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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
12 Reviews
 
29.06.2019 1.567
 
Sorry für's länger warten müssen. Wer hätte es gedacht, das hier geht mir nicht so leicht von der Hand. Vielleicht sollte ich mal ernsthaft in mich gehen, wie auch immer, ich hoffe, es gefällt euch. :-)



Tobias öffnet die erste, noch warme Flasche Bier und verstaut die restlichen fünf im Kühlschrank. Es ist mittlerweile früher Abend und sein Magen knurrt. Erst jetzt wird ihm bewusst, das er bisher noch nichts zu sich genommen hat, außer den zwei Kaffee heute Mittag. In dem Chaos, das in der Küche herrscht, ist auf den ersten Blick nichts Eßbares auszumachen. Aber im Brotkasten findet sich noch eine halbleere Tüte mit Vitalkeksen, die Tobias mit ins Wohnzimmer nimmt. Sie schmecken schon etwas muffig und sind jetzt auch nicht die ideale Beilage zum Bier, aber besser als nichts. Durch die offene Terrassentür strömt schwülwarme Luft herein und in der Ferne türmen sich erste Gewitterwolken auf. Die Nachbarn von unten scheinen eine Grillparty zu geben, der Duft von Grillkohle und Fleisch dringt in das Wohnzimmer und Tobias wird es noch flauer im Magen.
Und wie soll es jetzt weitergehen, die nächsten Tage oder Wochen, wie lange kann er noch hier bleiben? Obwohl das Studium schon verloren scheint und er deswegen eigentlich nicht in Hamburg bleiben müsste, vielleicht ein Neuanfang woanders, in Krauting bei seinen Eltern ...  eher nicht, aber wenn, dann ganz sicher wieder in Bayern. Ohne Boris macht das Alles keinen Sinn mehr! Der scheint sich endgültig entschieden zu haben, für eine Trennung, sonst hätte er sich doch zumindest gemeldet, Bescheid gegeben, wohin er abgereist ist. Tobias fährt sich mit seinem Unterarm über die verschwitzte Stirn. Mit seinem gelähmten Bein, der Gehhilfe auf der einen und der Bierflasche auf der anderen Seite ist er in seiner möglichen Bewegungsfreiheit bereits fast bei Null angelangt. Der Rollstuhl war nie eine Option, aber es gäbe einen  entscheidenden Vorteil, er hätte seine Arme wieder zur freien Verfügung. Mit Schiene und Krücke kann Tobias zwar gehen, aber sein Körpergefühl sagt ihm häufig genug, es ist mehr ein Daherhumpeln, mühsam, wenig aufrecht und weit entfernt von dem sportlichen, dynamischen jungen Mann früherer Zeiten, der nur noch in seinen Träumen exestiert. Er hat versucht, sich damit zu arrangieren, genauso wie Boris. Lukas hingegen hat ihn SO kennengelernt und es hat ihn nie gestört. Sie hatten einmal kurz über die Ursache gesprochen, danach war es kein Thema mehr. Und dieser gutaussehende Mann fühlt sich darüber hinaus von ihm angezogen, etwas, das seine Wirkung bei Tobias nicht verfehlt hatte. Er gibt ihm das Gefühl, ein vollwertiger Mann zu sein, der an Attraktivität nichts eingebüßt hat. Bei diesen Gedanken spürt Tobias ein quälendes Ziehen in der Brust, ist ihm doch klar, wie unfair so etwas Boris gegenüber ist. Er hat immer zu ihm gehalten, an ihn und ihre Liebe geglaubt und sich auf ein gemeinsames Leben gefreut. Trotzdem waren SIE da, in stillen Momenten zunächst nagend, später, nach dem ersten Mal, unüberhörbar und raumgreifend.

Tobias leert die Bierflasche und geht in die Küche, als der erste Blitz den Himmel durchquert, gefolgt von einem imposanten Donner. Die Grillparty wird jetzt wohl nach innen verlegt werden müssen. Was bleibt, ist sein Hunger ... und diese verdammte Leere. Soll er auch diesen Abend verbringen, wie die meisten anderen zuvor, sich mit reichlich Bier betäuben, um die Verzweiflung, die ihn innerlich zu zerreißen droht, nicht noch mehr spüren zu müssen. Und niemand ist greifbar, der ihn kennt, ihn mag, trotz allem zu ihm steht. Die befreundeten Studienkollegen sind immer für eine Party, einen feuchtfröhlichen Abend in einer Kneipe oder einem anderem geselligen Event zu haben. Aber mehr darf man von ihnen nicht erwarten. Ben und Sandra sind dann doch eher Boris zugeneigt und er will sie auf keinen Fall in irgendwelche Schwulitäten bringen. Paul fehlt ihm so wahnsinnig, aber der ist in Bichlheim bei Romy und das ist gut so.
Tobias zieht sein Handy aus der Hosentasche und wählt, zunächst zögerlich, eine Nummer. Unendliche Sekunden, in denen nichts passiert und Tobias gerade den Anruf beenden will, als dieser doch noch entgegen genommen wird.

" Hey, ich bin's. (...) Ja, ich weiß, war ne scheiß Situation. Hast du Zeit? (...) Okay, nein nicht hier! Wieder im Beerhouse, um neun? (...) Nein, der ist weg, erstmal, keine Ahnung. Wir reden gleich und hey, ich freu mich. "
Tobias legt sein Handy auf den Küchentisch, atmet tief ein und aus und wagt es nicht, sich zu bewegen. In seinem Kopf pulsiert es und ein leichtes Zittern ergreift Besitz von seinem Körper. Er hat es getan, hat sich entschieden, genauso wie Boris sich entschieden hat. Er wird sich mit Lukas treffen und ziemlich wahrscheinlich wird es erneut dazu kommen, sie werden Sex haben, endlich, und er wird es diesmal genießen, in vollen Zügen, ohne Handbremse und schlechtes Gewissen! Und wer weiß, vielleicht könnte ja doch mehr aus ihnen werden, irgendwann später. Tobias versucht mit einem energischen Kopfnicken, seine Entscheidung vor sich selbst zu bekräftigen und geht schließlich ins Bad, um zu duschen, sich frisch zu machen für seine Verabredung.

Das Gewitter, das eben noch Eppendorf fest im Griff hatte, ist weitergezogen. Der Hund wagt sich wieder unter dem Bett hervor, während Tobias vor seinem Teil des Schrankes steht und die gähnende Leere betrachtet. Die Hose von heute Mittag geht noch, aber das Hemd, bei dem schwülen Wetter jetzt ein absolutes no go. Tobias zieht aus der hintersten Ecke des Kleiderschranks das letzte Shirt hervor, sein Shirt, ... Lukas' Shirt! Er streift es sich über und sofort erreicht der fremde Duft seine Nase. Tobias durchströmt ein aufgeregtes, angenehmes, aber auch erregendes Kribbeln, so als würde er sich erlauben, etwas eigentlich Verbotenes zu tun. Etwas, was diesmal OHNE Konsequenzen bleiben würde, niemand, den er mit seinem Verhalten verletzen, den es jetzt noch interessieren würde. Kein Mann mehr an seiner Seite, der um ihn und um ihre Liebe kämpft. Mit einem Schütteln versucht Tobias, das Chaos in seinem Kopf in geordnete Bahnen zu lenken. Er will heute nicht allein sein, seinen Spaß haben und mal nicht nachdenken müssen, jetzt wo eh schon alles egal ist.
Tobias schließt die Terrassentür und macht sich auf die Suche nach Portemonet, Wohnungsschlüssel und Handy. In der Küche nimmt er letzteres an sich und wirft einen Blick auf das Display. Schlagartig ist sie wieder da, diese Anspannung, die ihn kaum atmen lässt. Boris hat eine Nachricht geschickt! Ausgerechnet jetzt, wo er los muss, um noch rechtzeitig bei Lukas zu sein. Für einen kurzen Moment überlegt er, sie zu ignorieren, jetzt einfach zu gehen und sich dem Neuen hinzugeben. Es ist bereits kurz nach neun und Lukas wartet sicher schon. Tobias setzt sich auf einen Stuhl, legt das Handy vor sich auf den Tisch und öffnet die Mitteilung.

* Hi. Ich bin für ein paar Tage bei Tina. Tut mir leid, das ich einfach weg bin, es ging nicht anders. Auch wenn ich nicht weiß, wie es mit uns weitergeht, du fehlst mir! Und ich liebe dich, immer noch. Keine Ahnung, ob das reichen wird, aber ich würde es gerne versuchen, mit dir zu reden, wenn ich zurück bin. *

Tobias liest den Text noch ein zweites, drittes und viertes Mal, ganz langsam, um auch jedes Wort aufzunehmen und auf sich wirken zu lassen. Seine Beine zittern, schon wieder, aber diesmal aus einem anderen Grund. Bei jedem Atemzug schmerzt es, seine Brust scheint zu beben und seine Kehle wird trocken. Die Mundwinkel zucken und seine Augen füllen sich mit Tränen, mehr und mehr, bis sie schließlich über seine Wangen laufen. Ein bisher unbekanntes Schluchzen gesellt sich dazu, ungefragt und überwältigend. Tobias stützt seinen Kopf mit einem Arm, die Stirn ruht auf der Handinnenfläche und er weint, unkontrolliert, hemmungslos. Das Schluchzen wird immer stärker, bis es schließlich aus ihm heraus schreit. All der Schmerz, die Frustration, die Lügen... sein Innerstes verschafft sich Platz, braucht wieder Raum zum Atmen. Was war bloß los mit ihm? Um ein Haar hätte er es endgültig beendet und NICHT Boris, hätte ihm den Scherbenhaufen vor die Füße geworfen, ohne selbst wirklich etwas dagegen unternommen zu haben, hätte vorzeitig aufgegeben, mutlos, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Oh ja, er liebt ihn auch, nur war dieses Gefühl verschüttet, irgendwo zwischen Selbstmitleid und Selbstbetrug! Nun ist es an ihm, endlich zu handeln und das Richtige zu tun.

Es klingelt an der Tür. Tobias wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und öffnet. Jeder Idiot würde jetzt sehen, das er total verheult aussieht. Draußen steht Lukas, dessen Grinsen sich beim Anblick von Tobias in eine überraschte Miene verwandelt.
" Du bist nicht gekommen, da dachte ich, ich guck mal, was los ist. " Tobias bleibt in der Tür stehen und schaut ihn verquollen, aber entschlossen an. " Sorry. Es war ein Fehler, das ich dich angerufen habe!! Ich werde mich nicht mit dir treffen, nicht heute und auch sonst nicht! Ich liebe meinen Mann, mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Ich weiß noch nicht, ob ich wieder zur Uni komme, aber wenn, dann werde ich dir künftig aus dem Weg gehen. Und du machst das auch! Vergiss, wo ich wohne und lösche meine Nummer. Mach's gut! " Er schließt die Tür, dreht sich um und lehnt sich zurück, mit einem zaghaften Lächeln auf dem Gesicht. Das fühlte sich wider Erwarten gut an! Es wird Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Dann geht Tobias in die Küche, zieht das Shirt aus und wirft es in den Mülleimer!
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