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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
10.07.2019 1.769
 
Der Regen peitscht auf die Windschutzscheibe und Boris hat Mühe, überhaupt etwas zu erkennen. Wohin es gehen soll, gibt das Navi vor, eine ihm völlig unbekannte Adresse in Hamburg St. Georg. Eine gute Woche ist es jetzt her, der Morgen, der so vielversprechend begonnen hatte und von Tobias abrupt mit einem erneuten Rückzug beendet wurde. Seitdem hatte er nichts von ihm gehört, bis heute Mittag, eine kurze Nachricht mit der Bitte um ein vielleicht allerletztes Gespräch, mit dieser Adresse hier. Boris hatte lange überlegt, ob er sich auf ein weiteres Treffen einlassen sollte, hatte sein Mann doch wieder einmal die Handbremse gezogen, mitten auf ihrem Weg der Annäherung, und diesmal sogar den Rückwärtsgang eingelegt, keine Erklärung, keine konkrete Ansage. Die anfängliche Wut war der Enttäuschung gewichen, darüber, das die Aussichten auf ein gemeinsames Leben immer mehr in weite Ferne rücken.

Am rechten Straßenrand wird gerade eine Parklücke frei, ein Glücksfall in diesem Viertel, und Boris nutzt die Chance. Als er den Zündschlüssel abzieht, klingelt sein Handy. " Herr Baumann, nein, kein Problem. Morgen schon? Oh, das hört sich doch gut an, zwei Zimmer mit Dachterrasse, wunderbar. Ja, da hätte ich Zeit. Alles klar, Herr Baumann, wünsche ich ihnen auch. Bis Morgen! " So schnell hatte er nicht mit einem Angebot seitens des Immobilienmaklers gerechnet, aber gut, irgendwann würde er es eh angehen müssen, das Hotelleben ist auf Dauer keine Lösung. Boris setzt sich seine Kappe auf, schaut kurz in den Seitenspiegel, um eine Lücke abzupassen, steigt schließlich aus und betritt den Bürgersteig. Der Regen hat nachgelassen und er versucht, auf dem Weg zur angegebenen Adresse, die Pfützen zu umgehen, was sich nicht unbedingt als leichtes Unterfangen herausstellt. Hier muss es sein, Boris schaut kurz auf sein Handy und dann auf die Eingangstür eines Lokals mit der Aufschrift GENERATION BAR.

Er öffnet die Tür und tritt ein. Es ist Mittwoch Abend, 21 Uhr und die Bar ist eher mäßig besucht, links an der Theke zwei junge Männer, die sich angeregt unterhalten, zu seiner rechten in einer Sitzecke, eine Gruppe, welche gerade ziemlich lautstark eine Runde Cocktails bestellt und direkt vor ihm auf einem Barhocker Tobias. Boris geht auf ihn zu und legt ihm zur Begrüßung die Hand auf den Rücken, bevor er an seine Seite tritt und ihn anschaut. " Ah, ... da bist du ja. Regnet es immer noch? " Tobias räuspert sich und zeigt auf die nasse Kappe. Sein Gesicht wirkt versteinert, er ist blass und seine Augen verraten eine Anspannung, die sich auch in seiner Körperhaltung widerspiegelt. " Na, Tobi, das ging ja schnell heute, endlich Anschluss gefunden? Was darf ich dir zu trinken anbieten? " Der junge Mann hinter der Theke, im weißen, halb aufgeknöpften Hemd, auffälliger silberner Kette und tätowierten Unterarmen strahlt sie beide an und wendet sich dann Boris zu.  " Ich, ich nehme ein Bitter Lemon. " Ein Wunder, das ihm diese Worte überhaupt über die Lippen kamen, war er doch gerade förmlich erstarrt, bei dem, was sich ihm hier offenbart. Tobias nimmt sein Glas mit Apfelschorle, rutscht vom Barhocker herunter, greift zu seiner Krücke und deutet auf eine Sitzecke etwas weiter hinten im Lokal. " Jascha, wir sitzen da. " Er geht vor und Boris folgt ihm, vorbei an einem Mann mittleren Alters, der allein an einem Tisch vor einem Glas Wein sitzt, ihn anlächelt und ihm zuzwinkert. Beide setzen sich, Boris nimmt seine Kappe ab und sieht seinen Mann an, der wiederum auf das Glas in seinen Händen starrt. " Man kennt dich hier??? Tobias, ich bin nicht blöd, ich weiß, was das hier ist!!! " Boris Stimme überschlägt sich, während er versucht, seinen Blick einzufangen. Der Typ von der Theke kommt an ihren Tisch, stellt das Bitter Lemon ab, zündet die Kerze im Windlicht an und verschwindet wieder. Tobias nimmt ein Schluck Wasser, seine Hand zittert, er lehnt sich zurück, schaut kurz zu den jungen Männern rüber, die gerade lauthals in Lachen ausbrechen und wendet sich dann, mit einer bedächtigen Kopfbewegung Boris zu.

" Ja, ich war zwei- dreimal hier, vor der Geschichte mit Lukas und vorgestern dann wieder! Boris, hör mir bitte erstmal zu. " Der atmet lautstark aus, verdreht die Augen, wirft sich nach hinten, begleitet von einem lauten Knarren der Stuhllehne und verschränkt die Arme. " Ich wollte es ausprobieren, ... ob sich auch noch jemand anderes für mich interessieren würde, mit diesem verdammten Bein hier. Ich habe niemanden fürs Bett gesucht, aber ich wurde angesprochen, hab nen bisschen geflirtet und ein paar nette Gespräche geführt. Das hat mir gereicht! Bis ich dann Lukas kennengelernt habe, da wollte ich plötzlich mehr, austesten, ob  ein anderer Mann auch Sex mit mir haben würde. Und er wollte, nicht von Anfang an, aber ich habe mich ihm angeboten und er ist darauf angesprungen. Dann war ich so erschrocken über mich, über das, was da passiert ist und wollte ihm wirklich aus dem Weg gehen, es sollte zu keiner Wiederholung kommen. Ja, und dann hatten wir Streit, du bist weg und den Rest kennst du. " Boris atmet erneut lautstark aus, sein Blick ist auf den Fussboden gerichtet, er schüttelt den Kopf und seine Miene verrät, das ein Ausbruch kurz bevor steht. " Du hast es darauf angelegt??? Du wolltest das, von Anfang an??? " Er nimmt seine Kappe, springt auf, holt sein Portmonee aus der Tasche und wirft einen 5€ Schein auf den Tisch neben sein unberührtes Glas. " Okay, das reicht mir jetzt!! Ich erkenne dich nicht wieder. Das war's, endgültig! Lockst mich hier her, um mir was zu sagen, das ich dir nicht reiche, das du gerne noch was nebenbei hättest?! Nicht mit mir! "

Tobias springt ebenfalls auf, die beiden Männer schauen verwundert zu ihnen rüber und Boris geht schnellen Schrittes aus dem Lokal. " Boris, warte doch! Das war noch nicht alles, was ... " Tobias greift zu seiner Krücke und versucht, seinem Mann nachzugehen, so schnell er eben kann. Die Tür fällt hinter ihm zu, es regnet nach wie vor und er erblickt Boris, der draußen unter der Markise stehengeblieben ist. " Bitte, geh jetzt nicht. Ich bin noch nicht fertig, ich wollte ehrlich zu dir sein, es dir erklären. Bitte!!! " Tobias Stimme klingt brüchig, verzweifelt, angsterfüllt, DAS ist es jetzt wohl, das Ende! Boris tritt gegen einen der Stühle, die hier den Rauchern zur Verfügung stehen, sein Gesicht gerötet, die Augenbrauen runtergezogen, schreit er Tobias an. " Ist dir eigentlich klar, was du da gerade gesagt hast??? Du wolltest es, dir war scheiß egal, was mit mir ist!!! " Dann überquert er die Straße, läuft auf der anderen Seite hinab zu seinem Auto und steigt ein. Tobias versucht, auf seiner Seite mitzuhalten und als die Scheinwerfer aufleuchten, läuft er auf die Straße, zu groß ist die Angst, das Boris jetzt wieder davon fährt. Auf der regenassen Gegenfahrbahn kommt der SUV mit quietschenden Reifen gerade noch zum stehen. Tobias bleibt im Scheinwerferlicht stehen, zur Salzsäule erstarrt, als der Fahrer und Boris zeitgleich aus ihren Autos springen und auf ihn zugehen. " Alles okay mit ihnen, ist ihnen was passiert? " Tobias schüttelt den Kopf und schaut verwirrt von einem zum andern. Boris legt seinen Arm um Tobias' Hüfte und nimmt dessen Arm, um ihn sich über die Schulter zu legen. " Alles in Ordnung. Wir gehören zusammen, ich denke, ihm ist nichts passiert. Fahren sie ruhig weiter, ich kümmere mich. " Der Fahrer geht, zunächst zögerlich, zu seinem Auto, steigt ein und fährt in einem Bogen an ihnen vorbei. " Komm, ich bringe dich nach Hause, bevor du hier weiter dein Leben riskierst. "

Wieder parkt er vor dem kleinen Friedhof, stellt den Motor ab und sieht zu Tobias rüber, der bisher kein Wort gesprochen und die gesamte Fahrt aus dem Seitenfenster gestarrt hat. " Was wolltest du noch sagen? " Es ist mittlerweile dunkel und im Kegel der Scheinwerfer taucht eine Katze auf, die gemächlich die Straße entlang läuft. Tobias faltet seine Hände und wagt es, seinen Nochehemann anzublicken. " Ich war noch mal da, um herauszufinden, ob mich das immer noch reizt. Aber ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht. Mich hat jemand angesprochen, den fand ich auch sympathisch, aber ich wollte mich auf nichts mehr einlassen, ich wollte nur dich. Es war falsch, mir die Bestätigung bei anderen Männern zu suchen, auch wenn ich mich manchmal weniger wert fühle als früher, vor dem Unfall. Und als du mich neulich geküsst hast, da war mir klar, das mit uns kann nur funktionieren, wenn du ALLES weißt." Boris nimmt seine Kappe ab, wirft sie nach hinten auf den Rücksitz und fährt sich durch die Haare. " Hat dir was gefehlt, ... beim Sex, meine ich? " Tobias beugt sich zu ihm vor und legt seine Hand auf dessen Schulter. " Nein! Ja, vielleicht manchmal. Aber das war es nicht nur, bitte Boris." Ganz vorsichtig streichelt sein Daumen über Boris' Oberarm, der sich erneut durch die Haare fährt und erfolglos gegen die Tränen kämpft, die bereits über seine Wangen laufen. " Was ist nur mit uns passiert? " Nun kommen auch Tobias die Tränen, spricht Boris doch das aus, was er sich selber schon seit Wochen fragt und bisher keine Antwort darauf gefunden hat. " Wenn uns jetzt jemand sieht, zwei Männer, nachts im Auto, die heulen. " Solch einen Spruch konnte nur Tobias bringen, auch etwas, wofür Boris ihn liebt, diese unnachahmliche Art, bedrückende Situationen wieder aufzulösen. Beide fangen an, zu lachen. " Bitte lass es nicht vorbei sein. Den tiefsten Punkt haben wir erreicht, jetzt kann es nur besser werden. Ich liebe dich und ich möchte nicht ohne dich sein, bitte!! "

" Kannst du jetzt schlafen? " Tobias verneint und Boris lässt den Motor an. Er fährt durch das nächtliche Hamburg, welches ihnen vertrauter denn je erscheint. In der Nähe der Außenalster stellt er den PKW auf einem naheliegenden Parkplatz ab und sie gehen ein Stück, bis zu einer Parkbank. " Woll'n wir? Immerhin ist es heute nicht so kalt. " Tobias muss grinsen und beide setzen sich, nebeneinander, mit gebührendem Abstand. Die Lichter der Großstadt haben etwas Beruhigendes, ein Pärchen joggt an ihnen vorbei, im Einklang miteinander und allmählich legt sich eine Nachtruhe über diesen Ort, versöhnlich, entspannend. " Meinst du, wir packen das? " Tobias schaut Boris an, nimmt seine Hand, drückt sie fest und kommt ihm ein wenig näher. Er weicht nicht zurück, versucht in dem Schummerlicht seinen Blick auszumachen und spürt plötzlich seine Lippen, sanft, fast scheu und er erwidert den Kuss! Ja, verdammt nochmal, er liebt diesen Mann, egal was war! Es muss einfach wieder gut werden.
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