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Die Nebel von London

LeseprobeAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
09.06.2019
09.06.2019
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Vorwort


Hallo liebe Leser!
Das ist die Leseprobe meines Romans "Die Nebel von London", den ich als E-Book auf Amazon veröffentlicht habe. Wenn ihr mehr über mich und meine Bücher wissen wollt, schaut gern auf meiner Website oder meinem Blog Weltentänzerin rein. Es gibt auch eine eigene Seite zum Buch. Ich hoffe, dass es euch gefällt! Wenn ihr Anregungen oder Kommentare habt, könnt ihr mir gern schreiben. ^.^
Liebe Grüße, Aurora

* * * * *

Kapitel 1

Rosalind Elmstone starrte die Konstruktion aus Zahnrädern, Stahlplatten und Kupferdrähten auf ihrer Werkbank an und fragte sich zum dritten Mal an diesem Tag, warum sie nicht funktionierte. Am liebsten hätte sie die Apparatur an die Wand geschleudert und von vorn angefangen. Dann könnte sie die nächsten Stunden in seliger Arbeit verbringen und der Tatsache ausweichen, dass sie eine wissenschaftliche Sackgasse erreicht hat.
»Was würdest du tun, Vater?«, murmelte sie.
Sie war sich sicher, der legendäre Erfinder hätte längst eine Lösung für das Problem gefunden. Doch ihr Vater war auf der Automatonkonferenz in Paris und die Erfindung des Telegramms steckte noch in ihren Anfängen. Zudem er sich ohnehin nur mit Dampfmaschinen auskannte. Die Erforschung der höchst zweifelhaften Blitzmaschinen, die angeblich elektrische Energie aus dem Nichts erzeugen konnten, überließ er seiner Tochter.
Rosalinds Blitzmaschine erinnerte an die Miniaturversion einer Windmühle aus Metall, nur dass die Mühlenblätter mit Drähten verkabelt waren und auf der Vorderseite zwei an beweglichen Stäben befestigte Stahlkugeln in die Luft ragten. Wenn man an der Kurbel auf der Rückseite des Apparats drehte, setzte sich das Mühlrad in Bewegung und zwischen den Kugeln sollten Blitze überspringen. Zumindest ihren Berechnungen nach. In der Praxis konnte sie weder das Summen einer funktionsfähigen Maschine noch das Knacken einer elektrischen Entladung hören.
Es half alles nichts, sie würde erneut ihre Notizen durchgehen und nach einem möglichen Fehler suchen müssen.
Frustriert überblickte sie das Chaos auf ihrer Werkbank. Bolzen, Zahnräder und Schrauben hatten sich mit Spulen aus schimmerndem Kupferdraht und kleinen Schwungrädern vermischt, dazwischen stapelten sich lose, tintenbeschmierte Blätter mit wüst durchgestrichenen Formeln und Konstruktionszeichnungen. Den Sinn für Unordnung hatte sie von ihrem Vater geerbt, in seinem Labor sah es noch schlimmer aus als in ihrer Werkstatt.
»Miss Elmstone?«
Eine schrille Stimme riss sie unangenehm aus ihren Gedanken.
»Ich komme gleich!«, brüllte sie abwesend und verfluchte ihre Gouvernante. Madame Lelande versuchte seit einem halben Jahr eine Dame aus ihr zu machen, die sich für Ballkleider und die Auswahl eines reichen Ehemanns interessierte. Dass ihre Schülerin eine Abhandlung über die Elektrolehre dem Großen Buch des Stickens vorzog, versetzte sie regelmäßig in Schockzustände. Zu Rosalinds Unmut benahm sich die Frau, als würde ihr das Haus gehören, seit ihr Vater vor zwei Wochen das Luftschiff nach Paris genommen hatte.
»Sie kommen nicht gleich, Sie kommen sofort, Mademoiselle!«
Das faltige Gesicht der alten Französin tauchte am oberen Absatz der Kellertreppe auf. Wie immer trug sie ein tristes schwarzes Kleid im Stil des frühen viktorianischen Zeitalters und hatte sich die Haare zu einem strengen Knoten zurückgebunden. Missbilligend glitten ihre stahlgrauen Augen über den Staub und die Schmierölpfützen auf dem Boden der Werkstatt. Was sie sah, schien ihr nicht zu gefallen, denn ihre rissigen Lippen verwandelten sich in einen schmalen Strich. »Einer Dame gebührt es nicht in der Gegend herumzuschreien. Geschweige denn sich wie ein Ferkel im Dreck zu suhlen.«
Rosalind ignorierte die Rüge. Einer Dame gebührte es auch nicht eine Blitzmaschine zu erfinden oder etwas anderes zu tun als Tee zu trinken und in langweiligen Gedichtbänden zu lesen.
»Sie können sich nicht weiterhin so aufführen, Miss Elmstone.« Die Gouvernante packte Rosalind am Ärmel ihrer Bluse und zerrte sie unsanft die Treppe hoch. »In wenigen Monaten ist Ihr achtzehnter Geburtstag und Sie werden als Dame von Stand in die Gesellschaft eingeführt. Es ist an der Zeit, dass Sie Ihr kindisches Rebellentum beilegen und sich anfangen wie eine erwachsene Frau zu verhalten.« Ihr Blick blieb angeekelt an Rosalinds ölbeschmiertem Kittel hängen. »Sie werden Kleid und Korsett tragen wie eine Dame und aufhören sich in dieser unsäglichen Werkstatt mit Zahnrädern und Gummibändern zu beschäftigen. Ihr Vater ist ein bemerkenswerter Mann, ein brillanter Wissenschaftler, der Großes für das Empire geleistet hat. Es ist verständlich, dass Sie bestrebt sind, ihm nachzueifern, aber Sie müssen erkennen, dass eine Frau einen gewissen Platz hat in unserer Welt!« Sie schlug die Kellertür mit einem lauten Knall zu. »Die Thatchers organisieren heute Abend eine Soiree in ihrem Anwesen und ich habe Ihnen einen Mann von herausragender Stellung als Eskorte besorgt.«
Rosalind stöhnte auf. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Gouvernante sie auf eine dieser langweiligen Abendgesellschaften zwang. »Ich stehe kurz vor dem Durchbruch, ich habe keine Zeit für eine Soiree!«, sagte sie ungeduldig.
»Widersprechen Sie mir nicht, Sie kleines Luder!« Madame Lelande versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. »Der Professor ist viel zu tolerant mit Ihnen umgegangen. Er hätte Ihnen niemals erlauben sollen sich diesen unsittlichen Erfinder-Fantasien hinzugeben. Sie sind kein kleines Kind mehr, das mit Schrauben im Dreck spielt!«
Rosalind hielt sich wütend und beschämt die brennende Wange, während sie der Frau in den ersten Stock folgte und ihrer Gardinenpredigt über das Benehmen einer Dame lauschte. Sie war sich sicher, dass sie kurz vor dem Durchbruch stand. Ihr fehlte nur ein Detail, ein kleiner Fehler in ihrer Konstruktion, der den Blitzsprung verhinderte. Sie würde keine Ruhe finden, solange sie ihn nicht aufgespürt hatte, solange sie nicht bewiesen hatte, dass ihre Theorie stimmte. Als sie in der Küche vorbeikamen, schnappte sie sich ihr auf dem Tisch liegendes Notizbuch und ließ es unauffällig in ihre Rocktasche gleiten. Schließlich schickte Madame Lelande sie mit einigen formvollendeten Beleidigungen zurück auf ihr Zimmer, um sich auf die Soiree vorzubereiten. Rosalind wartete, bis ihre Schritte auf der Treppe verklungen waren, dann versenkte sie sich in ihre wirren Aufzeichnungen. Mit Soireen und Eskorten würde sie sich auseinandersetzen, wenn sie in der Kutsche saß und ihr Begleiter sie mit einem Schwall von Plattitüden in den Schlaf wiegte. Es verärgerte sie, ihre Zeit mit diesem Unsinn verschwenden zu müssen, aber solange ihr Vater nicht erreichbar war, konnte sie der Gouvernante nicht widersprechen.
* * * * *

Ihre Arbeit wurde erst unterbrochen, als ihre Zofe Anne mit einem Stapel Handtücher das Zimmer betrat.
»Du meine Güte, haben Sie sich immer noch nicht umgezogen?«, rief das blonde Mädchen entsetzt. Anne war zwar in Rosalinds Alter, aber vertrat eher die Mentalität von Madame Lelande, nach der Frauen wie Rosalind den guten Ruf des weiblichen Geschlechts in den Dreck zogen.
Rosalind ignorierte sie. Sie hatte es sich mit ihrem Notizbuch auf der Fensterbank gemütlich gemacht. Aus den Erkerfenstern konnte sie den gesamten Hintergarten überblicken, von den kleinen Windrad-Konstruktionen ihres Vaters bis zu den verwilderten Blumenbeeten, die einst ihre Mutter gepflegt hatte. Das extravagante Ballkleid aus hellblauem und weißem Brokatstoff lag nach wie vor unangetastet auf ihrem Bett, ebenso wie die blütenweiße Unterwäsche und das mit Schleifen geschmückte Schnürkorsett. Schon beim Anblick des Korsetts wurde ihr übel.
»Ich bitte Sie, Miss Elmstone, beeilen Sie sich! Die Soiree beginnt in einer halben Stunde!« Anne zerrte sie von der Fensterbank herunter. »Die Kutsche von Lord Fitzgerald ist soeben eingetroffen, er wartet in der Eingangshalle auf Sie!«, wisperte sie, als hätte sie Angst eine solche Ungeheuerlichkeit laut auszusprechen.
Gut so, soll er warten. Je weniger Zeit sie mit diesem arroganten, blaublütigen Langweiler verbringen musste, desto besser. Sie ließ sich von der Zofe in Kleid und Unterwäsche zwängen. Ihre dürre Gestalt wirkte merkwürdig in dem ausschweifenden Kleid, als hätte man einem Stock einige Blütenblätter aufgeklebt in der Hoffnung, es würde eine Tulpe aus ihm werden. Ihre grünlichen Augen starrten ihr eulenhaft hinter den runden Gläsern ihrer Brille aus dem Spiegel entgegen.
»Miss Elmstone?« Madame Lelande klopfte ungeduldig an die Zimmertür.
»Einen Augenblick!«, rief Anne.
Rosalind schnappte nach Luft, als die Zofe mit einem Ruck die Schnüre des Korsetts festzog. Sie hatte seit Ewigkeiten kein Korsett mehr getragen. Beim einfachen Volk waren sie im letzten Jahrzehnt aus der Mode gekommen, aber der Adel hielt an den Traditionen fest. Anne streifte ihr ein Paar von hauchdünnen Seidenhandschuhen über und staffierte sie mit einem Fächer und einem zusammengefalteten Spitzenschirm aus.
Es klopfte erneut. »Miss Flint, was dauert das denn so lange?«
Rosalind konnte förmlich hören, wie die Zofe mit den Zähnen knirschte. »Es tut mir leid, Madame, fünf Minuten!« Anne drückte sie auf den Stuhl ihres Schminktischs und begann ihre zerzausten dunkelbraunen Locken aggressiv mit Bürste und Haarnadeln zu bearbeiten. Rosalind musste ihr lassen, dass sie sich auf ihr Handwerk verstand. Innerhalb von fünf Minuten war sie tatsächlich ausgehfertig. Ihre Haare türmten sich zu einer eindrucksvollen, mit Blumen geschmückten Hochsteckfrisur auf und ihr Gesicht war von einer dicken Schicht aus Puder und Rouge bedeckt, um die Augenringe von den langen Nächten in der Werkstatt zu verbergen.
»Die Brille bleibt hier«, schnarrte Madame Lelande, nachdem sie Rosalind einer kritischen Musterung unterzogen hatte.
»Aber dann kann ich nicht richtig sehen«, protestierte Rosalind.
»Ob Sie sehen können ist irrelevant. Es steht fest, dass Lord Fitzgerald über eine ausgezeichnete Sicht verfügt und Ihre Aufgabe besteht darin, ihm einen schönen Anblick zu bieten. Und Ihr Aussehen lässt auch ohne diese grässliche Gerätschaft sehr zu wünschen übrig«, gab die Gouvernante zurück und klaubte das Messinggestell von Rosalinds Nase. Das Treppenhaus verschwamm vor ihren Augen. Sie fluchte innerlich. Wenn das so weiterging, würde sie bereits beim Ausstieg aus der Kutsche in einer Pfütze landen. Es war ihr herzlich egal, ob dieser Lord Fitzgerald eine schöne Sicht hatte oder nicht. Aber bevor sie sich wehren konnte, zog Madame Lelande sie die enge Wendeltreppe hinunter und Rosalind war damit beschäftigt ihr Kleid an den richtigen Stellen zu raffen, damit sie nicht über den auf dem Boden schleifenden Rocksaum stolperte.
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