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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
12.06.2019 1.397
 
***Okay, es wird nicht wirklich leichter, eher im Gegenteil. Aber ich arbeite dran, versprochen. Manchmal muss man erst die Talsohle erreichen, um zu erkennen, wofür es sich lohnt zu kämpfen.***

Boris schenkt beiden einen Kaffee nach und setzt sich wieder zu Tobias an den Küchentisch. Er muss heute etwas später im Büro sein und hat deshalb ausnahmsweise Zeit, unter der Woche mit seinem Mann zu frühstücken. " Was liegt heute bei dir so an? " Tobias beisst in sein zweites Schinkenbrötchen und zuckt mit den Schultern. " Nicht viel. Ich muss ein paar Bücher zurück geben, ein, zwei neue ausleihen und dann wollte ich weiter an meiner Hausarbeit schreiben. " Boris schaut auf seine Uhr, nimmt noch einen Schluck Kaffee und steht auf. " Ich muss los, sonst komme ich zu spät zum Meeting! " Er gibt Tobias einen Kuss, der wiederum seinen Mann von oben bis unten mustert. " Sag mal, musst du wirklich jeden Tag in diesem Anzug zur Arbeit gehen? Es soll heute wieder wärmer werden. Geht nicht auch mal was Legeres? " Boris beugt sich zu Tobias runter und küsst ihn auf die Stirn. " Nein, leider nicht, auch nicht im Sommer. Aber du siehst mich ja gleich nicht mehr. Und nachher kann ich mich ja umziehen, wenn dir das lieber ist. " Er lächelt Tobias verschmitzt an, streichelt dem Hund kurz über den Kopf und verlässt dann ihre gemeinsame Wohnung.

Tobias räumt den Frühstückstisch ab, was ihm nicht unbedingt leicht fällt. Mit nur einer frei verfügbaren Hand braucht er doppelt so lange wie Boris normalerweise. Aber er möchte auch nicht Alles seinem Mann überlassen, auch wenn Boris nicht müde wird, immer wieder zu betonen, das es ihm nichts ausmache. Danach geht Tobias ins Bad. Es bleibt noch reichlich Zeit, bis er selber los muss. Beim Zähneputzen bemerkt er aus dem. Augenwinkel etwas, das hinter dem Wäschekorb liegt. Es war augenscheinlich dahinter gerutscht und Boris hatte es noch nicht bemerkt. Tobias bückt sich, um es hervor zu ziehen. Es ist sein Shirt, das Lukas ihm vor der Uni zurück gegeben hatte. Er legt es auf den Wäschekorb und spült seinen Mund aus. Boris hat es also NICHT gewaschen! Tobias bleibt am Waschbecken stehen und starrt auf das, was ihn unweigerlich an die Aktion mit Lukas erinnert, genau hier ist es passiert, wo er jetzt gerade steht. Und wo Boris sich ebenfalls täglich aufhält.

Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie woanders ... ein Ruck fährt durch seinen Körper ... Nein, natürlich wäre es besser gewesen, sie hätten nie ...!!!

Seit dem Zusammentreffen auf der Unitoilette haben sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Lukas ist ständig mit den Mädels unterwegs, die wie Kletten an ihm hängen. Wahr- scheinlich hatte er schon mit der einen oder anderen was, oder sogar mit beiden. Ab und zu hat Lukas zu ihm rüber geschaut, ist sich dabei durch die Haare gefahren oder hat ihm zugezwinkert. Was in solchen Momenten in ihm vor geht, weiß Tobias nicht zu beschreiben. Einerseits der Wunsch, auf der Stelle fluchtartig den Schauplatz zu verlassen, andererseits eine wage Anziehung, der er nur schwer widerstehen kann. Er nimmt das Shirt und wendet es langsam hin und her, als suche er nach etwas. Und als gäbe es keine andere Option, riecht Tobias daran ...  an seinem eigenen Shirt, welches Lukas getragen hat und dem immer noch der Duft seines After Shaves anhaftet, oder ist es ein Parfüm? Zumindest ist es keines dieser billigen Rasierwasser, die Tobias sich früher nur leisten konnte. Aber vielleicht war es ja auch ein Geschenk, von einem der Mädels, als  "Danke Schön" für eine tolle Nacht. Tobias geht ins Schlafzimmer, öffnet die Tür zu seinem Teil des Schrankes und legt das Shirt hinter den Stapel mit den Winterpullis. Dann nimmt er sich frische Wäsche und geht zurück ins Bad, um zu duschen. Warum er DAS gerade getan hat, darüber möchte er jetzt lieber nicht nachdenken.

Der Weg zur Uni ist mittlerweile Routine für Tobias. Doch heute drückt der Rucksack mit den Büchern auf seinen Rücken und die Sonne brennt auf der Haut. Leider muss auch er bei diesen erneut hochsommerlichen Temperaturen eine lange Hose tragen, da seine Schiene ihm sonst das Bein wund scheuern würde. Vieles hat sich verändert seit seinem Unfall. Einfach mal in Shorts losziehen, mit anderen an den Badesee radeln, Badminton oder Beachvolleyball spielen, all das ist nicht mehr drin! Zuhause verzichtet er häufig auf seine Schiene, geht dann nur mit Krücke oder hüpft durch die Wohnung. Beschwerlich bleibt es trotzdem. Selbst beim Sex sind die möglichen Varianten überschaubar. Boris hat immer zu ihm gehalten, ihn trotz seiner Behinderung geheiratet. Und auch sonst versucht er immer, ihn spüren zu lassen, das alles okay ist, so wie es ist. Keine Ahnung, was Lukas an ihm so interessant findet.

Tobias ist am Unigelände angekommen und schlägt den Weg zur Bibliothek ein. Da nimmt ihm jemand den schweren Rucksack von den Schultern und hängt ihn sich selbst um. " Ich nehme dir das mal ab! Ich will ja nicht, das noch mehr kaputt geht, ein Bein reicht, oder? " Lukas ist wie aus dem Nichts aufgetaucht, trägt seine Tasche und scheint Tobias begleiten zu wollen. " Das musst du nicht, ich schaff das schon. Ich hab's bis hier her geschafft, das geht der Rest auch noch. " Er will seinem Studienkollegen den Rucksack wieder abnehmen, doch der läuft ein paar Schritte voraus und dreht sich  zu Tobias um. " Na, dann versuch mal dein Glück, dürfte dir schwer fallen. " Lukas grinst ihn an, auf eine unverschämte, aber auch sehr charmante Weise. Zur ausgefransten kurzen Jeans trägt er ein hellrotes, ausgewaschenes Shirt, das nicht erkennen lässt, was sich darunter verbirgt. Zum Ausziehen sind sie ja nicht mehr gekommen. Die blonden, mittellangen Haare lassen nicht wirklich einen Haarschnitt erkennen und werden nur von der hochgeschobenen  Sonnenbrille davon abgehalten, ständig ins Gesicht zu fallen. Er kneift die Augen zusammen, um Tobias gegen das grelle Sonnenlicht erkennen zu können. Der ist stehen geblieben und überlegt, was jetzt die sinnvollste Reaktion sein sollte, auf diesen Flirtversuch, oder ist das keiner? Bei einem Hetero würde er annehmen, es sei kumpelhaftes Getue, bei Lukas ist sich Tobias nicht sicher. Schließlich geht er auf ihn zu, ruhig und möglichst gelassen. " Okay, du hast gewonnen. Trag mir, von mir aus die Bücher rein, aber Zeit habe ich heute keine. " Beide gehen das letzte Stück nebeneinander her. " Und? Schon mal drüber nachgedacht? " Lukas Frage lässt Tobias wieder diesen Ruck spüren, der ihn schon heute morgen durchfahren hat. Ein klares und bestimmtes NEIN wäre jetzt angebracht, damit er endlich aufgibt und begreift, das nichts zwischen ihnen sein wird. Am Eingang zur Bibliothek nimmt Tobias dann seinen Rucksack wieder entgegen, schaut Lukas kurz in die Augen und geht ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hinein.

Als Boris nach Hause kommt, sitzt Tobias noch über seiner Hausarbeit. Er begrüßt leise den Hund, mit einem Finger auf seinen Lippen, als könne ihr vierbeiniger Mitbewohner diese Geste verstehen. Dann tritt er fast lautlos an seinen Mann heran und küsst ihn sanft auf den Nacken. Tobias schaut zu ihm auf und spitzt die Lippen. Boris lässt sich nicht lange bitten und es folgt ein richtiger Begrüßungskuss. "Boah, Wochenende! Endlich! Schon irgendwelche Pläne? " Boris streckt entspannt seine Arme in die Luft und grinst seinen Göttergatten erwartungsvoll an. "  Keine Ahnung, ich muss hiermit fertig werden. " Tobias deutet auf seine Studienunterlagen und die zahlreichen Bücher, die den Küchentisch befüllen. Boris' Enthusiasmus erstickt im Keim und er widmet sich einer Mineralwasserflasche. Selbstverständlich unterstützt er Tobi in seinem Bemühen, möglichst schnell das Studium erfolgreich zu beenden, aber hier und da ein freies Wochenende, das wäre schon schön. Boris holt sich ein sauberes Glas aus dem Geschirrspüler und schenkt sich Wasser ein. " Hattest du keine Zeit, den Spüler auszuräumen? " Tobias schaut von seinem Skript auf und sieht Boris fragend an, mit einem Blick, der eine leichte Genervtheit verrät. In dem Moment klingelt es an der Wohnungstür. Boris zuckt kurz mit den Schultern und geht zur Tür, um diese zu öffnen. Davor steht ein junger Mann, lässig gekleidet, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht und einer Flasche Weißwein im Arm.
"Hey, ich bin Lukas, ein Studienfreund von Tobi! Ich dachte, ich schau mal vorbei und lerne bei der Gelegenheit auch seinen Mann kennen. "
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