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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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13.07.2019 1.800
 
Boris treibt den letzten Hering in den Boden, der Schweiß läuft ihm über die Stirn und die angespannten Muskeln seiner Oberarme zeichnen sich deutlich unter seinem Shirt ab. " So, mein Schlafplatz wäre dann fertig. " Gemeinsam haben sie das Zelt aufgebaut, zumindest hat Tobias sein Bestes versucht und nun gilt es, sich einzurichten, um danach Zeit für andere, wichtigere Dinge zu haben. " Nein! Ich schlafe hier! " Boris ist erstaunt über diesen entschlossenen Ausspruch seines Mannes, der es im Wohnwagen sicherlich viel bequemer hätte, mit seinem Bein. " Aber du hast doch gar keinen Schlafsack mit und außerdem, ist es nicht besser, wenn du ... " Tobias lässt sich nicht beirren, sein Entschluss steht fest, egal wie beschwerlich das für ihn sein könnte. " Dann nehme ich halt deinen! " Bei dem Satz muss er grinsen, hatte der Vorschlag doch einen verführerischen Nebeneffekt, mit etwas Glück ist der Schlafsack ungewaschen und Tobias könnte Boris auf diese Art nahe sein.
" Okay, wie du meinst. Dann hole ich mal das restliche Zeug aus dem Auto, du kannst ja schon das Bier kaltstellen. " Boris macht sich an die Arbeit, in seinem weißen Shirt zur sandfarbenen kurzen Hose, die Haare leicht verstrubbelt, sieht er heute besonders gut aus, keine Frage, ein überaus attraktiver Typ, sein Mann. Kaum vorstellbar, das er noch keine eindeutigen Angebote erhalten hat, nicht von einem Mitarbeiter oder Gast schon einmal angeflirtet wurde.

Es ist später Nachmittag und der Geruch von Grillkohle, Bratwürstchen und Steaks breitet sich über dem Campingplatz aus. Boris ist vorausgegangen zum Steg, um sich ein wenig abzukühlen, während Tobias sich umzieht, raus aus der unbequemen, viel zu warmen Hose samt seiner Schiene und hinein in eine luftige Shorts. Für die längeren Wege hat er sich seine zweite Krücke aus dem Keller ihres Appartements geholt und mit hier her gebracht, keine ideale Lösung, aber die Möglichkeit, sich ein wenig leichter, befreiter zu fühlen. Hier jetzt gemeinsam mit Boris Zeit zu verbringen, eine unwirkliche Situation, war er doch gestern noch von einem endgültigen Ende ihrer Beziehung ausgegangen. Aber so haben sie die Gelegenheit, immer wieder ins Gespräch zu gehen, ohne lästiges Verabreden, ohne jedwelche Störungen oder anderweitige Verpflichtungen. Tobias setzt sich auf einen der Campingstühle vorm Wohnwagen und schaut seinem Mann entgegen, der augenscheinlich kurzerhand in die Elbe gesprungen ist, die Hose nass, der Oberkörper nackt und das Shirt ruht lässig auf seiner Schulter. Wieder keimt in ihm der Gedanke auf, das Boris es ihm hätte gleichtun, sich ebenfalls Bestätigung bei einem anderen Mann hätte suchen können, und sei es nur aus Verzweiflung. Boris lässt sich in einen Stuhl fallen und streckt seine nassen Beine der Sonne entgegen, den Kopf angelehnt, blinzelte er in den tiefblauen Himmel und lächelt zufrieden. " Bist du nie auf die Idee gekommen, es genauso zu machen, ich meine, dir auch jemanden zu suchen, mit dem du zumindest deinen Spaß haben könntest? " Boris sieht Tobias an, überrascht und auch ein wenig entrüstet. " Nein!! Warum sollte ich? Dir hat was gefehlt, in unserer Beziehung und auch sonst, ich war immer glücklich mit dem, wie es war. " Diese Geradlinigkeit und Besonnenheit, sein fester Glaube an das Richtige und die eher rationale Art, das war es, wofür er Boris lieben gelernt hatte, aber diese Attribute zeigen ihm auch seine eigenen Grenzen auf, immer wieder. Seine Stärke ist das Emotionale, Spontane, manchmal Verrückte, auch beim Sex, soweit dies überhaupt noch machbar ist.

" Ich glaube, ich habe Hunger. " Boris schaut seinen Mann belustigt an, für den Essen die zweitschönste Sache der Welt zu sein scheint,  als Seelentröster, Wohlfühlfaktor oder einfach nur zum Zeitvertreib. " Ich habe uns ein paar Kleinigkeiten von der Hotelküche einpacken lassen, so etwas wie neulich, als du bei mir warst, ein bisschen Brot dazu, das müsste passen. " Er geht hinein, um die befüllten Dosen aus dem Kühlschrank zu holen, Tobias folgt ihm und schneidet das Baguette auf. Beide decken sie wortlos des Tisch ein, öffnen zwei Flaschen Bier und setzen sich wieder. Das Gespräch beim Essen beschränkt sich auf die vermeintlich spießigen Campingplatznachbarn, das anhaltend gute Wetter und das Physiotraining, welches Tobias jetzt wieder konsequent verfolgt. Danach geht Boris eine Runde mit dem Hund und Tobias macht sich ans Aufräumen, unter grosser Anstrengung und Mühe, aber letztendlich erfolgreich. Zwei Kinder aus dem Wohnwagen nebenan spielen auf dem Rasen Boccia, etwas, das auch er schon als Kind  gespielt hatte und Tobias beobachtet sie dabei. Sie haben so etwas Unbeschwertes, Sorgenfreies, welches man leider in das Erwachsenenleben kaum hinüber zu retten vermag.

" Wollen wir nochmal zum Steg runter, dort kann man herrlich sitzen und die vorbeifahrenden Boote beobachten. " Tobias nickt, nimmt beide Krücken und sie machen sich auf den Weg, diesmal ohne Hund, der sich ein ruhiges Plätzchen neben dem Wohnwagen gesucht hat. Sie haben Glück und es ist niemand dort, der ebenso darauf aus ist, diesen Sommerabend beschaulich ausklingen zu lassen. Boris ist seinem Mann behilflich und schließlich sitzen beide nebeneinander, ihre Beine baumeln im Wasser und sie schauen auf die Elbe hinaus.
" Erinnert dich das hier an was? " Boris muss grinsen, denkt er doch gerne zurück, an ihren Ausflug, die erste kleine gemeinsame Feuerwehrübung und die anschließende Pause am See. Statt einer Antwort legt er seinen Kopf auf die Schulter von Tobias und beide verharren eine Weile in dieser Position. " Ich habe dir sehr sehr weh getan und es tut mir unendlich leid. Damals wusste kaum jemand Bescheid über uns und wenn wir geahnt hätten, was uns noch bevor steht, wer weiß, ob wir ein Paar geblieben wären, ob ich mich nicht davon gemacht hätte, ich bin nicht besonders stark." Boris hebt seinen Kopf und sieht Tobias an. " Natürlich bist du stark, sehr sogar. Du hast mir geholfen, mich zu outen, zumindest vor Viktor und unseren Freunden. Du hast mich unterstützt, mir zugeredet, mir zu einem Leben verholfen, was ich ohne dich wahrscheinlich heute noch nicht leben würde. Und du hast es geschafft, über das Leid hinweg zu sehen, das dir meine Familie angetan hat, du bist bei mir geblieben und hast mir stattdessen deine aufrichtige Liebe erklärt! " Es tut gut, das zu hören und Tobias schaut eindringlich in diese wundervollen hellbraunen Augen, so als wolle er sich auf diesem Wege sein Einverständnis abholen, für einen Kuss, einen von der sanften, weichen Art, der ihre Verbundenheit und Zuneigung zum Ausdruck bringt.

Die Dämmerung setzt ein und sie machen sich auf den Rückweg, oben angekommen holt Boris zwei Bier und eine Fackel aus dem Wohnwagen. Er überreicht die Flaschen Tobias, der schon am Tisch sitzt, rammt die Fackel etwas abseits in den Boden und zündet sie mit einem mitgebrachten Feuerzeug an.
" Na, diesmal an alles gedacht, Herr Saalfeld. " Boris verdreht die Augen und setzt sich ebenfalls. " Sehr witzig, Herr Ehrlinger. " Fast macht es den Anschein, als befänden sie sich auf einer Reise, zurück zu ihren Anfängen. Beide prosten sich zu, nehmen einen Schluck und lassen sich vom dem lodernden Minifeuer in ihren Bann ziehen. " Hat es dir mit ihm mehr Spaß gemacht, als mit mir? " Okay, die Zeit der Wohlgefühle ist hiermit abrupt beendet und Tobias wird seinem Mann Rede und Antwort stehen, wie versprochen. " Wir hatten ja gar keinen richtigen Sex und das, was war, das ist mit dir ebenso schön. " Ein grummelndes Geräusch des Unmutes ist zu vernehmen. " Das klingt nach Einheitsbrei. Womit hat er dich genau gekriegt? " Tobias nimmt einen weiteren Schluck Bier und betrachtet danach die Flasche ausgiebig, als würde sich auf ihr die Antwort finden. " Es war der Ort, das heftige, sofort zur Sache kommende, ohne Ankündigung oder Vorbereitung, der Überraschungsmoment, der mich angetörnt hat. " Tobias spricht leise, schließlich sollen die Nachbarn nicht unbedingt teilhaben an ihrem Liebesleben. " Du magst also meine romantische Ader nicht und das ich es mir gerne gemütlich mache mit dir?! " Tobias versucht, einer überaus hungrigen Mücke auf seinem Unterarm die Mahlzeit zu verleiden, in dem er nach ihr schlägt.
" Doch, natürlich mag ich das! Aber halt nicht nur. Weißt du noch, als du frei hattest und ich ziemlich genervt nach Hause gekommen bin, das auf der Couch, das war geil, davon hätte ich gerne mehr. " Boris erinnert sich an ihr Intermezzo und ebenso daran, das er unbefriedigt und frustriert aus dieser Situation herausgegangen ist. " Mmhh, ist ja nicht so, das ich es nicht schon mal probiert hätte und wer wollte da nicht, mein Mann! " Tobias schlägt jetzt schon zum vierten Mal nach einer Mücke und beginnt, ungehalten zu werden. " Komm Boris, lass es gut sein. Ich habe dir gesagt, das der Sex, den wir hatten, nicht ausschlaggebend war für mein Fremdgehen. Grundsätzlich stimmt es zwischen uns, das andere sind Kleinigkeiten, nix, was wir nicht ändern können. Diese verdammten Viecher!! Hast du so'n Spray dabei? Und warum stechen die eigentlich nur mich?? " Boris kann nicht anders, als lauthals loszulachen. " Karma, mein Schatz! "

Tobias zieht den Reißverschluss vom Zelt zu und den vom Schlafsack auf, um ihn ggf. als Decke zu benutzen, wenn ihm doch kühl werden sollte. Boris ist mit dem Hund im Wohnwagen verschwunden, nachdem sie das Feuer gelöscht und die Bierflaschen gegen eine Wasserflasche für ihn getauscht haben. Mehr als ein kurzes " Gute Nacht " war nicht drin, trotz der kleinen humoristischen Einlage schien Boris verärgert über den Verlauf ihres Gespräches und drängte dann auch schnell zum Aufbruch in das jeweilige Schlafgemach. Aber er darf jetzt nicht ungeduldig werden, eine Annäherung zu schnell forcieren, auch wenn Boris heute dermaßen sexy aussah, das es Tobias äußerst schwer fiel, nicht einfach über ihn herzufallen. Und der Schlafsack ist leider auch kein Ersatz, riecht er doch eher nach muffigem Synthetik als nach dem Mann, der gerade unerreichbar hinter verschlossenen Türen schläft und ganz sicher nicht auf einen spontanen Besuch aus ist.

Boris liegt auf dem Bett, immer noch in Shirt und kurzer Hose, hat die Arme hinter seinem Kopf verschränkt und schaut an die Wohnwagendecke, an der sich zwei Fliegen gerade einen Kampf liefern oder ist es eine Art Balztanz, dessen ist er sich nicht sicher. Es gab ein paar schöne Momente heute, die Vertrautheit vergangener Tage flammte kurz auf und mit ihr das Gefühl, welches ihn tief in seinem Inneren immer noch erfüllt, seine Liebe zu diesem einzigartigen Mann, der ihn trotz aller Probleme immer wieder zum Lachen bringt. Und dennoch tut es immer noch weh, das Tobias sein Vertrauen derart mißbraucht, ihn hintergangen hat, ihre Beziehung augenscheinlich nicht als erfüllend empfindet. Boris löscht das Licht und dreht sich zur Seite. Vielleicht sollte er jetzt nicht ungeduldig werden, zu viel zu schnell erwarten, sie haben hier gemeinsam noch zwei Tage und zwei weitere Nächte, die sie wieder ein wenig näher bringen könnten.
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