Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Stolpersteine

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
09.06.2019
23.08.2019
28
46.251
30
Alle Kapitel
275 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
21.06.2019 1.276
 
Die letzten drei Worte flüstert Tobias, kaum hörbar, ohne aufzuschauen. Das Zittern seiner Hand hat das Blatt deutlich hörbar hin und her flattern lassen, so daß es verwunderlich ist, das er überhaupt in der Lage war, zuende zu lesen. Sie stehen sich gegenüber, so nah, das Tobias meint, Boris Wärme und seine Blicke auf seinem Gesicht zu spüren. Den Kopf nach wie vor gesenkt, lässt er den Arm mit dem Brief in seiner Hand langsam nach unten sinken. Er schließt seine Augen und versucht auf diese Weise, die Situation überstehbar zu machen, vor allem, weil Boris bisher kein Wort gesagt hat. Noch nie in seinem Leben hat sich Tobias dermaßen nackt gefühlt, restlos ausgeliefert, ohne die Möglichkeit, sich mit einem lustigen Spruch oder einer wohlwollenden Geste der momentanen Stimmung zu entziehen. Er verharrt in seiner Haltung und hofft darauf, das Boris ihn erlöst, mit einem Wort oder einer Berührung. Es vergehen Minuten, oder vielleicht Stunden ...

Boris greift zu dem Blatt in Tobias' Hand, nimmt es an sich und wirft einen Blick darauf, so als wolle er sich des Geschriebenen vergewissern. Endlich wagt Tobias, seinen Mann anzuschauen.
" Boris, es tut mir so leid. Bitte ... ich wollte dich nicht noch einmal belügen, deshalb habe ich geschrieben, wie es war! " Boris lässt den Brief zu Boden fallen und geht zur Couch, um sich zu setzen, mit leerem Blick und hängenden Armen.
Okay, Tobias hat sich augenscheinlich nicht neu verliebt, aber er wollte Sex, mit jemand anderem, und das nicht nur einmal!
Er schaut kurz auf und blickt auf Tobias' Rücken, der es bisher nicht gewagt hat, sich umzudrehen. Da steht er, den Kopf abgewendet, sich auf seine Krücke stützend, als wäre dies derzeit der einzige Halt in seinem Leben, die Haare ungebändigt, in Shirt und Jogginghose. Erst jetzt fällt Boris auf, welchen ungepflegten Eindruck Tobias macht. Die Wohnung sieht nicht viel besser aus. Überall liegen getragene Klamotten herum, der Couchtisch ist übersät mit Müll und leeren Bierflaschen, auf dem Fußboden der Inhalt einer Chipstüte, achtlos durch wiederholtes Darüberlaufen unwiderruflich mit dem Teppich verbunden. Boris steht auf, macht einen ausladenden Schritt über den Krümelhäufen und geht zur geöffneten Terrassentür.
" Sag mal, hast du die Blumen nicht gegossen?! " Boris hört sich diese Frage stellen und zweifelt gleichzeitig an seinem Verstand. Wen interessieren jetzt die Balkonblumen oder der herumliegende Müll?!
Tobias antwortet nicht, geht stattdessen auf ihn zu und bleibt neben ihm stehen. Beide schauen über ihre Terrasse in den sternenklaren Nachthimmel. In guten Zeiten hätte Tobias seine Hand gehalten, sie hätten sich liebevoll angelächelt und dann geküsst. Jetzt bleiben beide einfach nur stehen, ohne sich anzusehen, ohne sich zu berühren. " Du hast das ernst gemeint, mit dem Reden!? " Tobias huscht ein Lächeln über das Gesicht. Sollte Boris doch bereit sein, einen Schritt auf ihn zuzugehen, obwohl er es , objektiv gesehen, nicht verdient hatte. " Ja!! " Boris schaut seinen Mann von der Seite an, kann aber keinerlei Regung erkennen. Sein Verstand sagt ihm gerade, lass es sein und verlasse diesen Ort, so schnell wie möglich. Doch in diesem Moment ist das Gefühl stärker. Er ist ihm so nah, greifbar, die Versuchung, ihn zu berühren, impulsiv und machtvoll, droht Boris zu überwältigen. Doch er weiß sich zu beherrschen, wie so oft in seinem Leben. " Okay, morgen. Ich habe um 18 Uhr Feierabend. Wir könnten zur Binnenalster gehen. Hol mich ab, du weißt ja wo! " Dann dreht er sich um und verlässt die Wohnung, genau so ernst und grußlos, wie er gekommen ist.

Am nächsten Tag ...

" Herr Petersen, hat jemand nach mir gefragt? " Boris wartet seit 20 Minuten in der Hotel-Lobby darauf, abgeholt zu werden, doch Tobias ist bisher nicht erschienen, kein Anruf, keine Nachricht. Der Chefportier verneint und Boris geht nach draußen, um zu schauen, ob sein Mann in Sichtweite ist. Könnte es möglich sein, das er nun doch nicht an einem Gespräch interessiert ist? Hat er womöglich diesen Studienfreund wiedergetroffen und der hat Tobias jetzt endgültig von sich überzeugt, mit etwas, das er augenscheinlich besser kann als andere. Warum sonst meldet er sich nicht!! Tief enttäuscht, aber auch verärgert, geht Boris zurück ins Hotel, zurück auf sein Zimmer. Dort setzt er sich auf die Bettkante, legt sein Handy neben sich ab und fährt sich mit beiden Händen über Gesicht und Haare. Das bedeutet jetzt wohl das endgültige Aus! Tobias hat sich DOCH dagegen entschieden, gegen eine Aussprache, gegen ihre Ehe, gegen ihre Liebe. Gestern hatte er noch eine wage Hoffnung, das sie das wieder hinkriegen könnten, doch jetzt ... das Handy meldet sich und Boris nimmt den Anruf entgegen.

" Was ist los? Wieso bist du in der Tierklinik? Beruhig dich, wo ist das denn? Fuhlsbüttel, okay, in ungefähr einer halben Stunde bin ich da! "

Als Boris den Vorraum der Tierklinik betritt, sieht er Tobias an der Seite auf einem der Stühle sitzen, die den wartenden Kleintierbesitzern zur Verfügung stehen. " Da bin ich. Was ist passiert? " Tobias berichtet ihm mit bebender Stimme, das der Hund sich am Nachmittag mehrfach erbrochen und dann apathisch liegen geblieben sei. " Ich hab mir ein Taxi gerufen und bin mit ihr hierher gefahren. Die meinten, sie hätte irgendetwas verschluckt und jetzt wird sie operiert. " Boris setzt sich ebenfalls und betrachtet seinen Mann, der blass, aber verdammt gut aussehend, einen vorsichtigen Blick zurück wirft, der Bart getrimmt, die Haare gestylt, im schwarzen Hemd zur dunklen Jeans. " Du hattest doch vor, mich abzuholen? " Tobias nickt und lächelt dabei, zurückhaltend, beinahe ängstlich. Beide schauen zur Tür, hinter der gerade über das weitere Schicksal ihres Hundes entschieden wird. Ihn hatten sie ganz spontan aus Bichlheim mit nach Hamburg genommen, ein herrenloses Wesen, für das sie die Verantwortung übernehmen wollten, ihr gemeinsamer Neuanfang sozusagen! " Wie lange wird das dauern? " Tobias zuckt mit den Schultern, lehnt sich zurück, wirft einen kurzen Blick hilfesuchend an die Decke und seufzt. Die Gehhilfe liegt zu seiner Rechten und seine Hände liegen mit der Handfläche nach unten auf seinen Oberschenkeln. Er wirkt äußerst angespannt und unruhig, sein rechtes Bein ist angewinkelt und bewegt sich tremorartig auf und ab.

" Mach dir keine Sorgen, sie schafft das!!! " Fast reflexartig legt Boris eine Hand auf die von Tobias, um sie gleich darauf erschrocken wieder zurück zu ziehen, eine vertrauliche, aber ihrem Beziehungsstatus entsprechend unangebrachte Geste. Tobias soll nicht denken, ihre gemeinsame Sorge sei ein Wegbereiter hinsichtlich einer möglichen Versöhnung. Der hat die Augen geschlossen, seit der flüchtigen Berührung. Er fühlt nach und stellt sich vor, wie tröstlich es wäre, wenn sie jetzt Hand in Hand hier abwarten würden. Aber das ist wohl zuviel erwartet,  bedeutet es doch, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Die besagte Tür öffnet sich und eine Frau, komplett in weiß gekleidet, kommt heraus. " Für Uschi, sind sie das? " Beide nicken und Boris erhebt sich vom Stuhl. " Es geht ihr soweit ganz gut, wir haben Teile eines Spielzeuges aus ihrem Magen geholt. Sie sollte über Nacht zur Beobachtung bei uns bleiben. Morgen früh so gegen 10 Uhr können sie sie dann wieder abholen, vorausgesetzt, es gibt keine weiteren Komplikationen. " Die Frau reicht beiden die Hand zum Abschied und geht wieder hinein. Tobias steht auf und sie verlassen die Klinik.
Vor dem Eingang stehen sich die Beiden gegenüber und schauen sich an. Eigentlich wäre jetzt nur noch zu klären, wer morgen die Abholung übernehmen kann " Komm, steig ein, ich bringe dich zuhause rum. " Mit einer wohlwollenden Geste deutet Boris auf ihr Auto, das direkt vor ihnen steht und Tobias zögert keine Sekunde. Vielleicht ist dies ja DIE Gelegenheit, heute doch noch miteinander zu reden.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast