Die Liebe siegt sowieso

KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Viktor Saalfeld
09.06.2019
09.06.2019
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Manchmal reicht schon ein einziger Moment dazu aus, um die eigene, kleine Welt völlig auf den Kopf zu stellen. Es braucht nicht viel – nur eine einzige, kurze Begegnung, ein Blick oder ein Wort – und nichts ist mehr, wie es vorher war.
Dass es solche Momente wirklich gibt, das habe ich ehrlich gesagt nie für möglich gehalten. Ich hielt Gefühle immer für etwas, das schleichend passiert, sich langsam entwickelt – aber nie hätte ich gedacht, dass sie tatsächlich Knall auf Fall passieren können, dass es diese sagenumwobene Liebe auf den berühmten ersten Blick tatsächlich gibt.
Diese Theorie lag für mich so weit entfernt wie die Sonne von der Erde – und würde es mit Sicherheit auch heute noch sein, hätte mich nicht eine flüchtige Begegnung vor einiger Zeit eines besseren belehrt.
Doch bevor ich hier allzu sehr ins Ausschweifen gerate, sollte ich mich vielleicht erst einmal vorstellen: Mein Name ist Viktor. Viktor Saalfeld. Ich bin Ende zwanzig, habe braune, kurz gehaltene Haare, einen durchschnittlichen Körperbau und bin im Grunde genommen ein Mensch wie jeder andere auch.
Bis noch vor einiger Zeit habe ich im Ausland gelebt, mich jedoch irgendwann dazu entschlossen, zurück in meinen Heimatort zu kommen und die Aussprache mit meiner Familie zu suchen. Bis vor kurzem hatte ich nämlich keinerlei Kontakt, weder zu meinen Eltern, noch zu meinen drei Geschwistern.
Was genau der Beweggrund dafür gewesen ist, nach so langer Zeit der Funkstille wieder den Kontakt zu suchen, das weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht mehr so genau – irgendetwas in mir hatte einfach das Bedürfnis danach, wieder in die Heimat zurückzukehren, den Ort aufzusuchen, an dem alles einmal angefangen hat.
Und auch wenn es am Anfang ziemlich seltsam und schwierig war, so verstehe ich mich mit meiner Familie inzwischen wieder ganz gut – selbst mit meinem Vater, zu dem ich immer ein gelinde gesagt sehr spezielles Verhältnis hatte.
Doch nach ein paar Startschwierigkeiten ist es uns schließlich gelungen, uns auszusöhnen und er hat mir sogar einen Job angeboten – als Pferdewirt in dem Fünf-Sterne-Hotel „Fürstenhof“, in welchem er Miteigentümer ist und welches sich seit Urzeiten im Besitz der Familie Saalfeld befindet.
Ich möchte nun nicht sagen, dass wir ein typisches Vater-Sohn-Verhältnis zueinander haben, denn das hatten wir noch nie – allerdings ist es uns gelungen, die Differenzen aus der Vergangenheit zumindest auszuräumen und zu einem zivilisierten Umgang miteinander zurückzufinden.
Auch mit meinen drei Geschwistern verstehe ich mich gut, besonders mit meinem Bruder Boris, zu dem ich schon früher stetig das beste Verhältnis hatte. Wir waren schon damals ziemlich eng miteinander – und nach ein wenig anfänglicher Distanz haben wir diese Vertrautheit und geschwisterliche Nähe inzwischen wiedergefunden.
Aber auch mit meinen beiden Schwestern komme ich gut klar, insbesondere mit der jüngsten, Denise, die von meinem plötzlichen Auftauchen wie alle anderen auch mehr als nur überrascht war.
Annabelle, meine andere Schwester, verhält sich mir gegenüber eher distanziert, was jedoch weniger an meiner langen Zeit der Abstinenz liegt, sondern vielmehr daran, dass sie schon früher diesen sehr eigensinnigen Charakter hatte, der einen hin und wieder an die Grenzen jeglicher Geduld bringen kann. Doch daran störe ich mich nicht weiter, denn insgesamt verstehen wir uns eigentlich ganz gut. Nun – oder zumindestens ist es uns bisher gelungen, miteinander umzugehen, ohne uns dabei gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Und das ist doch auch ein bisschen was wert.
Jedenfalls, seitdem ich wieder hier in Bichlheim bin und am „Fürstenhof“ arbeite, hat sich eine entscheidende Sache in meinem Leben grundlegend verändert, für die ich bisher weder die Zeit, noch das Interesse gehabt habe.
Bevor ich jedoch näher darauf eingehe, möchte ich vorab noch eine Sache bemerken, die mir sehr wichtig erscheint und die vor allem auch dazu dienen soll, Missverständnissen vorzubeugen.
Ich hatte ja erwähnt, dass ich eigentlich ein Typ bin wie jeder andere auch, vollkommen durchschnittlich und unspektakulär. Nun, das stimmt nicht so ganz, denn es gibt da zwei Sachen, die mich grundlegend von anderen Männern meines Alters unterscheiden.
Zum einen mein etwas untypischer Musikgeschmack, den man von jemandem wie mir sicherlich nicht erwarten würde und für den ich während meiner Schulzeit von anderen hin und wieder ein wenig belächelt worden bin.
Wenn man das so hört, könnte man gleich an Stilrichtungen wie Punk oder Gothic denken, da das, zumindest in der breiten Masse des Mainstreams, auch eher als untypisch gilt. Aber das ist bei mir weit gefehlt.
Die Musik, die ich nämlich bevorzugt höre und für die ich bereits in meiner Pubertät eine ganz besondere Schwäche entwickelt habe, ist eine völlig andere – eine, die bis vor wenigen Jahren noch ziemlich verpönt war und arg belächelt wurde.
Bis irgendwann eine Frau kam, die alles veränderte und mit den ausgelutschten Klischees dieses Genres grundlegend aufräumte. Eine Frau, die ich aus tiefstem Herzen bewundere und welcher der unbeschreibliche Erfolg ihrer Plattenverkäufe zweifellos Recht gibt. Und der Name dieser Frau lautet Helene Fischer.
Na, kann man jetzt vielleicht erraten, was mein bevorzugter Musikgeschmack ist? Ganz genau: Der deutsche Schlager. Ich habe eine extreme Schwäche dafür, kenne all die großen und kleines Stars des Genres und versuche stetig, mich so gut wie möglich darüber auf dem Laufenden zu halten.
Grundsätzlich liebe ich die Musik, das tat ich schon als Kind – auch wenn ich selbst weder musikalisch begabt bin, noch über eine sonderlich hörenswerte Stimme verfüge. Und dennoch hat die Musik es mir angetan, ganz besonders eben deutsche Texte und Songs, in denen ich mich nicht nur wiederfinde, sondern welche auch eine immense Tiefe auf mich ausüben und mir meist direkt unter die Haut gehen.
Ganz gleich, ob es derzeit auf dem Markt noch aktuelle Stars sind wie eben Helene Fischer, Andrea Berg oder auch die sehr sympathische Kerstin Ott – oder eher unbekannte Künstler und mit den Jahren ein wenig in Vergessenheit geratene Hit-Garanten wie die großartige Carolin Fortenbacher, Claudia Jung oder die einstige Grand-Prix-Siegerin Nicole, deren Hymne >Ein bisschen Frieden< man sich bis heute nicht entziehen kann. Außerdem höre ich auch unvergessene Legenden wie etwa den Sänger Ronny, dessen Repertoire gleich mehrere Genres umfasste – von Schlager über Country bis hin zu traditionellem, deutschem Liedgut und volkstümlicher Musik. Oder aber auch die bezaubernde, leider viel zu früh verstorbene Andrea Jürgens, die bereits im zarten Kindesalter mit ihrem Scheidungslied >Und dabei liebe ich euch beide< einen großen Erfolg in den Hitlisten verzeichnen konnte.
All diese großen und kleinen Namen des Schlager-Genres sind mir mehr als nur ein Begriff und haben meine inzwischen über dreitausend Songs umfassende Liedgut-Sammlung über viele Jahre hinweg stetig bereichert.
Dass ich dafür des öfteren belächelt wurde, ganz besonders während meines Auslandsaufenthaltes, in dem man sich gerne mal über meine Sympathie für die „Schlager-Lene“ das Maul zerrissen hat, war mir immer vollkommen gleichgültig.
Der Schlager ist und bleibt einfach meine Musik, mit der ich mich identifizieren kann – und Helene Fischer zweifellos mein großes Vorbild, bei dem ich alles dafür tun würde, nur um ein einziges Mal einem ihrer spektakulären, mitreißenden Live-Konzerte beiwohnen zu können.
Bisher hatte ich leider noch keine Gelegenheit dazu, denn sämtliche Shows waren im Nu ausverkauft – und die Schwarzmarkt-Preise dementsprechend unvorstellbar hoch. Sollte sie jedoch irgendwann auch nur mal in die Nähe von Bichlheim kommen, dann schwöre ich, werde ich alles dafür geben, um sie einmal live und in Farbe erleben zu können.
Ihre Musik geht mir einfach unter die Haut, gerade ihre ehrlichen, tiefgründigen Balladen, wie etwa der Titel >Weil Liebe nie zerbricht< aus ihrem aktuellen, selbstbenannten Album aus dem Jahr 2017, welcher eine tiefe, innige Liebe thematisiert, die selbst den Tod überdauern kann.
Genau das sind die Texte, die mein Herz erreichen und in denen ich das wiederfinde, wonach ich selbst immer irgendwie unterbewusst gesucht habe: Eine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Wärme und inniger, zwischenmenschlicher Nähe.
Davon habe ich nämlich, um ganz ehrlich zu sein, überhaupt keine Ahnung. Bisher habe ich diesbezüglich noch überhaupt keine Erfahrungen, was nicht etwa daran liegt, dass es noch keine Gelegenheiten oder Interessenten gegeben hätte – nur hat das noch niemals auf Gegenseitigkeit beruht. Oder der potentielle Kandidat hatte schlicht und ergreifend das falsche Geschlecht, um für mich in Betracht zu kommen.
Und damit komme ich auch schon zur zweiten Sache, die mich von anderen Männern meines Alters erheblich unterscheidet. Ich glaube zwar, dass man schon erahnen kann, was ich meine, aber dennoch halte ich es der Vollständigkeit halber einmal fest: Ich stehe nicht auf Frauen.
Das habe ich schon während meiner Pubertät gemerkt, als ich zum allerersten Mal Zuneigung zu einem – natürlich heterosexuellen – Jungen empfunden habe, für den ich beinahe alles getan hätte.
Und seitdem habe ich immer irgendwie versucht, Erfahrungen zu machen – jedoch gab es bisher kaum Möglichkeiten dazu, geschweige denn, hätte ich jemanden kennengelernt, der ernsthaft dafür in Betracht gekommen wäre.
Dass ich „andersrum“ bin, wie man im Volksmund immer so gerne sagt, hat mich selbst nie gestört oder gar habe ich es hinterfragt. Es war ganz einfach so – und damit hatte sich die Sache für mich erledigt. Und dennoch, trotz dieser Selbstsicherheit, habe ich mich nie so richtig getraut, es irgendjemandem zu sagen oder mich mal nach potentiellen Interessenten und Partnern umzusehen, mit denen ich vielleicht ein paar Erfahrungen sammeln könnte.
Grundsätzlich hat mich das auch nie so wirklich gestört, auch wenn ich offen zugebe, dass es manchmal Momente gab und gibt, in denen ich mir einen Menschen an der Seite wünsche, dem ich vertrauen kann.
Aber bisher hat sich das einfach nicht ergeben – zum einen, weil ich ohnehin eher schüchtern bin und Clubs oder dergleichen daher stets meide. Zum anderen aber auch, weil meine Familie es eben nicht weiß und ich offen gesagt ein wenig unsicher bin, wie sie darauf reagieren würden.
Mein Vater etwa würde damit vermutlich überhaupt nicht klarkommen, zumal er ein sehr harscher Mensch ist, der für „so etwas“ kaum etwas übrig hat. Ich denke, das inzwischen normale Verhältnis, das wir mittlerweile wieder zueinander haben, wäre in Sekundenbruchteilen wieder dahin, wenn er mitkriegen würde, was Sache ist.
Und bei meiner Schwester Annabelle wäre es vermutlich nicht sonderlich anders, denn sie ist ebenso wie er ein Kopfmensch, der von Gefühlsduselei und gleichgeschlechtlicher Liebe keine sonderlich hohe Meinung hat.
Meine andere Schwester Denise und meinen Bruder Boris hingegen schätze ich diesbezüglich sehr offen ein. Ich glaube nicht, dass es für die beiden ein Problem darstellen würde, wenn sie es erfahren, zumal sie in der Familie diejenigen sind, denen ich am meisten vertraue und mit denen ich auch über fast alles sprechen kann.
Es gibt lediglich einen Menschen, der eingeweiht ist und Bescheid weiß – Alicia Lindbergh, die Verlobte meines Vaters Christoph.
Sie kennt alle Fakten und weiß, was Sache ist – auch wenn ich anfangs ziemlich Bedenken hatte, ob ich es ihr überhaupt erzählen soll oder nicht. Aber nachdem mir diese eine Sache passiert ist, mit der ich nie im Leben gerechnet hätte, brauchte ich jemandem zum Reden – und sie war die einzige, die mir neutral genug erschien und der ich auch genügend vertraue, um es ihr zu sagen.
Diese Sache, die ich meine, hat mit dem zu tun, was ich eingangs erwähnte – nämlich, dass ich niemals an so etwas wie Liebe auf den ersten Blick oder ähnliches geglaubt habe. Ich hielt das immer für Quatsch und dachte, dass Gefühle sich erst entwickeln müssen und nicht einfach so mit einem Schlag da sind.
Aber dann kam vor einiger Zeit der Nachmittag, an dem ich IHM begegnet bin. Und diese eine, kurze Begegnung hat mich total aus der Bahn geworfen und alles völlig auf den Kopf gestellt. Ich weiß nicht, warum oder wieso, aber als ich ihn gesehen habe, da wusste ich genau: Der ist es. Auf diesen Mann habe ich mein ganzes Leben lang gewartet.
Sein Name ist übrigens Henry. Henry Achleitner. Und er arbeitet als Tierarzt hier in Bichlheim. Aufgrund dessen sind wir uns inzwischen schon einige Male begegnet, denn ich kümmere mich ja schließlich um die Pferde des Hotels, genau wie er auch.
Und jedes Mal, wenn ich ihn treffe und mit ihm rede, gewinne ich wieder den Eindruck, dass er ein unheimlich lieber, herzlicher und aufgeschlossener Mensch ist. Das bedeutet, sofern es mir überhaupt gelingt, ein Wort herauszubringen.
Das fällt mir nämlich meistens ziemlich schwer. Er braucht mich bloß anzusehen oder kurz zu lächeln – und schon habe ich völlig vergessen, was ich eigentlich sagen wollte und versuche stattdessen nur, mein klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen und vor ihm zu verbergen.
Ich glaube nämlich kaum, dass er sonderlich begeistert wäre, wenn er mitkriegen würde, was ich für ihn empfinde. Nein, vielmehr denke ich, dass das unserer bislang reibungslosen Zusammenarbeit den Garaus machen würde.
Und die Tatsache, dass wir uns aufgrund dessen fast tagtäglich über den Weg laufen, macht es natürlich nicht besser. Ganz im Gegenteil. Es fällt mir sehr schwer, ihm zu begegnen und so zu tun, als wäre rein gar nichts – eben weil das ganz einfach nicht stimmt und ich von Natur aus ein Mensch bin, der sich nicht sehr gut verstellen kann.
Daher gestaltet sich jedes Zusammentreffen mit ihm als ziemliche Prozedur, zumal ich so überhaupt nicht einschätzen kann, wie er reagieren würde, wenn er es herauskriegt.
Wahrscheinlich würde er mich auslachen – oder möglicherweise meinem Vater alles stecken und ihm erzählen, dass ich ihn belästigt habe. Und was das für mich bedeuten würde, das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen.
Dabei wünsche ich mir auf der anderen Seite nichts sehnlicher als in seiner Nähe zu sein oder vielleicht mal etwas mit ihm zu unternehmen. Ihn einfach besser kennenzulernen und mich unbeschwert mit ihm zu unterhalten, ganz ohne Hintergedanken und zweideutige Absichten.
Naja, okay, nicht so ganz. Es wäre schon schön zu wissen, woran ich bei ihm bin und welche Möglichkeiten ich mir bei ihm ausrechnen darf. Auch wenn ich offen gestanden kaum eine Chance sehe, dass er so ähnlich empfindet wie ich, geschweige denn, dass er überhaupt auf Männer steht.
Um ehrlich zu sein: So langsam aber sicher macht es mich wahnsinnig, denn inzwischen geht das schon seit einigen Wochen so – und es fällt mir auch zunehmend schwerer, mit ihm so umzugehen als wäre nichts.
Jedes Mal, wenn er mich ansieht, dann fange ich an, dumm zu grinsen und bilde mir weiß Gott was darauf ein – natürlich mit dem sicheren Wissen im Hinterkopf, dass er nichts von dem, was er sagt oder tut so meint, wie ich es auffasse. Das ist eben der Nachteil, wenn man in der Liebe noch keine Erfahrungen hat: Man deutet alles falsch, was der Andere sagt oder tut.
Genau deshalb habe ich mich auch Alicia anvertraut, musste ich mich ihr anvertrauen, um für mich selbst klar zu erkennen, was ich tun und wie ich mich verhalten soll, wenn ich Henry begegne.
Und auch wenn sie es mit Sicherheit nur gut meint, aber mit ihrem Rat, ihm gegenüber einfach ehrlich zu sein, werde ich meiner Einschätzung nach nicht weit kommen. Zumal eben immer das Risiko besteht, dass mein Vater etwas davon mitbekommt. Und das wäre ohne zu übertreiben der Super-GAU.
Sie hat mir zwar angeboten, nötigenfalls mit ihm zu sprechen – aber ich glaube kaum, dass das etwas bringen würde. Ich kenne Christoph. Und daher kann ich mir auch vorstellen, wie seine Reaktion darauf ausfallen würde, dass ausgerechnet sein Sohn schwul ist.
Das ist auch der Grund dafür, wieso ich Henry gegenüber nichts sagen möchte, sowie natürlich auch, dass ich unsere bisherige Zusammenarbeit auf keinen Fall in Gefahr bringen will.
Denn selbst wenn er in der Lage wäre, meine Gefühle für ihn zu akzeptieren, würde danach ja trotzdem nichts mehr so sein wie vorher. Also warum sollte ich das Risiko eingehen und alles aufs Spiel setzen?
Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass es mir unheimlich wehtut, mich ständig verstellen zu müssen und mir nichts anmerken zu lassen. Aber auf lange Sicht ist es so das Beste, als wenn ich den vermutlich tollsten, sympathischsten Mann, dem ich je begegnet bin, durch ein unüberlegtes Wort oder ein vorschnelles Liebesgeständnis für immer vergraulen würde.
Es mag sich zwar möglicherweise naiv anhören, aber wenn es tatsächlich passieren soll, dann wird es das auch ganz ohne mein Zutun. Vielleicht bin ich einfach zu gutgläubig – und Alicia hat auch Recht damit, dass letztendlich nur der gewinnen kann, der auch mal etwas riskiert.
Aber besser, ich schweige und leide still in mich hinein, als wenn ich Gefahr laufe, den aufrichtigsten, tollsten Menschen, den ich je getroffen habe, für alle Zeiten zu verlieren.
Ich werde Henry nichts sagen. Das ist das Beste. Und irgendwann wird dieses Gefühl schon wieder vorübergehen. Nun, zumindestens hoffe ich das.

Einige Tage später war ich gerade auf dem Weg zum Gestüt, um nach den Pferden zu sehen, vorrangig nach Taifun, um welchen ich mich gemeinsam mit Alicia seit einiger Zeit kümmerte. Ich wusste nicht, ob Henry auch schon dort sein würde, denn seit ich noch einmal über alles nachgedacht hatte, versuchte ich, den Kontakt zu ihm auf das Nötigste zu beschränken, um mich selbst nicht unnötig zu foltern.
Verdammt, ja, ich liebte ihn, sogar mehr noch als ich es jemals für möglich gehalten hatte – aber die Chance, dass aus uns beiden etwas werden konnte, lag bei einem so geringen Prozentsatz, dass ich nicht einmal den Hauch eines Gedankens daran verschwenden wollte.
Darüber hinaus hatte ich ihn in letzter Zeit auch immer wieder zufällig dabei beobachtet, wie er mit ein paar weiblichen Besitzern seiner vierbeinigen Patienten geflirtet und ihnen geschmeichelt hatte. Das heißt, ich wusste nicht genau, ob das wirklich Flirts gewesen waren, denn ich hatte nicht den geringsten Schimmer, wie so etwas überhaupt funktionierte.
Auch mit Alicia hatte ich noch einmal über alles geredet – und sie hatte mir ein weiteres Mal empfohlen, ganz einfach ehrlich zu sein. Aber das konnte ich nicht, das brachte ich nicht fertig, denn die Gefahr, mich damit vor Henry lächerlich zu machen oder ihn gar zu vergraulen, war mir ganz einfach zu groß.
Was genau hätte ich ihm auch sagen sollen? Dass ich ihn süß fand? Dass er mir gefiel? Dass ich ihn unfassbar gern hatte und die Zusammenarbeit mit ihm mir viel mehr bedeutete als er ahnte?
Vermutlich keine gute Idee. Damit war das Desaster bereits vorprogrammiert. Und selbst falls er in der Lage sein würde, mit meinen Gefühlen für ihn umzugehen und klarzukommen – früher oder später würde es ja doch irgendwie zwischen uns stehen.
Also entschied ich mich dazu, dass es das Beste war, einfach die Klappe zu halten und ihm nichts davon zu erzählen. Auf diese Weise konnte ich ihm zumindest ein bisschen nahe sein, ohne mich bis ans Ende aller Zeiten zu blamieren.
Sicherlich war das hart – und es fiel mir auch schwer, doch der inzwischen kleinen Freundschaft willen, die sich zwischen uns entwickelt hatte und die ich auf keinen Fall gefährden wollte, verstellte ich mich und tat so, als wäre alles so wie immer.
Ich marschierte rüber zur Koppel, auf der mich bereits Taifun erwartete, Alicias und mein ganzer Stolz. Kurz nachdem er mich erblickt hatte, kam er brav angetrabt und musterte mich einen Moment lang, so als konnte er ahnen, dass irgendetwas mit mir anders war als sonst.
Henry konnte ich nirgendwo entdecken – möglicherweise hatte er einen Auswärtstermin oder war in seiner Praxis beschäftigt. Aber das war auch gut so, denn ich wollte ihm nur sehr ungern über den Weg laufen. Ob er bereits gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte oder anders war, wusste ich nicht. Jedenfalls hatte er mich bislang noch nicht darauf angesprochen. Und das war auch gut so.
„Na, alter Junge“, sagte ich zu Taifun und stieß ein kurzes Seufzen aus, während ich versuchte, meine kreisenden Gedanken abzustellen und mich auf etwas anderes zu besinnen. Er erwiderte meinen Gruß mit einem kurzen Wiehern, so wie er es eigentlich immer machte, und ließ sich dann ein paar Momente lang den Kopf tätscheln – relativ ungewöhnlich für ihn, da er derartige Berührungen eigentlich überhaupt nicht leiden konnte.
Doch heute schien sogar er zu merken, dass ich gerade jegliche Zuwendung gebrauchen konnte, die man mir gab. Er wieherte noch einmal und sah mich dann einen Moment lang an, so als erkundigte er sich danach, was denn der Grund für meine Nachdenklichkeit war.
Und nachdem ich mich kurz vergewissert hatte, dass wir gänzlich unter uns waren, fasste ich mir schließlich ein Herz und erzählte Taifun, was Sache war und worum es ging.
„Ach Junge“, sagte ich mit einem erneuten Seufzen und senkte meinen Blick. „Im Moment ist einfach alles totaler Mist. Ich weiß ganz einfach überhaupt nicht mehr, wo mir der Kopf steht“.
Er blickte mich unverwandt an, so als versuchte er tatsächlich, mir zu folgen. „Wobei“, fügte ich daraufhin hinzu. „Der Kopf ist weniger das eigentliche Problem. Was mir wirklich zu schaffen macht, ist mein Herz. Ich habe es nämlich an jemand ganz Bestimmten verloren“.
Wieder wieherte er, so als fragte er mich, um wen es denn ginge, woraufhin ich mich schließlich dazu entschloss, ihm auch noch den Rest der Geschichte zu erzählen. „Du kennst ihn“, erklärte ich ihm und musste dabei unweigerlich lächeln. „Es ist Henry. Der neue Tierarzt. Du weißt schon, der seit einiger Zeit hier arbeitet. Ich glaube, ich habe mich wirklich bis über beide Ohren in ihn verguckt“.
Taifun blinzelte kurz, gab mir zu verstehen, dass er wusste, wen ich meinte und schnaubte dann, als könnte er das gar nicht so richtig fassen. „Ich weiß auch nicht, wie es passiert ist“, erzählte ich ihm daraufhin weiter, während ich ihn erneut kurz streichelte. „Ich kenne ihn ja schließlich so gut wie gar nicht. Und trotzdem, als wir uns begegnet sind, da wusste ich genau: Das ist der Mann, auf den ich schon immer gewartet habe. Nur leider fürchte ich, habe ich mich damit ziemlich getäuscht“.
Ich machte eine kurze Pause, bevor ich mit meiner Geschichte wieder fortfuhr. „Ich glaube nicht, dass ich eine Chance bei ihm habe“, sagte ich und verzog betrübt das Gesicht. „Er ist nicht schwul, da bin ich mir fast hundertprozentig sicher. Und selbst wenn er es wäre: Warum sollte er sich da ausgerechnet in jemanden wie mich verlieben? Das ist illusorisch. Oder meinst du nicht, Taifun?“.
Er sah mich nur geräuschlos an, bestätigte damit meine eigene Meinung und machte mir klar, dass ich Recht hatte. „Na siehst du“, erklärte ich ihm dann. „Sogar du denkst nicht, dass ein Mann wie Henry auf jemanden wie mich stehen könnte. Selbst wenn er also schwul sein sollte, was ohnehin fast ausgeschlossen ist, würde er doch sicher nie etwas mit einem wie mir anfangen. Daher wäre es eigentlich das Beste, wenn ich ihn einfach vergesse und die Sache abhake. Das Problem ist nur: Ich schaffe es nicht“.
Wieder pausierte ich, dann redete ich weiter. „Es hat mich noch nie ein Mann so berührt wie er“, schwärmte ich dem jungen Pferd vor und musste schmunzeln. „Und egal, was ich auch versuche, ich kriege ihn ganz einfach nicht aus meinem Kopf. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, dann schlägt mein Herz auf einmal schneller und mir wird so heiß, dass ich denke, ich verbrenne. Und wenn er dann noch so süß lächelt und mich fragt, wie es mir geht, ist es ganz aus. Dann möchte ich ihn am liebsten an der Hand nehmen und niemals wieder loslassen. Ich möchte ihm sagen, was ich für ihn empfinde, dass ich ihn liebe und er mich berührt hat – aber ich glaube, dann würde er mich bloß auslachen“.
„Wirklich?“, erklang da ganz plötzlich eine Stimme hinter mir und ließ mich augenblicklich zu Eis erstarren. „Meinst du, das würde er?“.
Nein, dachte ich und wollte mich eigentlich herumdrehen, um mich zu vergewissern, konnte mich jedoch vor Schreck nicht von der Stelle bewegen. Nein, das konnte nicht sein. Henry konnte jetzt nicht wirklich hinter mir stehen. Er hatte nicht gehört, was ich gerade zu Taifun gesagt hatte. Das war nicht wahr. Nein, das war einfach nicht wahr!
Mein Herz begann zu rasen, während die Realität mich langsam aber sicher einholte und mir bewusst wurde, dass ich gerade eiskalt erwischt worden war. Und zwar ausgerechnet von demjenigen, der niemals etwas davon erfahren sollte. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie lange er schon da stand und was er letztendlich alles gehört hatte – sicher war aber auf jeden Fall, dass er jetzt wusste, was ich empfand. Und dass ich damit ungewollt mein eigenes Todesurteil unterschrieben hatte.
Bedächtig hörte ich Schritte hinter mir, während ich krampfhaft versuchte, mich endlich umzudrehen – aber der Schock saß noch immer so tief, dass ich keinen einzigen Millimeter vom Fleck kam. Ich wollte rennen, einfach nur rennen, weit weg von hier, um dieser Blamage zu entgehen, aber meine Füße hörten einfach nicht auf mich.
Also blieb mir nichts anderes übrig als wie angewurzelt stehenzubleiben und dem jungen Tierarzt dabei zuzusehen, wie er ganz langsam neben mich trat und mich dabei ziemlich lange musterte.
Vielleicht glaubt er, dass ich spinne, schoss es mir unweigerlich durch den Kopf, während ich seinem Blick sofort auswich und zu Boden sah. Vielleicht wird er mich dafür verhauen, dass ich auf ihn stehe. Oh Gott, wieso kann ich denn nur nicht weglaufen?
„H-Henry...“, stotterte ich schließlich, als ich endlich meine Stimme wiedergefunden hatte, den Blick noch immer starr zu Boden geheftet. „Wie... wie lange standest du schon da? Was hast du gehört? Und was hast du jetzt vor?“.
„Lange genug“, antwortete er mir relativ knapp und sah mich an. „Ich habe alles gehört, was ich wissen muss“. Ich schluckte und machte mich darauf gefasst, eine geknallt zu bekommen – doch nichts passierte.
Er stand einfach nur da und sah mich an, tobte nicht, schrie nicht, warf mir nicht vor, dass er davon abgestoßen war – nein. Er sah mich schlicht und ergreifend nur an, suchte nach meinen Augen, wartete, dass ich seinen Blick irgendwie erwidern würde.
„Ich...“, setzte ich an, als könnte ich die Situation irgendwie durch eine Erklärung retten, doch ich wusste genau, dass das zwecklos war. Er hatte alles gehört. Er hatte mitbekommen, wie ich vor Taifun geschwärmt hatte. Jegliches Leugnen hatte keinen Sinn. Ich saß in der Falle.
„Ja?“, fragte er mich, überraschend ruhig, so als hätte ich ihm nicht gerade ungewollt ein Liebesgeständnis gemacht, und musterte mich wieder. „Es... es tut mir Leid“, stotterte ich dümmlich vor mich hin und spürte genau, dass mein ganzes Gesicht rot angelaufen war. „Ich wollte nicht, dass du...“.
„Dass ich das Gespräch zwischen dir und Taifun mitbekomme?“, fragte er neutral nach und starrte mich an. „Das wollte ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber zumindest habe ich jetzt eine Erklärung“.
„Eine Erklärung?“, wollte ich unsicher wissen. „Wofür denn?“. „Warum du in letzter Zeit so komisch warst“, antwortete er, noch immer ganz gelassen, und machte keinerlei Anstalten dazu, die Beherrschung zu verlieren. „Mir ist schon aufgefallen, dass du anders bist als sonst und mir aus dem Weg zu gehen scheinst. Oder dass du abgesagt hast, als ich dich neulich ins „Bräustüberl“ einladen wollte. Jetzt ergibt das alles auf einmal einen Sinn. Und deshalb gehe ich jetzt mal davon aus, dass es stimmt, was ich gehört habe, oder?“.
Eigentlich wollte ich ihn ja fragen, was genau er überhaupt gehört hatte – doch stattdessen gab ich mich geschlagen und gestand ein, was ohnehin offensichtlich war. Ein Leugnen wäre sowieso völlig zwecklos gewesen, denn selbst wenn ich es abgestritten hätte – er hätte es eh gleich durchschaut.
Also nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach ihm gegenüber zum allerersten Mal ganz offen aus, was Sache war. „Ja“, erklärte ich ihm immer noch beschämt. „Ja, es stimmt, Henry. Ich habe Gefühle für dich. Starke Gefühle. Schon an dem Tag, als wir uns kennenlernten, da habe ich gespürt, dass du ein ganz besonderer Mensch für mich bist. Und je länger wir zusammengearbeitet haben, desto intensiver wurde dieses Gefühl. Ich... ich weiß, dass sich das komisch anhört, aber du hast einfach irgendetwas in mir berührt. Ich wollte das nicht, ehrlich. Aber es ist einfach passiert. Ich habe mich in dich verliebt“.
Ein schlichtes, knappes „Wow“ war im ersten Moment alles, was er dazu zu sagen hatte, ehe sich ein unsicheres, mehr gezwungenes Schmunzeln auf seinem Gesicht ausbreitete. „Ich... ich habe es nicht gemerkt“, gab er zu und verschränkte seine Arme, während auch er kurz zu Boden schaute. „Wirklich, Viktor. Ich hatte keine Ahnung, dass du so für mich fühlst. Und ich... ähm... ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich dazu sagen soll. Dass ausgerechnet du...“.
Er brach ab und drehte kurz den Kopf zur Seite, verwunderte mich mit dieser Reaktion ein bisschen. „Was meinst du?“, fragte ich nach, woraufhin er mich wieder anschaute und ich zuerst glaubte, meinen Augen nicht zu trauen.
Lächelte er wirklich? Oder war das nur dieses verlegene Schmunzeln von gerade eben? Was würde er jetzt tun?
Ohne auch nur irgendeinen Ton zu sagen, kam er ein paar Schritte auf mich zu und ich wich wie automatisch zurück – doch er war zu schnell für mich. Und so standen wir uns nur Momente später Auge in Auge gegenüber, er noch immer mit diesem eigenartigen Lächeln im Gesicht, das ich nicht deuten konnte.
Noch bevor ich ihm ausweichen konnte, griff er nach meiner Hand und berührte sie, woraufhin ich überhaupt nicht mehr wusste, was da eigentlich vor sich ging. „Henry...?“, fragte ich mit zitternder Stimme und spürte, dass mein Herzschlag so sehr raste wie noch nie. „Was... was hast du vor? Bitte... ich..“.
Ehe ich meinen Satz zu Ende sprechen könnte, spürte ich seinen Finger an den Lippen und warf einen langen Blick in seine Augen, in denen ich glaubte, ein Blitzen wahrnehmen zu können. Oder war das schlicht und ergreifend eine Reflexion der Sonne?
Nein. Nein, seine Augen hatten tatsächlich geblitzt. Aber warum? War er wirklich so wütend auf mich? Wieso schrie er mich dann nicht an?
Während ich vergeblich versuchte, eine Antwort auf meine Fragen zu finden, schnappte er sich meine Hand und machte es mir unmöglich, mich aus seinem Griff zu entwinden. Stattdessen führte er sie bedächtig an seine Brust und legte sie dann dort ab, ehe er mir einen weiteren Blick zuwarf. „Fühl genau hin“, wies er mich an und ließ mich schließlich wieder los. „Vielleicht weißt du dann, was ich als nächstes vorhabe“.
Ohne mich zu widersetzen, presste ich meine Handfläche gegen seine Brust – und konnte fast nicht glauben, was ich fühlte. Sein Herz schlug tatsächlich schneller, genau wie meines. Aber... das war doch wohl nicht etwa wegen mir. Oder doch?
Bevor ich ihn danach fragen konnte, ergriff er noch einmal das Wort und ging wieder ein paar Schritte auf Abstand – meine Hand jedoch ließ er dabei nicht einen Moment lang los.
„Du hast es offensichtlich auch nicht gemerkt“, sagte er dann und war kurz versucht zu grinsen. „Dir ist auch nicht aufgefallen, wie nervös ich immer war, wenn wir zusammenarbeiten. Und dass der Grund dafür einzig und allein du bist. Ich schätze, da waren wir beide einfach blind“.
„Was?“, wollte ich wissen und tat mich schwer damit, seine Worte richtig zu deuten. „Wie... wie bitte?“. „Du hast mich richtig verstanden“, klärte er mich auf und lächelte. „Ich habe auch mehr als nur ein Auge auf dich geworfen, Viktor. Aber genau wie du habe ich mich nie getraut, auf dich zuzugehen und es dir zu sagen. Und hätte ich gerade nicht dein Gespräch mit Taifun zufällig mitbekommen, wäre das vermutlich noch immer so“.
„Mo-moment...“, stotterte ich völlig perplex und löste mich aus seinem Griff. „Du... du hast mich gern? Du willst sagen, du hast auch...?“.
„Gefühle für dich?“, wollte er wissen und lächelte mich leicht verlegen an. „Ich glaube, das wäre ein bisschen zu wenig gesagt. Was ich empfinde, geht nämlich weit über einfaches Verliebtsein hinaus. Aber ich war mir nie sicher, ob und wie ich dir das sagen kann. Deshalb habe ich immer versucht, es zu verstecken. Scheinbar ist mir das ganz gut gelungen“.
„Henry, ich...“, erwiderte ich durcheinander, brach jedoch wieder ab, weil ich überhaupt nicht wusste, was ich dazu sagen sollte. Ausgerechnet Henry Achleitner – der Mann, in den ich wie noch zu nie zuvor verliebt war, empfand auch etwas für mich? Bedeutete das jetzt, dass er doch auf Männer stand? Oder war er bisexuell?
Um ehrlich zu sein, war mir das in diesem Moment schnurzpiepegal. Erst einmal musste ich richtig begreifen, was da eigentlich gerade passiert war: Er hatte mir eine Liebeserklärung gemacht. ER hatte Gefühle für MICH! UNFASSBAR!
„H-Henry...“, würgte ich schließlich perplex hervor. „Kannst... kannst du mich vielleicht mal zwicken? Ich bin gerade überhaupt nicht sicher, ob ich träume oder wach bin“.
„Das könnte ich tun“, antwortete er mit einem Schmunzeln. „Aber ich glaube, ich weiß da noch etwas viel besseres“.
Mit diesen Worten näherte er sich mit wieder ein Stücken und legte mir sogar beide Arme um den Körper. Mir wurde dabei so heiß, dass ich schon glaubte, jeden Augenblick zu schmelzen. Dass er mir jemals so nah sein würde, ausgerechnet mir – ich fasste das noch immer nicht wirklich.
Allerdings hatte ich nicht sonderlich viel Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, denn noch ehe ich wusste, wie mir geschah, spürte ich seine Lippen auf meinen eigenen – und zeitgleich mein Herz einen Schlag lang aussetzen.
Das war er also. Mein allererster, echter Kuss. Und das mit dem Mann, der mich so berührt hatte wie noch niemand je zuvor. Das erste Mal, dass ich einem Menschen so unsagbar nahe war. Und hätte ich an dieser Stelle einen Wunsch frei gehabt, dann wäre es gewesen, die Zeit anhalten zu können.
Leider wurde dieser mir nicht erfüllt, denn Henry löste sich ein paar Minuten später wieder von mir, nun, zumindest, was unsere Lippen anbelangte. „Darauf habe ich schon so lange gewartet“, flüsterte er mir leise ins Ohr. „Und soll ich dir was sagen, Viktor? Das Warten hat sich ohne jeden Zweifel gelohnt“.

Dass dieser eine Tag mein ganzes Leben verändert hat, das muss ich wohl nicht extra dazusagen. Nicht nur, dass ich zum allerersten Mal spüre, was es bedeutet, einen Partner zu haben und dank Henry so glücklich bin wie noch niemals zuvor – auch meine Ängste konnte ich inzwischen erfolgreich überwinden, selbst die vor meinem Vater und seiner Reaktion.
Diese ist im Übrigen noch nicht einmal halb so dramatisch ausgefallen wie ich befürchtet hatte – ganz im Gegenteil. Es war zwar eine große Überraschung für ihn und er hat auch offen zugegeben, dass er es schade findet, weil er mich gerne an der Seite einer sympathischen Frau gesehen hätte – aber nichtsdestotrotz hat er uns versichert, dass er unsere Beziehung akzeptieren und uns auch unterstützen wird, falls wir mal Hilfe brauchen.
Denise und Boris hatten wie erwartet sowieso kein Problem damit, dass ich mit Henry zusammen bin. Boris meinte sogar, dass wir beide unheimlich gut zusammenpassen würden und er schon immer geahnt hat, dass da irgendetwas zwischen uns ist.
Einzig Annabelle scheint damit überhaupt nicht so zurechtzukommen, auch wenn sie uns gegenüber natürlich so tut, als mache es ihr nichts aus. Doch das ist mir, um es mal milde auszudrücken, völlig egal. Ich lasse mir mein Glück mit Henry ganz sicher nicht nehmen oder gar von irgendwem oder irgendwas kaputtmachen.
Und Alicia? Nun, die ist, um ehrlich zu sein, aus dem Quietschen gar nicht mehr rausgekommen, als sie erfahren hat, dass Henry und ich jetzt zusammen sind. Sie war schließlich die erste, die davon erfahren hat und hat mir auch immer fleißig die Daumen gedrückt, dass aus uns beiden etwas wird.
Und auch wenn es mir bis vor einiger Zeit noch albern erschien, aber inzwischen muss ich ohne Zweifel einräumen, dass sie Recht behalten hat: Die wahre Liebe siegt am Ende sowieso, ganz gleich, was auch kommt.

Gedankenversunken lag ich im Bett, während ich darüber nachdachte, wie sehr die Zeit am „Fürstenhof“ doch mein Leben beeinflusste – und vor allem, dass ich einzig und allein dank meiner Rückkehr nach Bichlheim den Mann getroffen hatte, der für mich bestimmt war.
Henry lag dicht neben mir und streichelte mich sanft, während wir gemeinsam die idyllische Ruhe genossen und mir ein weiteres Mal klar wurde, was für ein unverschämtes Glück ich doch hatte, ihn getroffen zu haben.
„Was denkst du?“, fragte er schließlich leise und riss mich damit aus meinen Überlegungen, die sich nicht nur um uns, sondern auch um das drehten, was gerade eben zwischen uns passiert war.
Dass es so schön sein würde, so aufregend, einem Menschen auf diese Weise nahe zu sein, das hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht gewusst. Und nur dank Henry hatte ich entdeckt, wie tief und innig Zweisamkeit sein konnte und wie intensiv sich diese Art von Nähe anfühlte.
Dass ich unerfahren war, hatte ihm nichts ausgemacht oder ihn gar gestört – im Gegenteil: Er hatte mir sogar gestanden, dass sein erstes Mal auch noch nicht allzu lang zurücklag. Und außerdem hatte er mir versichert, dass es nichts gab, wofür ich mich schämen oder was mir peinlich sein musste. Mit dem richtigen Menschen, hatte er gesagt, war sowieso jedes Mal etwas Außergewöhnliches und Unvergleichliches. Und zweifellos hatte er damit absolut Recht gehabt.
„Nichts“, gab ich ihm schließlich zur Antwort und wandte meinen Kopf zu ihm herum. „Überhaupt nichts. Ich fühle mich einfach nur unbeschwert und leicht gerade. So als würde ich schweben. Ist... ähm... ist das normal?“.
„Ja“, antwortete er zustimmend und schmunzelte verzückt. „Ja, das ist ganz normal. Es geht mir nämlich auch so gerade“. „Dann... ähm... dann war es für dich auch schön?“, fragte ich unsicher, was er mir mit einem weiteren Schmunzeln beantwortete. „Ja“, erklärte er mir ganz offen und ehrlich. „Ja, das war es. Unglaublich schön“.
Mit diesen Worten deutete er mir an, meinen Kopf wieder auf seine Schulter zu legen, was ich mir natürlich nicht zweimal sagen ließ. Überglücklich lächelte ich, bevor ich schließlich einen Kuss auf seiner Wange platzierte und mich dann ganz auf die Ruhe einließ, die uns umgab. „Ich liebe dich, Henry Achleitner“, flüsterte ich ihm noch zu, ehe ich meine Augen schloss und entspannt die Atmosphäre genoss.
„Ich dich auch, Viktor Saalfeld“, antwortete er, während er die Bettdecke noch ein Stück höher über uns zog. „Ich dich auch“.
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