Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
05.07.2019 1.840
 
Es ist nicht mehr weit, bis zu ihrem Auto, welches Boris gestern Abend in der Nähe ihres Lieblingsitalieners hatte stehen lassen. Ein angenehmer Sommertag geht zuende und auf dem Fußweg vor ihm testen zwei Jungs ihre Fertigkeiten mit einem Waveboard aus. Boris springt kurzerhand zur Seite, um eine Kollision zu vermeiden und schaut den beiden nach, ...  wie unbeschwert konnte das Leben doch sein. Als er endlich am Auto ankommt, bemerkt er auf der Beifahrerseite ein schlichtes weißes Band, das am Spiegel befestigt ist, ähnlich einer Hochzeitsschleife und unter dem Scheibenwischer klemmt ein Umschlag. Boris nimmt ihn, lehnt sich rücklings ans Auto, öffnet ihn und ein Lächeln huscht über sein Gesicht, sollte es das sein, was er vermutet, dann tut es gut, verdammt gut!

* Boris. Danke. Danke fürs nicht aufgeben. Danke fürs Zuhören. Danke für dein Verständnis. Danke, das du mich überhaupt noch erträgst. Und vor allem Danke für die Umarmung. Ich wünsche mir, das wir uns so bald wie möglich wiedersehen, denn dann kann ich dir ein bisschen mehr von dem erzählen, was mich beschäftigt. Ich habe das Gefühl, das ist wichtig, dir wichtig und ich will ab jetzt alles dafür tun, das du mir wieder vertrauen kannst, wenn möglich, für immer. Dein Mann Tobi *

Eine Nachricht von Tobias, nicht unbedingt eine Liebesbotschaft, aber zusammen mit der Autoschleife eine liebevolle Geste und ein Hinweis, das es ihm ernst ist und auch er an ihrer Ehe festhalten möchte. Vielleicht hatte sie das Gespräch vom gestrigen Abend doch weiter gebracht, obwohl es eher holprig verlief und Tobias ihm nicht wirklich vermitteln konnte, welches seine Vorstellungen sind, sollten sie den Weg auch weiterhin gemeinsam gehen.
Boris steigt in ihr Auto, legt den Brief in das Handschuhfach und fährt los. Sein Weg führt ihn an ihrem Appartementhaus vorbei, vor dem Friedhof ist gerade ein Platz frei geworden und er parkt kurz entschlossen wieder ein. Jetzt sind Semesterferien und vielleicht ist sein Mann ja zuhause, wo sollte er auch sein, möglicherweise mit ein paar Kommilitonen unterwegs, oder ihrem Hund? Es könnte aber auch sein, das er auf ihn wartet, obwohl, Tobias würde sicher nicht ernsthaft damit rechnen, das er jetzt vorbeikäme. Boris  steigt aus, bleibt aber unentschlossen am Auto stehen, schaut nach oben in Richtung ihrer Wohnung und fingert nervös mit seinem Schlüsselbund herum. Ein aufgeregtes, aber auch mulmiges Gefühl erfasst ihn. Seit der Geschichte mit dem anderen Typen war er nur einmal dort, in seinem, in ihrem Zuhause und es war kein angenehmer Aufenthalt, weder der Anlass noch die Tatsache, das ihn dort so einiges an die eindeutige Situation erinnert, in der er seinen Mann mit jemand anderem vorgefunden hatte.

Tobias geht zum dem Fenster, von dem aus er direkt auf die Straße schauen kann, so wie er es seit Stunden regelmäßig alle paar Minuten tut und der Hund läuft jedesmal aufgeregt mit, weil er die Unruhe seines Herrchens fehlinterpretiert und auf einen Auslauf hofft. Seitdem er seine Botschaft am Auto hinterlassen und die Wahrscheinlichkeit, das Boris Feierabend hat und es abholt, um ein Vielfaches gestiegen ist, ist da ein kleiner Hoffnungsschimmer, das Boris vielleicht doch hier vorbeischaut. Und dieses Mal ist es soweit! Da unten steht er, an ihrem Auto, in Jeans und weißem Hemd, die Sonnenbrille lässig eingehängt und schaut nach oben. Ihre Blicke treffen sich, auch wenn aus der Entfernung nicht jedes Detail auszumachen ist, er sieht erfreut aus, gut gelaunt. Aber Boris rührt sich nicht vom Fleck, es macht nicht den Anschein, als wolle er hoch kommen. Tobias wird noch nervöser, nimmt sich seinen Schlüssel und verlässt die Wohnung, nach unten, bevor Boris womöglich wieder davon fährt. Als er endlich ankommt und die Haustür öffnet, ist der Parkplatz auf der gegenüberliegenden Seite wieder frei, sein Mann ist tatsächlich gefahren, ohne ihnen die Chance für ein weiteres Gespräch einzuräumen. " Verdammt! " Tobias lässt die Tür wieder ins Schloss fallen und geht resigniert zum Fahrstuhl zurück. Aber da ist nicht nur Enttäuschung, sondern auch Wut, darüber, das sein Plan, den er schon irgendwie im Hinterkopf hatte, nicht aufgegangen ist, das Boris nicht erwartungsgemäß reagiert und zu IHM gekommen ist. Er schüttelt den Kopf, aus Verwunderung über sich selber und seine manchmal verschrobenen Vorstellungen, betritt den eingetroffenen Fahrstuhl und fährt wieder nach oben.

Es ist kurz nach Acht und Boris überlegt, ob er heute auf einen Drink an die Bar gehen sollte. Ben hat leider keine Zeit und ihm fällt so langsam die Decke auf den Kopf, jeden Abend allein im Hotelzimmer, das ist nicht das, was sich Boris unter einer angenehmen Freizeitgestaltung vorstellt. Gerade als er ins Bad gehen will, um vorher noch kurz zu duschen, klopft es an der Tür. Er öffnet und erblickt seinen Mann, der sich ein wenig verlegen und unsicher auf seine Krücke stützt und ihn erwartungsvoll ansieht. " Hi. Hast du Zeit? Darf ich reinkommen? " Boris ist überrascht, damit hatte er nicht gerechnet, weder heute noch irgendeinen der anderen Tage zuvor. " Ja, klar. Komm rein. " Er überlegt für einen kurzen Moment, ob er Tobi einen Begrüßungskuss geben sollte, doch das erscheint ihm dann doch ein wenig verfrüht. Er schließt die Tür und kann nicht umhin, sich diesen gutaussehenden Mann von oben bis unten anzuschauen, auch mit einem gewissen Stolz. Seitdem Tobias Bart und Haare nicht mehr ganz so kurz trägt, verleiht ihm das ein verwegenes Aussehen, das ihn zusammen mit diesen wahnsinnig dunklen, geheimnissvollen Augen noch attraktiver aussehen lässt. Einzig die Gehhilfe und seine Beinschiene irritieren vielleicht, wenn man sie denn noch wahrnimmt, was Boris nur sehr selten tut. " Setz dich. Ich bestell uns eine Kleinigkeit, was willst du trinken, ein Bier? " Tobias nickt und Boris ordert beim Zimmerservice zwei Bier und Finger Food für sie beide. " Hier wohnst du also jetzt. Nicht besonders gemütlich, oder? " Boris muss über diese Bemerkung lachen, schließlich ist sein Auszug ausschließlich dem Verhalten seines Mannes geschuldet und keine freiwillige Entscheidung gewesen! Es klopft und er nimmt an der Tür die bestellten Dinge entgegen, bestätigt deren Empfang und deckt anschließend damit den kleinen Tisch ein. Sie köpfen die Bierflaschen und stoßen an, ohne konkret zu wissen, worauf. " Ich habe dich vorhin gesehen, vor unserem Haus. Ich hätte es toll gefunden, wenn du hoch gekommen wärst. Aber so ist es auch okay." Boris nimmt eines dieser undefinierbaren Häppchen, von denen man zunächst nicht weiß, welchem Ursprungsland sie entstammen, beißt hinein und stellt für sich selber fest, das es wohl spanische Tapas sind, irgendetwas mit Fisch. " Ich habe mich über deine Nachricht sehr gefreut, wollte auch tatsächlich zunächst bei dir vorbei schauen, aber, das ging dann doch nicht! " Sie stoßen erneut an, ohne besonderen Grund, vielleicht aus Gewohnheit oder altbayerischer Sitte. " Ich würde gerne von dir hören, wie es dir ergangen ist, nach deinem Unfall, nach der schrecklichen Diagnose. Du hast es mir nie erzählt, nicht wirklich. Du wolltest dich von mir trennen, hast mir Vorwürfe gemacht, ich bin nie richtig an dich herangekommen, und nach unserer Versöhnung hast du auch nicht mehr über das gesprochen, was dich eigentlich bewegt. Ich habe das Gefühl, das ist und war wichtiger, als du es jemals thematisiert hast! "

Tobias lehnt sich zurück, zupft an seinem Hemd herum und schaut aus dem Hotelfenster, ohne draußen etwas wirklich interessantes zu entdecken. " Das ist ja noch heute so. Ich habe gelernt, mit diesem verdammten Bein zu leben, wir haben uns damit arrangiert. Aber wenn ich ehrlich bin, ich hasse es. Ich bin jung, habe immer viel Sport gemacht, wollte zur Feuerwehr gehen, und ja, das ging plötzlich alles nicht mehr. Aber da ist noch etwas anderes. Auch wenn du dich immer bemüht hast, es mich nicht spüren zu lassen, es ist gottverdammt da! Ich bin ein hinkender hässlicher Gnom, der es nicht verdient, geliebt zu werden. Du nimmst mir vieles ab, wofür ich dir auch dankbar bin, aber ich fühle mich trotzdem schlecht. Und jetzt denke bitte nicht, ich mache dir doch einen Vorwurf, das es letztendlich deine Mutter war, der ich meine Situation zu verdanken habe. Das ist es nicht, ich habe dir mit meiner Spielsucht auch schon viel Kummer bereitet, und jetzt hast du einen Mann an der Backe, der dir nichts, aber auch gar nichts bieten kann. Ich hätte dich doch ziehen lassen müssen, nicht, das unsere Hochzeit ein Fehler war, für mich nicht, aber sicher für dich. " Boris hatte es geahnt, aber das es Tobias jetzt ausspricht, es immer noch ein Thema für ihn ist, das berührt ihn sehr. Mit ihrem Umzug, ihren neuen Tätigkeiten, ihrem noch ungewohnten Eheleben, dachte er, dieses endlich hinter sich gelassen zu haben. Aber dem war nicht so, und beide haben einen entscheidenden Fehler begangen, sie haben nicht mehr miteinander gesprochen. Tobi nicht, der eh immer so seine Probleme damit hatte, und Boris auch nicht, dem es irgendwie auch ganz recht war, dieses leidige Thema jetzt endlich abhaken zu können. Letztendlich entschuldigt das kein Fremdgehen, aber die Erkenntnis bringt sie wieder ein Stückchen näher. Beide leeren ihre Bierflaschen und Boris ordert zwei neue beim Zimmerservice. Sie reden noch lange über Tobias' Handicap, das ja vielleicht gar keins sein muss, jedenfalls nicht in jeder Lebenslage, über ein neues Auto und darüber, das er künftig gern mehr übernehmen würde, auch wenn es länger dauert und umständlich erscheint. Noch sprechen beide nicht darüber, was Tobias dazu gebracht hatte, sich diesem Typen hinzugeben. Aber das wird sicherlich auch noch Thema werden, vielleicht nicht heute, aber sicher bei einem ihrer nächsten Treffen.

Tobias schaut auf seine Uhr, es ist kurz nach Mitternacht und er erschrickt ein wenig, darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist, nur mit reden. " Ich glaube, ich muss jetzt mal los. Uschi ist zwar bei unseren Nachbarn von unten, die waren so nett, aber jetzt sollte ich ... " Boris schaut ihn an, liebevoll und überrascht, wie organisiert sein Mann doch sein konnte! " Wenn du magst, du darfst gerne hier bleiben, das Bett ist groß genug, also nicht, was du denkst! Aber du hast ja eh frei, die Nachbarn schlafen sicher schon und kümmern sich auch morgen und du brauchst jetzt nicht mehr quer durch Hamburg. " Tobias muss grinsen, völlig ungewollt und doch entspricht es seinem Grundgefühl.
" Dein Ernst, ich jetzt hier, mit dir? " Ohne weiter darauf einzugehen, öffnet Boris das Fenster auf Kipp und geht ins Bad, um sich fertig zu machen. Tobias zieht seine Schuhe aus, legt die Schiene ab und entledigt sich seiner Hose. Nachdem Boris im Bad fertig ist, geht auch er und legt sich anschließend sehr vorsichtig und darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen, ebenfalls ins Bett. Boris löscht das Licht! Tobias wagt es nicht, sich zu bewegen, so surreal scheint die Situation, bis er bemerkt, das Boris ihm näher rückt, sich ankuschelt. Er spürt seinen warmen Atem im Nacken und würde sich jetzt am liebsten umdrehen, ihn leidenschaftlicher küssen denn je und sich dem hingeben, was zwangsläufig passieren würde. Aber Tobias macht nichts von alle dem, genießt einfach nur, mit einem kleinen Glücksgefühl in seinem Bauch und beide schlafen schließlich ein.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast