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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
04.07.2019 1.564
 
Es ist frisch geworden im Norden. Boris nimmt sich von der Rückbank seines Autos einen Pulli, wirft die Tür zu und macht sich auf den Weg zu Marco, ihrem Lieblingsitaliener. Er hat absichtlich zwei Straßen weiter nach einem Parkplatz Ausschau gehalten, um noch einen kleinen Moment für sich zu haben, bevor er auf Tobias trifft. In den Gesprächen mit Tina ist ihm klar geworden, das er noch nicht bereit ist, ihre Ehe, ihre Liebe aufzugeben, trotz der vielen Hindernisse, Unwegsamkeiten oder Fallgruben. Aber diesmal ist vor allem entscheidend, wie Tobias sich ihm gegenüber verhält, bleibt er ehrlich und ist er endlich bereit, über wirklich Alles zu reden, sich ihm zu öffnen, bedingungslos?
Als Boris die Lorbeerhecke entlang geht, sieht er Tobias an einem Tisch nahe des kleinen, aber damit nicht weniger kitschigen Springbrunnens sitzen, die Haare vom Wind zerzaust, im anthrazitfarbenen Janker zum blauen Hemd. Sein Gesicht wirkt angespannt, er wippt nervös mit seinem gesunden Bein und schiebt einen Stapel Briefe gedankenverloren über den Tisch. Boris durchquert den Torbogen und geht langsam auf seinen Mann zu, der ihn fast ein wenig überrascht anschaut, als hätte er nicht wirklich mit seinem Erscheinen gerechnet. Er legt sich seinen Pulli über die Schultern und nimmt gegenüber Tobias Platz, ohne ein Wort der Begrüßung, denn zur selben Zeit kommt Luigi mit einem Tablett an den Tisch und stellt zwei Gläser mit Weißwein ab. " Buona sera miei cari amici. Hab eusch lange nicht gesehn. Immer noch grande amore, hey, isch verstehe. " Er schaut beide mit einem Augenzwinkern und ziemlich zweideutigem Lächeln an. " Was darf ich eusch bringe? Wie immer? " Tobias wirft Boris einen kurzen Blick zu und wendet sich dann an Luigi, um dessen Nachfrage mit einem " Ja, sicher! " zu beantworten, als Boris plötzlich das Wort ergreift. " Nein! Ich nicht! Ich nehme heute das Vitello Tonato, und ein Glas stilles Wasser, bitte. " Mit einer typisch italienischen Geste der Verwunderung und einem Kopfschütteln murmelt Luigi etwas Unverständliches vor sich hin, widmet sich kurz dem Nachbartisch und geht dann zurück ins Restaurant.  

Dieser Abend beginnt anders als gewohnt und Tobias schaut seinen Mann leicht verunsichert und fragend an. Sie haben noch kein Wort gesprochen und all das, was er sich zurecht gelegt hatte, ist wie ausgelöscht. Er schiebt den Stapel mit den ungeöffneten Briefen zu Boris hinüber, während der sein Weinglas unschlüssig hin und her dreht. " Hier, deine Post der letzten Tage. Den Wein habe ich bestellt, das ist der Pinot, den du so gerne trinkst, ich dachte ... " Boris stellt sein Glas beiseite, nimmt die Briefe entgegen und geht sie einmal durch, um sich vermeintlich einen Überblick zu verschaffen. Auch er hatte ihr Zusammentreffen in Gedanken etliche Male durchgespielt, sich genau überlegt, welche Fragen er stellen, welche Antworten er erhalten möchte. Schließlich legt Boris die Post neben seinem Glas ab, beugt sich zu Tobias vor, nimmt den Salzstreuer in beide Hände und sieht ihm direkt in die Augen.

" Triffst du dich noch mit IHM? " Wieder etwas, womit Tobias hier und jetzt nicht gerechnet hatte. Er setzt das Weinglas an und leert es fast in einem Zug. Es fällt ihm schwer, Boris ebenfalls in die Augen zu schauen. " Nein, ... aber ich hätte es beinahe getan, aus Wut, aus Resignation, keine Ahnung ... aber als dann deine Nachricht kam und ich gemerkt habe, was für ein Idiot ich war, da ... " Luigi kehrt mit zwei prall gefüllten Tellern an ihren Tisch zurück, im einem unpassenden Moment, von denen es heute sicher noch reichlich geben würde. " So, i miei due conigli, eine Pizza quattro stagione und einmal das Vitello für meine amici speciale. " Beide lächeln ihn freundlich an, in der Hoffnung, er lässt sie heute, mit seiner sonst willkommenen Art, einfach nur in Ruhe essen und vor allem reden. Und tatsächlich, er zieht sich ohne eine weitere Bemerkung zurück, denn es ist offensichtlich, das heute eine eher angespannte und unterkühlte Stimmung herrscht. Beide widmen sich zunächst schweigsam ihrer Mahlzeit und Boris greift zum Wein, da das bestellte Wasser auf sich warten lässt. " Verstehe ich das richtig, wenn ich nicht reagiert hätte, dann hättest du es durchgezogen? " Tobias wird schlagartig bewußt, wie wenig erklärlich bzw. nachvollziehbar sein Verhalten der letzten Tage ist und auch davor schon häufiger war. " Wahrscheinlich, ja. Ich hätte es getan und mich danach noch schlechter gefühlt, weil ich dich SO ganz sicher für immer verloren hätte. Ich war kurz davor, mich endgültig ins Aus zu manövrieren! Und eigentlich bin ich einen weiteren Versuch nicht wert ... " Boris legt mit Nachdruck seine Gabel ab, leert das Weinglas, verschränkt die Arme und schaut seinen Mann an, der sich gerade mal wieder danach sehnt, eins zu werden mit der norddeutschen Brise, ohne eine Spur seiner Existenz zu hinterlassen. " Wann genau hat das angefangen, das du mir nicht vertraust, mir Dinge verheimlichst, das Gefühl hast, du reichst mir nicht, so wie du bist? Mit deinem Unfall oder schon vorher? " Boris winkt eine Servicekraft herbei und bestellt zwei weitere Gläser Weißwein. In diesem einen Satz hatte er gerade das wahrscheinlich grundlegende Problem ihrer Beziehung zusammengefasst, mal abgesehen von den äußeren, zum Teil fatalen Widrigkeiten, die beide dann letztendlich aber doch gemeistert hatten. Da ist es wieder, dieses Gefühl des ausgeliefertseins, ungeschützt, nackt, welches Tobias bisher stets dazu veranlasste, den Rückzug anzutreten, auch noch, als sie bereits verheiratet waren. Doch jetzt muss er dem standhalten, Boris zuliebe, seiner großen Liebe, das hatte er ihm versprochen, und es dennoch oft nicht eingehalten.
" Eigentlich schon vorher, aber was hat das jetzt mit dem zu tun, was ich mir da geleistet habe. Boris, ich habe dir sehr, sehr weh getan und das ist mit Nichts zu entschuldigen! Und ich kann mich glücklich schätzen, das du überhaupt bereit bist, mit mir zu reden, hier mit mir an einem Tisch zu sitzen. Und jetzt, wo du weißt, das ich beinahe schon wieder soweit war ... Ich verstehe es, wenn du jetzt nichts mehr mit ... "
Luigi stört erneut ihr Gespräch, betrachtet skeptisch die halbgeleerten Teller mit der inzwischen erkalteten Speise und stellt zwei Weingläser ab. " Non hai fame oggi? Ihr Lieben, was is los. Tse, tse! " Er verschwindet wieder und Boris muss lachen, unerwartet, der Situation geschuldet, aber irgendwie auch befreiend. Der Wind frischt noch mehr auf und ihre Servietten suchen sich ihren Weg, unter den Nachbartischen hindurch bis in die Lorbeerhecke. Beide schauen ihnen hinterher und nun beginnt auch Tobias zu lachen. Sie nehmen ihr Glas, schauen sich an und prosten sich zu, verhalten und mit ernster Miene.

" Ich gebe nicht auf, noch nicht! Und ich erwarte von dir, das du auch etwas tust, um uns kämpfst und dich nicht frustriert dem nächstbesten an den Hals wirfst. Es wird keine weitere letzte Chance geben, es geht nur so, wenn überhaupt, das muss dir klar sein!!! " Boris wirkt entschlossen und man merkt ihm an, das er sich in vielen Gesprächen genau darüber klar geworden ist, wie sie es schaffen, auch die letzte kleine Chance noch nutzen könnten. Tobias hingegen ist überfordert, wieder einmal, hatte er sich doch so viel vorgenommen für diesen Abend, und nicht wirklich etwas davon umsetzen können. Dieses Chaos im Kopf, das sich in den letzten Tagen ein wenig gelichtet hatte, war wieder da! Hatte Boris jetzt ernsthaft darüber hinweg gesehen, das er um ein Haar wieder schwach geworden wäre, womit hat er diesen Mann nur verdient?? Aber genau dieses Ungleichgewicht gilt es zu überwinden, zumindest das spürt Tobias tief in seinem Innern.
Boris steht auf und geht ins Restaurant, vermutlich um die Rechnung zu begleichen. Tobias nimmt den Stapel Briefe an sich und geht schon mal vor zum Ausgang. Als sein Mann zurück kommt, stehen sich beide gegenüber, er gibt ihm die Briefe und sie schauen sich verlegen an. " Ich gehe noch vor zum Taxistand, sicher ist sicher. Das Auto hole ich morgen. " Tobias schaut ihm in die Augen, so einzigartig, vertrauensvoll, hellbraun, in denen man sich verlieren kann und es fühlt sich gerade verdammt gut an, warm und kribbelig, als hätte er sich neu verliebt. " Hast doch gar nicht viel getrunken, aber wenn du meinst. Seh'n wir uns bald wieder? " Tobias atmet tief ein und traut sich, ... traut sich, die Hand zu nehmen, die ausnahmsweise nicht sofort in der Hosentasche verschwunden ist, so warm und vertraut. Vorsichtig streichelt er sanft mit seinem Daumen über Boris' Handrücken, unsicher, ob sein Mann der zärtlichen Annäherung womöglich doch ausweicht oder gar sauer reagiert. " Weißt du, was wir machen, als nächstes? Wir kaufen uns ein neues Auto, Automatik, dann fährst du wieder! " Bei diesem Satz drückt Boris seine Hand, fest und immer noch entschlossen. Woher hat dieser Mann nur soviel Kraft, trotz der widrigsten Umstände zu ihm zu stehen, obwohl, Tobias ging es schon mal ähnlich, nach der ganzen Geschichte mit Boris Eltern. " Darf ich, darf ich dich umarmen? " Ohne die Antwort abzuwarten, macht Tobias, nimmt seinen Mann in den Arm und spürt, wie Boris seine Umarmung erwidert, seit Ewigkeiten, den andern spüren, ganz nah, sich gegenseitig Mut und Trost spenden und sich aufgehoben fühlen. Boris ist derjenige, der diesen innigen Moment schließlich auflöst und sich auf den Weg macht. Tobias schaut ihm noch eine Weile nach, bis auch er sich aufmacht. Sie haben nichts verabredet, aber das ist ab jetzt vielleicht nicht mehr nötig ...
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