Nothing stays forever

OneshotAngst, Tragödie / P16 Slash
Lawless / Hyde Licht Jekylland Todoroki
08.06.2019
08.06.2019
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Erinnerungen.
Oh, wie zerbrechlich, mochten sie noch so sehr funkeln in dein Angesicht, zersprangen sie doch am Boden wie Glas und ließen nur Scherben zurück, die im Licht der Sonne schillern würden wie tausende Diamanten. Doch waren diese Scherben nur mehr eine Verbindung zu der Vergangenheit, bittersüße Schmerzen wenn sie sich in Haut und Fleisch trieben. Und mit zerbrochenem Herzen strebest du oh so sehr nach Vollständigkeit, dass du diese Scherben willkommen heißt, füllen sie doch die gähnend klaffende Leere in deinem Herzen wenigstens einen Herzschlag lang. Doch um so tiefer sich die Scherben in dich graben, um so schrecklicher wird dies Biest, welches wir Schmerzen nennen, welches in dir wütet und mit Klauen an deinem Inneren reißt. Und in deiner Pein willst du sie loslassen all diese Scherben, scheint diese Leere in deinem Herzen doch so viel erträglicher, nun wo du die Alternative kennst - Doch hat das Biest schon Blut geleckt, du schon von seinem Gift getrunken - Und so scheint es dir zwar, als würden die Scherben sich lösen und vor dir zu Boden fallen, doch verbleiben oh so feine Splitter des Glases noch immer in deinem Herzen, kaum zu spüren und in der Verlockung so leicht vergessen - Doch eine falsche Bewegung und die Schmerzen sind wieder so stark wie zuvor.

Ein Seufzen. Fein quoll sein Atem wie Nebel weiß an die kalte Luft.  Es tat so gut, den Wind wie eine Begrüßung kühl um seine Beine streichen zu spüren. In dem Zimmer hatte er sich eingesperrt gefühlt, wie ein Tier in einem Käfig, die besorgten Blicke seiner Geschwister hatten wie die Blicke gaffender Zoobesucher auf seiner Haut gebrannt. Und die Stimmen, all diese Stimmen, sie waren so laut und durcheinander, ergaben keinen Sinn in einem Durcheinander, japanische Wörter deren Bedeutung er plötzlich nicht mehr kannte. Er hob eine Hand vor seine Augen und betrachtete die Schmuckstücke, die diese zierten - Gold, Silber, jedes einzelne Stück teuer und trächtig an feinster Schmiedekunst.  Für andere nur Schmuck, wenn auch von hohem Wert, doch für Lawless erzählte jedes einzelne Stück eine ganz eigene Geschichte. Die Geschichte eines Menschenlebens, welches ein Ende gefunden hatte, nachdem Lawless den Vorhang fallen gelassen hatte. Eliza, Horatio, Kanna, Sayoko, Mei, Edmund, Mira, Iris... All diese Menschen hatte Lawless getötet, ihres Lebens beraubt, doch empfand er keine Emphathie für die Verstorbenen. Froh sein sollten sie, dankbar, dass Lawless ihnen einen schnellen Ausweg beschert hatte aus dieser grausamen Welt. Denn was hatte diese Welt schon zu bieten außer der nach einem Herzschlag bereits wieder verflogenen Freude, nach der all die Menschen so sehnlich zu streben schienen? Egal, mit welcher Erwartung man durch diese Welt wanderte, erwarteten einen doch nur Enttäuschungen und Trauer, die bereits auf dich lauerten, bereit dich in die Schwärze des Abgrundes zu zerren. Für Lawless gab es einen solchen Ausweg nicht, war es doch nur seine körperliche Form, die der eines Menschens glich. Ein Wesen Gottes, hatte Sensei ihm immer gesagt, ein perfektes Wesen, welches sich den Gesetzen der Welt entzogen hatte und nun dem frei war, in einem nach eigenen Fantasien gestaltetem Leben zu leben ohne sich vor Konsequenzen fürchten zu müssen. Lawless. Gesetzlos. Und wahrlich, er hatte all die Freiheit, zu tun was er wollte, zu stehlen, zu morden, alles an sich zu reißen nachdem es ihm je verlangt hatte, ganz wie es zu der Sünde der Habgier passte. Doch welchen Reiz hatte all dies schon, wenn er doch genau wusste, dass es doch ohnehin dahinschmelzen würde wie Schnee in der aufgehenden Sonne, wenn der Frühling anbrach?  Nichts war von Dauer. Gefühle vergingen, Erinnerungen verflogen. Menschen starben. Die ersten Male hatte es geschmerzt, sein Herz zerschlagen und in Scherben zurückgelassen. Lebhaft erinnerte er sich an seine ersten Eves, an die Aufregung die ihn gepackt hatte als er von Eves gehört hatte - Er hatte lange gewartet, hatte seine Schwester ihm doch immer wieder eingebläut dass er auf den richtigen Menschen warten müsste, würde er doch viele Jahre an der Seite seines Eves verbringen. Es war nicht bis sein zu der Zeit jüngster Bruder, World End, seinen ersten Eve gefunden hatte, dass auch Lawless einen Vertrag schloss, hatten sich die beiden doch versprochen auf einander zu warten.

Martha, sein erster Eve, ein wunderschönes Mädchen mit langen, braunen Haaren, die in sanften Locken über ihre Schultern fielen, mit so wunderschönen, grünen Augen und Sommersprossen, die die helle Haut zierten. Ihre Gestalt war klein und zierlich, was sich auch mit den Jahren nicht ändern würde. Sie hatten einen Vertrag geschlossen als sie 6 Jahre alt war, so klein und wunderbar und Lawless´ größter Schatz. Und als er sie in den Armen hielt schwor er ihr, sie für immer und ewig zu beschützen. Ihr Geschenk an ihn, eine Strohpuppe, war ihm selbst über die Zeit sehr ans Herz gewachsen, ein Fakt wofür World End ihn noch Jahre später auslachen würde. Es war nie ernst. Spaß, nichts als Spaß wenn er sich mit seinem jüngeren Bruder durchs Gras rollte unter dem begeisterten Glucksen ihrer beiden Eves als diese Wetten auf ihre Servamps abschlossen und leise jammerten wenn sie verloren und ihrem Geschwisterchen den Einsatz aushändigten - Süßes Brot oder ein neues Spielzeug war es oft. In den Nächten würden er und World End neben den Betten ihrer Eves sitzen und leise mit einander reden, drauf bedacht nicht die Kinder zu wecken, an den Tagen würden sie in Tiergestalt neben ihren spielenden Eves hinterher trotten oder in den an das Dorf angrenzenden Wäldern auf sie warten. Einmal haben sie die beiden mit zu Sensei gebracht, ihre Eves voller Begeisterung ihrem Vater vorgestellt, welcher nur sanft lächelte und ihnen einen Tee kochte, ihnen Geschichten erzählte während sie sich unter die Decken kuschelten und zusammen aßen. Martha hatte es immer sehr bei Sensei gefallen, hatte sich oft zu dem lesenden Mann gesellt und ihn gebeten, ihr vorzulesen, oder ihr etwas zu erklären. Martha war sehr wissbegierig, sog jeden Tropfen von Wissen gierig in sich auf. Sie schrieb viel. Sie hatte es von Sensei gelernt. Gedichte, Geschichten, nie scheiterte sie daran Lawless zu begeistern und mit Stolz zu erfüllen. Es dauerte nicht lange, bis Martha und ihr Bruder feste Bestandteile seiner Familie geworden waren. ,,Du hast Geschwister, richtig?", hatte sie eines Tages gefragt, ,,Abgesehen von World End?" Und er stellte sie seinen Geschwistern vor. Insbesondere seine Schwester schloss sie ins Herz und immer, wenn sie sie besuchten, oder sie zu Besuch kam, waren die beiden unzertrennlich. Sie würde auf The Mothers Schoß sitzen und mit ihr gemeinsam ein Buch lesen, an der Seite des schwarzen Wolfes schlafen, während The Mothers Eve zusah, lächelnd. Es waren glückliche Zeiten, an die Lawless noch immer gerne voller Nostalgie zurückdachte, doch wie das Schicksal oft genug bewiesen hatte, musste auch diese Zeit vergehen.

Es war Marthas einundzwanzigster Geburtstag, das junge Mädchen hatte sich schon oh so lange darauf gefreut, als die Männer kamen. Sie nahmen sie mit. Sie nahmen sie mit und sie konnten nichts dagegen tun, hielt das Sonnenlicht sie doch in tierischer Gestalt gefangen, hilflos als sein Mädchen nach Hilfe schrie als man sie zu den Flammen zerrte. In absolutem Schock beobachtete er, wie die Flammen gierig wie ausgehungerte Tiere an ihren Beinen leckten und bissen und sie bei lebendigem Leibe verschlangen. Die Schreie hallten noch lange in seinen Ohren nach, es war nahezu wie ein Fluch. Er hatte lange Zeit nicht verstanden, was an diesem Tag geschehen war, seine Gedanken taub vom Schock als er mit unwissendem und verängstigten Blick in die roten Augen seiner großen Schwester blickte. ,,Sie dachten, sie wäre eine Hexe." Brachte sie leise hervor, die Stimme ruhig wie immer aber doch so voller Trauer als sie ihren jüngeren Bruder in die Arme schloss. Nach dem Tod seiner Schwester hatte auch World Ends Eve das Leben nicht mehr lange ertragen. Der Servamp der Völlerei fand ihn, in einer Lache von Blut, in seinem Zimmer, die Hand fest ein kleines Messer umklammernd. World End hatte es ihm geschenkt. Die beiden schworen sich, nie wieder einen Eve zu haben, zu groß war die Angst vor den Schmerzen.

Und oh, so viele Jahre hatte er sich an diesen Schwur gehalten, hatte jegliche soziale Kontakte mit Menschen vermieden, doch man konnte nicht ewig auskommen ohne diese sozialen Kontakte, oft war es nur eine Frage von Tagen bis die Einsamkeit einen in den Wahnsinn trieb und einen zumindestens für einen Moment lang als die Schmerzen vergaß in blinder Hoffnung, dieses bedrückende Gefühl des Alleinseins zu vertreiben. Und so brach er ihren Schwur und schloss einen weiteren Vertrag, in einem Versuch sich endlich wieder ganz zu fühlen, der Trauer die aus Marthas Tod gekeimt war zu entkommen bevor sie ihn gänzlich verschlingen würde. ,,Wie konntest du nur?!" Hatte sein jüngerer Bruder ihn blindem Zorn angeschrien, war er doch selbst nicht Herr seiner Emotionen. ,,Hast du Martha etwa schon wieder vergessen, Nii-San?!" Er konnte noch immer den Schlag ins Gesicht spüren, den World End ihm verpasst hatte, konnte sich noch immer genau den Gesichtsausdruck seines Bruders vor Augen rufen den er damals zeigte - Wut. Schmerz. Trauer. Er würde nie vergessen können, wie verraten er ausgesehen hatte, der Atem schnell in seiner Aufregung und der Geruch von Schweiß in der Luft, wie die Tränen in den roten Augen geschimmert hatten.  Nach dem Schlag war er davon gestürmt, als er sich gerade von seinem älteren Bruder abwandte konnte dieser noch Tränen über die beinahe weiße Haut rinnen und auf den Boden tropfen sehen, das Salz der Tränen riechen. Er wollte hinterher laufen, seinen Bruder in die Arme schließen und sich entschuldigen, war World End doch mit Sensei die wichtigste Person seines Lebens, doch hielt seine große Schwester ihn auf, die Stimme sanft doch ohne Widerspruch zu erlauben. ,,Lass ihn gehen," hatte sie ihm geraten, ,,Er wird es irgendwann verstehen. Du hast nichts falsch gemacht." Doch war das wirklich wahr? Im Nachhinein bereute er es, denn hatte er den Schmerz den er damals schon so zu fürchten gelernt hatte noch so oft erfahren müssen. Es war normal, dass Menschen starben. Jedes Wesen musste irgendwann sterben, jedes mit Ausnahme von ihm und seinen Geschwistern, unsterblichen Monstern die jedem Gesetz der Wissenschaft, jeder menschlichen Logik, widersprachen. Und so musste er viel zu früh lernen, wie leicht es doch war, einen Menschen aus  dem Leben zu reißen. Erst Martha, dann Caesar, Riza, Ann... Es waren schmerzhafte Erinnerungen, doch war jede einzelne noch so unglaublich klar. Wenn er die Augen schloss und an sie dachte sah er die Bilder von damals noch so vibrant vor seinen Augen als wären sie echt und nicht nur Erinnerungen längst vergangener Zeiten.

Doch waren dies nicht alle seiner Eves, war eine Erinnerung doch so viel lebhafter als alle anderen. Wunderschöne, lange, blonde Haare, die in einem Pferdeschwanz getragen und vom Wind etwas zerzaust waren , grüne Augen die ihn in all ihrer jugendlichen Kuriosität anblinzelten. Ihre Haut war weiß und so glatt und makellos wie Porzellan und mit ihrer zierlichen Statur erinnerte sie ihn tatsächlich mehr als häufig an eine Puppe. Ihr sanfter Geruch nach Blumen, der für Lawless immer warme, sommerliche Gefühle brachte, der süße Geschmack ihres Blutes. Ophelia. Seine geliebte Ophelia. Eine Prinzessin aus einem Königreich fern ab von Japan. Sie hatte Lawless gerettet als er von den Geheiligten des Königreiches als Monster deklariert, gefangen und hilflos im Sonnenlicht gefesselt wurde, fürchtete sich anders als die anderen nicht vor diesem fremdartigen Wesen welches da trotz seiner Bedrohlichkeit nun so hilflos vor ihr hing. Damals war sie noch ein kleines Mädchen gewesen. Er blieb oh so lange an ihrer Seite, sah dabei zu wie sie aufwuchs und war ihr, zumindestens hoffte er es, ein guter Freund und Begleiter. Selbst als sie den Prinzen des Nachbarkönigreiches heiratete, der Liebe des Servamps zu ihr gänzlich unbewusst, blieb Lawless an ihrer Seite, lächelte trotz seines Herzschmerzes für sie, für seine Sonne. Sie im Bett neben diesem Mann liegen zu sehen, neben diesem Fremden, der ihm die Liebe seines Lebens gestohlen hatte, brach ihm das Herz, doch war er geübt darin es sich nicht anmerken zu lassen, wollte er Ophelia doch keinen Kummer verursachen. Ihr Lächeln, ihr Glück, es war das einzig Wichtige in seinem Leben, das einzige was vermochte seinen Kummer zu betäuben, und wenn auch nur für einen einzelnen Herzschlag lang. Doch genügte diese Heirat nicht, den Streits der Völker Herr zu werden, und trotz all der Versuche Ophelias, das Volk zu beruhigen, drohte der Krieg. Und so tat sie das, wofür sie schon ihr Leben lang gestanden und gekämpft hatte - Sie verteidigte den Frieden ihres und des fremden Landes und opferte dabei ihr eigenes Leben, trotz allen Versuchen Lawless´, sie zur Flucht zu überreden. In der Nacht vor ihrem Tod hatte er mit Tränen in den Augen vor ihr gestanden, in einem letzten, verzweifelten Versuch, sie doch noch zur Vernunft zu bringen. Doch wer war er, über Vernunft und Unsinn zu urteilen, war er doch mit den Jahren der Einsamkeit, der kurzen Momente der Hoffnung und des Verlustes wahnsinnig geworden, waren die Schmerzen doch zu groß für ein jedes Wesen, um damit umzugehen. Und anders als für Menschen gab es keinen Weg heraus aus dieser Spirale des Leids, war er doch unsterblich, für immer gebunden an dieses verdammte Leben welches doch keines mehr war. Noch immer hallte das schneidende Geräusch der fallenden Klinge in Lawless´ Ohren wenn es still war, noch immer hörte er das Blut gegen den Boden aus schweren Wackersteinen und gegen die Holzplanken der erhöhten Plattform auf der Ophelia und der Henker standen, spritzen. Noch immer umwob ihn schwer der Duft ihres bittersüßen Blutes wenn er Nachts versuchte Ruhe zu finden. Keine Nacht war seit jenem Tag vergangen in der er nicht schreiend aus dem Schlaf aufschreckte und vor Tränen nicht mehr zurück in den Schlaf gleiten konnte, kein Tag an dem er nicht versuchte mit Spaß und Wahnsinn seinen Kummer fortzuwaschen.

Ophelia war der letzte Eve gewesen, den Lawless mit vollem Herzen geliebt und als wahrhaften Partner betrachtet hatte, waren alle Eves nach ihr doch nur verzweifelte Versuche der Unterhaltung, in der Hoffnung dass diese die dunklen Gedanken abhalten würden die ihn immer wieder wie tollwütige Hunde umkreisten wenn er stehen blieb, Ruhe gab. Wurde einer seiner Eves ihm zu langweilig oder scheiterte dabei ihn zu unterhalten, dann würde er sich die Unterhaltung selbst holen, ihn töten auf welch kreative, morbide Art und Weise die aus seinen dementierten Gedanken entsprang. Und oh, wurden seine Mordmethoden von Mal zu Mal so viel grausamer, langweilten ihn die vorherigen ihn doch nur, vermochten nicht seinen Kummer zu vertreiben.
Eliza hatte er erstochen, ihr nicht einmal Zeit zum Schreien gelassen als er seinen Degen in ihre Brust stieß und durch ihr Herz trieb. Horatio hatte er im Glauben gelassen, er würde nur sein Blut trinken wie so oft auch, genoss den Blick purer Angst in seinen Augen als er realisierte, dass er nicht aufhören würde bis jeder einzelne Tropfen aus seinem Körper und Lawless´ Kehle hinunter gelaufen war. Kanna hatte er verlassen und war ungeachtet des Entfernungslimits nicht zurückgekehrt, auch wenn alles in seinem Körper schrie dass er umkehren sollte, zurück in ihre Arme fallen sollte und die Schmerzen einfach verschwinden lassen sollte.  Sayoko hatte er Rattengift in ihr Getränk geschüttet und sie beobachtet wie sie qualvoll an den Folgen der Vergiftung verstarb, Mei in einer Umarmung von Hinten erstochen wie der Feigling der er war, Edmund im Schlafe mit einem Kissen erstickt, Mira auf blutigste Art und Weise massakriert, Iris vor ein Auto gestoßen. Er mochte wahnsinnig sein, böse, ein abartiger Mörder, der Abschaum der Gesellschaft, doch war es ihm egal, war ihm doch alles lieber als die Langeweile, Zeit zu haben sich mit seinen Taten und mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Es war so viel einfacher all seine Sorgen zu vergessen im Rausch, seine Probleme zu ignorieren anstatt sich in schmerzlichster Weise wieder an sie zu erinnern und zu versuchen sie zu lösen. All seine Probleme, sie hatten sich verwickelt zu einem Knäul aus Knoten und Schlingen, er bezweifelte dass man sie jemals wieder entwirren könnte, und so versuchte er es lieber garnicht erst, um sich vor eventuell doch sinnlosen Schmerzen zu schützen. Denn er war feige. Hatte Angst, sich seiner Vergangenheit zu stellen, auch wenn seine Psyche es mit Träumen und plötzlichen Erinnerungen immer wieder versuchte. Er war nicht bereit. Nach all diesen Jahren war er noch immer nicht bereit.

,,Hyde?" Eine Stimme. Keine der Stimmen die sich in seinem Kopf überschlagen, keines der japanischen Worte deren Bedeutung er nicht mehr kannte. Er brauchte einen Moment bis er die Sprache ausmachen konnte, dann machte es urplötzlich, als würde eine aufgezogene Feder nun zurückspringen, Klick in seinem Kopf. Deutsch. Es war die Stimme seines Eves. Er drehte sich herum und wurde von den stetig kühl wirkenden und doch so feurigen eisblauen Augen begrüßt, die er so sehr an seinem Eve liebte. ,,Licht.." Murmelte er mit leiser Stimme, sah zu Boden wie ein getretener Hund und wich beinahe schon zurück als sich der junge Mann neben ihn setzte, war er doch bis eben noch hin und her gerissen zwischen den Gedanken daran, wie er seine vorherigen Eves ihrer Leben beraubt hatte. Er zuckte zusammen als er sanft Finger seinen Hals streifen spürte, entspannte sich jedoch augenblicklich wieder und legte den Kopf in den Nacken um Licht zu erlauben, mehr seines Halses zu berühren als dieser ihn sanft streichelte. Der Eve wusste viel zu gut was er liebte, wie man den Vampir mit wenigen Berührungen alles vergessen lassen konnte. Er schloss in seinem Genuss die roten Augen. Die schwermütigen Gedanken waren wie fortgeweht, alles was zählte war in diesem Moment nur die Zeit mit Licht, dem einzigen Eve der es vermochte sein Leid zu lindern und ihn nach all den Jahren wieder wahres Glück spüren zu lassen. Das verblendete Engelchen war ein Sonderfall, eine Art von Mensch, nein, Engel, die der Vampir noch nie zuvor gesehen hatte, in all den vielen Jahren seines Lebens noch nicht. Es war wie als hätte Gott seine Klagen doch erhört und ihm als Entschädigung für all das Leid, welches er ertragen musste, einen seiner Engel vom Himmel geschickt. Und oh war er dankbar, wusste er doch nicht wie lange er es noch ohne den Engel ausgehalten hätte. Er lehnte sich gegen den Kleineren, welcher nur leise seufzte und mit einer Hand in die blonden Haare fuhr, die andere Hand noch immer sanft die Adern an seinem Hals nachzeichnend. Licht mochte gemein sein und in seiner eigenen kleinen Welt leben, doch wenn es dann darauf ankam und Lawless ihn wirklich brauchte dann war er da für ihn und half ihm immer auf die genau richtige Art und Weise, wusste immer was der Vampir brauchte, sei dies nun ein liebevolles Kuscheln und sanfte Worte oder eine ordentliche Abreibung und zorniges Anschreien, um wieder Vernunft in seinen Kopf zu kriegen.  Und oh liebte er es, wurde er doch schon nahezu zum Masochist wenn es bloß sein Engel war der ihn beleidigte und schlug und trat. Mochte er auch der schlimmste Teufel der Hölle sein, mochten all seine Taten auch unverzeihlich und ein sicheres Ticket zur Unterwelt sein, so fühlte er sich in Lichts Nähe doch so als wäre er dem Himmel so nah wie es nur ginge, als hätte er doch noch eine Chance darauf für seine Sünden zu büßen und wieder rein zu werden. Den Kopf auf Lichts schmaler Schulter gelegt drückte er die Nase gegen Lichts Halsbeuge, genoss die Wärme an der es seinem Körper mangelte und welche so verlockend wirkte in der Kälte der Nacht, sog seinen süßen und so wunderbaren Geruch nahezu gierig ein. ,,Ich liebe dich..." Hauchte er leise und kaum hörbar an Lichts Ohr bevor er den Kopf wieder ablegte, kurz in die Stille lauschte in der Hoffnung auf eine Antwort - Und es kam tatsächlich eine, auch wenn es nicht die war auf die Lawless gehofft hatte. Doch hatte er diese auch garnicht erwartet. ,,Sei still, Scheißratte." Er klang nicht wütend oder hasserfüllt wie so oft wenn er ihn beleidigte oder anschrie, seine Stimme war ganz sanft. Widersprüchlich wenn man die Worte bedachte die ihm über die Lippen gegangen waren. Er musste schmunzeln und schwieg, drückte sich nur weiter an den schlanken Körper seines Eves, lauschte in der Stille der Nacht auf seinen regelmäßigen Herzschlag und auf seinen ruhigen Atem. Er lebte. Und immer wieder fuhr Lichts Hand durch seine Haare als die beiden mit müden Augen in den Sternenhimmel hinauf sahen, gebannt von der Schönheit der funkelnden Sterne in der Dunkelheit. Er fragte sich woran der Engel gerade dachte. Ob er sich vorstellte wie er seine Flügel ausbreitete und sich erhob, wie der Engel der er war in den Himmel und zurück zu seinen Engelsfreunden flog? Er lachte leise. Ja, Licht war schon ein wundersamer Kerl. Er lächelte, fühlte sich so wohl zum ersten Mal seit so so langer Zeit. Ja, es stimmte. Jetzt hatte er Licht. Jetzt war alles okay. Die Leere in seinem Herzen, die Ophelia nach ihrem Tode zurückgelassen hatte,  Licht hatte sie erneut erfüllt. Er würde nie mehr einsam sein müssen, da war er sich ganz sicher.
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