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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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23.08.2019 1.206
 
Als Boris das Haus verlässt, schlägt ihm ein unangenehmer Wind ins Gesicht, gepaart mit Nieselregen, eine für Hamburg typische Kombination, die einem die Laune endgültig zu verderben vermag. Er hat die Pause genutzt, um mit seinem Mann eine Kleinigkeit zu Mittag zu essen, etwas, das die letzten Monate zu einem liebgewonnenen Ritual geworden ist, sofern es Zeit und Termine erlauben. Noch vom Vordach aus hält Boris Ausschau nach sich nähernden PKWs, um im passenden Augenblick auf die andere Straßenseite zu laufen und in den dort abgestellten Wagen zu springen. Als er die Fahrertür zuzieht, klingelt sein Handy.

* Verrückter Kerl! Ich bin noch nicht mal losgefahren (...) ja, ich vermisse dich auch (...) kann ich nicht sagen, ich beeile mich auf jeden Fall (...) ich liebe dich, bis später. *

Boris legt mit einem breiten Grinsen sein Handy in der Mittelkonsole ab und schaut über seine linke Schulter, um nach dem Gurt zu greifen. Dabei fällt sein Blick für einen kurzen Moment auf die Eingangstür ihres Appartementhauses und entdeckt dort einen jungen blonden Mann, der vor dem Haus unruhig auf und ab läuft, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Das darf nicht wahr sein, ... Boris hat ihn erst dreimal in seinem Leben gesehen und würde ihn trotzdem unter Tausenden wiedererkennen, sein Atem stockt und sein Innerstes verkrampft spontan bei diesem Anblick. Was hat Lukas vor, hat er die Gelegenheit abgepasst, um Tobias sehen zu können? Was sollte es sonst für einen Grund geben, ausgerechnet hier rumzulungern. Oder ist es ein verabredetes Treffen mit schlechtem Timing? Das Atmen fällt Boris immer schwerer, sein Puls beginnt, Fahrt aufzunehmen und ein leichtes Zittern durchdringt seinen Körper. Er schaut nach oben zu ihrem Fenster, kann seinen Mann aber nicht entdecken. Lukas ist mittlerweile stehen geblieben, hat sein Handy aus der Jackentasche geholt und schreibt eine Nachricht, soweit erkennbar bei diesem trüben Wetter. Die Gedanken überschlagen sich und die Zuversicht der letzten Monate droht, erneut mit Zweifeln überdeckt zu werden. Die Versuchung, einfach abzuwarten, Lukas hochgehen zu lassen, um dann festzustellen, das er das Haus NICHT umgehend wieder verlässt, wächst mit jeder Sekunde, die beiden zum wiederholten Male inflagranti zu erwischen, um endgültig zu erkennen, das Tobias ihn nach wie vor belügt. Aber wie schäbig ist das, zerfressen von Mißtrauen die Situation geradezu provokant in Kauf zu nehmen, das hat was von vorsätzlichem Treuetesten. Natürlich könnte er jetzt auch einfach ins Hotel zurück fahren und darauf vertrauen, das sein Mann den ungebetenen Gast hinauswirft und ihm heute Abend wahrheitsgemäß davon berichtet, wahrscheinlich die reinste Variante im Umgang miteinander. Aber das scheint schier unmöglich, er würde sich keine Sekunde auf seine Arbeit konzentrieren können, das Kopfkino würde eine Sondervorstellung einlegen mit ungewissem Ausgang! Auch wenn das deutlich macht, das sein Vertrauen zu Tobias noch nicht wieder gefestigt ist, es fühlt sich richtig an, jetzt hierzubleiben! Es wäre ja durchaus möglich, das Lukas aufgibt und wieder verschwindet, obwohl das ganz sicher nicht zu seiner Beruhigung beitragen würde, ist es doch offensichtlich, das er mit Tobias noch immer nicht abgeschlossen hat.

Ein leises Klopfen bewegt Boris dazu, den Blick abzuwenden und nach dem Verursacher zu schauen. Eine ältere Dame mit rotem Regenschirm und freundlichem Lächeln deutet auf die Motorhaube und Boris registriert erst jetzt, das er bereits den Motor angelassen und dieser die ganze Zeit weitergelaufen ist, augenscheinlich stand auch er unter Beobachtung. Boris stellt ihn ab und nickt der Frau freundlich zu, die zufrieden ihres Weges geht. Als er sich wieder umdreht und auf ihr Haus sieht, ist Lukas verschwunden. Verdammt, ist er jetzt genau in diesem kurzen Moment der Ablenkung hineingegangen, auf dem Weg nach oben, zu Tobias, der ihn womöglich freudestrahlend erwartet ... Boris' Blicke werden hektischer, vom Eingang zum Fenster zur Tiefgarageneinfahrt zum Holzverschlag für die Mülltonnen, und tatsächlich tritt Lukas wieder in Erscheinung, war zum Glück nur aus seinem Blickfeld verschwunden. Boris atmet erleichtert auf, nimmt sich sein Käppi vom Beifahrersitz und steigt aus, es wird Zeit zu handeln! Er geht auf Lukas zu, der gerade im Begriff ist, das Klingelschild nach dem richtigen Namen abzusuchen. Noch bevor er jedoch den Knopf betätigen kann, schiebt sich Boris entschlossen dazwischen. Lukas weicht erschrocken zurück, hat er mit dieser Begegnung nicht gerechnet.

" Was suchst du hier?! "
" Ich, ... ich dachte ... "
" Wow, er kann denken! Was willst du von meinem Mann?! "
" Ich wollte nur mit Tobi reden, ehrlich. "
Vor Boris steht nicht der strahlende, braungebrannte, selbstbewußte Lebemann, den er in Erinnerung hatte. Lukas' Gesicht ist blass, die Augen ausdruckslos, zusammen mit den feuchten Haaren, die an seinem Kopf kleben, wirkt er eher mitleiderregend.
" Nenn ihn nicht so!! Wieso suchst du dir ausgerechnet Tobias aus zum Reden? Oder hoffst du doch noch auf nen Nachschlag? "
" Nein, ehrlich ... wir konnten auch immer gut miteinander reden, ich meine, außer dem anderen. "
Eine Bemerkung, die er sich hätte verkneifen können, befindet Boris und die aufsteigende Wut lässt ihn bereits eine Faust ballen, unsichtbar in seiner Jackentasche. Wie gerne würde er Lukas jetzt das Anlitz polieren, um ein für allemal die Fronten zu klären.
" Hast du Tobias eine Nachricht geschickt vorhin? "
" Nein!! Ich habe nochmal meiner Freundin geschrieben. Sie hat vorgestern mit mir Schluß gemacht, deshalb wollte ich auch reden ... "
Gerne hätte Boris gefragt, ob Tobias von diesem Besuch weiß, eventuell sogar ungeduldig auf ihn wartet, sich vielleicht auch eine Wiederholung erhofft. Doch sich jetzt bloßstellen, Lukas auch noch zu verstehen geben, das er seinem eigenen Mann nicht über den Weg traut, an seinen ehrlichen Gefühlen immer noch zweifelt, ein absolutes NoGo.
" Okay! Was ich dir jetzt sage, wiederhole ich in der Form nicht mehr! Du verschwindest jetzt, suchst dir jemand anderen als Kummerkasten! Und du tauchst hier NIE wieder auf, hier nicht und auch sonst nicht! Dein Bogen um Tobias wird künftig riesig ausfallen, haben wir uns verstanden?!!! "
Lukas steht regungslos vor Boris, den Blick gesenkt, was ihn veranlasst, sich in seiner ganzen Größe aufzurichten und ihm noch ein Stückchen näher zu kommen. " Und eins noch, Tobias erfährt von dem hier nichts!! Das ist ein Ding zwischen uns und wenn ich jetzt nicht handgreiflich werden soll, dann machst du nen Abgang!!! " Boris starrt Lukas an, jeder Muskel in seinem Körper ist gespannt, sein Herz schlägt ihm bis in den Hals, er schwitzt und sein Gesicht ist gerötet. Endlich, endlich rührt sich sein Rivale und macht ein paar unentschlossene Schritte zur Seite. Boris deutet mit einer Hand die Straße hinunter, solange, bis Lukas sich in Bewegung setzt und tatsächlich davon trottet, ohne sich noch einmal umzudrehen!
Nachdem er sich ein wenig beruhigt hat, geht Boris zum Auto, holt sein Handy und meldet sich im Hotel für den Rest des Tages ab. Dann geht er zurück, hinein ins Haus, fährt nach oben und schließt die Wohnungstür auf. Tobias ist gerade auf dem Weg in die Küche und strahlt seinen Mann hocherfreut an. " Hey, das ging ja schnell. "
Boris kann nicht anders, er nimmt Tobias in den Arm, so fest, das der beinahe ins straucheln gerät und lässt ihn nicht wieder los. " Alles okay, womit habe ich das verdient? " Statt einer Antwort gibt es einen Kuss, sinnlich, zärtlich, voller Liebe, eine Portion Glück, die Boris jetzt dringend braucht.
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