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Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
22.06.2019 1.521
 
Zuviel und zu schnell ist sicher nicht immer gut, aber ich hatte diese Szene bereits im Kopf und sie musste zu Papier. Vielen lieben Dank für eure Rückmeldungen, die mich jedesmal motivieren und mir einige Anregungen mit auf den Weg geben. Ganz besonders möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die zweifeln und dennoch weiterlesen. Ihr seid einfach klasse :-)



Es hat angefangen, zu regnen. Die Scheibenwischer verursachen ein unangenehmes Geräusch und Boris konzentriert sich voll und ganz auf den nächtlichen Verkehr der Großstadt. Tobias sitzt auf dem Beifahrersitz und schaut zu seiner rechten aus dem Fenster. Die Leuchtreklamen, die Straßenlaternen, die beleuchteten Fenster, hinter denen glückliche Menschen gemeinsam ihren Abend verbringen, all die Lichter schwimmen wie in einem Rausch an ihnen vorbei. Aus dem Radio erklingt leise Musik. An der nächsten Ampel bremst Boris ein wenig zu spät und sie hätten um ein Haar dem Auto vor ihnen einen Besuch abgestattet. Der Regen nimmt an Fahrt auf und es prasselt derart laut auf das Autodach, das die Musik kaum noch zu hören ist. Beide reden kein Wort und Tobias beginnt, angespannt auf seinem Sitz hin und her zu rutschen. Er versucht sich vorzustellen, welchen Verlauf dieser Abend wohl noch nehmen würde. Ob Boris bereit wäre, mit in ihre gemeinsame Wohnung zu kommen. Sie könnten etwas essen und dabei reden, das nachholen, was am Nachmittag nicht zustande gekommen ist und vielleicht würde Boris sogar bleiben, über Nacht. Dann könnten sie den Hund morgen zusammen abholen und damit würde sich eine weitere Gelegenheit ergeben, Zeit miteinander zu verbringen. Das Boris ihn kurz berührt hat, das lässt hoffen, auf eine baldige Versöhnung, auch wenn es sicher noch Zeit brauchen würde, bis wieder ... ein merkwürdiges Gefühl kommt von ganz unten auf, das Tobias zunächst nicht einordnen kann, so ein ungutes nervöses Kribbeln, gleich einer Vorahnung, die nichts angenehmes verheißt.

Als sie an ihrem Eppendorfer Appartementhaus ankommen, schaut Tobias erwartungsvoll zu Boris hinüber. Wenn er jetzt links einbiegt in die Einfahrt zur Tiefgarage, dann wäre das ein Zeichen, ein Zeichen dafür, das Boris heute Abend auch nicht allein sein möchte. Doch seine Hoffnung zerstreut sich nur wenige Sekunden später. Boris fährt daran vorbei und hält stattdessen auf der rechten Seite der Straße, direkt vor dem kleinen Friedhof einer Kirchengemeinde. Um diese Zeit ist hier alles frei, so daß ihr Auto genau gegenüber vom Hauseingang zum stehen kommt. Die letzte Chance, Boris zu fragen, ob er mit hoch kommen möchte, doch Tobias schweigt. So sitzen sie eine Weile nebeneinander, unschlüssig, gedankenverloren, als Boris schließlich den laufenden Motor abstellt. Es ist still, nur der Regen ist zu hören und Tobias wagt es kaum, zu atmen.

" Hast du an IHN gedacht, wenn wir miteinander geschlafen haben? "
Eine Frage, die wie ein Damoklesschwert im luftleeren Raum steht, plötzlich und unerwartet! Boris schaut Tobias nicht an, nur seine Hände, die nervös mit dem Autoschlüssel spielen, verraten seine Anspannung. Eigentlich war ja klar, das sie auch darüber noch einmal würden reden müssen und dennoch erschrickt Tobias regelrecht, ein Ausweichen ist unmöglich, nun muss er Farbe bekennen, sich erklären! Alternativ könnte er jetzt einfach aussteigen, das Gespräch auf später verschieben, doch irgendetwas sagt ihm, das die Chance auf eine ehrliche Annäherung damit vertan wäre, für immer. Und die Zeit scheint vorbei, wo er mit Kalkül antworten könnte, um ihre Beziehung nicht noch mehr zu belasten.

" Ja, ... ein- zweimal habe ich mir vorgestellt, ER fasst mich an, um in Stimmung zu kommen! "
Boris schlägt mit der flachen Hand aufs Lenkrad! Ist das nicht der eigentliche Betrug, den Partner zu benutzen, um sein Kopfkino, in dem er KEINE Rolle spielt, in die Realität umzusetzen.

" Los, komm! Was habt ihr getrieben, bei uns Zuhause? Erzähl schon, hast du ihm einen geblasen? Bist du nicht zum Zuge gekommen? Es hat dir ja augenscheinlich nicht gereicht, wenn du diesen Typen mit zu uns ins Bett nimmst!!! "
Boris Stimme überschlägt sich, mit einem aggressiven Unterton und einer Spur Verzweiflung. Es gibt kein Zurück mehr, Tobias muss darauf antworten, auch wenn diese Art des Gespräches unangenehm, würdelos und vor allem unüblich für sie beide ist.

" Nein, er hat mir ... , ich habe ihn nicht angefasst! Er wollte dann noch mehr, aber ich nicht. " Tobias macht eine Pause und schaut dabei aus dem Seitenfenster auf die verwitterte Friedhofsmauer. " Nicht bei uns Zuhause! Wenn wir woanders ... dann, dann wär wohl noch mehr passiert. Und das hab ich nicht mehr aus meinem Kopf gekriegt. Ich hab's mir vorgestellt, immer wieder, auch um wieder zu können, du weißt schon ... und an dem Abend, da war es dann soweit, da wollte ich es auch! "

Boris stützt sich mit durchgestreckten Armen am Lenkrad ab, den Kopf gesenkt atmet er hörbar ein und aus. Das schwarze Loch, das sich unter ihnen auftut, wird größer und droht, sie beide zu verschlingen, hier auf der Stelle.
" Du bist so ein verdammtes Arschloch! " Tobias erschrickt aufs Neue über diese wortgewaltige, ungewohnte Ansprache. In der Dunkelheit ist Boris Gesicht nicht wirklich zu erkennen, aber er kann es sich vorstellen. Zumindest muss er ihm in diesem Moment nicht in die Augen schauen, das macht es erträglicher, auch weil der andere ebensowenig erkennen kann.

" Machst mit nem Andern rum, während ich das Geld für uns verdiene, belügst mich, eiskalt, selbst beim Sex! Und damit nicht genug, NEIN, du wartest auch noch auf nen Nachschlag, ne heiße Nummer in unserem Flur. Da darf ich dann wohl froh sein, das ihr es noch in unsere Wohnung geschafft habt und nicht schon im Treppenhaus ... das ist so erbärmlich!! Ich begreif es einfach nicht ... was ist passiert?? Wann hast du angefangen, auf andere Typen zu stehen? Mann, WIR HABEN GEHEIRATET, ich frage mich allen Ernstes, bedeutet dir das überhaupt noch was??!! "

Boris hat sich mittlerweile zu Tobias umgedreht, sich über die Mittelkonsole zu ihm vorgebeugt und schreit ihm die letzten Sätze mit ungebremster Wucht entgegen. Am liebsten würde Tobias jetzt aussteigen und Boris ziehen lassen, so wie er es eigentlich immer getan hatte, wenn es schwierig wurde. Eine direkte Konfrontation, eine Diskussion bis zum bitteren Ende, dem war er bisher gerne aus dem Weg gegangen, führte dies doch zumeist zu nichts. Doch diesmal ist die Voraussetzung eine andere, er möchte an ihrer Beziehung festhalten, Boris nicht verlieren! Dazu muss er sich den Vorwürfen stellen, es ertragen, das Boris seine Abneigung zum Ausdruck bringt, seine Wut rausschreit. Und er muss seinem Blick standhalten können. Tobias dreht seinen Kopf zur Seite und sieht Boris direkt in die Augen, die jetzt aufgrund der kurzen Distanz gut zu erkennen sind. Was er in ihnen liest, macht Angst, aber seine Gefühle spielen erstmal keine Rolle, wenn sich Boris ernst genommen fühlen soll.
" Es bedeutet mir was, mehr, als du dir jetzt vorstellen kannst. Lukas war der Erste und bisher Einzige! Und ich habe nicht vor, so etwas noch einmal zu wiederholen. Es ist wahrscheinlich viel zu früh, aber ich wünsche mir, das wir auch das hier schaffen. Ich tue alles, was du willst, du brauchst es nur zu sagen. " Tobias spricht leise und besonnen, darauf bedacht, seine eigene innere Zerrissenheit nicht durchklingen zu lassen. Im Grunde weiß er bis heute nicht wirklich, warum Lukas eine derartige Faszination auf ihn ausgeübt, warum ihn seine sehr direkte  Art angemacht hat. Getroffen hat er ihn nicht mehr, aber das war nicht sonderlich schwer, wenn man nicht zur Uni geht. Auch da gab es noch etwas zu klären, endgültig!

Boris lässt sich erschöpft und energielos in den Autositz fallen und schaut wieder nach vorne auf die zahlreichen Pfützen, die sich mittlerweile am Straßenrand gebildet haben. Nicht nur er ist überfordert, die Hamburger Kanalisation auch. Eigentlich hatte er sich ursprünglich vorgenommen, ganz in Ruhe mit Tobias zu reden, ihn nach den Gründen für sein Fremdgehen zu fragen, um herauszufinden, ob es an ihm liegt, ob Tobias vielleicht etwas fehlt in ihrer Beziehung. Doch irgendwie kommt ihm das jetzt vor wie eine Selbstgeisselung. Tobias hat sein Vertrauen auf's Übelste mißbraucht! Die Zuneigung, die er noch gestern und auch vorhin, im Wartebereich der Klinik, gespürt hatte, ist verflogen. Boris empfindet , gerade in diesem Moment, nichts als Wut und Ekel.
" Bitte steig aus! Ich kann nicht mehr. Den Hund musst du morgen alleine abholen. Ich dachte, ich komm damit klar, aber ... steig jetzt aus, bitte! " Ohne ein weiteres Wort öffnet Tobias die Autotür, steigt mit einiger Mühe aus und wirft diese wieder zu. Dann geht er vor ihrem Auto über die Straße und verschwindet im Hauseingang. Boris schaut ihm hinterher, doch Tobias dreht sich nicht mehr um. Den linken Arm aufgestützt, verbirgt er seinen Kopf in seiner Hand und hört auf zu kämpfen, ... mit den Tränen, die seine Sicht verschwommen und ein Weiterfahren erstmal unmöglich machen.

Oben angekommen, geht Tobias zum Fenster, ohne ein Licht anzumachen. Er sieht dort unten ihr Auto stehen, im prasselnden Regen, in dem schemenhaft sein Mann zu erkennen ist. Die dunklen Scheinwerfer verraten , das Boris den Motor nicht angelassen hat. Tobias ahnt warum und bleibt solange am Fenster stehen, bis das Auto sich schließlich doch in Bewegung setzt und aus seiner Sicht entschwindet.
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