verstand mit überwältigender Kraft, die für einen Moment alles andere in den Schatten schob, er war fremden Ursprungs, und doch auch wieder nicht: Larras. Er wusste sofort, dass das sein Name war, doch konnte sich nicht erinnern ihn jemals zuvor gehört zu haben …
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Vor dem Jungen erstreckte sich eine Weite, die voll von Gräsern und verstreuten Bäumen und ab und zu auftretenden kleinen Verschlägen war, die scheinbar irgendwelchen Bauern gehören. Er verließ den Schutz des Waldes und erlebte zum ersten Mal das Gefühl von Sonnenstrahlen, die auf seiner Haut eine prickelnde Reaktion auslösten. Zuerst war ihm das Gefühl unangenehm, aber schon bald genoss er es und suchte sich seinen Weg durch die Gräser. Er peilte das Gebiet an, das zwischen den drei Hütten lag. Wie erhofft traf er schon bald auf einen breiten Trampelpfad, der auch Spuren von einschneidenden Kutschenrädern vorwies. Er entschied sich, dem Weg in die Richtung zu folgen, die entgegen dem Wald lag. Zum Glück war der Boden frei von Kieseln oder größeren Steinen; so konnte er unbedenklich laufen ohne auf seine ungeschützten Füße Rücksicht nehmen zu müssen.
Während er lief, fragte er sich, warum er dort in dem Wald gelegen hatte. Für ihn ergab alles keinen Sinn; wieso sollte er dort einfach so gelegen haben, im Dreck und mit nichts als Lumpen … Er merkte erst, wie hungrig er war, als ebendieser Hunger ihn aus seinen verirrten Gedanken riss. Er entschied sich bei der nächsten Gelegenheit – wahrscheinlich eine der Hütten – einen Stopp einzulegen und sich erstmal nach etwas zu essen umzusehen.
Nach dem, was ihm wie eine Viertelstunde vorkam, kam die erhoffte Hütte in Sicht. Sie lag ungefähr 20 Meter vom Wegesrand nach links in einem Getreidefeld und bestand aus simplen, rechteckigen Holzscheiten, die mit Nägeln auf einfachste Weise aneinander gezimmert waren. Die Türe ließ sich mit ein wenig Druck und einem schrillen Quietschen öffnen, und zum Glück lagen in einer Ecke des quadratischen Raums noch zwei angefangene Laibe Brot. Das Brot war hart, aber dem Jungen, der sich nicht einmal daran erinnern konnte, jemals davor etwas gegessen zu haben, fiel das nicht auf. Er aß den einen Leib und steckte den anderen in einen kleinen Stoffbeutel, den er von einem Nagel an der Wand genommen hatte. Er fühlte sich etwas schlecht, einfach so von einem Fremden zu stehlen, aber seine Situation ließ kein aber zu.
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Der Junge war bereits zwei Stunden gelaufen, bis eine Mauer in sein Blickfeld trat, was die zunehmenden Hütten, denen er während der letzten Stunden begegnete, erklärte. Auf dem Weg hatte er sich einmal an einen neben dem Weg langlaufenden Bach gekniet, bevor dieser sich in eine andere Richtung wund, und getrunken. So langsam verspürte er wieder Hunger und Durst, obwohl er bereits den zweiten Laib an Brot verputzt hatte. Von Neugierde und Hoffnung angetrieben erhöhte der Junge sein Tempo und erreichte innerhalb der nächsten halben Stunde das Tor. Die Stadtmauern waren einschüchternde zehn bis 12 Meter hoch, je nachdem wo man hinblickte. Vor dem Tor befand sich ein kleines Gardehaus, das Platz für die fünf Soldaten hatte, die am Tor kontrollierten. Vor ihm reihten sich ein paar Dutzend Menschen ein. Von solchen in feinen Stoffen bis zu jenen, die mit krummem Rücken und einfacher Kleidung dastanden. Er war der mit der bescheidensten Garderobe …
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„Junge, wie heißt du?“, fragte einer der Soldaten in kräftigem Ton.
„Larras, Sir“, erwiderte Larras ruhig.
„Larras, ja? Nachname?“, inquirierte der Soldat.
„Keinen, Sir.“
„Ist das dein erstes Mal hier in Firn, Junge?“
„Mein erstes Mal, Sir.“, erwiderte Larras seines besten Wissens.
„Na gut. Durchlassen!“, rief der Mann, nachdem dieser sich vergewissert hatte, dass der zu Kontrollierende keine unautorisierten Waffen oder Schmuggelware an sich hatte. Wo auch immer das in den taschenlosen Lumpen Platz gefunden hätte …
Larras durfte passieren. Er blieb gleich hinter dem Tor wieder stehen. Überwältigt! So viele Menschen, die in hellem Trubel durch die gepflasterten Gassen strömten. Die Straße, die vom Tor aus stadteinwärts lief, führte ungehinderten geradeaus bis zu einem weiteren Tor, welches trotz der strahlenden Sonne im Schatten lag, beschattet nur von dem gewaltigen Konstrukt hinter diesem.
Der Junge begann durch die unebenen Gassen zu schlendern, entlang von verschiedensten Geschäften zu beiden Seiten. Die Straßen waren so belebt, dass es unmöglich für ihn war geradeaus zu laufen. Er war ständig dazu gezwungen von einer Seite zur anderen auszuweichen.
Nach ein paar Minuten kam Larras an einen rustikalen Laden, dessen zugezogene Vorhänge mitsamt seiner staubigen Atmosphäre und der Tatsache, dass er seitdem er den Laden entdeckt hatte noch Niemanden diesen betreten sehen hatte, sein Interesse weckten. Er schlängelte sich zwischen den Leuten durch. Und erntete bei Kontakt den einen oder anderen angewiderten Blick aufgrund seiner schäbigen und einfachen Erscheinung.
Vor der Tür angekommen öffnete sich diese bereits und ein kräftiger Mann in den oberen Vierzigern schob sich aus dem Laden. Der Mann trug edle Kleidung; ein samtenes, rotes Hemd unter einem schweren Mantel aus verschiedenen braunen Fellen und eine tiefschwarze Hose, die in seine kniehohen Stiefel gesteckt waren. Sein Mantel wurde vorne von zwei über Kreuz laufenden Eisennadeln, die zusammen ein Wappen präsentierten: Ein sich aufbäumender Bär vor zwei gekreuzten Schwertern auf rotem Grund. Der Mann stoß den Jungen mit einem herablassenden Blick zur Seite und verschwand in Richtung der inneren Stadt.
Er konnte spüren, dass er für seine Neugierde belohnt wurde, als er durch die Tür trat. Der Laden hatte ihn auf unerklärliche Art und Weise angezogen und nun, da er sich in diesem befand, fühlte er, wie ihn Hunger überkam. Ein anderer Hunger als der, den er auf seinem Weg zuvor verspürte. Es war vielmehr so, als würde sein gesamtes Wesen sich nach den Inhalten der abertausenden Bücher, die sich nun um ihn herum in meterhohen Regalen und auf Tischen stapelten, verzehren.
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Rayon Vyrt Bartras trug seinen Namen voller Stolz. Er war selbstsicher und versiert in seinem Metier. Und heute hatte er etwas Unfassbares erworben: Ein Buch, welches er dank seiner hohen Magie Affinität gespürt hatte. Anders als der Rest des Ladenbestandes hatte dieses Buch eine eigene Aura emittiert. Nachdem er dem Ladenbesitzer einen Gold- und drei Silbertaler in die Hand gedrückt hatte verließ er den Laden. Dabei stoß er mit einem armen Jungen zusammen. Normalerweise hätte er solch respektloses Verhalten gegenüber sich nicht geduldet, doch heute konnte er es ertragen.  Er wandte sich gen Norden und machte sich mit erhobenem Haupte auf den Weg zu seinem Anwesen im zweiten Distrikt, wo der Hochadel residierte. Er konnte immer noch nicht glauben, was er in einem Distrikt der niederen Bürgerschaft, wie sie im achten Distrikt zu finden war, gefunden hatte. Der bloße Gedanke daran, was für ein Schatz in den Händen der einfachen Bürger war, ließ ihn erschaudern.
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An seinem Anwesen angekommen verneigten sich die drei Wachmänner, die am vorderen Tor positioniert waren: „Willkommen zurück, Eure Lordschaft.“
Er wandte sich einem der drei Männer zu: „Gebt Wort, dass meine Frau und mein ältester Sohn in den Speisesaal kommen sollen. Ich habe wichtige Neuigkeiten.“
„Sofort, Mylord.“ Der Mann verneigte sich noch einmal und lief weiter in das Anwesen hinein.
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Er saß auf seinem Stuhl, den Ellbogen auf den Tisch und seinen grübelnden Kopf auf seine Hand gestützt.
„Ray, was ist denn los? Dass du uns so rufen lassen musst.“, die vorwurfsvolle Stimme seiner Frau war zu hören und riss ihn wieder aus seinen Gedanken. Trotz des bewussten Vorwurfs in ihrer Stimme hörte er einen Ansatz von Neugier mitschwingen, und ein Grinsen entfaltete sich auf seinem bärtigen Gesicht bei dem Gedanken daran, was er ihr bald präsentieren würde. Noch mehr wollte er den Ausdruck auf dem Gesicht seines ältesten Sohnes sehen, wenn es soweit war.
„Komm einfach her, dann siehst du’s, Vyra.“, rief er ihr entgegen, als sie mitsamt seines 28-jährigen Sohnes den Saal betrat.
Er wartete, bis die beiden sich auf zwei Stühlen zu seiner linken niedergelassen hatten, um selbst dann noch nur zu grinsen.
„Vater.“, sein Sohn ergriff das Wort. „Was ist denn jetzt, dass du dir nicht mehr das Grinsen verkneifen kannst?“, fragte sein Sohn erwartungsvoll, und mit neckendem Ton das du betonend.
Er blieb still. Er war sich sicher, dass er diesen Moment des Triumphs nicht so schnell vorbeiziehen lassen würde.
„Ray …?“, sprang seine Frau ihrem gemeinsamen Sohn zur Seite. Immer noch nichts. „Ich schwöre dir, wenn du uns jetzt noch länger auf die Folter spannst, steh‘ ich auf und geh‘!“ Er konnte sehen, dass sich seine wunderschöne Frau nicht länger ruhig halten lassen würde und setzte sich aufrecht hin: „Ihr wisst ja beide, dass ich heute wieder auf meinen gelegentlichen Ausflug in die bürgerlichen Distrikte gemacht habe.“ Affirmatives Nicken. „Nun ratet mal, was der große Rayon Vyrt Bartras heute entdeckt hat!“, ein triumphierendes Grinsen schob sich auf sein Gesicht, endlich hatten sich die vielen Monate seiner Mühen ausgezahlt.
„Ray, ich werde jetzt ganz sicher nicht raten! Und ich verspreche dir …“, sie wurde unterbrochen.
„Na gut, na gut … Also: schaut her!“, er zog einen dunklen Stoffbeutel unter seinem Mantel hervor, den er extra dafür noch anhatte, und platzierte diesen auf dem Tisch. Durch die Form des Stoffbeutels ließ sich die Form des Inhalts abschätzen: „Was ist das? Ein Buch?“, vermutete sein Sohn.
„Richtig, Sarin.“, er nickte.
„Und?“, inquirierte seine Frau mit einem ahnenden Gesichtsausdruck.
Rayon griff nach dem Beutel, löste den Knoten, der den Beutel verschloss und zog vorsichtig den Gesprächsgegenstand heraus. Er legte das Buch auf den Tisch und schob es auf seinen Sohn zu. Der schaute ihn fragend an und richtete dann seinen Blick auf das Buch. Rayon konnte sehen, wie es Klick machte im Kopf seines Sohnes und war stolz darauf, dass dieser die leichten Spuren des Mana, welches das Buch emittierte, wahrnehmen konnte.
Er und seine Frau beobachteten, wie Sarin das Buch vorsichtig aufschlug und ein paar der ersten Seiten überflog.
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