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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
16.06.2019 1.768
 
Hastig zieht sich Tobias die Hose hoch und schließt Knopf und Reißverschluss. Boris steht noch immer, wie vom Donner gerührt, im Flur und starrt ihn an. Tobias wagt es nicht, sich zu bewegen, geschweige denn, etwas zu sagen. Wo ist das Loch im Boden, das ihn jetzt verschlingen und zu Recht nie wieder hergeben würde. Ein absoluter Albtraum, vom nichtsahnenden, liebenden Partner erwischt zu werden, bei etwas, das er eigentlich niemals erfahren sollte; inflagranti, in einer eindeutigen Situation, mit einem anderen Mann! Tobias wird schlecht und er versucht, irgendein Wort der Erklärung zu finden, zeitgleich mit der Erkenntnis, das es hierfür keine geben wird!
" Boris ... bitte ... " Der geht, noch immer ohne eine Regung, ins Wohnzimmer und setzt sich vor die Couch auf den Boden. Die Arme ruhen kraftlos auf seinen Beinen und sein Blick geht ins Leere. Tobias folgt ihm vorsichtig und bleibt im Türrahmen stehen, so als hätte er die Berechtigung, einzutreten, soeben verwirkt. Es wäre ihm lieber, Boris würde ihn anschreien, seine Wut und Enttäuschung rauslassen, vielleicht sogar handgreiflich werden. Alles wäre in diesem Moment besser zu ertragen als dieses quälende Schweigen!

Tobias geht zeitlupengleich und fast lautlos an Boris vorbei bis zur Terrassentür und dreht sich dann zu ihm um. Der wendet sein Gesicht ab und dennoch kann Tobias sehen, wie ihm die Tränen über die Wangen laufen. Ein mit erstickter Stimme gesprochenes  " Also doch " ist zu hören, während Boris ungläubig den Kopf hin und her bewegt, immer wieder, immer wieder. Tobias schaut seinen Mann an, den er mit seinem Verhalten so unendlich verletzt und womöglich bereits für immer verloren hat. Paradoxerweise würde er jetzt gerne zu ihm gehen, ihn in den Arm nehmen und trösten, ER, der diesen ganzen Schmerz verursacht hat. " Ich, ... ich ... " Tobias macht einen Schritt auf Boris zu, doch der springt unwillkürlich auf und verschwindet  ins Schlafzimmer. Die Beklemmung verstärkt sich noch, als Boris nicht etwa die Tür hinter sich zuwirft, sondern sie betont langsam schließt.

Was passiert jetzt? Soll er gehen, wobei er keine Idee hätte, wohin um diese Uhrzeit. Tobias bleibt wie angewurzelt stehen, keine Ahnung, was jetzt zu tun ist! Er kann sich nicht einfach hinsetzen, als ob nichts wäre, ins Bett legen, absolut undenkbar. Da öffnet sich noch einmal die Schlafzimmertür,  Boris kommt mit seinem Bettzeug heraus, lässt es auf den Boden fallen und schließt die Tür wieder. Tobias geht hin, hebt es auf und wirft es auf die Couch. Er kann jetzt sowieso kein Auge zutun. Sein Puls rast, der Herzschlag dröhnt in seinen Ohren, die Schläfen pochen, alles scheint sich plötzlich zu drehen und er fängt an zu frieren. Seine Hände zittern und die Beine drohen, zu versagen. Tobias hat das Gefühl, ein schwerer Stein ruht auf seiner Brust und er ringt nach Luft. Er lässt sich auf die Couch fallen, seine Gehhilfe fällt polternd daneben, und er versucht, seine Füße auf der Armlehne abzulegen, um einer Ohnmacht vorzubeugen. Sein Blick geht an die Decke und er spürt, wie sein Puls sich langsam wieder beruhigt. Tobias angelt nach seiner Zudecke und versucht, darunter zu kriechen. Ihm ist so unendlich kalt! Schlagartig wird ihm klar, das es das endgültige Aus bedeuten könnte, für ihre Liebe, ihre Ehe, Hamburg, das Studium, einfach Alles! Der Hund steigt zögerlich aus seinem Körbchen, springt schließlich aufs Sofa und legt sich auf Tobias Beine. Er lässt ihn gewähren, ist es doch wahrscheinlich die einzige Kreatur auf Erden, die jetzt noch etwas mit ihm zu tun haben möchte.

Als Tobias wieder wach wird, strahlt die Morgensonne bereits in jeden Winkel des Raumes. Der Hund bellt aufgeregt und ein rumpelndes Geräusch lässt ihn aufhorchen. Vor der Schlafzimmertür steht Boris, mit zwei Koffern und einem Kleidersack und schaut Tobias wortlos an. Sofort ist wieder präsent, das dies kein gemütlicher Sonntagmorgen werden würde! " Wo, wo willst du hin? " Boris zögert einen Moment und streichelt den Hund, der freudig an ihm hochspringt. " Ich nehme mir ein Zimmer in unserem Hotel. Ich kann das nicht, mit dir ... hier! Und du hast ja wohl kaum jemanden, bei dem du unterkriechen könntest. " Tobias setzt sich auf und verbirgt sein Gesicht in seinen Händen. " Boris, bitte! Ich weiß, ich habe dir furchtbar weh getan. Ich würde es dir so gern erklären, wenn ich wüsste ... "

" Was willst du mir erklären? Wieso du mit 'nem andern Mann rummachst?! Keine Ahnung, wie lange das schon geht mit euch!!!  Das war doch der Typ, der neulich hier war. Was wolltet ihr? Nen netten Abend mit dem bescheuerten Boris verbringen und euch insgeheim darüber lustig machen, das er nicht schnallt, was da läuft?! Das mein Mann lieber mit seinem neuen Freund in die Kiste steigt und das womöglich noch in unserem Bett!!! Einfach nur widerlich!!! " Boris steht direkt vor Tobias, mit wutentbranntem Gesicht, und schreit ihn an. Endlich, fast ist er ein bisschen erleichtert über diesen Ausbruch. Tobias hebt hilflos, nach einer Antwort suchend, seine Arme in die Luft, verzweifelt, flehend sieht er Boris an, doch die richtigen Worte in dieser scheinbar ausweglosen Situation wollen ihm nicht einfallen. Was sagt man dem Menschen, den man eigentlich über Alles liebt, warum man ihn trotzdem belogen und betrogen hat. Schließlich wirft Boris sich den Kleidersack über die Schulter, nimmt seine Koffer und verlässt mit gesenktem Kopf die Wohnung. Der Hund folgt ihm noch bis zur Tür und Tobias hört seinen Mann sagen " Du kannst nicht mitkommen, mein Schatz. Das geht leider nicht, bleib schön hier ... " Dann fällt die Tür ins Schloss und es ist still, so unerträglich still!

Der Nachmittag ist angebrochen und Tobias sitzt immer noch im einzigen Sessel, den das Wohnzimmer anzubieten hat, direkt neben ihrem Bücherregal, mit Blick auf die Terrasse, ohne ein Gefühl dafür zu haben, wie viel Zeit vergangen ist. Wie soll es jetzt weitergehen? Allein, ohne Boris?! Bei dem Gedanken daran spürt Tobias einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Er könnte sich jetzt nicht einmal jemandem anvertrauen. Romy, unmöglich! Sie hätte sicher kein Verständnis für das, was er Boris angetan hat, und das auch noch aus niederen Beweggründen. Die Kumpels von der Uni, seine Eltern, nein, da gibt es niemanden, der ihm jetzt zuhören würde, ohne ihn gleich in der Luft zu zerreißen. Der einzige, der dies nicht tun würde, wäre Lukas! Aber wenn es auch nur die kleinste Chance gibt, das er und Boris das wieder hinkriegen, dann ist Lukas tabu, für immer, auch als Kumpel. So fühlt es sich also an, allein und verlassen zu sein, ohne eine Perspektive, ohne eine Idee oder Vorstellung, wie man die nächsten Tage überleben soll. Von jetzt auf gleich ist alles anders und das nur, weil er sich nicht im Griff hatte. Das Selbstmitleid, das in Tobias Gedanken mitschwingt, nützt, aber stört jetzt auch niemanden. Seine Augen füllen sich mit Tränen, die er aber sofort wegdrückt. Weinen war noch nie sein Ding, so als Bauernbursche auf dem Land,  unter der Dorfjugend, da gewöhnt man sich das ganz schnell ab, wenn man nicht auffallen möchte.

Tatsächlich ist es bereits dunkel, als es klingelt und Tobias sich von dem Sessel erhebt, in dem er die letzten Stunden mit Grübeln verbracht hat. Wer sollte um die Zeit jetzt noch vorbeischauen? Boris hat einen Schlüssel und Lukas würde es ja wohl nicht wagen! Er öffnet die Tür, ohne vorher durch den Spion geschaut zu haben, und blickt in zwei sehr vertraute Augen. " Paul, was machst du denn hier? " Der umarmt Tobias kurz zur Begrüßung und geht an ihm vorbei. " Ehrlinger, Ehrlinger, weswegen bin ich wohl hier! Was hast du dir denn da geleistet? " Tobias schaut Paul erschrocken an, der gerade seine Tasche ablegt und einen Blick in die Küche wirft. " Du weißt Bescheid? Woher? " Paul legt eine Hand auf seine Schulter und sieht Tobias ernst an. " Boris hat letzte Nacht noch mit Tina telefoniert, die hat dann heute morgen Romy angerufen und tja, die hat mir natürlich erzählt, was du hier so treibst. Mensch Tobi, was ist nur los mit dir? So kenne ich dich gar nicht! Boris hat erwähnt, das er erstmal ins Hotel zieht und da habe ich mir spontan frei genommen und mich in den Flieger gesetzt ... um meinem Buddy mal ordentlich den Kopf zu waschen. " Er wuschelt Tobias durch die Haare und dem kommen schon wieder die Tränen, ohne das er etwas dagegen tun könnte. Tobias weiß gar nicht, was ihn mehr bewegt, das Paul ein so guter Freund ist, das er nicht mehr allein ist, das er mit jemandem reden kann? Diesmal laufen die Tränen und Paul nimmt ihn in den Arm.

Boris hat im Hotelzimmer eingecheckt und bereits seine Koffer ausgepackt. Sicher würde er hier die nächsten Tage ersteinmal verbleiben, um dann zu entscheiden, ob er sich eine eigene Wohnung in Hamburg sucht oder vielleicht sogar zurück an den Fürstenhof geht. Vor einer halben Stunde hat er sich mit Ben verabredet. Der setzt seine Frau nach ihrem Campingwochenende zuhause ab und sie treffen sich dann an der Hotelbar. Boris weiß, das das keine Selbstverständlichkeit ist und ist sehr froh darüber, das er den Abend nicht alleine verbringen muss. Die letzte Nacht hatte er noch lange mit Tina telefoniert, die ja jetzt auf Island lebt und leider so spontan nicht für ihn da sein kann. Sie fehlt ihm jetzt ganz besonders! Es klopft an der Zimmertür und Boris öffnet. Ben steht davor, mit einer Flasche Rotwein in der Hand. " Ich dachte, die Bar ist vielleicht heute nicht der richtige Ort. Ich hab uns etwas mitgebracht, ein bisschen schwer bei dem Wetter, aber genau das Richtige jetzt! " Boris nimmt ihm die Flasche ab und sie umarmen sich, eigentlich das erste Mal, seitdem sie sich kennen. Bei hetero Männern hält er sich damit lieber zurück, aus Sorge, man könnte es falsch verstehen. Doch Ben scheut sich nicht, ihn sogar fest an sich zu drücken und ihn kurz tröstend hin und her zu wiegen. " Mann, ich hätte nicht gedacht, das Tobi sowas bringt. Echt übel! " Boris öffnet den Rotwein und schenkt ein. Leider sind auf dem Zimmer nur Wassergläser vorhanden, aber das interessiert heute nicht. " Wenn du magst, kannst du mir was drüber erzählen, oder wir schweigen, oder wir reden einfach nur über Fußball! " Boris muss tatsächlich kurz lachen, sie stoßen ohne einen Toast an und tun von alle dem ein bisschen!

So, jetzt werde ich eine kleine mentale Pause einlegen. Mich hat die Story irgendwie auch mitgenommen und ich brauche Zeit zum durchschnaufen und ihr ja vielleicht auch. Vielen Dank nochmal für die zahlreichen Reviews. Bis demnächst.
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