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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
24.06.2019 1.588
 
" Welcher Idiot mäht da Rasen, mitten in der Nacht??  Durch das gekippte Schlafzimmerfenster ist das dröhnende Geräusch eines Aufsitzmähers zu hören, der seit Stunden die kleine Rasenfläche hinter ihrem Haus bearbeitet und partout nicht fertig werden will! Ein Blick auf seinen Wecker verrät Tobias, das es bereits 12.23 Uhr ist und von einer Störung der Nachtruhe keine Rede sein kann. Er dreht sich wieder zur Bettmitte, nimmt Boris Kopfkissen, umarmt es und schließt die Augen. Der Kopf dröhnt und der Magen meldet sich mit einem ähnlich unangenehmen Gefühl. Im Wohnzimmer bellt der Hund, der seit gestern wieder Zuhause ist, wahrscheinlich animiert durch den durchdringenden Lärm eines Rasenkantenschneiders, der sich jetzt im Vorgarten zu schaffen macht. " Oh Mann, is ja gut, ich komm ja schon. " Mit gequälter Miene steigt Tobias umständlich aus dem Bett, geht durch das sonnendurchflutete Wohnzimmer in den angenehm dunklen Flur und tritt barfuß in etwas Feuchtes. Auf dem Laminatboden, direkt vor dem Bad befindet sich eine Pfütze, die verdächtig nach Urin riecht. " Verdammt!!! " Aus dem Bad holt sich Tobias eine Klopapierrolle und wischt das Malheur auf. Er hätte schon längst mit dem Hund eine Runde drehen müssen. Der gestrige Abend verlief ähnlich den der letzten Tage, laute Musik, zwei Fertigfrikadellen mit scharfem Senf und etliche Biere. Boris hat sich bisher nicht wieder gemeldet. Er hat ihm gestern zu später Stunde noch ein paar Nachrichten geschickt, die jedoch unbeantwortet blieben. Wahrscheinlich konnte Boris aus dem Wortwirrwarr, welches dem steigenden Alkoholpegel geschuldet war, nicht wirklich eine Botschaft erkennen.

Nach einer ausgiebigen Dusche und zwei starken Kaffee geht es Tobias ein wenig besser. Vom Fußboden im Schlafzimmer nimmt er ein weißes Hemd auf und prüft, ob es geruchstechnisch noch tragbar ist, befindet es für ausreichend und zieht es sich über. Der Schrank ist mittlerweile so gut wie leer, bis auf die Winterklamotten. Im Wohnzimmer schiebt Tobias einige Handtücher und ein paar Shirts beiseite und setzt sich auf die freigeworde Stelle der Couch, um seine Beinschiene anzulegen, ein notwendiges Übel, welches ihn mehr an seine Behinderung erinnert, als sein Bein an sich. Ohne weiter darüber nachzudenken, wie spät es sein könnte, schnappt er sich Hundeleine und Hund und verlässt die Wohnung.
Vor dem Hotel, in dem sein Mann arbeitet und derzeit auch wohnt, bleibt Tobias unschlüssig stehen. Wie wird Boris reagieren, wenn er jetzt spontan hier auftaucht und ihn um ein weiteres Gespräch bittet? Hat er überhaupt Zeit und was ist, wenn Boris ihn wieder rausschmeisst, so wie vorgestern aus ihrem Auto. Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, nocheinmal miteinander zu reden. Alles andere würde bedeuten, sie geben sich auf, ihre Beziehung, ihr gemeinsames Leben. Nachdem der Hund sich ausgiebig durch die Blumenrabatte vor dem Hotel gewühlt hat, nimmt Tobias all seinen Mut zusammen und betritt das Foyer. An der Rezeption steht ein, ihm unbekannter Herr mittleren Alters in Livree. " Entschuldigen sie, ich würde gern Boris Saalfeld sprechen ... in einer privaten Angelegenheit. " Der Portier schaut zuerst den Hund und dann Tobias freundlich lächelnd an.

" Das tut mir leid. Herr Saalfeld ist heute morgen abgereist! "

Nachdem Boris seinen Koffer bei der Gepäckausgabe endlich gefunden hat, betritt er die Halle des Reykjaviker Flughafens, wo bereits Tina mit Tom auf ihn wartet. Sie fallen sich sofort freudestrahlend in die Arme. " Ich bin so froh, dich zu sehen! Du hast mir gefehlt! " Tina küsst Boris auf die Wange und beide begeben sich in Richtung Ausgang, samt Buggy und Koffer.
" Ragnar konnte leider nicht mitkommen, aber du wirst ihn später kennenlernen. Sag mal, hast du keine Jacke dabei, es ist kühl. " Boris schaut etwas verwirrt zu Tina, die sich offensichtlich über sein Outfit amüsiert. In Hamburg hatten sie die letzten Tage meist Temperaturen um die 30 Grad, so daß er darüber nicht nachgedacht hatte. Tatsächlich ist es ziemlich frisch und sie beeilen sich, Tom, Buggy und Gepäck im Auto unterzubringen.
Schon kurz nach Fahrtbeginn schläft der Junge ein, so daß Boris und Tina ungestört sind. " Ich mein, ich weiß ja, was passiert ist. Aber warum wolltest du jetzt so plötzlich aus Hamburg weg? Versteh mich nicht falsch, ich freue mich sehr über deinen Besuch, aber es muss schon sehr heftig sein, wenn du dafür die Entfernung auf dich nimmst. " Schlagartig verfinstert sich Boris' Miene, eben noch voller Freude, verraten seine Augen nun, wie schlecht es ihm eigentlich geht. " Es war keine einmalige Geschichte, kein Ausrutscher, den ich ihm vielleicht irgendwann verzeihen könnte. Er hat mich bewußt belogen und betrogen, über einen längeren Zeitraum. Und er würde es wahrscheinlich immer noch tun, wenn ich nicht ... Tobi hat alles kaputt gemacht und diesmal endgültig. " Tina streicht ihm mit einer Hand aufmunternd über sein Bein. " Hey, du meinst, das ist nichts mehr zu machen? Bist du dir sicher? " Er zuckt mit den Schultern und schaut Tina an, verzweifelt, hilflos, ein Ertrinkender, der um Hilfe fleht. Boris braucht einen Rettungsanker, das ist eindeutig, und Tina ist bereit, ihrem Freund diesen Dienst zu erweisen. Den Rest der Fahrt schweigen beide ...

" Bitte was, wieso das denn! Und wann kommt er wieder? " Der Chefportier erklärt, das er Tobias darüber keine Auskünfte geben könnte, nickt dabei beschwichtigend und zeigt auf die Ausgangstür. Die unerwartete Mitteilung hat Tobias laut werden lassen, etwas, das hier nicht erwünscht ist. Er verlässt das Hotel wieder, geht die Straße ein Stück entlang und setzt sich auf eine Bank, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Der Lack ist abgeblättert und zahlreiche Pärchen haben sich mit ihren Initialen auf ihr verewigt. Boris ist weg! Keine Ahnung, wohin! Er entzieht sich ihm, keine Chance auf ein weiteres Gespräch, einfach nix! Ob berechtigt oder nicht, Tobias ist sauer. Ja, er hatte Mist gebaut, aber ER ist bereit, daran zu arbeiten, um ihre Beziehung zu retten, im Gegensatz zu seinem Mann, der wohl schon längst aufgegeben hat und sich jetzt feige davon macht. Ob all diese Leute, die hier etwas eingeritzt haben, auch schon wieder getrennt sind? Es gibt sie vielleicht doch nicht, die ewige, ganz große Liebe! Tobias erhebt sich und macht sich mit Hund auf den Heimweg, die Sonne knallt erbarmungslos und er muß auf dem Weg nach Hause noch dringend etwas zu trinken besorgen.

Boris und Tina setzen sich mit einem Glas Rotwein vor den Kaminofen, der auch im Sommer auf Island eine wohlige Atmosphäre verbreitet. Ragnar widmet sich in der Küche dem schmutzigen Geschirr und Tom liegt bereits im Bett. Alle vier haben zusammen zu Abend gegessen, sich gut unterhalten und viel gelacht, so daß Boris für einen Moment seine Sorgen vergessen konnte.
" Bei der ganzen Geschichte, was tut dir da eigentlich am meisten weh? " Boris ist erstaunt über diese Frage, nimmt einen Schluck Wein und denkt nach, denn so spontan kann er sie nicht beantworten. Es vergeht eine Weile , Ragnar kommt herein, verstaut ein paar Gläser im Schrank, gibt Tina einen Kuss, zwinkerte Boris zu und geht wieder. " Das er nicht mit mir gesprochen hat, nach dem ersten Mal. Das er mir nicht gesagt hat, was ihm fehlt, beim Sex und auch sonst. Ich hätte es vielleicht verstanden, hätte etwas ändern können, aber soo ... " Tina nimmt ihr Glas in die andere Hand und bietet die freie Boris an, der annimmt. Es tut gut, jemanden bei sich zu haben, der nicht nur mit Worten tröstet.

" Also, mal abgesehen von der Fremdgehsache, die ich normalerweise für unverzeihlich halte, redet ihr miteinander? Ich meine, so richtig, nicht über den Alltag, sondern über die Dinge, die euch bewegen? Über Tobis Behinderung, eure Ängste, wie du dich damit fühlst? Damals, nach eurer Versöhnung habt ihr relativ schnell geheiratet, seid dann sofort nach Hamburg gegangen, neuer Job, Studium. Habt ihr euch nochmal die Zeit genommen, über all das Geschehene zu reden, es zu verarbeiten? " Boris ist schon wieder verwundert über Tinas Fragen. Geht es hier nicht eigentlich um sexuelles Verlangen, welches der eigene Partner nicht befriedigen kann und man sich deswegen jemand anderen sucht, der es besser beherrscht? Tobias hat ja zugegeben, das er nicht auf der Suche nach einer neuen Liebe ist. Was hat das Ganze damit zu tun, das sie die vielen schlimmen Erlebnisse hinter sich lassen und  ihr Glück genießen wollten. Tina lässt nicht locker. " Seid ihr eigentlich noch in die Flitterwochen gefahren? Du hast nie was erzählt. " Nein, das waren sie nicht, dafür war bisher keine Zeit! Tobis Studium und seine Arbeit, die Einrichtung der Wohnung und die Verantwortung für den Hund ließen es bisher nicht zu! Hatte Boris nicht neulich erst das Gefühl, sie hätten sich in der letzten ein wenig verloren? " Sollte Tina Recht haben und dies war der Grund, aber deswegen geht man doch nicht fremd! " Weißt du was, wir gehen jetzt schlafen, im Gästezimmer ist schon alles hergerichtet, und du hast Zeit, über all das nachzudenken. Ich will Tobias Verhalten nicht verharmlosen, ganz sicher nicht, aber ich würde mir wünschen, das ihr nicht aufgebt. Ihr habt soviel durchgemacht, nur um eure Liebe leben zu dürfen! Das werft bitte nicht weg! " Boris nickt, gibt Tina einen Kuss auf ihren Handrücken, stellt sein Glas ab, geht ins Nebenzimmer und schließt betont langsam die Tür.



*Wer auf eine Annäherung gehofft hat, den muss ich heute leider enttäuschen. Ich musste nochmal einen Bogen schlagen, um dem Ziel ein Stückchen näher zu kommen! Und keine Sorge, Tobi mutiert jetzt nicht zum Ekel. Ich danke euch fürs fleissige Reviews schreiben und wünsche euch einen schönen Sommertag. (...seit heute wird ja wieder gedreht :-))*
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