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Auf der Suche nach dem Platz im Leben

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein
08.06.2019
08.06.2019
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AUF DER SUCHE NACH DEM PLATZ IM LEBEN

Martin war schneller gewesen als sonst, das hatte er sofort im Gefühl, als er seinen Wagen in der Einfahrt seines Grundstückes abstellte. Eigentlich brauchte er dafür gar nicht erst einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett seines grünen Mercedes Oldtimers zu werfen. Er tat es trotzdem und stellte dann doch etwas überrascht fest, dass er sogar acht Minuten schneller war als sonst auf dieser Strecke. Komisch, während der Fahrt hatte er gar nicht mitbekommen, dass er so gerast war. Gleichgültig zuckte er mit den Schultern. Es war egal, es würde keiner wissen und da Maria heute auch nicht in seinem Wagen saß…

Er verspürte einen Stich in der Nähe seines Adamsapfels als er an sie dachte. Dabei hatte er sich heute Abend, noch vor verlassen der Klinik, geschworen nicht weiter über sie und das was letzte Nacht geschehen war, nachzudenken. Es machte schlichtweg keinen Sinn… und irgendwie tat es auch nur weh.

Seufzend stieg er aus dem Wagen und schloss die Tür. Es würde das letzte Mal für eine ganze Weile sein, dass er mit seinem geliebten Mercedes nach Hause gefahren war. In den nächsten Wochen würde er von Leipzig nicht viel sehen und irgendwie kam ihm das ganz recht. Es gab keine bessere Möglichkeit Abstand von allem zu bekommen und wer weiß, vielleicht machte es ihm sogar Spaß an anderen Kliniken zu arbeiten… ja, genau so war es. Er schüttelte unweigerlich den Kopf. Wen wollte er hier eigentlich gerade verarschen?

Nichts daran war gut, außer vielleicht die Aussicht seinen Problemen erst einmal aus dem Weg gehen zu können und das Gehabe des Chefarztes für eine Weile nicht mehr ertragen zu müssen. Es machte jetzt auch keinen Sinn mehr seine Zustimmung zurückzunehmen. Die Zugtickets nach Hamburg waren gekauft und ein günstiges Drei-Sterne-Hotel gebucht, schließlich hatte die Klinik kein Geld.

Jetzt wo er an Hamburg dachte, bemerkte er, dass er seine Tasche und auch die Unterlagen, die ihm Frau Marquardt heute Abend noch vor dem Verlassen der Klinik in die Hand gedrückt hatte, auf dem Beifahrersitz hatte liegen lassen und so öffnete er noch einmal die Tür, um beides herauszuholen. Als er die Tür ein zweites Mal schloss, fiel sein Blick auf die dunklen Fenster seines Hauses. Maria war also noch nicht Zuhause. Er sollte die Zeit nutzen, um in Ruhe zu packen. Schließlich hatte man keine Zeit verschwenden wollen und erwartete ihn bereits morgen in Hamburg.

Schweren Schrittes ging er zur Tür. Was für ein Tag! Noch heute Morgen war er so glücklich wie lange nicht mehr gewesen und dieses Gefühl hatte tatsächlich fast den ganzen Arbeitstag angehalten. Umso erstaunlicher, dass er sich jetzt so miserabel und müde fühlte. Klar, er hatte letzte Nacht wenig geschlafen, aber das war natürlich nicht der Grund. Sich wieder dazu zwingend das Geschehene auszublenden, schloss er die Tür auf und trat ein. Nachdem er das Licht eingeschaltet hatte, woraufhin Flur und Wohnzimmer in ein einladendes und gemütliches Licht getaucht wurden, ließ er seine Tasche neben der Tür fallen. Das war so eine Marotte von ihm, für die er von Maria des Öfteren mit einem Augenrollen bedacht wurde, wenn er dabei beobachtet wurde wie er es tat.

Aber egal, sie würde es nie erfahren, genauso wenig wie das zu schnelle Fahren auf dem Weg hier her. Er legte die Reiseunterlagen auf dem Esstisch ab, ehe er Schal und Jacke ablegte. Am besten er fing gleich mit dem Packen an, dann würde er vielleicht schon im Bett sein, bevor sie eintraf. Er war nicht besonders erpicht darauf heute Abend noch viel mit ihr zu reden. Aber warum war das eigentlich so? Er war schließlich ihr bester Freund hier in Leipzig und sollte doch wenigstens heute Abend noch ein Glas Wein mit ihr trinken, bevor er morgen in der Früh aufbrach und für längere Zeit weg sein würde.

Ein toller Freund war er, wenn er sich einfach aus dem Staub machen würde, ohne sich zu verabschieden. Wahrscheinlich, so dachte Martin verbittert, lag es daran, dass er eben nicht ihr Kumpel war, zumindest nicht aus seiner Sicht. Wieder verspürte er einen schmerzhaften Stich, als er es schon wieder getan und an sie und an das gedacht was geschehen war. Er gab sich einen Ruck und ging nach oben in sein Schlafzimmer, nur um wie angewurzelt stehen zu bleiben als er das Licht angeschaltet hatte und sein Blick auf sein Bett fiel.

Normalerweise war sein Bett immer gemacht, schließlich hatte sein Vater ihn gut erzogen, aber heute früh hatte er versäumt die Decken zusammen zu legen und die Kissen aufzuschütteln und sie unter der großen Tagesdecke zu verstecken, die noch immer in einem Haufen auf dem Boden am Fußende seines Bettes lag.

Der Anblick, der sich im jetzt bot, traf ihn aber aus einem anderen Grund wie eine Faust in die Magengrube. Hier war es passiert… hier hatten sie… diese Bettwäsche… sofort schritt er hinüber zum Bett und zog Bettwäsche und Laken von Bett, Decken und Kissen. Mit mehr Wucht als nötig gewesen wäre, warf er sie als großen Haufen in die Ecke des Zimmers neben der Tür. Schwer atmend fuhr er sich mit der Hand durch das Haar, welches nach seiner Bettwäsche-Attacke nicht wie sonst üblich in einem lässigen Seitenscheitel auf seinem Kopf lag, sondern in alle Richtungen abstand. So, das war besser… die eine Nacht würde er auch ohne Bettwäsche überstehen. Er bezweifelte ohnehin, dass er viel und gut schlafen würde, nicht heute und nicht in diesem Bett.

Er ging hinüber zu seinem Kleiderschrank und holte seinen Koffer hervor. Immerhin war das der Grund warum er eigentlich hier war. Er öffnete den Koffer, legte ihn auf den Boden und öffnete die anderen Türen seines Kleiderschrankes. Unterwäsche und Socken waren schnell eingepackt. Auch bei den Hosen tat er sich nicht sonderlich schwer. Seine Sportklamotten durften natürlich nicht fehlen, ebenso wenig T-Shirts und Pullis.

Zum Schluss stand er vor der Kleiderstange seines gut organisierten Kleiderschrankes und grübelte darüber nach was für Hemden er mitnehmen sollte. Als er zwei, drei Hemden von der Stange genommen hatte, stach ihm ein ganz besonderes Hemd ganz deutlich ins Auge. Noch gestern hatte er daran gedacht… das gewöhnungsbedürftige Hemd, dass er zur WG-Party getragen hatte und welches Maria ihm damals ebenso aufgezwängt hatte wie die orangefarbige Schürze gestern Abend. Schnell holte er wahllos noch drei Hemden von der Stange und schloss die Tür des Schrankes mit einem lauten Krachen.

Verdammt, was war das nur? Warum reagierte er so? Warum machte ihn allein schon der Gedanke an sie rasend? Er musste sich beruhigen, alles andere würde ihm nicht helfen. Er konnte nichts dagegen tun und sein Frust würde auch nicht dafür sorgen, dass sie ihre Meinung von ihm und ihre Gefühle ihm gegenüber änderte. All das war ihm klar, schließlich hatte er sich genau das die ganze Zeit gesagt, um die Nerven zu behalten. Und was bitte wollte er überhaupt? Er war immerhin ihr bester Freund in Leipzig, was an sich ja ein richtig großer Vertrauensbeweis war, wenn man bedachte unter was für Umständen sie sich anfangs gegenüberstanden. Warum also war er damit nicht zufrieden? Warum musste es mehr sein? Warum nur musste er mehr für sie empfinden als nur Freundschaft und warum, verdammt noch mal, erwiderte sie diese Gefühle nicht?

Als er heute Morgen aufgewacht war, weil sie seine Wange gestreichelt hatte, schien alles in Ordnung zu sein… es war schön gewesen in einem Bett mit ihr aufzuwachen und als erstes ihr Lächeln zu sehen, welches ihn sofort munterer machte als das Geräusch jedes Weckers auf dieser Welt. Hatte sie es zu diesem Zeitpunkt bereits bereut?

Für ihn war zu diesem Zeitpunkt noch alles bestens gewesen. Er hatte sich großartig gefühlt und das trotz des wenigen Schlafes und der tückischen, aber dennoch sehr leckeren Mousse au Chocolat vom Abend zuvor. Er hatte ihr Kaffee gekocht, schwarz mit einem Hauch Zucker, so wie er es immer tat und die ganze Zeit über hatte er nicht die geringste Ahnung gehabt, dass er sich völlig verrannte.

Beschwingt wie sonst nur selten war er nach Dienstantritt in das Büro des Chefarztes gestürmt und hatte Dr. Hoffmanns und Frau Marquardts Plänen, nicht ohne Genugtuung, eine Abfuhr erteilt. Schließlich war er keine Schachfigur, die man beliebig hin und her schieben konnte, wie es ihnen gefiel. Er war Dr. Martin Stein, renommierter Gefäßchirurg mit einem glänzenden Ruf, der sich mittlerweile auch auf dem Gebiet robotergestützter Operationen einen Namen gemacht hatte. Jemand wie er musste sich das nicht bieten lassen.

Und wieso sollte er überhaupt schon wieder den Goldesel für die Sachsenklinik spielen? Hatte die Klinik in der Vergangenheit finanziell nicht mehr als genug von ihm und seinen Leistungen profitiert? Und überhaupt, warum sollte er ausgerechnet jetzt weg wollen… nach dieser Nacht, nach dieser Offenbarung, dass da doch etwas zwischen ihnen war? Lang genug hatte er es geleugnet, es selber nicht glauben wollen. Irgendwie hatte alles plötzlich Sinn gemacht. Er hatte das Gefühl, dass da Etwas zwischen ihnen war, etwas, dass er nur zu gern gemeinsam mit ihr erforscht und in vollsten Zügen ausgekostet hätte. Alles wäre super gewesen, wenn sie ihm nicht gesagt hätte, dass das Alles ein großer Fehler gewesen war und ihm damit gleichzeitig zu verstehen gegeben hätte, dass sie nicht das Gleiche fühlte wie er.

Gott sei Dank war er in dieser Situation auf dem Gang in der Lage gewesen aufrichtig genug zu beteuern, dass er das genauso sah wie sie. So sehr es ihn traf, dass sie seine Gefühle nicht mal ansatzweise in gleicher Intensität erwiderte, ihre Freundschaft und ihr harmonisches Zusammenleben wollte er auch nicht missen. Zu frisch waren noch die Erinnerungen an die Zeit, in der er dieses große Haus ganz allein bewohnt hatte. Zu schön war was sie hatten, um es mit so lächerlichen Dingen wie Sex kaputt zu machen. Dass diese Freundschaft aus seiner Sicht nicht mehr die gleiche war wie vor letzter Nacht stand dabei auf einem ganz anderen Blatt. Maria hatte keine Ahnung, dass das was sie gemeinsam erlebt hatten für ihn viel mehr als nur Sex war und das war auch gut so. Alles andere würde die ohnehin schon schwierige Situation nur noch mehr verkomplizieren.

Nein, nein, es war besser, dass sie nichts davon wusste. So würde das Leben für sie ganz normal weitergehen und er… er würde lernen müssen damit umzugehen, dass er eben nur ein guter Kumpel war. Nur ein guter Kumpel, der ihr Kaffee kochte und dafür sorgte, dass es abends nicht so einsam in dem großen Haus war. Ab und an hatte er auch die Aufgabe ihr zuzuhören und ihr bei Entscheidungsfindungen zu helfen, eben alles das was man als guter Freund so tat. Im Gegenzug hörte sie ihm zu und brachte ihn dazu hässliche bunte Hemden anzuziehen, die er normalerweise nicht mal angefasst hätte und in albernen Küchenschürzen heiße Schokolade umzurühren, auch wenn er dazu auch nur bedingt taugte. Normalerweise hätte er jetzt grinsen müssen, aber nicht einmal das brachte er im Moment zustande.

Was war das nur mit ihm und den Frauen, fragte er sich verbittert. Was machte er falsch, dass die Frauen, für die er wirklich etwas empfand, seine Gefühle nicht erwiderten oder auf ihnen herumtrampelten?

Tja und jetzt stand er da… allein, wie so oft und kurz davor mal wieder vor allem davonzulaufen und Abstand vor dem zu gewinnen, was im Moment zu groß für ihn zu sein schien.

Seufzend klappte er den Koffer zu und ging ins Badezimmer, um seine Waschsachen schon einmal zusammenzupacken. Morgen früh würde er dafür keine Zeit mehr haben. Er hatte noch längst nicht alles gepackt als er hörte wie die Haustür geöffnet und leise wieder geschlossen wurde. Maria war gekommen. Ihre leisen Schritte kannte er mittlerweile aus dem Effeff und er wusste auch genau, dass sie als erstes ihre Handtasche aufhängen würde, ehe sie Jacke und Schal ablegte. Zu oft hatte er sie genau das tun gesehen. Meistens würde sie danach direkt in die Küche gehen um etwas zu trinken, aber das normalerweise erst nachdem sie…

„Martin, ich bin Zuhause“

… gerufen hatte, was sie auch dieses Mal tat. Und jetzt stand er da und hatte zwei Möglichkeiten: Er könnte nach unten gehen und sie begrüßen, so wie immer… oder er könnte sich schnell in sein Zimmer zurückziehen und so tun als würde er schon schlafen. Letzteres klang sehr verlockend, wenn ihm nicht im gleichen Augenblick sein Deo-Spray ins Waschbecken gefallen wäre und einen Riesenlärm veranstaltet hätte.

„Martin, ist alles in Ordnung?“, fragte Maria von unten.

„Ja, alles bestens“, hörte er sich antworten. Ja, alles bestens… wie immer.

Nun blieb ihm wohl nichts anderes übrig als nach unten zu gehen, wenn er nicht wollte, dass sie stutzig wurde und auf die Idee kam, dass etwas nicht stimmen könnte. Er atmete tief durch und verließ das Badezimmer, um sie wenig später im Wohnzimmer anzutreffen.

„Hey, du bist aber heute zeitig aus der Klinik weggekommen“, begrüßte sie ihn lächelnd. Warum nur musste sie ein so schönes und verführerisches Lächeln haben?

„Ja, ausnahmsweise lief heute mal alles glatt“, sagte er und bemühte sich um einen normalen Tonfall.

Maria trank das Glas Wasser aus, welches sie sich eingeschenkt hatte und stellte es sofort in den Geschirrspüler. Sie war genauso ordnungsliebend wie er, sodass es in ihrer WG relativ selten wirklich schmutzig war. Sie ging zur Couch und ließ sich seufzend darauf fallen und begann ihre schmerzenden Füße zu massieren.

„Das war ein anstrengender Tag“, sagte sie, „wahrscheinlich sollte ich heute mal etwas zeitiger schlafen gehen.“

„Ja, der wenige Schlaf macht sich deutlich bemerkbar“, sagte Martin, obwohl er sich im Moment überhaupt nicht müde fühlte. Zu angespannt war er in dieser merkwürdigen Situation, die sie beide versuchten mit Alltag zu tarnen und entsprechend nutzlos stand er an der Küchentheke und wusste nichts mit sich anzufangen.

„Na, komm schon, steh nicht nur da… hol uns ein Glas Wein“, sagte sie lächelnd, „dann schlafen wir später sicher noch besser.“

Diese Worte aus ihrem Mund, nach allem was gestern nach gemeinschaftliches Alkoholkonsum passierte, waren zum Lachen, allerdings hatte er gleichzeitig noch keine ihrer Aussagen weniger witzig gefunden. „Eigentlich wollte ich gleich schlafen gehen…“, sagte er mit betont neutraler Miene und deutete auf die Treppe.

„Ach, komm schon, sei kein Spielverderber… nur ein Glas Wein. Die harten Sachen lassen wir heute lieber im Schrank“ Sie lachte und Martin wurde einmal mehr bewusst wie sehr er ihr Lachen mochte und wie sehr es dieses große Haus bereicherte, in dem er zuvor ganz allein und einsam gewohnt hatte. Er wollte nicht, dass sie damit aufhörte und so bemühte er sich zu schmunzeln und betrat langsam die Küche, um eine Flasche Wein zu entkorken. Es kostete ihn einige Überwindung ihrer Bitte zu folgen. Er ließ sich sehr viel Zeit beim befüllen der zwei Weingläser und versuchte so den Moment hinauszuzögern, in dem er sich zu ihr setzen müsste.

Wieder würde er gemeinsam mit Maria den Feierabend ausklingen lassen und somit genau das tun was er ursprünglich nicht wollte, weil es ihm weh tun würde so nah bei ihr und doch so fern von ihr zu sein. Aber irgendwann war der Wein in den Gläsern und er konnte sich nicht mehr hinter der Weinflasche verstecken. Er atmete einmal tief durch und wandte sich dann mit je einem Glas in den Händen um und ging zu ihr.

„Ein Glas Rotwein, wie gewünscht“, sagte er und war beruhigt zu hören, dass seine Stimme nahezu normal klang. Auch das mit dem leichten Lächeln gelang, ohne zu große Anstrengung. Es war einfach nicht schwer zu lächeln, wenn man sie ansah.

„Danke“, sagte sie und setzte sich auf, um ihr Glas entgegen zu nehmen. Sie saß genau an der Stelle, an der sie auch gestern Abend gesessen hatte, als sie sich näher gekommen waren. Normalerweise hätte er sich einfach neben sie gesetzt, aber heute wählte er lieber den Sessel, auch wenn das verhindern würde, dass er seine langen Beine hochlegen konnte.

„Zum Wohl“, sagte sie lächelnd und prostete ihm zu.

„Zum Wohl“, sagte er und auch seine Lippen umspielte ein Lächeln.

Es war wie immer und doch so anders, zumindest für ihn. Aber dennoch, so schwor er sich würde er damit umgehen lernen. Er hatte ihr heute Abend im Klinikgang versprochen, dass so etwas wie gestern nicht wieder vorkommen würde und er würde sich bemühen, das einzuhalten. Zu wertvoll war es für ihn sie hier zu haben und wenn das bedeutete, dass er sich dafür verbiegen musste, würde er es tun. Und dafür stählen, würde er sich in den kommenden Wochen, in denen er erst einmal Abstand gewinnen würde von allem.

„Woran denkst du?“, fragte Maria, die ihn anscheinend die ganze Zeit beobachtet hatte, während er gedankenverloren an seinem Glas genippt hatte.

„Ich…“

„Nein, lass mich raten! Hmm…“, sie hatte ihn unterbrochen und damit dafür gesorgt, dass er sie nicht anlügen musste, denn die Wahrheit hätte er ihr wohl kaum sagen können. „Du denkst gerade darüber nach, wie du mir sagen sollst, was du in den nächsten Wochen vorhast“, sagte sie verschmitzt lächelnd.

Martin war überrascht. Woher wusste sie davon? Er hatte ihr doch gar nichts von den Plänen der Klinikleitung und seiner Zusage an andere Kliniken verliehen zu werden, erzählt. „Woher weißt du davon?“, fragte er perplex.

Maria deutete auf den Esstisch, auf dem noch immer seine Reiseunterlagen für Hamburg lagen. „Das und der Klinikbuschfunk natürlich“, sagte sie, „die OP- und Dienstpläne werden sicherlich auch entsprechend angepasst. Du hättest es mir also nicht ewig verschweigen können.“

„Maria, entschuldige…“, er hatte irgendwie das Gefühl sich verteidigen zu müssen, „aber das war eine sehr kurzfristige Entscheidung und ich weiß auch erst seit gestern, dass ich…“

„Hey“, unterbrach sie ihn und legte ihre Hand beschwichtigend auf seine. Aufgrund dieser Berührung konnte er nicht anders… er musste einfach in ihre großen braunen Augen sehen, die ihn ansahen und ihre Wärme auf ihn übertrugen. Und Gott sei Dank taten sie es, sonst hätte ihre Berührung auf seiner Haut eine Gänsehaut ausgelöst. „Ich weiß, dass das alles eine eilig beschlossene Sache ist. Dr. Brentano meinte, dass er selbst erst im Laufe dieses Abends davon erfahren hat.“

Martin wurde merklich ruhiger, als er seinen Blick auf ihre Hand richtete, die noch immer auf seiner lag.

„Ich finde es gut, dass du das machst“, sagte sie, „auch wenn ich mir nicht vorstellen kann wie sie dich die ganze Zeit über in der Klinik ersetzen wollen.“

„Ach, ich bin entbehrlich“, sagte er und klang eine Spur verbittert. Natürlich war er das… sonst würde man ihn nicht einfach so, ohne Probleme durch die Republik schicken.

„So darfst du das nicht sehen. Es ist auch eine Chance für dich, dein Name könnte bald regelmäßig in Fachjournalen zu finden sein. Und nebenbei hilfst du auch noch der Klinik.“

„Ja, sicher“, sagte er nur und nippte wieder an seinem Wein. Was hatte er eigentlich erwartet? Dass sie traurig war, dass er ging und ihn darum bitten würde zu bleiben? Wieso sollte sie? Sie hatte recht mit allem was sie gesagt hatte. Er war doch perfekt dazu geeignet Geld in die leeren Klinikkassen zu spülen. Wenn er schon in der Liebe keinen Erfolg hatte, dann wenigstens mit seinem OP-Roboter. Er nahm noch einen großen Schluck Wein und lehnte sich in seinem Sessel zurück als sie ihre Hand wieder zu sich nahm.

„Eigentlich können wir auf dich nicht so einfach verzichten“, sagte sie und lächelte ihn an, „aber der Klinik zuliebe, geben wir unseren Star-Chirurgen für ein paar Wochen frei.“

Es gab eine Zeit, da hätten ihm ihre Worte geschmeichelt und er hätte sie mit seinem typischen Grinsen angesehen. Aber nun fiel ihm das schwer. Überhaupt interessierte ihn all dieses Gerede von Profilerweiterung, Rufverbesserung, guter Presse und Stardom im Moment überhaupt nicht. Das Alles war nicht der Grund warum er ging. Der wahre Grund saß auf der Couch neben ihm und egal wie gern er ihr das auch so gesagt hätte, er konnte es nicht.

Dass sie so gar kein Problem damit zu haben schien, dass er für mehrere Wochen nicht hier sein würde und ihm stattdessen damit kam, dass er der Klinik fehlen würde, kränkte ihn. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er gehofft, dass sie wenigstens sagen würde, dass sie ihn vermissen wird. Immerhin würde er für eine ganze Weile weg sein. Nichts davon kam über ihre Lippen, aber als er seinen Blick wieder auf sie richtete und in ihre Augen sah, glaubte er zu sehen, dass sie das sehr wohl dachte, es aber nicht aussprach. Im nächsten Moment aber unterbrach sie den Blickkontakt um einen Schluck Wein zu trinken und er kam ins zweifeln. Hatte er sich das vielleicht eingebildet? War seine Hoffnung auf irgendein Zeichen von ihr so stark gewesen, dass er schon Dinge sah, die gar nicht da waren?

Er versuchte milde zu lächeln um ihr nicht den Eindruck zu geben, dass sie etwas Falsches gesagt hatte und setzte ein letztes Mal das Weinglas an seine Lippen um es auszutrinken. Dann stellte er es mit einem leichten Klirren auf dem Couchtisch ab.

„So… ich gehe dann mal schlafen“, sagte er und stand auf. Er wusste, dass es ein blöder Abgang war und dass sie das nicht verdient hatte, aber er konnte auch nicht mehr hier sitzen und es vermeiden über den Elefanten zu reden, der ganz offensichtlich gerade zwischen ihnen saß und ihm die Luft abdrückte.

Maria nickte als sie zu ihm aufsah. Er enttäuschte sie gerade, das konnte er eindeutig sehen, aber darüber durfte er sich jetzt keine Gedanken mehr machen, sonst würde der Abend kein gutes Ende nehmen. „Ja, ich gehe auch gleich“, hörte er sie sagen, als er sein leeres Glas vom Tisch nahm und in die Küche brachte. Ehe er die Treppe zum oberen Stockwerk erklomm, drehte er sich noch einmal zu Maria um, die noch immer auf der Couch saß.

„Gute Nacht, Maria.“ Er versagte jämmerlich dabei ihr ein letztes Lächeln zu schenken.

„Gute Nacht, Martin“, sagte sie und sah nicht nur enttäuscht aus, sondern klang auch so.

Er ging schnell nach oben und machte sich bettfertig. Morgen früh musste er immerhin zeitig raus. Er versuchte sich einzureden, dass das der Grund war warum er den Abend so abrupt gesprengt hatte und wie so oft heute Abend scheiterte er kläglich. Als er 20 Minuten später in seinem Bett lag, fiel ihm ein, dass sie gar nicht wusste, dass er bereits morgen früh nach Hamburg aufbrechen würde. Wahrscheinlich war es besser so… so könnte er klammheimlich verschwinden und müsste nicht noch mehr dieser komischen Momente überstehen. Er schloss die Augen und bemühte sich zu entspannen, um den Weg in den Schlaf zu finden, was, wie er bereits vermutet hatte, sehr schwer war.

Irgendwann musste er dann aber doch eingeschlafen sein, denn sein Wecker riss ihn am nächsten Morgen recht unsanft aus dem Schlaf. In was für einer Ausnahmesituation er sich befand, zeigte sich an der Geschwindigkeit, mit der er aufstand. Normalerweise nutzte er mindestens einmal den Snooze-Button aber heute war das anders. Als könnte er es kaum erwarten das Weite zu suchen, stand er auf, zog sich an und stand schon bald unten in der Küche wo er sich leise eine Tasse Kaffee genehmigte, ehe das Taxi vorfahren würde, welches ihn zum Bahnhof bringen sollte.

Mit einem Blick auf die Uhr stellte er fest, dass auch Maria bald aufstehen würde. Er überlegte kurz und nahm dann eine zusätzliche Tasse aus dem Schrank, die er mit Kaffee befüllte. Im Anschluss ließ er mit einem Löffel einen Hauch Zucker in die Tasse rieseln. Dann nahm er einen Zettel von dem kleinen Notizblock, auf dem sie normalerweise ihre Einkaufszettel notierten und schrieb: „Schwarzer Kaffee mit einem Hauch Zucker, so wie du ihn magst“ auf den Zettel. Nach kurzem Überlegen ergänzte er: „Bis bald, Martin“ darauf und legtr den Zettel neben die Tasse.

Dann ging er zur Tür, an der schon sein Koffer und seine Tasche mit den Zetteln voller Reiseinformationen bereitstanden. Er legte sich einen Schal um und zog seinen Mantel an Es war ein sehr kühler Morgen. Martin öffnete die Tür, genau in dem Augenblick als sein Taxi vorfuhr. Er grüßte den Fahrer freundlich und trug seinen Koffer und seine Tasche nach draußen, wo sie direkt in den Kofferraum geladen wurden. Dann drehte er sich ein letztes Mal zur Haustür, um sie zu schließen als Maria, in einen Morgenmantel gehüllt, die Treppen heruntergelaufen kam.

„Maria, ich…“

„Dachtest du, du kannst dich einfach so aus dem Staub machen, ohne dich zu verabschieden?“, fragte sie als sie zu ihm eilte und ihn in ihre Arme schloss.

Er zögerte kurz und legte dann ebenfalls beide Arme um sie. „Es tut mir leid, ich wollte nicht…“

„Machs gut, hörst du und pass auf dich auf!“ Es schien so als wollte sie seine Entschuldigung nicht hören. Für einen Moment schloss Martin die Augen. Wieder war er ihr so nah, aber dieses Mal schien es als ob sie den Elefanten, der gestern Abend noch zwischen ihnen gesessen hatte, beiseite geschoben hatten. In diesem Moment gab es nur sie und ihn und er musste sich zusammenreißen, dass ihm nicht die Tränen kamen, als ihm wieder alles zu viel zu werden drohte.

„Mach ich und du pass bitte auch gut auf dich auf, ja?“, brachte er hervor, als der Taxifahrer, der neben seinem Wagen stand, etwas ungeduldig auf die Uhr schaute.

Maria löste die Umarmung und sah ihn mit diesen großen braunen Augen an, die er so mochte.

„Ich werde dich vermissen, dich und deinen Kaffee“ Sie lächelte, aber es war ein eher trauriges Lächeln.

„Ich dich auch“, sagte er leise. „Bis bald, Maria.“ Ihre Worte hatten etwas in ihm bewegt, ganz so als hätte er durch sie eine Bestätigung erhalten, mit der er nicht mehr gerechnet hatte. Er löste sich von ihrem Blick und ging zum Taxi, als der Fahrer sich bereits auf den Fahrersitz schwang und den Motor anwarf. An der Tür winkte Martin ihr noch einmal kurz und schenkte ihr ein Lächeln, ehe er einstieg und davonfuhr.

Er drehte sich nicht noch einmal um. Stattdessen sah er nach vorne, wo die Sonne gerade etwas höher stieg und der Taxifahrer genervt eine Sonnenbrille aufsetzte. Martin hingegen schaute ihr entgegen, auch wenn sie blendete und schwor sich, dass dies das letzte Mal sein würde, dass er vor etwas davonlief, was ihn doch nie wirklich loslassen würde. Er würde in ein paar Wochen wiederkommen und dann würde er weitersehen. Aufgeben konnte er nicht, nicht einfach so. Dafür war sie ihm viel zu wichtig und wenn es das Schicksal einmal gut mit ihm meinte, würde sie genauso denken.

Das Vibrieren seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken und er zog es aus seiner Manteltasche. Ein Bild von Maria mit einer Tasse Kaffee in der Hand erschien auf dem Bildschirm. „Danke für den Kaffee und gute Fahrt“, las er und lächelte, während er seine Reise fortsetzte, um der Klinikleitung mit seiner Expertise wieder einmal einen Gefallen zu tun. Irgendwann, so hoffte er, würde sich all das auch mal für ihn persönlich auszahlen und zur Abwechslung hatte diese Hoffnung nichts mit einer steigenden Reputation in seinem Fachgebiet zu tun. Es gab Dinge im Leben, die wichtiger waren und er würde nicht wieder den Fehler machen sie einfach an sich vorüberziehen zu lassen, ohne wenigstens für und um sie gekämpft zu haben.
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